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Der Moderator

by Peter Löcke //

Wenn Emotionen hochkochen, wenn gegensätzliche Standpunkte aufeinanderprallen, tut eine Moderation gut. Moderare gleich mäßigen, lenken oder regeln weiß der Lateiner und Wikipedia-Klicker. Ein Moderator ist ein Mensch, der möglichst neutral dafür Sorge trägt, dass sich Streithähne respektvoll verhalten und im besten Fall Kompromisse und Lösungen finden.

Moderationen kennt ein jeder aus dem privaten Bereich. Wenn die Kinder streiten, werden Sie als verantwortlicher Vater oder Mutter zum schlichtenden Moderator. Erwachsene brauchen hier und dort selbst einen Moderator wie etwa den Vorgesetzten bei einem nicht zu lösenden Konflikt mit dem nervenden Arbeitskollegen. Paartherapeuten, Coaches, Supervisoren, Lehrer – die Fähigkeit einer guten Moderation ist Teil der Arbeitsplatzbeschreibung ganzer Berufsgruppen. Woran jedoch denkt man zuerst, wenn das Wort Moderator fällt? Richtig. An TV-Moderatoren, an Talkshows. Man denkt an Maischberger, Lanz und Co.

Wie sollte ein guter TV-Moderator auftreten? Eigentlich wie ein guter Schiedsrichter im Fußball. Ein guter Schiedsrichter ist ein unauffälliger Schiedsrichter. Wenn nach Spielschluss alle über das Spiel reden und niemand über den Referee, hat dieser einen guten Job gemacht. Immer häufiger jedoch wird nach Sendeschluss über die Leitung und Leistung des Moderators geredet, während das Thema der Talk-Sendung in den Hintergrund rückt. Zurzeit steht Plasberg-Nachfolger Louis Klamroth stark in der Kritik. Ist der Partner von Luisa Neubauer ein neutraler Moderator oder ein unsensibler, parteiisch agierender Aktivist? Um in der Fußball-Metapher zu bleiben: Der Schiedsrichter Louis Klamroth zieht sich allzu offensichtlich das Trikot seiner bevorzugten Mannschaft an und begeht dabei ungeschickt verbale Foulspiele und Eigentore. Infolgedessen gehen die Einschaltquoten in den Tabellenkeller. Das ist hart, aber fair.

Nun interessieren mich persönlich die heiß diskutierten Talkshows wenig. Ich informiere mich lieber direkt an der Quelle wie etwa dem Quell des deutschen Bundestags. Auch hier gibt es Debatten leitenden Moderatoren. Nur sind die im hohen Hause unter den Namen Bundestagspräsident respektive Vizepräsident bekannt. Formell hat die Präsidentin Bärbel Bas von der SPD gar das zweithöchste Amt Deutschlands inne. Ihre vier Stellvertreter heißen Aydan Özoğuz (ebenfalls SPD), Yvonne Magwas (CDU/CSU), Wolfgang Kubicki (FDP), Katrin Göring-Eckardt (Bündnis 90/Die Grünen) und Petra Pau (Fraktion Die Linke). Die von der AfD vorgeschlagenen Vertreter werden grundsätzlich von den anderen Parteien abgelehnt. Diskutabel, ob das eine moderate demokratische Lösung ist.

In der Theorie sind die fünf Bundestagspräsidenten unparteiische Moderatoren. Sie achten darauf, dass sich die Abgeordneten an die Regeln halten. Sie leiten die Sitzungen gerecht und überparteilich, achten auf Redezeiten, sorgen für ein Mindestmaß an Netiquette während hitziger Debatten, vergessen dabei stets ihr eigenes Parteibuch. Das ist auch festgelegt in der Geschäftsordnung des Bundestages. Entspricht die graue Theorie dem grauen Alltag in Berlin? Oder neigen die fünf leitenden Moderatoren zu Verhaltensweisen à la Klamroth?

Am 22. Juni 2023 gab Bundeskanzler Olaf Scholz seine jüngste Regierungserklärung ab. Das ist immer auch Anlass für sämtliche Parteien ihre prominenten Schwergewichte ins Rennen, also ans Pult, zu schicken. Im Falle der AfD ist das Alice Weidel. Hier ihre Generalabrechnung mit der Politik der Bundesregierung. Ob Sie die Rede des Kanzlers blass oder überzeugend finden, ob Sie die Rede von Frau Weidel als rechtspopulistisch betrachten oder sie Ihnen aus dem Herzen spricht, überlasse ich dem mündigen Urteil des Lesers. Ich richte meinen Fokus auf das Verhalten im Plenum sowie der moderierenden Präsidentin Bärbel Bas von der SPD, die die Debatte leitete. Im letzten Rededrittel gerät die Stimmung im Saal aus dem Ruder. Mal höhnisch belustigt, mal aggressiv und empört, von der Bundestagspräsidentin geduldet, wird in die Rede von Alice Weidel hinein geschrien. Nicht eigeninitiativ, sondern erst auf ausdrückliches Bitten der Rednerin, schreitet Bärbel Bas ein. Das Plenum beruhigt sich, eine kurz zuvor noch schnappatmende Abgeordnete kann sich endlich wieder Ihrem Smartphone und Laptop widmen.

Moderieren mag übersetzt mäßigen bedeuten. Vielleicht bedeutet es auch, dass die Leistungen der Bundestagspräsidenten und Talkshow-Moderatoren zunehmend mäßiger werden. Auf der Berliner Tribüne sitzen im Übrigen oft Lehrer mit ihren Schulklassen. Wie die Pädagogen am Tag danach im Politikunterricht glaubhaft Sozialkompetenz und kultivierte Gesprächsregeln vermitteln, wie sie den Nichtgebrauch von Smartphones während einer hitzigen Diskussion einfordern, ist mir schleierhaft. Als Schüler käme mir das Ganze spanisch vor. Als Lehrer wäre ich mit meinem Latein am Ende.

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9 Responses

  1. Die berechtigte Frage lautet also, wie man im Bundestag fachlich und charakterlich geeignete Moderatoren, sprich Bundestagspräsidenten und Stellvertreter, findet. Doch ganz sicher nicht durch die systematische Ausgrenzung und Verhinderung der Abgeordneten einer einzelnen Oppositionsfraktion.

    Um so mehr wundere ich mich darüber, dass es der Verfasser des ansonsten Fairness einfordernden Beitrages anscheinend für diskutabel hält, ob es eine moderate demokratische Lösung sei, wenn alle anderen Parteien die von der AfD vorgeschlagenen Vertreter für das Präsidium grundsätzlich ablehnen. Unter wirklichen Demokraten sollte man darüber nicht diskutieren müssen. Die Parlamentsmehrheit der anderen Parteien disqualifiziert sich selbst, wenn sie sämtliche von der AFD vorgeschlagenen Kandidaten grundsätzlich ablehnt, sogar ungeachtet dessen, dass der AFD nach der Geschäftsordnung ein entsprechendes Amt zusteht. Genau dieses Blockparteiengehabe führt dazu, dass sich im Präsidium des Parlamentes immer mehr als Moderatoren ungeeignete Personen versammeln.

    1. Lieber Heinrich Heine (sympathischer Nick),
      das Wort “diskutabel” war hier ironisch und bewusst provokant gemeint. Wie Sie, sehe ich das Ignorieren von AfD-Abgordneten bei der Vergabe von Vizepräsidenten und anderer Posten (Vorsitz bei Ausschüssen) sehr kritisch. Das würde ich auch kritisieren, wenn grundsätzlich Kandidaten der Linken, der Grünen etc. ausgeschlossen würden.
      Der Punkt ist: Alle anderen Parteien bedienen sich genau der Mittel, die der AfD vorgeworfen werden.
      Man grenzt AfD-Abgeordnete aus, weil es sich angeblich um eine Partei der Ausgrenzung handelt. Man bekämpft die AfD mit undemokratischen Mitteln, weil es sich angeblich um eine undemokratische Partei handelt.
      Es gibt ein ungeschriebenes Gesetz, ein Gentleman’s Agreement unter den “alten” Parteien. Die eigenen Bewerber und die als “demokratisch” eingestuften Kandidaten der anderen Parteien werden grundsätzlich durchgewunken, die der AfD grundsätzlich abgelehnt.

  2. Wenn die mediale Landschaft sich so weiter entwickelt, wird im Bundestag demnächst ein Verdummungsschutzgesetz gelesen werden, schließlich kann niemand wollen, dass ganz Deutschland durch Fake News verwirrt wird. Das Abstandhalten von den Nachrichten der verblendeten Leugner aller Coleur, nicht zu vergessen, von denen der Denker und Versteher, wird wohl irgendwann nicht mehr ausreichen. Nicht auszudenken, was da noch für ein Chaos entsteht. Die einzige Rettung wird eine Fernsehpflicht sein, klarer: alle müssen überall nachweisen, dass sie eine gewisse Dosis an „Hart aber fair“ oder gleichwertigen Wort- und/oder Videobeiträgen bekommen haben. Ist nicht unmöglich, nicht wahr?

  3. In letzter Zeit habe ich selten eine so sachliche und rhetorisch gute Rede gehört. Das hatte endlich einmal Qualität. Chapeau für Frau Alice Weidel und ihre Selbstbeherrschung.
    Btw hatte eher das Gefühl, Frau Bas wollte lieber mit rumkrakeelen.

  4. Ja da gebe ich Ihnen vollkommen recht! Es ist unglaublich wie diese Moderatoren in gewissen Themen Partei ergreifen! Als ein Parteiloser, der Eine oder Andere von der AfD seine Rede abhält, diese in die Schranken gewiesen werde, dass Ihre Zeit abgelaufen sei? und wie sieht das bei den linken Parteien, SPD, Bündnis 90 Grüne, Linke und CDU aus? keine Mahnung, keine Einschränkung?! Geht das in einer Demokratie? Ein absolutes NOGO!

  5. Dankeschön.

    Dankeschön dafür, dass Sie, Herr Löcke, staunend zuhörenden Wählern eine Stimme geben.

    Ich bin kein AfD-Wähler und dennoch bass erstaunt, was diese Pöbel-Brüder der ‘Alt-Parteien’ von sich geben – und wie sie sich geben:
    rotzfrech.
    Die Phase der Adoleszenz nie überwunden, hat sich ein Pack im Bundestag zusammen gerottet, dass mir wirklich keine andere Umschreibung, bzw. Beschreibung meiner Beobachtungen einfällt: der Bundestag ist zum Sauhaufen verkommen.
    Dies nicht etwa, weil Entrüstung unbotmäßig oft und auch weithin unartikuliert Platz und Gehör findet, sondern weil dieses Toben, dieses ‘Sichentäußern’ für meine Begriffe eine unangenehme Nacktheit darstellt – keineswegs vergleichbar mit dem damaligen ‘Sie sind ein Herrenreiter’-Anwurf des Herbert Wehner vergleichbar.
    No.
    Das, was diese Rotznasen und Spät-Adoleszenzler ‘ihrem Publikum’ – das dürften die mündigen Bundesbürger sein (?) – anbieten ist tiefster Schmock.

    Besonders die letzten Zeilen Ihrer Kolumne zeigt überdeutlich die ganze Chimäre, das tatsächliche Desaster:
    die haben alle keine Ahnung, davon ganz viel und reißen das Maul auf.

    Ich muss mich derart ausdrücken; ich will ja nun auch verstanden werden.

    Für Bibelfeste wäre das in etwa: ‘denn sie wissen nicht, was sie tun.’

    Vollkgekokst und unwissend?
    Geboostert und daher evtl. von Nebenwirkungen geplagt?
    Mich deucht, es ist ja viel schlimmer, denn schlimmer geht immer.
    Das mag das sein, was die den Bundestag besuchenden Schüler ‘mitnehmen’.

  6. ….ganz meine Meinung….man kann nur hoffen, dass diese links-grüne Ampel, die sich anmaßt, die Demokratie neu zu definieren, wenigstens den Anstand hat, bald abzutreten und nicht erst darauf wartet, abgewählt zu werden…

  7. Die Qualität der Protagonisten tendiert nahe Null. Und zwar sowohl politisch, fachlich als auch was bürgerliche, soziale Erziehung anbelangt. Ich bin froh, noch in einer Zeit der schulischen, akademischen wie der allgemeinen Staats-/Bildung aufgewachsen zu sein. Dieses höfliche, respektvolle und gegenüber dem anderen stets wohlwollende Verhaltensmuster ist für mich in großen Teilen der Gesellschaft nicht mehr erkennbar. Ich bin froh, im letzten Viertel meines Hierseins angekommen zu sein. Ich weine dieser Welt einst sicher keine Träne nach!

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