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Der Schriftsteller und die Wirklichkeit als Wirtschaftsminister

von Peter Löcke //

 „Wir sind umzingelt von Wirklichkeit.“ 

Als Robert Habeck das beim Abschieds-Talk von Anne Will sagte, fühlte ich mich ihm nahe. Von etwas umzingelt sein? Das Gefühl ist mir vertraut. Ob tatsächlich oder eingebildet – für Betroffene wie mich & Robert ist das ein beklemmender Gemütszustand. Er führt zu Angst und Panik, mitunter zu Paranoia. Jegliche Häme ist hier deplatziert. So identisch das Gefühl der Beklemmung bei mir und dem deutschen Wirtschaftsminister sein mag, so entgegengesetzt die Ursachen. 

„Ich bin umzingelt von Unwirklichkeit.“

So mein Gefühl seit März 2020. Um mich muss sich niemand Sorgen machen. Linderung erfahre ich durch das Schreiben von Kolumnen. Das ist mein Ventil, wenn ich mich von Unwirklichkeit bedrängt fühle. Welches Ventil hat der deutsche Wirtschaftsminister, wenn ihn die Wirklichkeit attackiert? Begeben wir uns auf Spurensuche. Robert & die Realität – das angespannte Verhältnis zwischen der Lebenswirklichkeit auf der einen und der Person Habeck auf der anderen Seite hat eine lange Historie. 

„Ich habe vor fünf Tagen mal Klamotten gewaschen. Die stehen seit fünf Tagen im Flur rum. Seit zehn Tagen habe ich nicht mehr abgewaschen, der Müll ist nicht rausgebracht, die Milch ist alle. Heute Morgen habe ich Müsli mit Wasser gegessen … ohne Scheiß. Ich hatte keine Milch mehr und auch keine Hafermilch … gar nichts mehr.“

Das sagte Robert Habeck zu Spiegel-Reporter Markus Feldenkirchen in einem als Porträt getarnten Werbefilm des WDR im Dezember 2021. Offensichtlich ist hier die Work-Life-Balance eines Politikers aus dem Ruder geraten. In einem solchen Fall braucht es eine konstruktive, lebensbejahende wie lösungsorientierte Beratung. Mein Vorschlag? Die veranschlagten 100.000 Euro jährlich für einen persönlichen Habeck-Fotografen, das sind in etwa 7.300 monatlich, könnte sein Ministerium für eine Haushaltshilfe (m/w/d) in Festanstellung verwenden. Die reinigt, bügelt und faltet Habecks schmutzige Graichen-Wäsche, erledigt seine Einkäufe inklusive Milch. Es muss ja nicht unbedingt AfD sympathisierende Müller-Milch sein. Befreit von den Herausforderungen des täglichen Lebens könnte  Habeck sich mit voller Kraft seiner eigentlichen Bestimmung widmen, die in der vorreitenden Transformation des Planeten liegt. Was für mich das Schreiben, ist für Habeck die Rettung der Welt. Das ist sein Ventil, wenn er sich von der Wirklichkeit umzingelt fühlt. Doch weiter in der Geschichte Robert & die Realität.

„Wir müssen die Wirklichkeit annehmen und die konkreten Probleme lösen.“ 

Die übliche Phrase eines Politikers, weil immer zu gebrauchen? Das möchte man meinen. Nur handelte es sich bei diesem Habeck-Bonmot um einen an die eigene Partei gerichteten Appell. Es war eine Forderung an die kritische Parteibasis, beim heiklen Thema Migration der Wirklichkeit ins Auge zu schauen. Der Satz ließ mich nicht los. Sollte es nicht eine Selbstverständlichkeit sein, die Wirklichkeit anzunehmen und heißt das im Umkehrschluss, dass die Grünen zuvor in einer Traumwelt lebten? Was genießt Priorität? Ideologie oder Wirklichkeit? Der Wirtschaftsminister schien meine Gedanken zu lesen. Auf dem Parteitag der Grünen beantwortete er mir meine Frage.  

„Unsere Ideologie heißt Wirklichkeit.“

Bitte was? Hier stoße ich an meine hermeneutischen Grenzen. Man kann nur spekulieren, was mit dieser kryptischen Formulierung gemeint war. Ich vermute, dass der deutsche Wirtschaftsminister beim Entwurf seiner Rede nach einem bedeutsam klingenden Satz suchte, der es als Überschrift in alle Gazetten schafft. Mission erfüllt! Das ist ihm gelungen.  

Leider gelang es Habeck nicht, mich bei Anne Will zu überzeugen. Anlässlich des letzten Auftritts der deutschen Talkshow-Legende habe ich mir die Sendung in Gänze angetan. Ich bereue es noch heute. Ich fühlte mich umzingelt von Unwirklichkeit. Bedanken möchte ich mich für die komischen Momente. Vor allem jenen Moment, als der verschwenderische Umgang der Ampel mit Steuereinnahmen hinterfragt wurde und Habeck sich rechtfertigte.

„Das mag man manchmal so wahrnehmen … der Staat prasst mit Geld. Aber die Gelder haben ja immer einen Empfänger. Das geht ja immer irgendwo hin.“ 

Sehr geehrter Herr Habeck. Ich möchte Ihnen einen gutgemeinten Ratschlag in Sachen Lebenswirklichkeit geben. Sollte Ihre Frau Andrea Paluch Sie demnächst besuchen, ich las von einer Fernbeziehung, und es fehlen 2000 Euro in der gemeinsamen Haushaltskasse – antworten Sie nicht, das Geld hatte einen Empfänger und ging irgendwo hin. Das wäre eine schlechte Idee. Mit dieser Antwort wird sich Ihre Gattin nicht zufrieden geben. 

Der Staat hat ein Vermögen an Steuereinnahmen. Im vergangenen Jahr waren es knapp 900 Milliarden Euro. Das ist die Wirklichkeit. Wenn Sie in Absprache mit Christian Lindner das Geld einfach verprassen und Deutschland in den ungebremsten Staatsbankrott führen, verhalten Sie sich wie die Fußballer-Legende George Best. Als der gefragt wurde, wo sein gesamtes Vermögen verblieben sei, gab er folgendes zu Protokoll:

„Ich habe viel von meinem Geld für Alkohol, Weiber und schnelle Autos ausgegeben. Den Rest habe ich einfach verprasst.“

Witz komm raus, du bist umzingelt!

Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht in jedem Fall die Meinung des Herausgebers wieder.

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5 Antworten

  1. Allen drei Kommentaren kann ich nur vollumfänglich beipflichten und will nur anmerken: Der markante Satz mit der „Umzingelung“ lief selbst mir unübersehbar über den Weg, der herkömmlichen Medien seit langem vollständig entsagt, jedoch bis gestern genau fünf Wochen lang einem ungewollten, technisch bedingten Netz-Fasten ausgesetzt war. Dazu, der Wahrnehmung des Satzes, genügte gelegentliches Netz-Asyl anderswo zur Erledigung des Allernötigsten. Also fraglos ein prominenter Satz, der dem infantilisierenden Buchautor bei der Anne, die wollte, gelang!

  2. Ich stelle mir den Bundesminister in seiner gepanzerten Dienstlimo auf dem Weg zum Bioladen vor. Anbei der unvermeidliche Personenschutz in einem übermotorisiertem SUV mit Sonnenbrillen und 9 Millimeter Wummen. Zu allem Überfluss noch so eine Hafermilch Story daher zu stammeln, ist doch eine Beleidigung der Intelligenz selbst der nicht besonders hellen Köpfe. Sich von Wirklichkeit umzingelt zu fühlen, läßt mich ahnen, dass Robert Habeck sich im Unwirklichen weniger bedrängt, sozusagen geborgen bzw. heimisch fühlt. Eine Realitätsferne als Lebensprinzip ist hier möglicherweise Grundlage des politischen Handelns. Darüberhinaus durchwebt mit einem quasi religiösen Sendungsbewußtsein, das natürlich daran glaubt, dass der Zweck die Mittel heiligt, sozusagen über dem Gesetz steht. Das hatten wir schon mal – als damals das Narrativ zusammenzubrechen drohte, wurde die Inquisition eingeführt und die Realität dem Glauben rücksichtslos unterworfen. Manche sehen da Parallelen zu aktuellen Entwicklungen. Leider ist die Rettung fern, wenn man von Alice Weidel zu hören bekommt, dass Henry Kissinger ein Guter gewesen sei. Da hat sie sich wohl zu sehr ihrer Herkunft aus der angelsächsischen Finanzindustrie verpflichtet gefühlt und vergessen, dass genau dieser Mensch Vorläufer des Vereins von einem gewissen Klaus Schwab auf den Weg brachte und in düsteren Zeiten die amerikanische Außenpolitik bestimmte.

  3. Es ist unglaublich, mit welch bösartiger Ignoranz dieser Kinderbuchautor die ungeheuerliche Steuerverschwendung in diesem Land schön redet. Man könnte meinen, er gehört zu den Grünen. Die beiden vermeintlich wichtigsten Politiker nach einem unfähigen und vergesslichen Bundeskanzler wirtschaften uns in den Ruin bzw. machen Deutschland in der Welt lächerlich. Es tut Not, hier etwas zu verändern.

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