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Alles über Hitlergrüße

von Peter Löcke //

Und täglich grüßt das Murmeltier. Fast genauso täglich scheint irgendein Idiot Adolf Hitler zu grüßen. Hört das denn niemals auf? Der deutsch-österreichische Diktator ist seit mehr als 81 Jahren tot und wird die vielen an ihn gerichteten Grußbotschaften kaum erwidern können.

Beim aktuell diskutierten Hitlergruß handelt es sich eigentlich um einen alten Fall. Martin Reichardt, der AfD-Landesvorsitzende von Sachsen-Anhalt, soll am 7. Juni 2020 auf einem privaten Hof im Landkreis Börde seinen Arm gehoben haben, um dem Führer zu huldigen. Das kam nun mit sechs Jahren Verspätung, aber pünktlich zehn Wochen vor den anstehenden Landtagswahlen, heraus. Herausgefunden haben das die beiden WELT-Autoren Frederik Schindler und Pauline von Pezold, die als Beleg ein Foto präsentieren, auf welchem Reichardt in der Tat sichtlich amüsiert seinen linken Arm hebt. Das sei nur ein humoristischer Ritterschlag des vor ihm knieenden Arztes Markus Motschmann gewesen, der in seinen Händen einen Mitgliedsantrag hält. So verteidigt sich Martin Reichardt. Den knienden Arzt hatte die WELT zunächst aus Versehen aus dem Bild herausgeschnitten, bevor man das Foto in Gänze präsentierte. War es Hitler oder war es Humor?

Die Schuldfrage soll am Ende dieses Textes beantwortet werden. Wichtiger erscheint mir Basiswissen rund um den Themenkomplex Hitlergruß. Meine analoge Feldforschung hat ergeben, dass hier einiges im Argen liegt.

Alles, was Sie schon immer über Hitlergrüße wissen wollten, sich aber nie getraut haben, zu fragen.

Der traditionelle Hitlergruß

Der traditionelle Hitlergruß wird auch Deutscher Gruß genannt. Bei dieser Handgeste wurde in tiefbraunen NS-Zeiten der rechte Arm zackig nach vorne gestreckt. Wichtig dabei? Handfläche nach unten, Finger geschlossen, Arm auf Augenhöhe. Zur Untermalung der Geste wurde dem Führer dabei zusätzlich eine aus zwei Worten bestehende Heilsbotschaft mitgeteilt. Alte Film- und Fotoaufnahmen belegen: Der typische Hitlergruß-August trat nicht allein, sondern meist im Rudel auf. Mimik und Gestik der Gruß-Meute zeigten eine Mischung aus religiöser Verehrung und militärischem Gehorsam. So war das damals. Und heute?

Der Hitlergruß mit allen Extremitäten 

Der ausgestreckte Arm zum Hitlergruß ist strafbar – egal mit welcher Extremität. Auch wer den Hitlergruß mit dem linken Arm zeigt, macht sich strafbar [1]. Darüber befand das OLG Hamm im Jahr 2024. Auf die Logik dieses Urteils beruft sich auch der WELT-Autor Schindler in seiner Argumentation. Der Reichardt-Martin hob 2020 nämlich ebenfalls den linken Arm. Juristisch gesehen geht es wie immer um das Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen nach §§ 86, 86a Strafgesetzbuch. Und weniger juristisch gesehen? Wer eine Extremität mit unterstellter Absicht hebt und/oder streckt, verharmlost und/oder verherrlicht den Nationalsozialismus. Nun gehören auch Beine und Füße zu Extremitäten. Das OLG-Urteil zu Ende gedacht, könnte man den verstorbenen Führer also auch mit Füßen grüßen und müsste dafür büßen. Nein. Ich möchte hier keine schlafenden Hunde auf der Wolfsschanze wecken. Betrachten wir stattdessen einen weiteren vielbeachteten Hitlergruß der Moderne. Den von Elon Musk.

Der Hitlergruß aus der Disko

Elon Musk zeigte bei einer Feier zur Amtseinführung von Donald Trump am 20. Januar 2025 gleich mehrfach den Hitlergruß. So berichteten deutsche Gazetten. Ich habe etwas völlig anderes gesehen. Als exzentrischer Autist mit der einen oder anderen Macke neigt der Milliardär zu ruckartigen Bewegungen. Mich erinnerten Musks Bewegungen an John Travoltas Tanzeinlagen in „Saturday Night Fever“, also „Stayin‘ alive“ von den „Bee Gees“. Ungute Gefühle beschleichen mich eher auf deutschen Karnevalsveranstaltungen, wenn tausend Gäste gleichzeitig zweitausend Hände in die Höhe halten und gemeinsam „Und dann die Hände zum Himmel“ singen und grölen. Dabei handelt es sich übrigens nicht um Volksverhetzung. Dabei handelt es sich um deutsche Schlagermusik respektive deutschen Humor. Hitler oder Humor? Der Kreis schließt sich. Kommen wir zurück zur Schuldfrage im aktuellen Fall Reichardt. War es Hitler oder war es Humor? Ritterschlag oder Rechtsextremismus?

Ist Martin Reichardt schuldig?

Selbstverständlich ist er das. Das schreibe ich nun mit augenzwinkerndem Humor. Genau genommen gibt es sogar drei mögliche Szenarien und bei allen Szenarien trägt Martin Reichardt zumindest eine Mitverantwortung.

1.) Die Ritterschlagvariante
Sollte die offizielle AfD-Version stimmen, ist Martin Reichardt schuldig wegen politischer Naivität. Als Funktionär der AfD würde ich niemals, wirklich niemals, die Hände strecken oder über Schulterhöhe heben. Das gilt für das Auf- und Abhängen von Wäsche an der Leine, das gilt für ein „Gib mir fünf“ als kumpelhafte Geste, das gilt auch für witzig gemeinte Ritterschläge. Irgendjemand könnte immer ein Foto schießen, es verbreiten und darin einen Hitlergruß vermuten.

2.) Die Hitlergrußvariante
Sollten die beiden WELT-Autoren Recht haben und hier tatsächlich mit voller Absicht und Verehrung ein Hitlergruß gezeigt worden sein, handelt es sich um die Karikatur eines solchen. Linke Hand, Finger nicht geschlossen, statt Pathos ausgelassene Partystimmung. Für jeden wirklichen Nazi käme der von Reichardt gezeigte Gruß einer Beleidigung des Führers gleich. Das geht besser, Herr Reichardt.

3.) Die Variante schwarzer Humor
AfD-Politiker werden, ob nun zu Recht oder nicht,  rund um die Uhr mit Nazis verglichen oder als solche bezeichnet. Ich halte es für nicht ausgeschlossen, dass hier in einer Mischung aus Selbstironie und schwarzem Humor wirklich ein Hitlergruß nachgespielt wurde gegen den Zeitgeist der political correctness. Das Problem? Hitler-Parodien funktionierten vor zwanzig Jahren in Zeiten eines Harald Schmidt, nicht aber heute. Und schon gar nicht funktionieren sie bei AfD-Politikern.

Ist denn heutzutage alles Hitler?
Nein. Moderne Notstandsgesetze und Schriftleitergesetze scheinen im Gegensatz zu gefährlichen Handbewegungen ungefährlich zu sein. Diese teuflischen Phänomene vergangener Zeiten kommen heute in neuem Sprachgewand daher. Mehr noch. Man verkauft dies als Verteidigung der Demokratie. Um angesichts dieses Widerspruchs nicht den Verstand zu verlieren, helfen zwei Dinge. Ein von Herzen kommendes leises „Grüß Gott“ seinen Mitmenschen gegenüber und ein lautes „Ah, ah, ah, ah Stayin′ alive, stayin‘ alive“.

Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht in jedem Fall die Meinung des Herausgebers wieder.

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