goldenes wort

Das neue Gold

// von Markus Langemann

Es gibt in diesem Land einen Satz, den täglich Tausende beginnen und den kaum jemand zu Ende bringt. Er lautet: »Ich weiß ja nicht, ob man das heute noch sagen darf.« Und dann geschieht etwas, das man einmal in Ruhe beobachtet haben muss: Der Sprecher sieht sich um. Nicht panisch, eher beiläufig, so wie man prüft, ob man den Schirm dabeihat. Er taxiert den Tisch, die Gesichter, die Runde, und was er dabei wahrnimmt, ist kein Risiko für Leib und Leben. Es ist etwas Feineres: der Preis für Sympathie. Was kostet mich dieser Satz an Wärme, an Zugehörigkeit, an der stillen Versicherung, noch dazuzugehören? Er wird ihn nicht sagen, wenn dieser Preis zu hoch erscheint. Oder er sagt ihn halb, in jener weichgespülten Fassung, die niemanden verletzt, weil diese Fassung nichts mehr behauptet.

Um diesen Halbsatz soll es gehen. Denn eine Gesellschaft geht nicht daran zugrunde, dass man ihr das Reden verbietet. Sie geht daran zugrunde, dass sie sich das Reden abgewöhnt: freiwillig, höflich, aus lauter Rücksicht, und mit dem angenehmen Gefühl, sich anständig zu verhalten. Politisch Korrekt. PC eben.

Wer im Konsens aber eine Verschwörung vermutet, unterschätzt seine eigentliche Macht. Denn der Konsens braucht weder einen Plan noch einen Befehl. Er entsteht von selbst aus der Gewohnheit, aus der Anpassung und aus dem verständlichen Wunsch, nicht bei jeder Frage von vorn beginnen zu müssen.

Vielleicht liegt gerade darin seine Stärke. Er nimmt uns Entscheidungen ab und bewahrt uns vor der Zumutung, ständig selbst prüfen zu müssen, was richtig sein könnte. Das ist verdammt bequem, und Bequemlichkeit gehört zu den wirksamsten Kräften die uns Menschen lenken.

Wie weit diese Kraft reicht, zeigte der Psychologe Solomon Asch bereits in den 1950er-Jahren. In seinen Versuchen sollten Menschen beurteilen, welche von mehreren Linien  in der Länge einer vorgegebenen Vergleichslinie entsprach. Die richtige Antwort war ohne Mühe zu erkennen. Äußerten jedoch mehrere eingeweihte Teilnehmer zuvor geschlossen eine offensichtlich falsche Einschätzung, schloss sich ein beträchtlicher Teil der Versuchspersonen diesem Urteil an. Sie passten sich an.

Nicht, weil diese Menschen plötzlich schlechter sahen. Sondern weil es schwer ist, der eigenen Wahrnehmung zu vertrauen, sobald alle anderen etwas anderes zu sehen behaupten. Der Konsens stiftet Gemeinschaft. Er gibt wohlige Sicherheit – und genau darin liegt auch seine bindende Kraft. Die Geschichte voll von Menschen, die den Raum verlassen haben, in dem alle einer Meinung waren.

Galileis Fall wird dabei allerdings gern falsch erzählt, als Licht gegen Finsternis. In Wahrheit hatten die Gelehrten seiner Zeit ein ausgezeichnetes Argument: Zöge die Erde tatsächlich ihre gewaltige Bahn um die Sonne, müssten sich die Fixsterne im Jahreslauf verschieben. Man sah nichts dergleichen. Der Einwand war korrekt; die Sterne waren nur unvorstellbar viel weiter entfernt, als irgendjemand ahnte. Die Lehre daraus: Der gefährlichste Konsens ist nicht der dumme. Es ist der, der vermeintlich gute Gründe hat!

Ignaz Semmelweis bemerkte 1847 in Wien, dass in der von Ärzten geführten Abteilung der Geburtsklinik weit mehr Frauen am Kindbettfieber starben als bei den Hebammen. Er zog den einzig möglichen Schluss und ordnete die Händedesinfektion an. Die Sterblichkeit brach von rund achtzehn auf ein bis zwei Prozent ein. Man dankte es ihm nicht; man empfand die Beobachtung als Beleidigung des Standes. Semmelweis starb 1865 in einer Anstalt, siebzehn Jahre bevor die Bakteriologie ihm recht gab. Die Zahlen hatten von Anfang an gestimmt. Es hatte nur niemand Lust, sie zu lesen.

Als 1931 eine Streitschrift mit dem Titel »Hundert Autoren gegen Einstein« erschien, soll Einstein trocken bemerkt haben: Wäre er im Unrecht, hätte ein einziger genügt. Der Satz beschreibt den logischen Unterschied zwischen einer Mehrheit und einem Beweis. Eine Meinung wird nicht dadurch richtig, dass viele sie teilen. Sie wird dadurch nur teuer ihr zu widersprechen.

Am 11. September 1933 erklärte Ernest Rutherford, der Entdecker des Atomkerns, wer aus der Umwandlung von Atomen Energie zu gewinnen hoffe, rede Unsinn. Am nächsten Morgen las Leó Szilárd den Bericht, ging spazieren und begriff an einer Londoner Ampel, wie eine nukleare Kettenreaktion funktionieren müsste. Zwischen dem Urteil des bis dahin größten Fachmanns der Welt und seiner Widerlegung lagen ein Tag und ein Fußgängerübergang.

Die Kunst ist kein besserer Ort: Als Dave Brubecks Quartett ein Album ausschließlich in ungeraden Taktarten vorlegte, hielt die Plattenfirma das für ein Experiment ohne Publikum. Tanzen könne man dazu nicht, und was man nicht tanzen könne, kaufe niemand. Dann erschien »Take Five«, geschrieben von Paul Desmond, im Fünfvierteltakt, und wurde die meistverkaufte Jazz-Single der Geschichte.

Nun die nüchterne Wahrheit, die das hohe Lied erst glaubwürdig macht: Die meisten, die dem Schwarm widersprechen, irren. Für jeden Semmelweis gibt es tausend Erfinder des Perpetuum mobile. Aber niemand, kein Gremium und kein Ministerium, kann vorher wissen, welcher der tausend Sonderlinge der eine ist. John Stuart Mill hat daraus 1859 die einzige haltbare Folgerung gezogen: Wir schützen die abweichende Meinung nicht, weil sie recht hat, sondern weil sie recht haben könnte. Wir müssen sie schützen,  weil sie selbst im Irrtum meist ein Körnchen enthält, das der herrschenden Ansicht fehlt; und weil eine Wahrheit, die nie mehr bestritten wird, zu einem Bekenntnis erstarrt, das man nachplappert, ohne zu wissen, warum.

Wer den Preis des Widersprechens auch nur ein wenig erhöht, bekommt nicht weniger falsche Meinungen. Er bekommt einfach weniger Meinungen. Und unter denen, die dann fehlen, ist statistisch zwingend die eine, auf die es angekommen wäre.

Schlagen Sie Stellenanzeigen aus den Jahren um 2010 auf. Dort stand: Wir suchen Querdenker. Es war das höchste Lob der Wirtschaft. Der Querdenker war der, der im Meeting die Frage stellte, die alle für erledigt hielten.  Man stellte ihn ein, obwohl er unbequem war, und beförderte ihn, gerade weil er es war. Wer quer dachte, war teuer. So wurden oft auch Stars geboren. Innerhalb von zwei Jahren wurde aus diesem Ehrentitel ein Vorwurf, aus dem Kreativen der Querulant.

Wer heute in einer Konferenz quer denkt, denkt einen Moment lang mit daran, wie das aussieht. Und so gilt in der Politik: Wer die Bedeutung eines Wortes beherrscht, beherrscht, was ohne Kosten gedacht werden kann. Das ist die billigste Form der Macht, und sie kommt ohne einen einzigen Paragraphen aus. Die Folgen werden aktuell gemessen: Kann man in Deutschland seine politische Meinung frei sagen, oder ist es besser, vorsichtig zu sein? Anfang der neunziger Jahre antworteten fast vier von fünf Bürgern: frei.

Im Herbst 2025 waren es nach Allensbach noch 46 Prozent; 44 Prozent rieten zur Vorsicht. Die Mehrheit dieses Landes zählt sich also nicht mehr zu denen, die frei sprechen. Elisabeth Noelle-Neumann hat den Mechanismus die Schweigespirale genannt: Menschen spüren mit feinem Sinn, welche Meinung im Fallen ist, und verstummen, lange bevor sie in der Minderheit sind. Ihr Schweigen wird als Zustimmung gelesen, was das Schweigen verstärkt. Die Spirale dreht sich, ohne dass jemand sie drehen müsste. Darum, ohne Zögern und ohne Angst: Die abweichende Meinung ist das Gold unserer Tage. Nicht, weil sie schöner glänzte, sondern weil sie das Seltene ist, und weil das, worauf es später einmal ankommt, immer in ihr steckte und in keinem Konsens je gefunden wurde.

Man muss dieses Gold nicht anbeten. Man muss es aushalten, auch wenn es in einer Hand liegt, die man nicht schätzt.

Man muss die Menschen ehren, die es wagen, und den Mut haben, den es kostet. Und man muss, wenn es so weit ist, am Tisch sitzen bleiben, den Blick nicht senken und den Satz zu Ende sprechen.

Redaktioneller Hinweis: Dieser Artikel erschien zuerst hier in der EpochTimes.

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Eine Antwort

  1. Zweifellos sehen wir hier ein kulturelles Problem. Ich hatte auf einem Kongress in Bregenz die Ehre mit Prof. Rainer Bischof, ehemaliger Orchesterchef der Wiener Philharmoniker und einer der führenden Intellektuellen Wiens. Wir saßen auf einer wunderbaren Terrasse mit Blick ins Kleinwalsertal, tranken grünen Veltliner, ich sagte irgendwann wie aus einer Eingebung ohne jede Einleitung zu ihm, ich sei dümmer aus der Schule gekommen als ich in sie hineingekommen sei. Er, wie aus der Pistole geschossen: „Endlich sagt es mal einer.“ Viele andere haben ebenfalls die Verdummung verspürt. Erziehung zur Freiheit? Pustekuchen. Denken lernen? Brauchen wir nicht. Widersprechen hatte seinen Preis, der für angehende Mediziner besonders hoch war, da das Damoklesschwert des Numerus Clausus über uns schwebte. Vielleicht hat die daraus resultierende Negativauswahl uns die Ärzteschaft beschert, deren Sozialkompetenz wir ganz intensiv zu Beginn dieses Jahrzehnts erleben durften, trotz wissenschaftlicher Ausbildung, nie Wissenschaftler geworden, gehorcht und den Mund gehalten trotz in 2021 2.400.000 abgerechneten Behandlungen von Impfnebenwirkungen. Für mich ist das unendlich traurig, aber nicht überraschend. Meinen Auszubildenden sage ich, dass ich von Ihnen lerne, dass es einen Unterschied gibt zwischen dumm und fleißig und schlau und faul, sie sind gefordert, Abläufe kritisch zu hinterfragen, an unserem Kaizen, dem Prozess der ständigen Verbesserung, teilzunehmen. Später dann, wenn sich die Gelegenheit ergibt, sage ich ihnen, sie sollen sich fragen, ob denken und Menschen verstehen grundsätzlich hilfreich sein könnte. Irgendwann, so hoffe ich, kommen sie dann darauf, was ich meine.

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