Der Fall Collien Fernandes

// von Peter Löcke

Der Fall Collien Fernandes

„Du hast mich virtuell vergewaltigt“ [1]. So titelt der Spiegel auf dem Cover, der am 20.03.2026 in gedruckter Form erschien. Im Vordergrund zu sehen ist das vermeintliche Opfer Collien Fernandes, im Hintergrund der vermeintliche Täter Christian Ulmen. Der Vorwurf? Fernandes‘ Exgatte soll jahrelang im Internet Fake-Profile seiner Frau erstellt und sogenannte Deepfake-Pornos von ihr verbreitet haben. Sämtliche Leitmedien springen auf den Zug der Spiegel-Exklusivstory auf, die seit dem 19. März Deutschland bewegt.

„Deutschland ist ein absolutes Täterparadies“ [2]. Auch die Tagesthemen zitieren in der Überschrift ihres Artikels eine Stellungnahme der Collien Fernandes aus dem zuvor geführten TV-Interview. Gewalt, Missbrauch, Vergewaltigung? Wem gehen solche Abscheulichkeiten nicht an die Nieren? Durch Deutschland rollt eine Welle der Anteilnahme. Unter die Solidaritätsbekundungen mischen sich Forderungen nach härteren Gesetzen, um Frauen vor sexualisierter Gewalt im Netz schützen. Wer mag hier widersprechen, ohne als gefühllos zu gelten? Doch genau das macht die Sache verdächtig. Es steht im Raum, dass hier eine Tat inszeniert wurde, mindestens aber instrumentalisiert wird, um der Bevölkerung ohnehin gewollte politische Gesetzesverschärfungen hinsichtlich Zensur und Klarnamenpflicht schmackhaft zu machen.

Der Fall Collien Fernandes weist in der Tat einige Merkwürdigkeiten auf, die bis tief in die Vergangenheit reichen. Beginnen wir mit unserer Rückwärts-Chronologie am 13. März, vor gut einer Woche. An diesem Abend fand der „Kölner Treff“ des WDR statt.

Fernandes‘ Auftritt im Kölner Treff

Die Gastgeber Susan Link und Micky Beisenherz hatten Prominenz wie Guido Cantz oder Robin Alexander geladen [3]. Geladen war auch die Schauspielerin, Moderatorin, Journalistin und Autorin Collien Fernandes, zu sehen ab 1:23:00. Es lohnt sich, das gesamte 20-minütige Gespräch anzuschauen, nicht nur die im Netz kursierenden Videoschnipsel. Die Stimmung unter den Gästen und Zuschauern war heiter bis ausgelassen, weil Fernandes die eine oder andere lustige Anekdote über das ZDF-Traumschiff erzählte, in der sie die Ärztin Jessica Delgado spielt. Es war ein rundum launiger Abend, bis Micky Beisenherz nach 15 Minuten unvermittelt und ohne Übergang sagte:

„Ich wollte mich eigentlich viel länger mit dir über falsche Identitäten im Netz unterhalten.“

Bemerkenswert! Es war der WDR-Moderator, der proaktiv auf das Thema zu sprechen kam. Und Fernandes biss spontan an. Jemand habe ihre Identität gestohlen. Nacktfotos, Nacktfilme, ja sogar Telefonsex unter ihrem Namen kursieren im Netz. Ein Bekannter habe sie darauf aufmerksam gemacht. Sie selbst habe nichts davon mitgekommen, weil sie lange nicht auf Social Media unterwegs war. Doch Fernandes hatte direkt eine politische Lösung parat, mit der sie die Eingangsfeststellung des Micky Beisenherz beantwortete.

„Es ist alles ganz schön krass und deswegen bin ich auch für eine Identifikationspflicht im Netz (…) ich hoffe, dass die neue Justizministerin mit diesem Thema anders umgeht als ihr Vorgänger.“

Zwei weitere Aspekte ihrer Antworten waren bemerkenswert. Angesprochen auf den Verbreiter der Deep-Fake Pornos hielt sich Fernandes bedeckt. Sie wisse, wer das sei, wollte den Namen aber nicht verraten. Das machte sie dann wenige Tage später exklusiv im und für den Spiegel. Außerdem verwies sie auf eine Dokumentation, die sie über das Thema gemacht habe. Und diese Dokumentation ist in der Tat interessant.

Die ZDF-Dokumentation von 2024

"Deepfake-Pornos: Die Jagd nach den Tätern“ [4]. So lautet eine ZDF-Dokumentation von und mit Colliene Ulmen-Fernandes aus dem Jahr 2024. Damals trat sie noch mit Doppelnamen auf. Von Eheproblemen war noch nichts bekannt. Die Hauptmoderation in dieser Doku übernahm Marie Bröckling, die bis August 2025 für Correctiv tätig war. Ulmen-Fernandes outet sich als eines der vielen Opfer von Deepfake-Pornos, wenn auch nur in erzählender Form. Das Duo spricht mit weiteren Promi-Opfern wie der Streamerin „Shurjoka“, beleuchtet die damaligen Möglichkeiten der KI, versucht in die Täter-Szene einzudringen. Großen Raum nimmt die juristische Fragestellung ein. Man besucht die Geschäftsführerin von HateAid, Josephine Ballon, die virtuelle Gewalt mit realer Gewalt gleichsetzt [5]. Zur Erinnerung? Gegen Josephine Ballon und Anna-Lena von Hodenberg wurde von den USA aufgrund ihrer Zensurbestrebungen ein Einreiseverbot verhängt. Ballon kam in den Staaten zu trauriger Berühmtheit aufgrund ihres Auftritts in „60 Minutes“. Weitere Juristen wie der Staranwalt für Medienrecht, Christian Schertz, kommen zu Wort. Auch der plädierte in der Doku für ein härteres Strafrecht. Das damals FDP-geführte Justizministerium sah das auf Anfrage anders und antwortete wie folgt.

„Das geltende Recht ermöglicht eine Strafverfolgung der Verbreitung missbräuchlicher Deepfakes bereits in vielfältigen Konstellationen (…)“

Sie erinnern sich an den beim Kölner Treff geäußerten Appell von Fernandes?

„Ich hoffe, dass die neue Justizministerin mit diesem Thema anders umgeht als ihr Vorgänger.“

Das hat eine gewisse Ironie. Aktuell scharrt Justizministerin Stefanie Hubig bereits mit den Hufen und kündigt einen Vorstoß an, um nach der Causa Fernandes härter gegen digitale Gewalt im Netz vorzugehen [6], inklusive Identifikationspflicht. Christian Schertz hingegen fungiert als Anwalt des untergetauchten Christian Ulmen und verteidigt diesen gegen die Verdachtsberichterstattung des Spiegels. Noch vor vierzehn Monaten war die Rollenverteilung umgedreht.

Die seltsame Chronologie & andere Kuriositäten

Es wird Zeit für einen chronologischen Überblick, um nicht selbigen zu verlieren.

Im September 2025 gab das Paar die Trennung bekannt, seit kurzem ist die Scheidung nach 14 Ehejahren rechtskräftig.

Schon an Weihnachten 2024  erlebte Collien Fernandes nach eigenen Angaben  einen Wendepunkt: Ihr damaliger Ehemann Christian Ulmen soll ihr gestanden haben, hinter einem Teil der Deepfake-Aktivitäten zu stecken.

Das hinderte die beiden nicht daran, Anfang 2025 einen gemeinsamen Werbevertrag mit der Shop Apotheke abzuschließen.

Ende 2025 erstattete Collien Fernandes Anzeige bei der spanischen Polizei unter anderem wegen Identitätsmissbrauch, Beleidigung, Bedrohung und körperliche Gewalt innerhalb der Beziehung. Der Spiegel zitiert Fernandes mit den Worten: „Mir wurde über Jahre mein Körper geklaut.“

Besagte Anzeige, die Tatsache, dass Fernandes Exmann hinter all den Porno-Deepfakes steckt, wird erst drei Monate später durch eine exklusive Spiegel-Story enthüllt.

Sie wird enthüllt durch einen bewegenden Text der Spiegel-Journalistin Juliane Löffler, die auch als Dramaturgin tätig ist.

Anna-Lena von Hodenberg, neben Ballon CEO von HateAid, zeigt sich im RTL Nachtjournal zutiefst erschüttert von diesem Fall, um dann im nächsten Satz einzuräumen „Ich hab’s ja schon vor einigen Monaten erfahren“ (7).

Who wants to fuck my girlfriend?

Gottes Garten ist groß. Was auf dem sexuellen Gebiet ist normal, was ist dirty, was ist Fetisch und ab wann wird es kriminell und justiziabel? Die Grenzen verschwimmen zusehends. Sexuelle Provokationen, sogar das Heraufbeschwören von „Shitstorms“ [8] waren laut Aussage von Christian Ulmen Marketing-Strategie zweier Serien, die er konzipierte.

Die Idee der Reality-Soap „Who wants to fuck my girlfriend?“ [9] erklärt sich von selbst, das Konzept der Serie „jerks.“ ist ähnlich [10]. Es geht um TV-Zuhälterei und Überschreiten von Grenzen. Christian Ulmen führte Regie. Seine Frau fand das lange cool, kokettierte mit dem Badboy-Image ihres Mannes und spielte in der zweiten Serie gar mit.

Wer ist Täter, wer ist Opfer? Ich weiß es nicht. Stand heute hat sich Christian Ulmen noch nicht geäußert.

Postscript

Im Jahr 2010 klagte die junge Collien Fernandes in der Berliner Zeitung über ihr großes Stalker-Leid [11]. Sie und ihre große Liebe, der Eiskunstläufer Rico Rex, wurden über Jahre verfolgt und bedroht. Angst hatte die heldenhafte Collien Fernandes vor allem um ihren Freund.

„Es gibt krasse Drohungen gegen Rico. Ich habe mehr Angst um ihn als um mich.“

Die Sache ging gut aus. Ein Jahr später heiratete sie Christian Ulmen.

Share post:

One Response

  1. Dabei sind zwei Tatbestände, die streng getrennt werden müssen: Erstens, wenn der Ehemann mit Pornfakes seiner Frau ohne deren Einwilligung in Chats unterwegs war, dann ist das ein Straftatbestand, der mit den bestehenden Gesetzen gut abgedeckt wird. Dafür gehört er verurteilt, wenn es so ist. Zweitens, es gibt, wie fast alle aufgeweckten Zeitgenossen wissen, massenhaft Fakeporn von Promis im Internet. Auch von Frau Fernandes. Es ist nicht anzunehmen, dass ihr Ehemann die (alle) erstellt hat, da dahinter ein ganzes Geschäftsmodell steht, das von entlegenen Firmensitzen aus gesteuert wird. Dagegen hilft nur sperren lassen bei Google, was wohl viele Promis tun. Andere sagen sich wohl, ist mir egal, ich bin das erkennbar nicht. Das ändert sich allerdings nun wegen KI. Dagegen richtet das geplante Gesetz allerdings garnichts aus. Und, Frau Fernandes hat wohl offensichtlich dagegen nichts unternommen, weil diese Fakes immer noch im Netz sind.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

Welcome to this platform for the cultivated exchange of arguments.

We have forgotten how to endure contradiction. It is okay to disagree here. I would ask you to remain respectful and polite. Insults and hate comments will be removed in future, as will calls to vote for political parties. I reserve the right to delete insulting or derogatory comments. This public forum and its inherent opportunity to exchange arguments and opinions is an attempt to uphold freedom of expression - including freedom of dissent. I would like to see the old-fashioned virtue of respect cultivated here.

"Controversy is not an annoying evil, but a necessary prerequisite for the success of democracy." Federal President Dr. h.c. Joachim Gauck (ret.), only 5 years ago in his speech on the Day of the Basic Law.

en_USEnglish