Kommentar von Markus Langemann //
Ich vermisse den Widerspruch. Nicht den infantilen Trotz, sondern den aufrechten Widerstand gegen das Bequeme, gegen die behagliche Einhegung der Kultur in Förderlogiken, Gremien und Debattenhygiene. Es gab einmal diesen Ton, rau und doch präzise, der dem Establishment das Lachen austrieb. Punk war mir selten lieb, aber stets verständlich: eine Ethik der Zumutung, ein Nein, das sich nicht abkaufen ließ. Auch im deutschsprachigen Pop gab es Momente nüchterner Distanz: Niedecken, Kunze, Campino – und Westernhagens „Freiheit“, die offiziell nur die künstlerische meinte, de facto aber wenigstens eine. Heute wirkt manches im Rückspiegel – wie Gratismut.
Gesänge gegen die Macht, vorgetragen auf Bühnen, deren Backstage längst an die politische Bimmelbahn angeschlossen ist. Von wegen „Hinterm Horizont geht’s weiter“ – oft geht’s für alternde Pop-Proleten nur weiter im Abteil der ersten Klasse. Der Künstler, der sich einmal als Aufklärer verkaufte, gibt sich zu oft mit der Pointe zufrieden.
So dokterten „Die Ärzte“ schon mal live in den Tagesthemen an der Eröffnungsfanfare und Bela B. diagnostizierte angepasst peinlich und mainstreamkompatibel: „…solange Corona so wütet wie jetzt gerade…“. In diesen Regierungs – „Sonderzug nach Pankow“ gehört auch meine alte Ambivalenz gegenüber den Fantastischen Vier. Ich war nie Jünger, aber oft wohlwollender Zeuge: Tickets gekauft, sogar Reihe 1. Fanta 4 waren – und sind – eine großartige Live-Maschine, ein Kollektiv, das über Dekaden zusammenhielt. Chapeau! Zugleich blieben sie inhaltlich die Kuratoren des Leichten: Sprachspiel, Alltag, milde Zeitdiagnostik. Das war legitim, ja erfolgreich. Aber es war nie der Stachel.
Kurz: Fanta 4 stehen kulturgeschichtlich für die Popularisierung und Institutionalisierung von Deutschrap, weniger für Opposition als Prinzip. Schon klar!
Dann kam die Pandemie – und mit ihr die Luca-Episode, die mir als Zäsur erschien. Die Luca-App wurde mit der Fantastic Capital Beteiligungsgesellschaft UG mitgegründet, mit rund 22,9 % am Stammkapital wird sie dem Bandumfeld zugerechnet. Smudo fungierte öffentlich als Gesicht und Verteidiger des Produkts. Luca als System zur Kontaktverfolgung (QR-Check-ins, Entschlüsselung für Gesundheitsämter) und erhielt später Funktionen zum Hinterlegen von EU-COVID-Zertifikaten – damit wurde im Einlassprozess ein 2G/3G-Status technisch prüfbar.
Das wars dann! Wer Kunst einst als Korrektiv zur Macht imaginiert hat, musste sich hier an einem Produkt reiben, das sichtbar an behördliche Maßnahmen andockte und mit staatlicher Nachfrage skalierte. Das wirkt, gelinde gesagt, zu nah am Regierungsnarrativ – nicht als Debatte, sondern als Dienstleistung. Das hatten wir auch schon mal.
Ich unterstelle niemandem böse Absicht. Ich kritisiere die Verwechslung von technokratischer Lösungsrhetorik mit gesellschaftlicher Verantwortung. Hey ihr 4, wenn Ihr nicht im Tiefen schwimmen könnt – dachte ich mir damals – dann haltet euch weiter in eurem lustigen Beachclub auf und macht dort eure Pop-Pop-Populär-Party. Im seichten seid Ihr Super.
Kunst muss nicht oppositionsromantisch sein. Aber sie sollte sich nicht selbst zum Erfüllungsgehilfen machen. Insofern wundert es mich kaum, wenn dieselben Kreise, die früher gern „gegen oben“ sangen, heute demonstrativ Distanz zu unpassenden Tischgesellschaften pflegen würden – mit der gebürtigen Russin Anna Netrebko, würde man sich vermutlich gar nicht erst an einen Dinner-Tisch setzen. Das ist elende Moral gepaart mit Markenhygiene.
Und die Fantas? Wer, wie ich, lange stiller Begleiter war, erkennt in der Luca-Kurve einen Bruch mit dem eigenen kulturellen Kern: Statt Reibung – Optimierung. Statt Zweifel – Akzeptanzdesign. Das mag kluges Business sein; künstlerisch bleibt es dünn.
Also gut: Wenn Rebellion im Kulturbetrieb ausbleibt, macht man sie eben selbst. Herrjehh! Alles muß man selbst machen. Hier ein Angebot ohne Subvention, ohne Gremium, ohne „Taskforce“ – ein Rap-Stück zum Hören. Und den mitlesenden FANTAS sage ich: Hier! Nimm‘ das.“
Die BOMBASTISCHEN 5.
Exklusiv hier zu hören und zu laden. Bitte verteilen, bitte laut spielen. Im Cabrio, auf der Terrasse, im „Pony“ auf Sylt. Vielleicht heilt das ein wenig die Enttäuschung über viele Bühnen-Helden. Nicht nur meine. So gesehen kann KI mehr als manche gefallene Pop-Helden.
