Die Würde des Menschen

von Peter Löcke //

Die Würde des Menschen ist unantastbar.

So lautet Artikel 1 Absatz 1 des Grundgesetzes. Ganz oben steht dieser Satz als juristisches Grundprinzip. Die unantastbare Menschenwürde scheint das Fundament zu sein für das großartige Gebäude, was wir demokratischen Rechtsstaat nennen. Ich habe lange an all das geglaubt. Heute nicht mehr.

Welch ein pathetischer Blödsinn! So denke ich heute. Die Würde des Menschen wird mehr als nur angetastet. Antasten? Das klingt fast nach einer zärtlichen Berührung. Die Menschenwürde wird jeden verdammten Tag attackiert und angegriffen  von jenen, die sie eigentlich schützen sollten. Sie wird von der Geburt bis zum Tod betatscht und bedroht. Vor der Geburt müsste es richtigerweise heißen. Die Würde des Menschen wird bereits vor der Geburt bedroht.

„Dabei sprechen gute Gründe dafür, dass das verfassungsrechtliche Lebensrecht pränatal mit einem geringerem Schutzstandard gilt als für den geborenen Menschen. Anders als der geborene Mensch ist das Ungeborene nicht allein lebensfähig (…).“

Die Sätze stammen, Sie ahnen es, aus einer juristischen Stellungnahme [1] von Frauke Brosius-Gersdorf zum Thema Schwangerschaftsabbruch. Das politische Possenspiel rund um die Frau, die zunächst das Ja-Wort von Merz erhielt, dessen Wahl zur Verfassungsrichterin nun dank „rechtzeitig auftretender Plagiatsvorwürfe“ auf Eis gelegt wurde, soll hier nicht weiter thematisiert werden. Welches Menschenbild, welche Vorstellung von Menschenwürde verbirgt sich hinter dem Gedankengut der Verfassungsrechtlerin Brosius-Gersdorf? Es ist ein Menschenbild, das an dunkelste Zeiten erinnert. Meine Kollegin Diana-Maria Stocker betrachtet in Ihrem Kommentar [2], den ich allen Lesern wärmstens empfehle, den historischen Kontext.

Ich bleibe beim obigen Zitat. Es sagt mehr über Brosius-Gersdorf aus als nur ihre Ansichten zum traditionell umstrittenen Thema Abtreibung.

Das verfassungsrechtliche Lebensrecht genießt also bei Geborenen einen größeren Schutzstandard als bei Ungeborenen. Die nachfolgende Begründung lässt aufhorchen. Es bestehe ein größerer Schutz, weil Geborene im Gegensatz zu Ungeborenen alleine lebensfähig seien. Bleiben wir in dieser bedenklichen Logik. Was ist mit Säuglingen, mit Kindern, mit Kranken, mit Dementen? Alleine lebensfähig sind diese Menschen kaum. Also sprechen in Brosius-Gersdorf-Denke „gute Gründe“ dafür, dass auch diese Bedürftigen einen geringeren Schutzstandard genießen.

Mir gefriert das Blut in den Adern.

Die Würde des Menschen ist ein grundrechtlicher Güterkonflikt, bei dem verfassungsrechtlich abgewogen werden muss. Ungeborene genießen weniger Rechte als Geborene, Ungeimpfte weniger Rechte als Geimpfte. Desweiteren erhalten AfD-Wähler einen geringeren Schutzstandard als Wähler der Einheitspartei „UnsereDemokratie“ sowie lebensfähige Menschen weniger Rechte als jene, die lebensunfähig sind.

So könnte Artikel 1 und folgende des neuen Grundgesetzes lauten. Es wäre im Sinne der Brosius-Gersdorf-Befürworter, von denen es erschreckend viele gibt. Die makabre Auflistung steht selbstredend unter Vorbehalt und ist erweiterbar auf Menschen, die den Menschen gemachten Klimawandel oder die Alleinverantwortung Putins für den russischen Angriffskrieg infrage stellen.

Artikel 3 entfällt konsequenterweise ganz. Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich? Wer glaubt denn noch an so etwas? Machen wir uns endlich ehrlich:

Die Würde des Menschen existiert nicht mehr.

Doch, das tut sie. Ab hier möchte ich optimistisch werden. Jede Medaille hat zwei Seiten. Bisher wurde nur die Seite betrachtet, die die Menschenwürde mit Füßen tritt.

Wie einfach wäre doch mein Leben, wenn ich einfach nur solidarisch gewesen wäre? Lass dich impfen, denn das ist die Eintrittskarte zurück ins gesellschaftliche Leben. In schwachen Momenten habe ich so gedacht. Vielleicht erging es einigen Lesern ähnlich. Ich wurde entrechtet, entmenschlicht, in einer Kneipensituation wurde meine Würde mehr als nur angetastet. Ich bekam einen Faustschlag ins Gesicht. Mein Vergehen lag darin, dass ich auf Nachfrage eingestand, nicht geimpft zu sein. Was hat mir stets geholfen, diese schwachen Momente zu überwinden?

Meine menschliche Würde. Selbstachtung.

Man kann versuchen, Menschen zu entwürdigen. Man kann Menschen würdelos behandeln. Politik, Justiz und Medien können die Würde von Andersdenkenden antasten, angreifen, attackieren. Doch wegnehmen? Das funktioniert nicht. Menschenwürde ist ein inneres Gut, auf das keine Institution Zugriff hat.

Abseits der vorherrschenden Diskussion um die Ernennung der neuen Verfassungsrichter gab es eine weitere Meldung. Endlich eine Enquete-Kommission! Ein Gremium aus jeweils 14 Politikern und Sachverständigen möchte nun die Corona-Pandemie aufarbeiten. In zwei Jahren soll es dann einen Abschlussbericht geben, damit Deutschland besser auf zukünftige Pandemien vorbereitet ist.

Können und dürfen die das? Natürlich können sie. Man kann auch Al Capone zum Richter ernennen, um Mafia-Verbrechen aufzuarbeiten. Möchte man Schreien vor Wut? Auch das. Doch dann lächle ich in mich hinein, weil mir etwas bewusst wird. Den Menschen, die dafür verantwortlich sind, fehlt etwas. Ob sie es verloren haben oder niemals besaßen, kann ich nicht beurteilen.

Ihnen fehlt menschliche Würde. Ihnen fehlt etwas, was ich besitze. Sie tun mir leid.

Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht in jedem Fall die Meinung des Herausgebers wieder.

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Eine Antwort

  1. Gesetze wie Verträge sind nur Papier mit Buchstaben, wenn es Menschen gibt, die deren Inhalte für sich nicht für bindend halten. Gesetzesverstösse und Vertragsverletzungen hat es immer gegeben, auch schon immer durch Regierungen oder Kirchen. Die haben nur in der Vergangenheit so getan, als gäbe es so etwas nicht. Die Forderung nach Menschenwürde und Demokratie verlangt deren Durchsetzung als kulturelle Leistung des einzelnen Menschen in einer Gesellschaft. Niemand ist ein Souverän ohne es sein zu wollen. Wir sollten uns fragen, was wir für den Staat – wie wir ihn uns wünschen – tun können, nicht was der Staat für uns tun kann (frei nach JFK).

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„Kontroversen sind kein lästiges Übel, sondern notwendige Voraussetzung für das Gelingen von Demokratie.“ Bundespräsident Dr. h.c. Joachim Gauck a.D., vor nur 5 Jahren in seiner Rede zum Tag des Grundgesetzes.

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