von Markus Langemann //
Wer Verantwortung trägt, hält sich gern für einen Menschen der Vernunft. Man wägt ab, rechnet, entscheidet. So sieht man sich selbst. Christian Schubert hält das für eine Selbsttäuschung. Und zwar für eine, die krank machen kann.
Schubert ist Arzt, Psychologe und Psychotherapeut. Seit 1995 leitet er das Labor für Psychoneuroimmunologie an der Medizinischen Universität Innsbruck. Sein Fach fragt, wie Psyche, Nervensystem, Hormone und Immunsystem miteinander sprechen. Und was geschieht, wenn die Belastung nicht mehr aufhört.
Meine erste Frage war einfach: Kann ein Mensch überzeugt sein, vollkommen rational zu entscheiden, während sein Körper längst im Alarmmodus läuft? Die Antwort kam ohne Zögern.
„Ich würde jetzt mal sagen, nein, ganz klar.“
Dann drehte er die Frage um. Nicht der Körper sei der Kern, sondern die Annahme, wir könnten überhaupt rein rational sein. „Ich glaube, da sind wir schon mittendrin in einem Riesenproblem unserer Gesellschaft, dass wir so tun, als ob wir nur rational sind.“
Der größere Teil ist irrational
Den weitaus größeren Teil unserer Existenz nennt Schubert irrational. Emotionen, Motivation, Glaubenssätze, die Beziehungen zu den Menschen, die uns Sicherheit geben oder geben könnten. Auch die Spiritualität will er ausdrücklich nicht vergessen wissen. Wer davon etwas herausschneide und nur den rationalen Rest gelten lasse, verfehle den Menschen. „Dem würde ich absolut widersprechen.“
Das passt zu einer Beobachtung, die viele teilen dürften. Die letzten Jahre haben Gewissheiten abgetragen. Glaubenssätze, mit denen man groß wurde, tragen nicht mehr. Man verlässt morgens das Haus und stößt an, ständig, wie im Autoscooter. Das Wort dafür ist Kontrollverlust.
Angst als Treiber
Macht Kontrollverlust krank? Schubert antwortet vorsichtig. Der Mensch könne sich anpassen, bis zu einem gewissen Grad; es sei eine Frage des Ausmaßes. Dann zeigt er auf die Kehrseite. Wo die einen Kontrolle verlieren, setzen andere sie umso stärker ein. „Die Frage ist, wer kontrolliert uns denn und wer manipuliert uns denn?“
Kontrollverlust ist für ihn zuerst Angst. Und Angst sei „der Faktor schlechthin“, der chronischen Stress erzeuge und auf Dauer krank machen könne. Der Mensch wehrt sich, aber nicht nur mit dem Verstand. Er verfügt über unbewusste Abwehrmechanismen: Verdrängung, Verleugnung, Intellektualisieren, Sublimieren. Man schreibt Bücher, man stürzt sich in die Arbeit. Oder man weicht in den Konsum aus, isst zu viel, bewegt sich zu wenig, wird süchtig. Die Abwehr hilft beim Überleben. Gut tut sie trotzdem nicht.
Bis in die kleinsten Fasern
Schubert unterscheidet genau. Kurzfristige Angst kann nützen, sie zwingt zum Lernen. Wer verunsichert ist, aber handeln kann, verändert die Lage. Gefährlich wird die Belastung, der man nicht beikommt. Dann verändert sich zuerst das Gehirn, danach der Körper. Cortisol steigt, die Katecholamine steigen, das Stresssystem fährt hoch. Das Immunsystem schützt schlechter, zugleich nehmen die Entzündungen zu. Beides, sagt Schubert, gehe in eine ungünstige Richtung.
„Chronischer Stress ist kein zu vernachlässigender Aspekt in unserer Existenz, sondern er ist tatsächlich bis in unsere kleinsten Fasern nachweisbar.“
Alarm im Posteingang
Ich habe ihm eine These vorgelegt. Die Angst kommt nicht nur von Kriegen in der Nachbarschaft oder von der Sorge um Miete und Arbeitsplatz. Sie kommt auch aus dem Alltag der Geräte. Das Auto warnt, das Telefon klingelt, die Nachrichten laufen ein. Im Postfach liegen falsche Mahnungen: Ihr Konto ist überzogen, haben Sie die Rechnung bezahlt? Alles Unsinn. Und doch jedes Mal ein kurzer Alarm.
Schubert stimmt zu und nennt sein eigenes Beispiel. „Ein nicht beantworteter E-Mail-Kasten über Monate ist ein ständiger Aufruf, den man in sich trägt.“ Jeder habe da sein Thema, manche kämen besser damit zurecht als andere. Das Problem sei weniger die Menge als die Frage, was davon stimmt.
„Ich würde überhaupt sagen, dass wir Medien eigentlich per se gar nicht mehr vertrauen können.“
Wo Vertrauen fehlt, wächst die Angst, und mit ihr der Stress. Die letzten Jahre hätten manchem die Augen geöffnet. Andere blieben bei der Gewissheit, die Regierenden meinten es grundsätzlich gut mit ihnen. Sich einzugestehen, dass da draußen etwas nicht wohlgesonnen sein könnte, falle schwer, ohne in Angst zu verfallen.
Eine unbequeme Vermutung
Dann spricht Schubert über Long Covid und Post-Vac. Er bezweifelt, dass diese Erkrankungen allein materiell verursacht sind, allein durch eine Injektion, „die nicht so gut war, wie so manche uns sagten“. Ihn beschäftigt der Zusammenhang, in dem sie verabreicht wurde: Angstmache, Panik, sozialer Druck, die Sorge, Freunde zu verlieren. Viele hätten sich spritzen lassen, um Folgen im eigenen Umfeld zu entgehen.
„Und das ist Missbrauch.“
Wer früh im Leben Angst und Ausgenutztwerden erfahren habe, nicht die großen Fälle, sondern den „feinen Bodensatz des Ausgenutztwerdens“, erkranke eher, wenn er erneut unter Druck etwas tun müsse, das er eigentlich nicht wolle. Schubert nennt das ausdrücklich eine Vermutung. Er verbindet sie mit einer alten Kritik an seinem Fach: Die Medizin blende den psychosozialen Zusammenhang aus und greife lieber zu Präparaten, Medikamenten und Operationen. Den ganzen Menschen sehe sie nicht, also auch nicht seine Herkunft, seine Prägungen, seine Verletzungen.
Was Kinder brauchen
Am Ende landet Schubert bei den Kleinsten. Es sei inzwischen ein hohes Privileg, sicher aufzuwachsen, bei liebenden Eltern, die Zeit haben und nicht selbst unter dem Druck von Konsum und Lebensstandard stehen. Er beruft sich auf den Psychiater Hans-Joachim Maaz und dessen Begriff der Normopathie. Die Kinder würden immer mehr zu Opfern. Wer eine gesündere Gesellschaft wolle, müsse fragen, was sie brauchen.
Zum Schluss habe ich gesagt, was jeder Patient kennt. Fünf Minuten beim Arzt, zehn, wenn es gut geht. Ein Kratzen an der Oberfläche, dann eine Schachtel mit Tabletten. Den ganzen Menschen sieht in dieser Zeit niemand. Wie ein Gesundheitssystem gesunden kann, und mit ihm eine Gesellschaft: Darüber reden wir weiter.
Am 6. November spricht Christian Schubert bei B-Safe26 in Wien. Wir reden dort über Sicherheit, über Staaten, Geld, Unternehmen und Recht. Vielleicht beginnt die entscheidende Sicherheitsfrage aber näher. Bei uns selbst.

Eine Antwort
Aus einem krummen Holz kann nichts Gerades entstehen, sagt Kant. Der Mensch als Mängelwesen. Wir dürfen nicht Zuviel erwarten von uns und unseren Mitmenschen. Natürlich handeln wir aus einer Melange von Emotionen und Ratio, die manchmal toxisch ist. Balancierte Menschen sind selten. Die Technik gibt dem Mängelwesen nun seit siebzig Jahren die Möglichkeit, sich selber zu vernichten. Und, sagt Heidegger, nur ein Gott kann uns noch retten. Ja, was erwarten wir denn? Wäre es anders, wäre es das Paradies auf Erden. So ist es die Vorhölle (Sartre) oder eine Besserungsanstalt (Herder). Das Verrüchteste ist für mich täglich zu erleben, wie das System aus Ratio & Emotio funktioniert: In unserer Demokratie streiten wir stündlich wie die Kesselflicker darum, wer wem wieviel Soziales zugesteht. Der moderne Staat als gigantische und ineffiziente Umverteilungsmaschine von der Mitte nach unten, von den Wenigen zu den Vielen. Auf die entscheidenden Fragen nach Krieg & Frieden oder der Vermögensverteilung haben wir alle keinen Einfluss. Solange die Masse das hinnimmt und sich durch Tittitainment einlullen lässt, auch weil ihr Emotio – / Ratio Haushalt nichts anderes zulässt, gibt es keine Remedur.