von Peter Löcke //
Gewinne! Gewinne! Gewinne!
Meine erste Glücksspielerfahrung hatte ich bereits als kleiner Junge. Der Jahrmarktschreier, der mir diese Gewinne, Gewinne, Gewinne versprach, behielt tatsächlich Recht. Ich gewann sogar den Jackpot. Ich gewann den Losbuden-Hauptpreis in Gestalt eines überdimensionalen Pandabären. Leider löste sich das schlecht zusammengenähte Riesenvieh genauso schnell auf wie mein Traum vom schnellen Glück. Kaum wieder daheim gestand mein Vater, das Plüschtier heimlich hinter meinem Rücken für dreißig deutsche Mark erstanden zu haben. Die Tatsache, dass ich nur Nieten in meinen kleinen Händen hielt, hatte mich nach spontaner Euphorie kritisch nachfragen lassen. Mein Fehler.
Im Nachgang war mir das eine Lehre, die sich als Glücksfall erwies. Der Leidenschaften, Süchte und Sehnsüchte habe ich genug. Da muss das Zocken nicht auch noch hinzukommen. Wenn ich heute in seltenen Fällen fünf Euro in den Glücksspielautomaten einer Gaststätte investiere, hat das einen profanen Grund. Dann habe ich zuvor genervt ein Gespräch am Tresen verlassen. Die Begründung „Ich geh mal etwas spielen“ erscheint mir in solchen Momenten einfach taktvoller als den wahren Grund meiner Flucht zu erläutern.
Genug der eigenen Erlebnisse. Ich wechsle in die Position des Beobachters. Eins zu 140 Millionen! So verschwindend gering ist die Wahrscheinlichkeit auf den Jackpot beim staatlichen Lotto. Und doch leben Woche für Woche Millionen Menschen den stochastisch nahezu unmöglichen Traum vom Hauptgewinn in der Lotterie. Die Realität? Es gibt nur einen großen Gewinner. Das ist der Staat selbst [1], der sich regelmäßig die Hälfte des von Glücksrittern investierten Geldes einverleibt. Mehr noch. Der deutsche Staat ist zynisch genug, Glücksspiel anzubieten, vom Glücksspiel zu profitieren, um gleichzeitig vor Glücksspiel als Gesundheitsgefahr zu warnen.
Apropos Gesundheit. Warum sind zunächst Jens Spahn und später Karl Lauterbach nicht auf die grandiose Idee unserer österreichischen Nachbarn gekommen? Die haben während der Impfkampagne neben niedrigschwelligen Anreizen auch auf hohe Träume gesetzt. Zur Steigerung der Impfquote organisierte der ORF eine landesweite Lotterie [2]. Für nur einen Piks erhielt man als Teilnehmer die Chance auf den Gewinn eines Traumhauses sowie anderer lukrativer Preise. Theoretischer Bungalow oder praktische Bratwurst? Vermutlich würde ich mich in diesem Ausnahmefall auch für Losbude statt Bratwurstbude entscheiden. Um Missverständnissen vorzubeugen: Mit der Impflotterie vom ORF ist nicht das Chargenlotto [3] von Biontech gemeint.
Erinnert sich Deutschland mit Verspätung an Österreichs Marketing? Das ist nicht gesichert. Gesichert ist nur, dass jetzt auch die Bundeswehr eine Lotterie in Betracht zieht [4]. Zur Erhöhung der Rekrutenzahl soll ein verpflichtendes Losverfahren installiert werden. Wie muss man sich das in der Praxis vorstellen? Vermutlich so: Von hundert 18-jährigen, die einen Fragebogen der Bundeswehr erhalten und ausgefüllt zurückschicken, werden siebzig gezogen und anschließend eingezogen.
Der Lotterievorschlag wird gerade heiß diskutiert und stößt nicht nur bei mir auf Unmut. Meine Kritik richtet sich gegen die Teilnahmebedingungen. Mir scheint, dass hier der Charakter einer Lotterie nicht verstanden wurde. Eine Lotterie ist freiwillig. Diese wäre verpflichtend. Bei einer Lotterie möchte man, dass das eigene Los gezogen wird. Hier hoffen die Gemusterten, dass der Kelch des Gewinns an ihnen vorübergeht. Wer spielt schon gerne Russisch Roulette angesichts der realen Kriegsgefahr auf europäischem Boden. Dann gibt es nur Verlierer, Verlierer, Verlierer!
Was interessiert mich mein Geschwätz von gerade? Morgen spiele ich auch mal wieder. Dann gehe ich auf Los. Dann spiele ich mit ein paar Freunden das kapitalistische Spiel Monopoly. Meine Ansprüche bei diesem Klassiker des Brettspiels haben sich im Laufe der Zeit geändert. Ich muss nicht mehr gewinnen. An einen Bankirrtum zu meinen Gunsten glaube ich ebenso wenig wie an ein Hotel in der Schlossallee. Mir reicht eine Mietwohnung in der Badstraße, etwas Spielgeld für das reale Leben und zu meiner eigenen Sicherheit die „Du kommst aus dem Gefängnis frei“-Karte.
Sollte dann im Hintergrund der Fernseher laufen und mir ein politischer Marktschreier Alternativlose verkaufen wollen, werde ich dankend verzichten. Diesen Bären hat man mir schon in meiner Kindheit aufgebunden und verkauft.
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2 Antworten
Die Frage ist, ob ein solches Losverfahren mit dem Gleichheitssatz aus Artikel 3 des Grundgesetzes in Einklang zu bringen ist. Wer dies bejaht, müsste konsequenterweise zulassen, dass z.B. Frauen wieder diskriminiert werden dürfen.
Ob jemand Männlein oder Weiblein ist, wird nämlich auch per Losverfahren entschieden. Von Mutter Natur höchstpersönlich. Nun gut, Eltern können dabei tricksen. Aber auch Eltern erhält man eben per Losverfahren, die kann man sich nicht aussuchen.
Wäre ich noch mal 18, würde ich mit ähnlich verzerrter Miene wie einst Marcel Reich-Ranicki sagen: „Ich nehme diesen Preis nicht an.“
Es gewinnen immer die Losbuden-Besitzer! Jedenfalls mehr als 99,9 % der Spieler. Natürlich müssen sie an 0,1 % der Gewinner etwas abgeben, sonst würde ja keiner spielen. Im Atomkriegzeitalter hat sich das gravierend geändert. Es gewinnt niemand mehr. Auch nicht die Losbudenbesitzer, die sich das noch einreden, weil sie auf den Bahamas oder sonstwo sitzen. Aber nutzt das wirklich im Atomaren Winter? Die Losverkäufer sitzen in einer großen Lache aus Benzin und bewerfen sich gegenseitig mit Streichhölzern. Und wir alle gucken ihnen dabei zu. Falls nur eines zündet geht alles in die Luft. Was ist eigentlich unser Gewinn bei dem „Spiel“? Ach so ja, die Losbudenbesitzer schützen uns vor den anderen Losbudenbesitzern, die noch schlimmer sein sollen als sie selber. Der atomare Irrtum einkalkuliert. Die Vernichtung der Zivilisation. Wie sagte Albert Einstein: „…dass er nicht wisse, mit welchen Waffen der dritte Weltkrieg geführt werde, aber der vierte Weltkrieg mit Stöcken und Steinen.“ Wie lange will die Menschheit diesem völlig verrückten Spiel der Losbudenbesitzer noch zugucken? Und jetzt kannst du mit Achtzehn losen, ob du weiter oder näher am Atomblitz sitzen willst. Wahnsinn. Falls es in einhundert Jahren die Menschheit noch gibt, wird man dieses Zeitalter, als das der Idioten bezeichnen. Das erste Zeitalter wo die Idiotie sich kollektiv Bahn brach.