Das Leben im Liveticker

von Peter Löcke //

„Weißt du schon das Neueste?“ Mein alter Bekannter saß vor einem Café und genoss sein wohlverdientes Feierabendbier. Seine Stimme überschlug sich fast, als er mir die Frage durch die halbe Fußgängerzone zuwarf. 

Ich wusste definitiv nicht das Neueste, denn ich befand mich am Ende meiner Mediendiät. Die brauche ich von Zeit zu Zeit, wenn ich kurz vorm Informationsburnout  stehe. Ständig fühle ich mich reizüberflutet. Das war schon in vorpandemischen Zeiten so, hat sich seitdem nur verschlimmert. Es mag an meinem Alter liegen. Ich bin analog sozialisiert worden. Was damals in der Welt passierte, erfuhr ich in den Abendnachrichten, meistens tags darauf in der Zeitung. Ich war informiert und trotzdem entspannt. Die Zeiten sind nun mal vorbei. Ich bin kein ewig Gestriger und weiß die technischen Fortschritte im Internetzeitalter durchaus zu schätzen und für mich zu nutzen. Und dennoch: Das Leben im liveticker stresst mich. Ich erfahre alles Mögliche in Echtzeit, Analyse des gerade Passierten inklusive. Wie etwas Komplexes analysiert werden kann, das eben erst geschah, verwundert mich immer wieder neu. Früher war ich in dem naiven Glauben, Erkenntnis brauche Abstand. Seis drum. Da mich die Informationsflut erschlägt, habe ich persönliche Vorkehrungen getroffen. Der TV ist nur noch verstaubte Dekoration in der Stube, mein Smartphone ist alles andere als smart, weil nicht internetfähig. Gesichtsbücher lese ich nicht, auch dem Zwitschern gehe ich aus dem Wege. Meine reduzierte Medienernährung alleine reicht jedoch nicht für mein Wohlbefinden aus wie ich feststellen musste. Warum? Wie jeder Mensch habe ich eine Mailadresse, die ich mindestens ein Mal täglich via Laptop aufsuche. Und da fangen die Probleme an. Seit mehr als anderthalb Jahren herrscht auf dieser Seite ein Pandemie-liveticker, der mich in Angst und Schrecken versetzt. Was sagen das RKI, was Drosten, was Lauterbach, was Spahn, was die verlinkten Faktenchecker? Wie hoch sind die aktuellen Inzidenzwerte? Ist das Gesundheitssystem bereits zusammengebrochen oder erst morgen? Welche neuen Regeln und staatlichen Verordnungen gibt es? Es hört nicht auf. Zur Entspannung und Abwechslung kann ich mich dem Thema Klima widmen. Warum scheint mein ökologischer Fußabdruck von Tag zu Tag größer zu werden, obwohl ich auf schmalem Fuß lebe? Warum erklären mir das ausgerechnet Experten, die mit Quadratlatschen durch die Welt spazieren? Sind Kühe mitverantwortlich für den menschengemachten Klimawandel oder ist der Mensch verantwortlich für den kuhgemachten Klimawandel? Hat man den Rindviechern endlich beigebracht, wie sie auf die Toilette gehen können und dass sie gefälligst eine absorbierende Maske tragen, damit sie weniger Methan ausstoßen?

Ich muss es ja nicht anklicken. Ich weiß. Und doch tue ich es. Es ist mangelnde Selbstdisziplin, es ist eine Faszination am Komischen und Schrecklichen. Es ist schlichtweg Neugier. Es ist auch eine Sucht. Nach dem Anklicken frage mich in schöner Regelmäßigkeit, welcher Idiot den Text verfasst hat und welche noch größeren Idioten diesen lesen. Nach der Erkenntnis, dass ich selbst zu den Idioten gehöre, fahre ich anschließend den Laptop herunter. Depressiv von all den Schreckensnachrichten und von mir selbst enttäuscht wegen meiner mangelnden Disziplin. Dann hilft nur kalter Entzug, eine mehrtägige komplette Medienaskese. Es wird schon keine wichtige Mail gekommen sein. Zur Not gibt es ja den Briefkasten. Post in Umschlägen und auf Papier. Ältere werden sich erinnern.

Endlich war ich am Tisch meines Bekannten angelangt. Nun war ich doch neugierig geworden. Die Sucht nach Informationen halt. Was war das Neueste? Wurden die Grundrechte bereits neu definiert? Wovor warnt Herr Nostradamus Lauterbach? Was befürchtet der Bundesverdienstkreuzträger Drosten? Ist die Influenza besonders gefährlich in diesem Jahr oder wird sie wie im letzten Jahr durch die Corona-Maßnahmen komplett ausgerottet? Gespannt wartete ich und es platzte aus meinem Freund heraus.

„Helene Fischer ist schwanger.“

Ich weiß nicht, wie lange das peinliche Schweigen andauerte. Mich enttäuschte die Information, meinen Freund meine wenig enthusiastische Reaktion. Ich versuchte die Situation zu retten, versuchte mit meinem Halbwissen zu glänzen. Zwar ist es nicht meine bevorzugte Musik, aber auf dem Mond lebe ich schließlich auch nicht.

„Hat der Florian doch tatsächlich sein Silbereisen versenkt. Glückwunsch den werdenden Eltern.“ 

Es war keine Dame in unserer Nähe, deren Gefühle ich verletzen konnte. Mein alter Freund schüttelte irritiert mit dem Kopf. 

„Die Beiden sind doch längst nicht mehr liiert. Du lebst wirklich auf dem Mond.“

Mein Halbwissen entpuppte sich also als Nichtwissen. Peinlich für mich. Die Kellnerin kam zum Tisch und fragte, ob ich auch etwas trinken wolle. Ich verzichtete. Ich wollte nicht erfahren, ob ich bei drei, bei zwei oder eins gehen muss. Ich ging lieber sofort. Mein alter Freund sang „Atemlos“, ich war sprachlos. Wer war der Vater oder war es gar eine unbefleckte Empfängnis? Bis zum Abend werde ich das Neueste nicht wissen. Dann gehe ich wieder an den Laptop. Ich möchte ja nur meine Mails checken.

Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht in jedem Fall die Meinung des Herausgebers wieder.

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6 Antworten

  1. Köstlich Herr Löcke, einfach nur KÖSTLICH!
    Ihr Mond ist meine private Oldtimer-Werkstatt, quasi mein mediales Exil. Mit ein paar musikalischen Einlagen der Band TOOL kann ich mich dort perfekt von dem ganzen Wahnsinn über Stunden bis hin zu Tagen entkoppeln. Am Ende liegt noch dann eine Wertschöpfung, in Form von funktionalem Blech, auf dem Tisch.
    Danke und viele Grüße!
    Dirk Botschen

  2. Lieber Herr Löcke, DANKE.
    Danke, weil ich nicht allein bin mit meinem Empfinden von Stress durch – insbesondere mediengemachte – Reizüberflutung.
    Danke, dass es noch andere Menschen gibt, die es vorziehen, ein bisschen „wie auf dem Mond“ zu leben.
    Danke, dass Sie das Ganze nicht nur wohltuend kritisch beschreiben, sondern auch noch mit Humor unterhaltsam in Ihrem Artikel vermitteln.
    Ich habe geschmunzelt und am Ende gelacht. Mein Herz hat gehüpft, und ich schaute vergnüglich weiter grinsend aus dem Fenster …
    Das Leben bleibt schön 😉
    In diesem Sinne …
    Herzliche Grüße
    Angelika Fleckenstein

  3. Mich freut beim Lesen dieses Artikels, dass auch andere Zeitgenossen ein ähnliches Problem haben ,was die Digitalisierung mit all ihren Vor-und Nachteilen so mit sich bringt. Auch ich bin analog sozialisiert und staune jeden Morgen ,den ich zur Arbeit in öffentlichen Verkehrsmitteln fahre, über die übergroße Anzahl von Zeitgenossen, die ihren Blick gar nicht mehr vom eigenen Smartphone nehmen können. Als Buch lesender Außenseiter bin ich ,so glaube ich manchmal ,eine vom Aussterben bedrohte Spezies. Leider kann auch ich in diesen Zeiten ,rein arbeitstechnisch ,auf ein Smartphone nicht verzichten, bin aber außerhalb meiner Arbeit bewusst analog unterwegs, habe kein privates Handy und werde mir auch keins zulegen. Leider ist man ohne ein solches Ding teilweise schon nicht mehr geschäftsfähig , was mir aber völlig egal ist. Auch die MSM haben ihren Bonus bei mir mittlerweile eingebüßt und ja, man kann fast völlig ohne Fernsehen und Zeitung auskommen. Im übrigen braucht Niemand diese Staatspropaganda. Deswegen glaube ich fest daran ,mehr analog lässt auch das Denkvermögen vieler ,vor allem junger Menschen ,wieder auf ein notwendiges Maß anwachsen.

  4. Na ja, auch im vordigitalen Zeitalter fand natürlich Propaganda in erheblichem Ausmaß statt, wie z.B. im Spiegel mit der ständigen Angstmacherei vor einem sowjetischem Angriff. Man wollte politische Agenden unterstützen und heute ist das scheinbar garnicht so anders. Die Medien damals waren auch schon über die Atlantikbrücke gesteuert, wie auch die Karrieren der politischen Elite durch Organisationen wie die Bilderberger entscheidend beeinflusst wurden. Man denke an Helmut Schmidt, Otto Graf Lammsdorf oder Helmut Kohl. Nur hat das keiner mitbekommen.

    Ich sehe die digitale Informationsflut durchaus positiv. Wenn man nach dem Prinzip „Wer einmal lügt,…“ auswählt, ist die Bandbreite der ernstzunehmenden Informationsquellen urplötzlich sehr überschaubar.
    Tom Hoghkinson schreibt 2004 in seinem sehr lesenswerten Buch „Anleitung zum Müßiggang“ sehr treffend, daß nahezu alle Medien uns nur in die Angst und in die Übererregung treiben wollen und rät dazu Fernseher und Zeitungen zu meiden. Der frühere Oberbefehlshaber der Reichswehr von Hammerstein-Equord (1930-1933), so sein Biograph Hans Magnus Enzensberger, fand nur die faulen und intelligenten Soldaten für Führungsaufgaben geeignet, denn diese würden, um unnötige Anstrengungen zu vermeiden, erst denken und danach handeln. Das kann nicht verkehrt sein.
    Von Helene Fischer habe ich von meiner Frau erfahren, da war sie wohl schon länger im Geschäft. Man sieht also, auch mit einer gewissen Medienabstinenz, letztendlich bekommt man die wirklich wichtigen Nachrichten mit, irgendwann.

  5. Chapeau an den Schreiber!
    Ich sehe mich selbst in der Kolumne wieder. Wir umgeben uns ständig irgendein Entertainment, irgendeine Geräuschkulisse, die uns ablenkt, einlullt, betäubt, beschleunigt. Die mediale Reizüberflutung, auch wenn wir das schon gar nicht mehr bemerken, macht uns zu schaffen. Wir treiben uns in den sozialen Netzen herum, schauen viel zu viel fern, lassen uns immer irgendwie berieseln, befriedigen unsere unbewusste Sucht nach Adrenalin und Kortisol. Ab und zu mal eine digitale Pause einlegen und einfach mal die Seele in der Natur baumeln lassen.

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