weidel

Die Machtfrage ist gestellt

//von Markus Langemann

Im ZDF-Sommerinterview am Sonntag den 23.8.2026 präsentiert sich Alice Weidel nicht als politische Außenseiterin, sondern als Vorsitzende der größten Oppositionsfraktion und jener Partei, die selbst in der aktuellen ZDF-Projektion an erster Stelle liegt. Die Analyse:

Wer das Gespräch zwischen Wulf Schmiese (ZDF) und Alice Weidel noch immer als Interview mit der Repräsentantin einer politischen Randerscheinung betrachtet, ignoriert die veränderten Kräfteverhältnisse. Seit der Bundestagswahl 2025 stellt die AfD mit 152 Abgeordneten die größte Oppositionsfraktion im Deutschen Bundestag. Im ZDF-Politbarometer vom 20. August 2026 erreichte sie 27 Prozent und lag damit fünf Prozentpunkte vor der Union. In dieser Projektion war sie die stärkste politische Kraft Deutschlands.

Diese Ausgangslage verleiht dem Sommerinterview sein besonderes Gewicht. Weidel spricht nicht als Vorsitzende einer kleinen Protestpartei. Sie vertritt eine Partei, die den Anspruch formuliert, zunächst in mehreren Ländern und perspektivisch auch auf Bundesebene Regierungsverantwortung zu übernehmen. Entsprechend selbstbewusst führt sie das Gespräch. Sie wirbt weder um Anerkennung noch versucht sie, sich innerhalb jener Grenzen als akzeptabel zu präsentieren, die andere Parteien gezogen haben. Ihre Botschaft ist unmissverständlich: Die AfD betrachtet sich als Anwärterin auf politische Macht.

Das Gespräch geht deshalb über die Erörterung einzelner Sachfragen hinaus. Sichtbar wird ein Ringen um die politische Interpretation der Lage. Schmiese versucht, Weidel mit den konkreten Konsequenzen ihrer Forderungen zu konfrontieren. Weidel stellt die jeweiligen Fragen dagegen in einen größeren Zusammenhang: wirtschaftlicher Niedergang, politische Fehlsteuerung, mangelnde Kontrolle der Migration und eine zunehmende Distanz zwischen Regierung und Bevölkerung. Beide behandeln dieselben Themen, argumentieren jedoch häufig auf unterschiedlichen Ebenen.

Der Besuch in Wien als strategisches Signal

Auch der Schauplatz des Interviews ist Teil der politischen Inszenierung. Weidel befindet sich in Wien, um Gespräche mit Vertretern der FPÖ zu führen. Sie bezeichnet die österreichische Partei als praktischen Lernpartner, da diese bereits an mehreren Landesregierungen beteiligt ist und in der Steiermark Regierungsverantwortung übernommen hat. Österreich dient ihr weder als Rückzugsort noch lediglich als symbolische Kulisse. Der Besuch soll verdeutlichen, dass Parteien des freiheitlichen Spektrums regierungsfähig sein können und die AfD ihre strategischen Beziehungen über Deutschland hinaus ausbaut.

Zu Beginn spricht Schmiese den Wiener Umgang mit hohen Temperaturen und den Schutz der Bevölkerung vor Hitze an. Weidel reagiert darauf nicht mit Vorschlägen für konkrete kommunale Maßnahmen. Stattdessen zieht sie eine grundsätzliche politische Trennlinie. Klimatische Veränderungen habe es schon immer gegeben. Unter dem Begriff des Klimaschutzes dürften jedoch weder die industrielle Grundlage noch die Mobilität oder die Funktionsfähigkeit der Innenstädte beschädigt werden.

Bereits hier zeigt sich das wiederkehrende Muster des Gesprächs. Der Moderator fragt nach einer konkreten staatlichen Schutzmaßnahme. Weidel richtet den Blick auf die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen politisch gesteuerter Klimapolitik. Sie akzeptiert den gesetzten Diskussionsrahmen nicht, sondern stellt ihn selbst zur Debatte. Für sie ist nicht entscheidend, welches weitere Programm der Staat beschließt. Entscheidend ist, welche Schäden politische Vorgaben verursachen und an welchem Punkt staatliche Steuerung begrenzt werden muss.

Autoindustrie und staatliche Industriepolitik

Der wirtschaftspolitische Abschnitt beginnt mit einer konkreten Krisenmeldung. Der Automobilzulieferer ZF hatte angekündigt, bis 2028 in Deutschland 11.000 bis 14.000 Stellen abzubauen. Gleichzeitig verändert sich der chinesische Automarkt grundlegend: Deutsche Hersteller verlieren Marktanteile, während elektrische Antriebe an Bedeutung gewinnen. Schmiese leitet daraus eine zugespitzte Frage ab: Wie könne der Verbrennungsmotor in China wieder zu einem Verkaufserfolg für deutsche Hersteller werden?

Weidel weist bereits die Grundlage dieser Fragestellung zurück. Sie verspricht nicht, dass eine bestimmte Antriebstechnologie durch politische Maßnahmen auf einem ausländischen Markt erneut erfolgreich werden könne. Ihr wirtschaftspolitischer Ansatz lautet vielmehr, weder Produzenten noch Kunden vorzuschreiben, welche Technologie sie herstellen beziehungsweise kaufen sollen. Der Staat dürfe keine Antriebsform privilegieren und andere politisch zurückdrängen. Weidel fasst dieses Prinzip unter den Begriffen Markt- und Technologieoffenheit zusammen.

Schmiese wertet diese Antwort als unzureichend, weil sie keine konkrete Strategie für den chinesischen Markt enthält. Weidel argumentiert jedoch auf einer grundsätzlich anderen Ebene. Sie behauptet nicht, staatliche Politik könne chinesische Käufer wieder zum Verbrennungsmotor bewegen. Sie bezweifelt vielmehr, dass deutsche Industriepolitik durch Verbote und einseitige Förderprogramme zuverlässig bestimmen kann, welche Technologie sich durchsetzt. Aus ihrer Sicht muss der Staat verlässliche Wettbewerbsbedingungen schaffen, bezahlbare Energie gewährleisten und verhindern, dass Unternehmen durch politische Vorgaben wesentliche Teile ihrer technologischen Grundlage verlieren.

Hier treffen zwei unterschiedliche Vorstellungen von Wirtschaftspolitik aufeinander. Schmieses Frage beruht auf der Annahme, der Staat müsse einen konkreten Transformationsweg vorgeben. Weidel setzt dagegen auf Wettbewerb, Nachfrage und unternehmerische Entscheidungen. Technologieoffenheit garantiert keinen wirtschaftlichen Erfolg. Ebenso wenig stellt eine politisch bevorzugte Technologie sicher, dass sie sich am Markt durchsetzt. Dieser grundlegende Zielkonflikt hätte eine ausführlichere Debatte verdient.

Ihre Kritik richtet Weidel anschließend auch gegen die Union. Sie macht CDU und CSU für den politischen Kurs in Berlin und Brüssel mitverantwortlich. Dabei verweist sie sowohl auf Ursula von der Leyens Präsidentschaft der Europäischen Kommission als auch auf Entscheidungen aus der Regierungszeit Angela Merkels. Nach Weidels Darstellung ist die CDU keine glaubwürdige Kraft für einen politischen Richtungswechsel. Sie wirft der Union vor, vor Wahlen eine Kurskorrektur zu versprechen, nach der Wahl jedoch an zentralen Entscheidungen festzuhalten.

Die Aussage, die Bevölkerung wolle nicht länger belogen werden, ist deshalb nicht bloß eine rhetorische Attacke. Sie beschreibt den strategischen Kern ihrer Argumentation. Die AfD will nicht nur einzelne Maßnahmen kritisieren, sondern die grundsätzliche Glaubwürdigkeit der traditionellen Volksparteien beschädigen.

Der Euro als Systemfrage

In der Währungspolitik versucht Schmiese, Weidel auf eine der folgenreichsten Forderungen des AfD-Programms festzulegen. Das Bundestagswahlprogramm 2025 verlangt ausdrücklich den Austritt Deutschlands aus dem Eurosystem. Weidel nimmt davon keinen Abstand. Sie begründet die Position mit den erheblichen wirtschaftlichen Unterschieden innerhalb der Währungsunion, der Entwicklung der Geldpolitik und dem Verlust einer auf Stabilität ausgerichteten Ordnung.

Ihr ökonomischer Einwand lautet, dass eine einheitliche Währung Volkswirtschaften miteinander verbindet, die sich hinsichtlich Produktivität, Wirtschaftsstruktur und Interessen deutlich unterscheiden. Eine expansive Geldpolitik wirke sich zudem nicht auf alle gesellschaftlichen Gruppen gleichermaßen aus. Steigende Verbraucherpreise und wachsende Vermögenspreise könnten dazu führen, dass Einkommen und Ersparnisse an Wert verlieren, während Eigentümer großer Vermögen profitieren.

Schmiese entgegnet, eine wiedereingeführte Deutsche Mark würde vermutlich erheblich aufwerten und deutsche Exportprodukte verteuern. Weidel verweist auf die Schweiz und widerspricht der Annahme, eine starke Währung müsse zwangsläufig einen wirtschaftlichen Niedergang auslösen.

Eine vollständige Konzeption für den Austritt aus dem Euro liefert das Gespräch nicht. Wesentliche Fragen zu Verträgen, Bankbilanzen, Forderungen, Verbindlichkeiten, Kapitalbewegungen und einem realistischen Zeitplan bleiben unbeantwortet. Politisch ist die Aussage dennoch eindeutig: Weidel schwächt eine zentrale Forderung ihrer Partei nicht aus taktischen Gründen ab. Sie bestätigt das Ziel und verteidigt die dahinterstehende wirtschaftspolitische Argumentation. Damit zeigt sie, dass die AfD auch bei grundsätzlichen Konfliktthemen nicht lediglich eine geringfügig veränderte Variante der Unionspolitik anbieten will.

Migration und staatliche Handlungsfähigkeit

Besonders konfrontativ verläuft der Abschnitt zur Migrationspolitik. In einem Einspieler fordert Weidel, syrischen Flüchtlingen den Schutzstatus zu entziehen, sobald der jeweilige Fluchtgrund nicht mehr besteht. Wer Deutschland anschließend nicht freiwillig verlasse, müsse abgeschoben werden. Schmiese fragt nach der praktischen Voraussetzung für solche Rückführungen. Länder wie Syrien oder Afghanistan müssten ihre Staatsbürger aufnehmen, wofür belastbare Vereinbarungen notwendig seien.

Weidel setzt ihre Argumentation an einem früheren Punkt an. Das Problem beginnt für sie nicht erst bei der Rückführung, sondern bereits an der Grenze. Ihre Reihenfolge lautet: unkontrollierte Einreisen verhindern, bestehende Schutzgründe überprüfen, Einbürgerungen restriktiver handhaben und vollziehbare Ausreisepflichten durchsetzen. Sollte das Schengensystem den Schutz seiner Außengrenzen nicht gewährleisten, müsse Deutschland wieder nationale Grenzkontrollen einführen und gegebenenfalls aus dem System austreten.

Schmiese führt das Gespräch wiederholt auf notwendige Rücknahmeabkommen und die Zusammenarbeit mit anderen Staaten zurück. Weidel beharrt dagegen auf dem Vorrang der Prävention. Dadurch bleibt offen, wie bilaterale Rückführungen praktisch organisiert werden sollen. Die politische Stoßrichtung ist dennoch klar: Weidel lehnt eine Ordnung ab, in der der Staat zunächst aus ihrer Sicht die Kontrolle über die Einreise verliert und anschließend darauf verweist, Rückführungen scheiterten an der mangelnden Kooperationsbereitschaft anderer Länder.

Ihr Argument folgt einer klaren Abfolge staatlicher Verantwortlichkeiten. Zunächst müsse Deutschland selbst darüber bestimmen, wer das Staatsgebiet betreten darf. Anschließend sei zu prüfen, bei wem ein Schutzanspruch weiterhin besteht. Erst auf dieser Grundlage könnten Rückführungen systematisch und konsequent umgesetzt werden. Die Frage nach den dafür erforderlichen Vereinbarungen bleibt relevant. Sie entkräftet jedoch nicht den von Weidel formulierten Ausgangspunkt, wonach ein Staat die Kontrolle über den Zugang zu seinem Hoheitsgebiet nicht dauerhaft aufgeben darf.

Weidel stellt zudem einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Migration und innerer Sicherheit her. Ihre Wortwahl ist drastisch. Sie verweist auf Messerangriffe, Sexualdelikte und ein abnehmendes Sicherheitsgefühl im öffentlichen Raum. Aussagen über konkrete Zahlen und Tätergruppen müssen anhand der jeweiligen Kriminalstatistiken überprüft werden. Davon zu trennen ist ihre grundsätzliche politische Position: Sicherheit ist für Weidel kein nachrangiges gesellschaftliches Thema, sondern eine Kernaufgabe des Staates.

Europäische Isolation oder demokratische Legitimation

Schmiese spricht Weidel auf die Distanz anderer europäischer Parteien zur AfD an, darunter das französische Rassemblement National. Seine Frage lautet, weshalb die Partei ihre internationale Isolation vorantreibe. Weidel antwortet nicht mit einer Darstellung europäischer Bündnisse, sondern verweist auf die Umfragewerte der AfD.

Vordergründig behandeln beide damit unterschiedliche Fragen. Schmiese spricht über die Zusammenarbeit zwischen Parteien und Fraktionen. Weidel verweist auf die Unterstützung durch die Wähler. Diese Verlagerung ist strategisch. Sie lehnt die Vorstellung ab, dass die Anerkennung durch andere Parteiführungen den entscheidenden Maßstab für demokratische Bedeutung bildet. Ihre sinngemäße Antwort lautet: Eine Partei verliert nicht deshalb an politischer Relevanz, weil andere Parteien die Zusammenarbeit mit ihr verweigern, wenn sie gleichzeitig bundesweit die Umfragen anführt und in mehreren Ländern stärkste Kraft werden kann.

Eine tragfähige europäische Bündnisstrategie ersetzt diese Antwort nicht. Sie macht jedoch einen Widerspruch sichtbar, der für die deutsche Politik zunehmend bedeutsam wird. Die AfD lässt sich parlamentarisch und koalitionspolitisch ausgrenzen. Ihre wachsende Unterstützung bei den Wählern wird dadurch jedoch nicht beseitigt. Je stärker die Partei wird, desto schwieriger wird es, politische Isolation als dauerhaft ausreichende Strategie darzustellen.

Der Versuch einer Personalisierung des Parteikonflikts

Im letzten Teil des Interviews thematisiert Schmiese einen Konflikt innerhalb des nordrhein-westfälischen Landesverbandes. Ein Abgeordneter hatte Weidel als „Alice Merkel“ bezeichnet. Gegen ihn wurde daraufhin ein Parteiordnungsverfahren eingeleitet. Schmiese fragt, ob darin ein Widerspruch liege: Einerseits bezeichne Weidel Mitglieder der Bundesregierung als „Flachzangen“, andererseits gehe ihre Partei gegen einen persönlichen Angriff aus den eigenen Reihen vor.

Weidel übernimmt nicht die ihr angebotene Rolle der persönlich gekränkten Parteivorsitzenden. Sie erklärt, dieser Vorgang sei für die Bevölkerung ohne Bedeutung, und lenkt das Gespräch erneut auf sichere Straßen, Arbeitsplätze und finanzierbare Renten. Schmiese weist darauf hin, dass Weidel selbst an der Entscheidung beteiligt gewesen sei. Sie bleibt bei ihrer Linie und wiederholt sogar den Ausdruck „Flachzange“.

Ihre Wortwahl kann als unangemessen scharf kritisiert werden. Ebenso lässt sich darüber diskutieren, ob ein solcher Sprachgebrauch mit dem Anspruch auf ein Regierungsamt vereinbar ist. Das Interview zeigt jedoch nicht die vom Moderator angedeutete persönlich verletzte Parteivorsitzende. Es zeigt eine Politikerin, die einen internen Personalkonflikt nicht zum zentralen Gegenstand ihrer öffentlichen Agenda machen und ihre Kritik an der Bundesregierung nicht zurücknehmen will.

Auch ihre Forderung nach einer Eignungsprüfung für politisches Spitzenpersonal ist als grundsätzliche Kritik an der Professionalität der Regierung zu verstehen. Weidel nennt Friedrich Merz und Lars Klingbeil ausdrücklich und wirft ihnen vor, die Interessen Deutschlands nicht wirksam zu vertreten. Ihre Diagnose beschränkt sich nicht auf fehlerhafte Einzelmaßnahmen. Sie stellt sowohl die Kompetenz als auch die politische Prioritätensetzung der Regierungsspitze infrage.

Brandmauer und veränderte Mehrheitsverhältnisse

Zum Ende des Gesprächs rückt die sogenannte Brandmauer in den Mittelpunkt. Das aktuelle ZDF-Politbarometer zeigt eine widersprüchliche Situation. Einerseits befürwortet weiterhin eine Mehrheit die Abgrenzung der Union von der AfD. Andererseits liegt die AfD in derselben Erhebung deutlich vor CDU und CSU.

Weidel bezeichnet die Brandmauer als undemokratisch und strategisch schädlich. Nach ihrer Einschätzung trifft sie vor allem die CDU, weil diese politische Mehrheiten gegen die AfD bilden muss und dafür unter Umständen eigene Wahlversprechen abschwächt oder aufgibt.

Zugleich formuliert Weidel ein Angebot zur Zusammenarbeit. Sie sei bereit, mit allen Kräften zu kooperieren, die über die erforderliche Kompetenz verfügten und die Interessen Deutschlands in den Mittelpunkt stellten. Diese Aussage ist politisch relevant. Weidel präsentiert die AfD nicht als Partei, die sich dauerhaft mit der Oppositionsrolle abgefunden hat. Sie signalisiert Kooperationsbereitschaft, verweigert jedoch die Position eines Bittstellers, der für politische Akzeptanz zunächst seine eigenen Forderungen zurücknehmen soll.

Die Brandmauer hat der AfD bislang den Eintritt in Regierungen verwehrt. Ihren Aufstieg konnte sie jedoch nicht stoppen. Weidel interpretiert die Abgrenzung vielmehr als Beleg dafür, dass die etablierten Parteien eher Zweckbündnisse eingehen, als den von ihr geforderten Kurswechsel zuzulassen. Ob diese Strategie dauerhaft funktioniert, entscheidet sich nicht in Fernsehinterviews, sondern an den Wahlurnen.

Eine Oppositionsführerin mit Regierungsanspruch

Das ZDF-Sommerinterview zeigt Alice Weidel als Politikerin, die ihren Anspruch auf politische Macht offen artikuliert. Sie tritt konzentriert, offensiv und in den zentralen programmatischen Fragen eindeutig auf. Weder wiederholte Unterbrechungen noch persönliche Zuspitzungen bringen sie von ihrem strategischen Argumentationsrahmen ab.

Nicht jede Frage zur praktischen Umsetzung wird in dem gut zwanzigminütigen Gespräch abschließend beantwortet. Das betrifft insbesondere die konkrete Organisation eines Euroaustritts, die notwendigen Rücknahmeabkommen sowie die Anpassung der deutschen Automobilindustrie an die veränderten Bedingungen auf dem chinesischen Markt. Wer Regierungsverantwortung übernehmen will, muss für diese Fragen belastbare und umsetzbare Konzepte vorlegen. Gleichwohl bleibt die politische Grundrichtung ihrer Antworten klar.

Weidel stellt Marktmechanismen gegen staatliche Lenkung, nationale Entscheidungskompetenz gegen eine weitere Übertragung von Befugnissen, kontrollierte Grenzen gegen die nachträgliche Verwaltung ungesteuerter Migration und politische Auseinandersetzung gegen institutionelle Ausgrenzung. Diese Positionen können zurückgewiesen werden. Als politisch irrelevant lassen sie sich angesichts der aktuellen Stärke der AfD jedoch nicht mehr behandeln.

Während Schmiese versucht, Widersprüche, Umsetzungslücken und persönliche Angriffsflächen offenzulegen, will Weidel vermitteln, dass ihre Partei nicht länger um einen Platz im politischen Betrieb ersucht, sondern sich auf dessen Führung vorbereitet. Dieser Eindruck bestimmt das Ende des Gesprächs. Die Vorsitzende der größten Oppositionsfraktion spricht nicht wie eine Politikerin, die sich dauerhaft mit einem Platz hinter der Brandmauer abgefunden hat. Sie spricht als Anwärterin auf Regierungsverantwortung.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht mehr, ob sich die AfD auf Dauer politisch ignorieren lässt. Entscheidend ist, was geschieht, wenn eine Partei, die derzeit die Umfragen anführt, diesen Rückhalt bei kommenden Wahlen bestätigt. Weidels Antwort im ZDF war eindeutig: Sie will regieren.

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2 Responses

  1. Die AfD existiert wegen des Politversagens der Eliten in der Eurofrage, der Migrationskrise, der Energiekrise, dem Klimawandel und dem Ukrainekrieg. Hinzu kommt noch das Thema COVID 19. Das sind gleichzeitig die elementaren Knackpunkte westlicher Politik, mit der sich die EU und Deutschland, auf Gedeih und Verderb, an das westliche Bündnis kettet. Nur deshalb werden sie so eisern von den Funktionseliten im Auftrag der Herrschenden verteidigt. Die Brandmauer gegen die AfD ist eine Feuerschneise gegen den Populismus in Europa und Deutschland, mit dem die Eliten versuchen den Großbrand, die Gefährdung ihrer ökonomischen und sozialen Interessen, mit allen Mitteln, auch denen der Rechtsbeugung, zu verhindern. Schmiese führt dieses Interview als Teil der Funktionsträger im Namen dieser Eliten. Übrigens, zeigt seine Körpersprache wieviel Aggression und Unwillen in ihm steckt. Weidel ist die Füherin der „Populares“, die im antiken Rom den Volkswillen gegen die Senatoren vertraten. Ihre Argumentation ist grundsätzlich, weil es um Grundsätze geht. Schmieses Argumentation versucht aus den bekannten Einzeltatsachen wie Austritt aus dem Euro, Leugnung des Klimawandels, Russlandnähe und Fremdenfeindlichkeit die übliche Melange zu basteln, nach der das alles falsch oder nicht machbar sei. Eine Wiederholung des selben Stücks, das nun schon hundertfach in den ÖR Sendern aufgeführt wurde und einen Bart hat. Dennoch, oder gerade deswegen, steigen die Umfragewerte der AfD. Die einzig relevante Frage die bleibt ist: Wann knickt die CDU ein und bildet ein Bündnis mit der AfD? Und wie sehen dann die Kompromisse aus, die beide Seiten abseits von Ideologie und Parteiprogrammen eingehen müssen? Wann beendet die CDU die Vorherrschaft des linken Lagers, die nur sie noch ermöglicht? Wann wird pragmatische Politik in Deutschland wieder möglich? Übrigens, die AfD ist Fleisch vom Fleisch der CDU. Glaube keiner, dass das das Ende des Kapitalismus ist. Er sortiert sich nur neu. Das ist ja die Crux, dass die CDU dieses Neusortieren verhindert und statt dessen mit der Linken geht. Dämlicher geht’s nicht.

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