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Das Böse Wort

von Peter Löcke //

Deutschland hat zwei neue Unworte. Sie heißen „zurückwandern“ und „zurückkehren“. Das sind die deutschen Übersetzungen des lateinischen Begriffs „remigrare“ gleich Remigration, dem eigentlichen Unwort des Jahres 2023. Wie begründet die 6-köpfige Jury ihre Entscheidung in der Pressemitteilung (1)?

Der Begriff Remigration sei „ein rechter Kampfbegriff“, eine „beschönigende Tarnvokabel“, ein „Euphemismus für die Forderung nach Zwangsausweisung bis hin zu Massendeportationen von Menschen mit Migrationsgeschichte“. Das Wort werde „bewusst ideologisch vereinnahmt und so umgedeutet, dass eine – politisch geforderte – menschenunwürdige Abschiebe- und Deportationspraxis verschleiert wird.“ 

Ich bin schockiert. All diese menschenverachtenden Dinge habe ich niemals assoziiert, wenn ich den Begriff Remigration gelesen habe. Und ich lerne etwas. Ein solches Gedankengut wird mir ab sofort unterstellt werden, falls ich den Begriff selbst verwende. Kontaktschuld gibt es nicht nur bei Menschen. Kontaktschuld gibt es auch bei Worten. Es lohnt sich zu den Anfängen der Wahl des Unwortes des Jahres zurückzukehren, auch wenn das Zurückkehren ab sofort ein Unwort ist (2).

Wahlen zum Unwort des Jahres gibt es seit 1991. Die ersten drei Jahre noch organisiert von der „Gesellschaft für deutsche Sprache“, entscheidet seit 1994 eine Jury aus vier Sprachwissenschaftlern, einem Journalisten sowie einem Gastjuror ehrenamtlich darüber, was das schlimmste Wort des Jahres war. Die dahinter steckende Idee klingt aufklärerisch und kritisch, also lobenswert. Die Jury möchte ein Wort bloßstellen, das gegen die Prinzipien der Menschenwürde und der Demokratie verstößt, gesellschaftliche Gruppen diskriminiert und außerdem euphemistisch ist, also verschleiert und beschönigt. Wer möchte das nicht? Das sind auf den ersten Blick edle Motive. Auch auf den zweiten Blick? Nein.

Unworte sind wie Unkosten. So wie es sich bei Unkosten stets um Kosten handelt, handelt es sich bei Unworten stets um Worte. Erkläre ich ein Wort zum Unwort, erkläre ich den Menschen, der es verwendet, zum Unmenschen. Der Unmensch ist aber ein Mensch. Provokant formuliert: Wie wäre es, wenn eine Jury ein Mal im Jahr einen Negativpreis für ein Kunstwerk vergibt und diese Kunst (engl. art) als Nichtkunst, als entartet erklärt. Entartet? Der Aufschrei wäre zu Recht groß. 

Das zweite Problem ist die politische Schlagseite. Leider gibt es in der Tat dutzende verletzende Kampfbegriffe und Euphemismen bei den umstrittenen Fragen dieser Zeit wie etwa dem Thema Klima. Vom objektiven Standpunkt aus betrachtet benutzen zwei verfeindete Parteien abwertende Begriffe. Beim Streitthema Klima beschimpfen Leugner Hysteriker und Hysteriker beschimpfen Leugner. Verlässlich verurteilt wird nur eine Seite der Streithähne. Zu den Unworten des Jahres gehörten bereits Klimahysteriker (2019) und Klimaterroristen (2022), nicht etwa Klimaleugner. Zum Unwort des Jahres 2020 kürte die Jury das Wort Corona-Diktatur und nicht den Hetzbegriff Covidiot von Saskia Esken. Welche Wortvorschläge fielen 2023 durch das Raster der Jury? Doppelwumms, Kriegstüchtigkeit, Sondervermögen – diese medial präsenten, regierungskritischen Begriffe wurden abgelehnt. 

Offizielle Narrative werden geschützt, während Kritiker der Narrative durch die Wahl des Unwortes attackiert werden. Es stellt sich die Frage nach der Unabhängigkeit der 6-köpfigen Jury. Bei den vier Sprachwissenschaftlern handelt es sich um honorige Menschen, Professoren und Doktoren. Es sind Experten und Expertinnen für Ökolinguistik, Genderlinguistik, Pragmalinguistik, Korpuslinguistik und weiterer Sprach-Galaxien, die noch nie ein Mensch zuvor gesehen hat. Schaut man sich die Vita der Journalistin Alexandra-Katharina Kütemeyer an, so darf man die Frau, das meine ich wertfrei, getrost dem linken politischen Spektrum zuordnen. Wirklich interessant ist der nicht abgebildete, aber im Kleingedruckten aufgeführte Gastjuror Ruprecht Polenz. Polenz war 2000 kurzzeitig CDU-Generalsekretär. Heute ist er Twitter-X-Kämpfer gegen die AfD und alles, was ihm rechts erscheint. Vor allem ist Polenz Beirat im Think Tank LibMod [4]. Der meinungsstarke Ruprecht Polenz mag vieles sein, doch eines ist sicher nicht – unabhängig und objektiv.

Apropos objektiv – Kann man objektiv bestimmen, was ein Mensch mit einem bestimmten Wort verbindet, welche Gedanken und Gefühle ein Begriff auslöst? Nein. Das ist individuell unterschiedlich. Das Wort Remigration ist das beste Beispiel. Positiv, negativ, wertneutral. Das Wort wird respektive „wurde“ unterschiedlich aufgefasst. Bei mir löst es weder Schmerzen noch Glücksgefühle aus, ich sehe es komplett nüchtern. Die meisten Menschen, so meine Erfahrung, kannten das Wort bis vor kurzem nicht.

Das Unwort des Jahres 2023 Remigration war 2023 gar nicht im öffentlichen Bewusstsein!

Meine Wahrnehmung ist messbar (5). Schaut man sich bei „Google Trends“ um, beginnend im Januar 2023 bis Mitte Januar 2024, stellt man folgendes fest. Die Verlaufskurve für das gesamte Jahr 2023 besteht aus einer Null-Linie. Der Begriff Remigration taucht nicht auf. Das Wort wurde kaum diskutiert. Das Unwort des Jahres 2023 war also weitgehend unbekannt im Jahr 2023. Nicht in den Köpfen der Menschen. Erst seit einem bestimmten Tag kennt ein jeder das Wort Remigration. Am 10. Januar 2024 springt die Kurve fast senkrecht nach oben.

Am 10. Januar 2024 behauptet Correctiv in einer Recherche, dass auf einer Veranstaltung im November 2023 Vertreibungen und Massendeportationen von Millionen Menschen geplant worden seien. Nur ist von Deportation gar nicht die Rede, sondern lediglich von Remigration. Fünf Tage später finden Sprachwissenschaftler „zufällig“ heraus, dass Menschen, die Remigration sagen, eigentlich Massendeportation meinen. Und diese Jury kürt ein Wort, das im gesamten Jahr 2023 wenig Beachtung fand, zum Unwort des Jahres 2023. 

Was heißt das? Correctiv, Leitmedien und Politiker werden auch weiterhin nicht belegen können, dass in Potsdam Unsagbares gesagt und geplant wurde. Sie können aber sagen, dass etwas anderes gesagt wurde. Sie können sagen „Auch wenn Sie es nicht sagten – die meinten das so!“ 

Ohne Worte. Das ist ein Unding. Eigentlich ist es ein Ding.

Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht in jedem Fall die Meinung des Herausgebers wieder.

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8 Antworten

  1. Ich habe das Wort Remigration gehört und als das Gegenteil von Immigration verstanden. Völlig wertfrei. Schwarz-Weiß, oben-unten, links-rechts usw. Kaum habe ich es gelernt, soll es geächtet werden. Wenn das keine Manipulation ist, was dann?

  2. Ja, diese Unwort-Auswahl ist reine Regierungspropaganda. Und man muss sagen, daß diese ganze Correctiv-Inszenierung wirklich ein erfolgreicher Propaganda-Scoup der Regierung war, das muss man neidlos anerkennen.

    Daß Regierungsspitzen für ein Verbot der Oppositionspartei demonstrierten, fand ich allerdings überzogen, aber auch das hat nur wenige Bürger und Grundgesetz-Treue empört: Der Post-Rechtsstaat erscheint mir Realität geworden zu sein. Die Bundesregierung ist von den sie tragenden Parteien nicht zu trennen. Man gibt noch nicht einmal den Anschein von Überparteilichkeit der Exekutive. (Das gilt schon länger für den Herrn Bundespräsidenten.)

    Ernennen wir zum Positiv-Wort des Jahres 2024: Remigration.

  3. Das Unwort, nicht nur des Jahres, ist für mich Demokratie. Inflationär von denen geäußert, die zur Zeit am wenigsten damit anfangen können oder diese vertreten.

  4. Lieber Herr Löcke,
    gerate ich auch in Kontaktschuld, wenn ich heutzutage ein ‘Bauernfrühstück’ bestelle? Vermutlich in den Augen linksorientierter Sprachwissenschaftler und Germanisten bei deren Systematik folgerichtig schon, oder?

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