Sprache schafft Wirklichkeit

von Peter Löcke //

Sie werden nachts von einem lauten Knall wach. Noch im Halbschlaf, noch in einer diffusen Traumwelt schauen sie aus ihrem Schlafzimmerfenster, weil Sie wissen wollen, woher das ohrenbetäubende Geräusch kam. Sie sehen, dass auch bei den Nachbarn die Lichter an-, nach einer Weile wieder ausgehen. Sie sind also nicht der einzige, der den lauten Knall gehört hat. Sie zucken mit den Achseln, schütteln sich kurz und legen sich wieder ins Bett. Tags darauf redet niemand im Ort von dem nächtlichen Vorfall. Kein Gespräch unter Nachbarn, kein Gespräch beim Bäcker. Warum auch immer. Sprechen Sie es als erster an? Vermutlich nicht. Im Ort ist auf einmal ein riesiges Loch, ein Krater, zu sehen. Seltsamerweise gehen die Menschen schweigend und wie selbstverständlich um dieses Loch herum. Sie werden es  dann vermutlich auch schweigend tun. Wie alle. In Ihrer örtlichen Tageszeitung wird der Knall gar nicht erwähnt, auch das große Loch wird zunächst verschwiegen, dann im Kleingedruckten als Unebenheit im Ortskern bezeichnet. Sie sehen das tiefe Loch mit Ihren Augen und trotzdem sehen Sie nur eine kleine Delle. Sie haben den Knall mit ihren eigenen Ohren gehört. Trotzdem erinnern Sie sich gar nicht mehr daran. Versprochen. Irgendwann glauben Sie selbst Ihren Augen und Ohren nicht mehr. Warum? Weil auch Sie es totschweigen werden wie alle anderen. Weil erst Sprache Wirklichkeit schafft. Oder wollen Sie einer von fünf Spinnern im Ort sein, der darüber reden möchte? Wollen Sie nicht. Ich schwurbel? Vielleicht.

Ich schwurbel weiter, indem ich behaupte, dass das Phänomen auch umgedreht funktioniert. Ob beim Bäckergespräch, beim Tratsch mit dem Nachbarn oder in Dauerschleife auf der Titelseite ihrer örtlichen Zeitung wird eine unsichtbare Gefahr thematisiert. Warum auch immer. Sie selbst haben diese Gefahr nie gesehen, gehört, geschmeckt, gerochen, nie selbst sinnlich wahrgenommen. Sie kennen auch niemanden persönlich, dem es so geht. Trotzdem werden auch Sie irgendwann an diese Gefahr glauben. Unabhängig davon, wie groß, klein oder gar nicht vorhanden diese Gefahr ist. Oder wollen Sie einer von fünf Spinnern im Ort sein, der das Problem leugnet? Es reden doch alle davon. Also muss es stimmen.

Ich möchte zwei Aussagen sinngemäß wiedergeben und diese übereinanderlegen. Zum einen von Ralph Brinkhaus. Der bedankte sich in einer Rede im Bundestag bei den Medien, dass diese mit vielen berührenden Geschichten über Covid „unterstützt“ hätten. Unterstützt? Wen und wobei unterstützt? Leben zu retten und zu schützen. Das sei sein Anspruch, seine Motivation gewesen, in die Politik zu gehen, meinte Brinkhaus anschließend voller Eigenlob und Pathos. Was diese Inszenierung meines Erachtens über die Medien und Brinkhaus aussagt, möchte ich aus Gründen der Höflichkeit für mich behalten. Auf der anderen Seite gab es eine bemerkenswerte Antwort des Soziologen Prof. Heinzlmaier auf eine Frage von Markus Langemann. Hier in diesem Kanal. Die Frage war, warum seine Jugendstudie, die das Misstrauen und das Ausmaß des Leids bei jüngeren Menschen durch staatliche Maßnahmen aufzeigt, kaum an die Öffentlichkeit dringe? Heinzlmaiers Antwort: Weil die Politik wisse und Angst davor habe, dass Sprache Wirklichkeit schafft. So ist es. Sprache schafft Wirklichkeit. Und Sprache kann ebenso Wirklichkeit verhindern, indem Dinge totgeschwiegen werden. Immer noch Blödsinn?

Wollen Sie mich auf eine weitere theoretische Gedankenreise begleiten? In der kommenden Woche lesen Sie nichts über Inzidenz- und Todeszahlen. Keine steigenden Kurven, keine drohende Überlastung des Gesundheitssystems. Keine Bilder von Intensivstationen. Keine rührende Geschichte eines C-Promis, der unter long covid leidet. Kein Angst-Szenario aufgrund einer Studie. Weder im TV, noch im Radio, noch in den Zeitungen oder beim Öffnen ihrer Mailseite oder eines neuen Tabs. Dafür sehen Sie in einer Themenwoche und in Dauerschleife Bilder und Berichte, die das Ausmaß des Leids der staatlichen Maßnahmen zeigen. Am Montag sehen Sie überfüllte Jugendpsychiatrien, zerstörte Kinderseelen, Berichte über psychische Folgen des Maskentragens und den Anstieg von Suiziden. Exponentiell steigend. Der Dienstag widmet sich den wirtschaftlichen und sozialen Folgen für eine ganze Gesellschaft auf Jahre. Zerstörte Existenzen, zerstörte Betriebe, Arbeitslosigkeit und Hoffnungslosigkeit. Und er widmet sich dem Rattenschwanz an menschlichem Leid. Häusliche Gewalt, Alkoholismus, Verlust von Wohnung oder Eigentum, Depression und vieles mehr. Der Mittwoch thematisiert die Kleinigkeit des Aufhebens von Grund- und Freiheitsrechten und der Spaltung einer ganzen Gesellschaft. Ich spule vor bis zum Sonntag, denn sieben Tage alleine würden für all die Maßnahmenfolgen ohnehin nicht ausreichen. Der Sonntag behandelt in jeder Zeitung und auf jedem TV-Kanal die Folgen für die sogenannten vulnerablen Gruppen. Also jene, die man angeblich schützen wollte. Es werden Altenpfleger und alte Menschen gezeigt und angehört, die darüber sprechen, was Vereinsamung, was soziale Deprivation, aus Menschen macht. Es wird aufgezeigt, wie aus Seniorenheimen, die eigentlich Wohn-Heime sind, durch staatliche Maßnahmen sterile Kliniken geworden sind. Man zeigt einen 87-jährigen gebrochenen Menschen in Großaufnahme, der unter Tränen sagt „Ich bin in der Nachspielzeit meines Lebens. Ich möchte meine restliche Zeit mit Leben füllen. Hört auf. Hört endlich auf.“

Wie wären die Gespräche beim Bäcker? Wie wäre die Stimmung in der Gesellschaft? Und würde sich Ralph Brinkhaus für die Berichterstattung bei den Medien bedanken? Ich bezweifle es. Vielleicht bin ich einer von fünf Spinnern im Ort und ein Schwurbler. Ein Mensch, der den Knall nicht gehört hat. Genau das ist mein Problem. Ich habe ihn gehört. Und ich weiß, dass Sprache Wirklichkeit schafft.

Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht in jedem Fall die Meinung des Herausgebers wieder.

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14 Antworten

  1. Wir lecken uns weiter akademisch die Wunden, während führende Politiker, wie jüngst z.B. in Österreich, behaupten, die Impfungen seien wirksam und sicher, wie Studien „eindeutig belegen“…

    Das ist die Wirklichkeit, die auf uns einwirkt.

  2. Genau so ist es.
    Spätestens seit am 1. August letzten Jahres mehrere Tageszeitungen schrieben, dass eine Demo in Berlin „mit mehreren tausend Teilnehmern aufgelöst worden sei“, während gleichzeitig noch zigtausende Menschen fröhlich durch die Straßen von Berlin zogen- spätestens an diesem Tag musste ich meine letzten Illusionen bzgl. „freie Presse“ begraben. Und die Presse konnte nur so werden, weil es sich die Menschen offenbar immer mehr zur Lebensaufgabe machen, „keinen Ärger zu kriegen“.

  3. Indem man spricht, wird Information transportiert – immer.
    Und derjenige der am lautesten und am meisten schreit, ist letztlich derjenige, dessen Information am weitesten verbreitet wird und dessen Information damit den Anspruch auf Wahrhaftigkeit erheben darf. Dabei sind Wahrheit, Sinn, Nutzen oder auch nur der Unterhaltungswert der herausgeschrienenen Information völlig belanglos. Es müssen nur alle anderen Gedanken niedergeschrien werden.
    Ziel ist es, das letztlich nur noch meine einzig wahre Wahrheit als erlauber Gedanke übrig bleibt. – – Ziel fast erreicht.

  4. Ich habe den Knall auch gehört und ich finde es erschrecken, dass so viele diesen Knall nicht gehört haben, leider auch in meinem persönlichen Umfeld-

  5. das ist so nicht ganz richtig: das Ego in Verbindung mit der Sprache im Kopf schafft Realitäten! Wenn wir in uns ruhen, spielt es nämlich keine Rolle, ob es überhaupr geknallt hat oder zu welcher Glaubensmehrheit(minderheit) ich (nicht) gehören möchte. Es gibt einen unermäßlichen Schatz an Leben auf unserer Erde, der ganz ohne Sprache auskommt 🙂

    1. „Es gibt einen unermäßlichen Schatz an Leben auf unserer Erde, der ganz ohne Sprache auskommt.“
      Schöner Satz. Ich gebe Ihnen absolut Recht, Herr Günzel. Ein Hund hat i.d.R. wenig Angst vor Corona und der Klimakrise. Der Mensch aber schon.

      Als ich jung war, hat mich Sprachphilosophie fasziniert. Es fasziniert mich bis heute. Gott sei Dank hatte ich eine tolle Lehrerin. Um uns Wittgenstein („Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt“) und Co näherzubringen, erzählte sie eine Anekdote über christliche Missionare, die tief im Urwald auf ein abgeschiedenes Naturvolk stießen. Die Menschen dort lebten polygam. Besitz an sich war Ihnen vollkommen fremd. Das wiederum befremdete natürlich die Missionare. Als diese sich den überschaubaren Wortschatz der Ureinwohner angeignet hatten, stellten sie fest, dass es keine besitzanzeigenden Pronomen in dieser fremden Sprache gab. Kein mein, dein, unser. Kein Begriff – kein Begreifen. Das Naturvolk konnte weder verstehen noch fühlen, was denn diese Missionare überhaupt von Ihnen wollten. Und den Missionaren fehlte das sprachliche Werkzeug, sich mitzuteilen.

      1. ich durfte vor Jahren an einem fünftägigen buddhistischen Seminar teilnehmen. In dieser Zeit gab es – neben anderen Einschränkungen – ein Sprachverbot. Das war ein unwahrscheinlich intensives Erlebnis für mich. Kontakt unter den Menschen ohne Sprache ist so viel konkreter. Ich denke, wer Sprache als Kunstform der Kommunikation betrachtet, lässt sich nicht so leicht vom ‚Krach‘ der Allgemeinheit beeindrucken 🙂

  6. Im Ort sind inzwischen derart viele Krater, das der sehende Mensch nur noch mit großem geistigen Kraftaufwand auf seinem Weg bleibt. Womit schließen wir zeitnah nur diese Bodenlöcher, bevor zu viele unserer Mitmenschen hineinstolpern und verloren sind?

  7. Ich höre und höre und höre ihn, und in der Tat will niemand mit mir darüber sprechen. Aber ich bin nicht mehr jung und stark genug zu kämpfen, leider. Es bleibt mir jedoch die Möglichkeit, jenen Mut zu machen und den Rücken zu stärken oder, wie in Ihrem Falle, hin und wieder ein Schein’chen flattern zu lassen, um den Kampf, den der Jüngeren, Stärkeren zu unterstützen. UND DAFÜR ZU DANKEN!

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