Whistleblow

Die Nikolausansprache

von Peter Löcke //

Ich bin spät dran. Viel zu spät für eine Weihnachts- oder Neujahrsansprache. Deswegen wird diese Kolumne nur eine unterkühlte Nikolausansprache werden. Es lag nicht an meiner Motivation. Bereits Mitte Dezember war ein Dokument angelegt, in dem ich salbungsvoll auf das vergangene und bedeutungsschwanger auf das neue Jahr blicken wollte. Nur wollte sich dieses pathetische Gefühl partout nicht einstellen. Stattdessen ein Dauerkopfschütteln, eine innere Leere, ein Gefühl von Fassungslosigkeit, manchmal auch von Belustigung angesichts des täglichen Wahnsinns. Irgendwann ließ ich es sein. Irgendwann hatte ich den Titel des Dokuments vergessen und den Ort, wo ich es abgespeichert habe. Ich habe gerade vergeblich gesucht. File not found.

Welche Gedanken und Gefühle hatte ich, wenn nicht Pathos? Kognitive Dissonanz. Diese Begrifflichkeit aus der Sozialpsychologie fasst meine Stimmungslage am besten zusammen, denn definiert wird kognitive Dissonanz als ein unangenehm empfundener Gemütszustand, der entsteht, wenn ein Mensch unvereinbare Gefühle und Beobachtungen in sich trägt. Widersprüche also. Dinge, die einfach nicht zusammenpassen. Ein Grund waren die vielen Ansprachen und Reden zum Jahreswechsel. Wer hat noch nicht? Wer will noch mal?

Steinmeier zu Weihnachten, Scholz zum Jahreswechsel. Der Inhalt der Reden wurde auf anderen Plattformen genügend seziert. Wenig wurde die Form, das WIE diskutiert. Dieser einschläfernde, monotone Singsang sowohl aus dem Mund des deutschen Kanzlers wie auch aus dem des deutschen Bundespräsidenten. Man wünscht sich Prinz Eisenherz und bekommt Prinz Valium. Selbst für den unwahrscheinlichen Fall, dass die jeweiligen Redenschreiber einen besseren Tag erwischt hätten – niemand würde Steinmeier und Scholz Weisheit, Empathie, Euphorie, Enthusiasmus und Tatendrang abkaufen. Oder würden Sie sich eine CD kaufen, auf der Dieter Bohlen Songs von Sinatra oder Tom Waits interpretiert? Immerhin stimmte die Kulisse, der Hintergrund. Das ist nicht immer der Fall. Siehe Christine Lambrecht.

Dank Smartphone und sozialer Medien kann ein jeder Politiker seine persönliche Predigt zum Jahreswechsel unters Volk bringen. Dachte sich auch unsere Verteidigungsministerin. Und sprach besinnliche Neujahrs-Worte, während im Hintergrund besinnungsloser Neujahrs-Krach herrschte. Die Volksseele kocht, selbst der Mainstream ist empört. Ich empfand nur tiefes Mitleid. Hat die Dame denn nicht spätestens nach dem Helikopterflug mit ihrem Sohnemann auf dem Schoß einen Berater, der Lambrecht vor Lambrecht schützt? Ich bewerbe mich als solcher.

Liebe Verteidigungsministerin. Sollten Sie demnächst öffentlich vor der Erderwärmung warnen wollen, dann tun Sie dies nicht frierend in einem Sommerkleid am Nordpol. Das funktioniert nicht. Es sei denn, Sie haben einen kleinen Eisbären auf dem Arm und stehen auf einer schmelzenden Eisscholle. Dann schon.

Nun endlich zu meiner eigentlichen, termingerechten wie kurzen Nikolausansprache der kognitiven Dissonanz. Wo empfand ich diese vor allem? Beim Verfolgen der Darts-WM im Alexandra Palace in London. Früher speisten und tanzten hier die Royals. In den vergangenen Wochen tranken und tanzten im sogenannten Ally Pally das Volk und der Bär. Was für eine Atmosphäre. Ein lauter, politisch unkorrekter  Haufen. Feiernd, saufend, grölend, schwitzend. Die eigentlichen Dart-Stars auf der Bühne entsprachen so gar nicht dem Schönheitsideal eines Olympioniken aus der griechischen Mythologie. Tätowiert bis unter die Achselhöhlen, mit antrainiertem Waschbär- statt Waschbrettbauch. Bewusst ungesunde Ernährung halt. Dafür hatte jeder Gladiator einen eigenen Künstlernamen und eine eigene Einlaufmusik. So geht Drama. So funktioniert Marketing, liebe Tina, lieber Frank-Walter und lieber Olaf. Dann jubelt das Volk auch beim Double out statt über den Doppelwumms zu kichern.

Es ist nicht jedermanns Sache. Und jeder Frau Sache ohnehin nicht. Dennoch fand ich es schön. Schön, weil es so gar nicht sozial distanziert war. Welch ein Superspreader-Event in unserer klinisch sterilen Gesellschaft, wo alles sanktioniert, kontrolliert, kastriert, epiliert und Ganzkörper-rasiert zu sein scheint. Das war es schon mit meiner Nikolausrede. Fast.

Aufgrund der Darts-WM habe ich mich an die Kreidezeit meiner Jugend erinnert. Pfeile schmeißen in der Gartenlaube auf eine nicht elektronische Scheibe. Direkt neben dem Board eine Schiefertafel, auf welchen die Spielstände mit einem Stück Kreide notiert wurden. Mit steigendem Alkoholpegel sanken Trefferquote wie einfachste Rechenkünste. Es wurde viel gelacht. Es war politisch inkorrekt. Es blieb immer friedlich. Schön war‘s. Also bin ich in verstaubten Kellergefilden auf die Suche gegangen nach Scheibe, Tafel und Co. Was soll ich Ihnen sagen? Pfeil not found. 

Und den Rest auch nicht. Dafür mein altes Poesie-Album aus Schultagen. Auf Seite drei stand eine vorausschauende Kritik an den Reden von Steinmeier, Scholz und Lambrecht. Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Ein sprachlicher Pfeil, der ins Schwarze trifft. Bull‘s eye!

Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht in jedem Fall die Meinung des Herausgebers wieder.

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3 Antworten

  1. Schweineborsten. Die gute alte Dartsscheibe war aus Schweineborsten! Mit zwanzig hatte ich auch so eine. Dann war sie ausgeliehen, jahrzehntelang, an Freunde, die letztes Jahr den Keller ausmisteten, dabei auf mein gutes Stück stießen, so dass es wieder zu mir zurück fand. Eigentlich hatte ich gar keine Verwendung dafür. Jetzt hat sie eine, nämlich zumindest hier verewigt zu werden, um einen der Club-Autoren zu erfreuen. Oder neidisch zu machen, je nachdem ,-)

    Übrigens begann viel später, die Scheiben waren längst elektronisch, meine Schwägerin, das „Darten“ zu einem intensiven, sportlich anspurchsvollen Hobby zu machen. Naturgemäß wettkämpfte sie in Gaststätten der Großregion, entsprechende Atmosphäre inklusive. Später sattelte sie um und spielt seither Bass. Die Athmosphäre ist oft die gleiche wie zuvor. Früher, bevor sie Mutter wurde, war sie in Gasstätten lange Köchin. Der Branche blieb sie treu, nicht nur beim Hobby, sondern auch beruflich, wo sie später bei einem Mittelständler anheuerte. Sie ist übrigens studierte Mathematikerin. In Peter Löckes Worten also bestes Beispiel für „nicht jede Frau“. Das versuche ich mir zu merken 🙂

    Dem Lamprecht-Video konnte ich gestern natürlich auch nicht entgehen. Hatte den spontanen Impuls, daraus eine kleine Video-Miniatur zu schneiden für meinen kleinen YouTube-Kanal. Doch fehlten dazu Zeit wie auch inzwischen die Notwendigkeit, denn Lamprecht ist allzu leichtes Opfer, über das selbst der mediale und politische Mainstream herfällt. Immerhin animierte sie mich umgehend zu einen kleinen Reim, der auch ein Reim sein könnte, den man sich auf die deutsche Politik der drei vergangenen Jahre macht:

     Das Kabarett
     hat’s nicht nett:
     Denn Realsatire
     strebt unter Schmiere
     vollkommen verwegen
     neuen Gipfeln entgegen!

    Auf dieses kleine Fazit des Vergangenen noch mein bildlicher Ausblick auf das Neue, entsprungen einem Fund bei einem anderen alternativen Kanal, nur ein klein wenig verfeinert, um es Neugierigen vorzeigen und zur Verfügung stellen zu können:
    https://drive.google.com/file/d/1vm40dcOozZnlkaV8O8T-60Ar-XRMr0eZ/view

    So wie mich vor drei Jahre langsam ein Störgefühl beschlich, beschleicht mich seit geraumer Zeit das Gefühl, dass es 2023 auf „uns“ ankommen wird. Und zwar im Kleinkrieg der gesellschaftlich wie ganz persönlich festgefahrenen Fronten. Mich dünkt, es sei da schon ein klein wenig in Auflösung begriffen und in Bewegung geraten. Halten wir also die Ohren steif!

    Allen Clubberern meine besten Wünsche!

  2. Vielen Dank, werter Herr Löcke,

    nun hab auch ich endlich begriffen, was es mit diesem Dart-Sport auf sich hat. Das spielten wir seinerzeit bis zum Abwinken, ich hatte so eine Scheibe, wo die Pfeile denn, sofern man halbwegs getroffen hatte, in hervorstehenden Plastikkupseln stecken blieben. Dann eine Magnetpfeilen und erst viel später so eine “Richtige”. Aber war alles völlig egal, das machte Spaß und wichtiger als Berechnungskünste den Spielstand betreffend war ohnehin zu überschlagen, ob noch eine Runde gehe oder zeitlich besser erst noch rasch Prozession zum Getränkehändler angezeigt wäre.

    Neidlos bewundere ich noch heute das fetteste Schwein in unserer Runde, der warf wie ein junger Eros seine Pfeile, ich war ja schon froh wenigstens ins Niemandsland geschossen zu haben.

    Aber, um zum Ernst des Themas zu kommen: Ich war kein Mensch in verantwortungsnötiger Politik, und es wäre reichlich unwahrscheinlich gewesen, daß mich jemand beim Weihnachtsblabla gefilmt hätte und das dann sogar Eingang in “Qualitätsfunk” gefunden hätte.

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