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Doppelmoral bei Alice Weidel?

// Kommentar von Peter Löcke

Scheinheiligkeit, Bigotterie, Doppelmoral. Am Ende war es ein Fall von Doppelmoral, der Jens Spahn sein Amt als Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion kostete. Spahn, der sich noch im Februar 2026 auf dem Parteitag gegen Leihmutterschaften positionierte und für ein Verbot plädierte, nutzte als Privatperson die legalen Möglichkeiten in den USA und präsentierte im Juli gemeinsam mit Ehemann die neu gegründete Familie Spahn, bestehend aus Papa, Papa, Kind. Das machte viele wütend. Mich auch, nur aus anderen Gründen.

Jens Spahn ist Al Capone. Das war mein erster Gedanke. Der berühmte Mafiaboss aus Chicago wurde wegen Steuerbetrug und nicht wegen seiner Gewaltverbrechen zu elf Jahren Haft verurteilt. Spahns Schwerverbrechen liegen in der Akte Corona begraben. Nun gut. Der Vergleich hinkt ein wenig. Al Capone saß seine Strafe im Gefängnis ab, der ehemalige Gesundheitsminister sitzt zur Strafe ausgerechnet im Haushaltsausschuss. Das finde ich höchst amüsant. Das ist in etwa so, als ob Al Capone nach Absitzen seiner Gefängnisstrafe Boss einer NGO geworden wäre, die Hass und Hetze in Chicago bekämpft. Hinkt auch der Vergleich von Jens Spahn und Alice Weidel? Darum soll es eigentlich in diesem Kommentar gehen.

Trifft der Vorwurf der Doppelmoral auch auf Alice Weidel zu? Sind ihr Lebensstil und ihre persönlichen Werte „kompatibel“ mit den von der AfD in offiziellen Parteiprogrammen angepriesenen Werten? Ist das, was Alice Weidel persönlich lebt, vereinbar mit christlichen Werten? Ein Auseinanderdriften zwischen „privat & beruflich“ wurde bereits Spahn zum Verhängnis. Könnte genau das auch der Vorsitzenden der AfD-Bundestagsfraktion passieren? Schauen wir uns zunächst die Fakten an ohne jegliche moralische Bewertung.

Alice Weidel lebt in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung mit der Schweizer Filmproduzentin Sarah Bossard, die in Sri Lanka geboren ist. Das Paar ist seit fast zwei Jahrzehnten liiert und lebt in einer eingetragenen Partnerschaft. Sie ziehen gemeinsam zwei Söhne groß. Die beiden Söhne wurden nicht adoptiert, sondern von Bossard nach einer Samenspende ausgetragen. All das ist hinlänglich bekannt. Was genau steht in AfD-Programmen wie in dem von Sachsen-Anhalt? Das ist weniger bekannt.

„Ein stabiles Umfeld, eine intakte Familie bestehend aus Vater, Mutter, Kindern ist erwiesenermaßen die beste Voraussetzung für eine gute und gesunde Kindesentwicklung.“

So steht es unter Punkt 11 „Die Familie als Keimzelle der Gesellschaft würdigen“. Und weiter? „Nur aus der Verbindung von Mann und Frau gehen Kinder und damit kommende Generationen hervor.“ Auch der Rest des Kinder- und Familienprogramms der AfD wirkt wie ein Gegenentwurf zu dem, was heute progressiv genannt wird. Elternrechte statt Kinderrechte, Schutz ungeborenen Lebens, Kinderwillkommensgeld, Schluss mit Frühsexualisierung und geschlechtsangleichenden Hormontherapien. Das, was die AfD schreibt, erinnert in vielen Teilen an das, was ein Helmut Kohl in den 1980er Jahren schrieb. Nur nannte Kohl die traditionelle Familie „Fundament der Gesellschaft“ statt Keimzelle der Gesellschaft.

Nur aus der Verbindung von Mann und Frau gehen Kinder und damit kommende Generationen hervor?

Das im Parteiprogramm stehende AfD-Ideal steht offensichtlich im Widerspruch zum eigenen Lebensstil von Alice Weidel. Und dieser Widerspruch wird ihr selbstverständlich von Leitmedien unter die Nase gehalten. Darauf angesprochen rechtfertigte sich Weidel in einem Interview auf ntv wie folgt:

„Also wir leben mittlerweile in einer ganz anderen Realität. Gleichgeschlechtliche Beziehungen sind gleichwertig zu behandeln. Aber wenn ich als Politikerin von einem gesellschaftlichen Zielbild rede, und das ist nun mal die traditionelle Familie, dann kann ich mich dafür einsetzen. Es ist kein Widerspruch.“

Weidels Antwort wirkt auf den ersten Blick wie ein Spagat. Man kann sich nicht einerseits für eine Gleichwertigkeit von Lebensmodellen aussprechen und andererseits die traditionelle Familie als gesellschaftliches Zielbild  anpreisen. Weil Weidel jedoch an anderer Stelle von rechtlicher Gleichwertigkeit (steuerlich und erbrechtlich) spricht, lässt sich dieser Punkt wohlwollend zu ihrem Gunsten erklären. Kein Widerspruch also.

Dass Weidel Kritik aus dem Mainstream erfährt, ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Apropos Amen & Kirche  – auch bibeltreue und eigentlich der AfD wohlgesonnene Kreise und Kanäle wie „Wort des Lebens“ kritisieren Alice Weidel. Der Grund liegt auf der Hand.

Siehe, Kinder sind eine Gabe des Herrn, die Leibesfrucht ist eine Belohnung. Psalm, 127,3

Wer streng nach dem Wort Gottes lebt, sieht gleichgeschlechtliche Beziehungen und andere Lebensmodelle eben nicht als gleichwertig an. Es gibt genügend Bibelzitate, die einzig die Verbindung zwischen Mann und Frau als gottesfürchtig und andere Lebensmodelle als sündhaft betrachten. Ich persönlich sehe das nicht so. Als zutiefst liberaler Mensch bin ich ein großer Freund von „Leben und leben lassen“. Das gilt auch für Alice Weidel.

Die Fraktionsvorsitzende der AfD ist eine Person, die wie kaum ein anderer Mensch polarisiert. Sie wird entweder geliebt oder gehasst. In dieser Gemengelage möchte ich mir meinen differenzierten Blick bewahren.

Liebe Frau Weidel, Ihre Rede im Bundestag am 9. September sprach vielen Menschen aus dem Herzen. So zumindest interpretiere ich die Aufrufzahlen und Likes auf dem öffentlich-rechtlichen Kanal „phoenix“. Wie immer lassen Sie Ihre politische Konkurrenz um Längen hinter sich. Zu Recht, wie ich finde. Und nun zum Aber.

Sollten Sie kritisch auf ein AfD-Wahlprogramm angesprochen werden – und das ist nun Mal Aufgabe von Journalisten –  würde ich folgendes unter keinen Umständen antworten:

„Ich muss Ihnen ganz ehrlich sagen, ich bin Bundesvorsitzende. Das ist das Parteiprogramm aus Sachsen-Anhalt. Es haben Konservative geschrieben, die vielleicht das nicht ganz so sehen wie ich.“

Die Antwort ist erstens politisch dumm und zweitens ein Zeichen von Doppelmoral. Was hat sich Jens Spahn wohl dabei gedacht, als er sich im Februar 2026 auf dem Parteitag der CDU für ein Verbot von Leihmutterschaften aussprach? Spahn dachte exakt das Gleiche wie Alice Weidel öffentlich über das AfD-Wahlprogramm sagte. Zitat:

„Die können reinschreiben, was sie wollen. Ich lebe etwas anderes.“

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14 Antworten

  1. Ich selbst habe damit überhaupt kein Problem oder auch nur ein Störgefühl.
    Für mich ist auch die Familie aus Mutter, Vater und Kind(ern) die Norm. Das war schon immer so und wird auch immer so sein.
    Nur: es muss sich nicht Jeder an die Norm halten. Jeder ist ein Individuum. Jeder hat das Recht, aus der Norm herauszutreten, wenn es für ihn besser ist. Wir sind eine freiheitliche Gesellschaft. Wir sind nicht gleichgeschaltet und der einzelne Mensch ist nicht genormt.
    Wenn Jemand aus seinen persönlichen Gründen aus der Norm heraustritt ist das sein gutes Recht.
    Nur: das ändert nichts an der Norm.

    Die ultralinke und woke Community will aber die Norm ändern. Menschen zum Vorwurf machen, wenn sie sich für eine traditionelle Familie mit Mutter, Vater und Kindern entscheiden. Wenn die Mutter zu Hause bleiben und sich um die Kinder kümmern will – weil das ist, was sie glücklich macht.
    Diese Community will, dass man Ihre Realität („ich fühle mich als Einhorn“) als allgemein gültige Realität und Norm anerkennt. Dass man bestraft wird, wenn man Jemanden „misgendert“.

    Ich würde Jeden mit seinen bevorzugten Pronomen ansprechen – wenn er mich darum bittet, weil es ihm lieber ist.
    Aber es hat mich Niemand dazu zu zwingen und dafür zu sanktionieren, wenn ich es nicht tue.

    Genausowenig, wie ich es per Gesetz und Strafe fordern kann, dass mich Jemand als „Erzmagier der Feuermagiergilde“ anspricht und betitelt, genauso wenig hat Jemand von mir zu fordern, wie ich ihn anspreche.

    Der Staat macht sich hier zum Knecht einer lauten Minderheit, die die Mehrheit dazu zwingen will, nach Ihrer Pfeife zu tanzen.
    Und da bin ich nicht mit einverstanden.

  2. Ich finde es gut, dass Alice Weidel als Lesbische Frau für ein Gesellschaftlich/Biologisches Familienbild stehen kann, auch wenn ihre persönliche Wahl und Neigung anders sind. – Für mich ist das ein Zeichen von genau der Toleranz, die es im Umgang mit anderen Lebensstilen und Neigungen braucht.
    Und genau die Toleranz fehlt in der aus meiner Wahrnehmung krankhaften Manie mit der die „LBTQirgendwas“ Prediger versuchen, dem Rest der Welt ein „neues Normal“ aufzuzwingen.
    Frau Weidel ist für mich genau aus diesem Grund eine Idealbesetzung für die AfD.

  3. Man muss schon sehr böswillig sein, daraus, dass ihr Privatleben nicht dem von ihrer Partei beschriebenen Ideal entspricht, den Vorwurf einer Doppelmoral zu basteln!

    Sie lebt ihr Leben so, wie sie es für richtig hält und lässt sich dabei noch nicht einmal von einem Staat hineinreden, den sie selbst mit zu gestalten gedenkt. Dies muss ein wahrhaft toleranter Staat sein, der sich aus der Privatsphäre der Bürger völlig heraushält.

    Und sie gestaltet den Staat eben so, wie es am meisten Sinn macht und akzeptiert dabei das gängige und am weitesten verbreitete Normal und versucht nicht etwa, den Staat auf ihre persönlichen Bedürfnisse hin zu trimmen. Dies spricht für Objektivität und die Abwesenheit jeglicher Egozentrik. Sie kann zwischen privaten und Staatsinteressen unterscheiden.

    Wo andere von „Doppelmoral“ faseln, sehe ich nur Tugenden, die im Politikbetrieb sehr selten geworden sind.

  4. Viel gravierender ist der Umgang mit den Anforderungen nach Ausbildung oder Können auf beliebigen Feldern. Sie geisselt die Nichtskönner und Studienabbrecher oder sonstige merkwürdige Lebensläufe, in denen das Wort Arbeit oder Leistung nicht einmal im Ansatz vorhanden sind.
    Und dann schaut man sich mal an, wer in ihrer direkten Nähe „wichtig“ zu sein scheint, dann schaut man auf zweifelhafte „Eliten“, die in allen Parlamenten sitzen.
    Kann man jemand trauen, der diese Widersprüche in den eigenen Reihen beseitigt? Ich fürchte, Nein.

  5. Warum sollte die Mutter zweier Kinder nicht mit einer Frau zusammenleben dürfen? Auch wenn die Definition einer Familie nun mal Vater, Mutter und Kind ist.
    Im Gegensatz zu Spahn wurden die Kinder nicht käuflich erworben sondern leben bei ihrer leiblichen Mutter. Während im Hause Spahn keinerlei genetische und seelische Verbindung zwischen „Eltern“ und Kind besteht.
    Hier ist das Kind eine Ware.

  6. Also in beiden Fällen ist das neue Leben aus Vater und Mutter entstanden. Damit hören die Gemeinsamkeiten aber schon auf.
    Im Falle der Leihmutterschaft findet eine harte Trennung zwischen leiblicher Mutter und Kind statt.
    Das ist bei der Samenspende nicht so.
    Insofern ist das für mich überhaupt nicht vergleichbar.
    Und die zeitliche Abfolge einfach zu unterschlagen ist auch nicht richtig.
    Frau Weidel hat auch nicht bestehende Gesetze umgangen wie Herr Spahn, Gesetze die er dazu gerade noch selber unterstützte.
    Und das eine Partei sich in Ihrem Wahlprogramm an Zielen orientiert ist doch erst einmal ein normaler Vorgang.
    Ich bin auch der Meinung das gleichgeschlechtliche Partnerschaften nicht automatisch auch gleich sind. Zwei Männer sind nicht das Gleiche wie zwei Frauen.
    Ein Kinderwunsch bei einer Frau ist nicht das Gleiche wie bei einem Mann. Sowohl physisch wie psychisch.
    Nur in der Verbindung von zwei Frauen kann einer der Partner das Kind selber austragen und der biologisch bedingte Kinderwunsch einer Frau kann so stark sein, dass sie lieber die Partnerschaft aufkündigt als auf ein eigenes Kind zu verzichten.

  7. So unklug der Kommentar von Alice Weidel: „Ich bin Bundesvorsitzende und sehe es ggf. etwas anders als die Konservativen in Sachen-Anhalt“ auch immer war und so sehr es richtig gewesen wäre, die Realität zu benennen (Kinder schon vor der Übernahme der Verantwortung für die AfD), so sehr hat Alice Weidel längst beweisen, dass sie die richtige Besetzung für ihre Funktion ist. Und wenn sie ein zeugungsunfähiger Mann wäre, würde keiner dumm quatschen.
    Also, mittelschwere Korrektur: Der Kommentar von Peter Löcke ist allemal lesenswert! Und auch er hat das Recht, mal etwas daneben zu liegen!

    1. Herr Adriaans, Sie haben vollkommen Recht, wenn die Frau Weidel ein zeugungsunfähiger Mann wäre, dann würde auch keiner dumm quatschen, weil es sich um eine heterosexuelle Beziehung handeln würde und somit den konservativen Werten der Sachen-Anhalterischen AfD entspreche. Ich bin auch ganz Ihrer Meinung, der Kommentar von Peter Löcke ist allemal lesenswert UND er hat auch das Recht, mal etwas daneben zu liegen. Aber liegt er hier wirklich daneben oder ist es einfach nur seine Sicht der Umstände? Und Sie haben Ihre. Beide können doch ko-existieren, oder?

  8. Ich finde schon, dass zwischen einer Leihmutterschaft und einer Samenspende ganz erhebliche Unterschiede bestehen. Beim einen trägt eine Frau 9 Monate ein Wesen aus , was durch die Nähe ein Stück von ihr wird , bevor es für Geld verkauft wird. Da würde ich die Samenspende eher einer Blutspende gleichsetzen.

  9. Sie haben etwas vergessen zu thematisieren. Den wesentlichen Unterschied. Frau Weidel hatte schon Kinder mit ihrer Partnerin – aus einer Samenspende – bevor sie sich für die AFD engagierte. Soll sie deshalb 3 Menschen verlassen die ihr extrem nahestehen? Hatte sie sonst noch irgend einen Skandal? Nehmen wir Spahn. Er kaufte eine Eizelle, einen Leihuterus und die beiden Spahns riskierten nichts. Sie finanzierten alles. Und das mit finanziell abhängigen Frauen, die ihre Gesundheit riskierten und kaum adäquat dafür entschädigt wurden. Das nenne ich Ausbeutung. Die Vermittlungsmafia hat extrem profitiert – nicht die benötigten Frauen.
    Das sollten sie bei einer Gegenüberstellung nicht unterschlagen. Das ist unredlich.

  10. Lasst sie doch einfach mal ans Ruder – in Städten, Ländern und im Bund – statt sie zu verbieten oder Wahlergebnisse zu fälschen. Erst dann können sie beweisen, ob sie’s besser können.

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