arbeiterjugend

Die neue Arbeiterklasse

// von Markus Langemann

Da steht er nun, der schwarze, glatte, gesichtslose Knecht der kommenden Industrie, vor einem Förderband, auf dem rote, blaue, graue Pakete wie die kleinen Zufälle einer Warenwelt vorüberziehen. Hinter ihm applaudieren Menschen. Nicht, weil etwas Schönes geschieht. Sondern weil etwas geschieht, das sie noch nicht recht einzuordnen vermögen. Ein humanoider Roboter sortiert Pakete. Stunde um Stunde. Ohne Beschwerde, ohne Zigarettenpause, ohne Muskelzittern, ohne jenen Blick auf die Uhr, der dem Menschen seit Beginn der Industriearbeit vertrauter ist als jede Betriebsanweisung.

Der Versuch wurde von Figure AI durchgeführt, einem Unternehmen für humanoide Robotik mit Sitz in San Jose, Kalifornien. Am 13. Mai 2026 begann Figure-Chef Brett Adcock mit einem Livestream: Acht Stunden autonomer Paketarbeit sollten gezeigt werden, als öffentlicher Beweis, dass diese Maschinen nicht nur für kurze Videoclips taugen, sondern für Schichtarbeit. Nach acht Stunden war das Ziel erreicht. Dann lief der Versuch weiter. Nach 24 Stunden waren mehr als 30.000 Pakete sortiert, nach 50 Stunden meldete Adcock über 63.000 Pakete; am Ende wurde der Lauf nach 200 Stunden gestoppt. Aus einem PR-Versuch wurde ein Betriebsbild der Zukunft.

Man muss genau bleiben: Es war nicht ein einzelner Roboter, der 200 Stunden wie ein mechanischer Mönch ohne Pause am Band stand. Es war ein System aus mehreren Figure-03-Einheiten. Während einer arbeitete, standen andere auf Ladeplätzen bereit, um einzuspringen. Gerade darin liegt die eigentliche Aussage. Nicht der einzelne Roboter ist die Nachricht, sondern die Flotte. Nicht der eiserne Held, sondern der austauschbare Betriebskörper. Arbeit wird nicht mehr als individuelle Leistung gedacht, sondern als vernetzte Verfügbarkeit.

Figure nennt die Steuerung Helix-02. Das System verbindet Sehen, Sprach- und Aufgabenverständnis, Körperkontrolle, Gleichgewicht und Greifen. Nach Unternehmensangaben arbeitet es an Bord des Roboters, ohne Teleoperation; wenn der Roboter aus dem bekannten Bereich herausgerät, soll ein automatischer Reset greifen. Auch diese Aussage ist zunächst eine Unternehmensangabe, keine unabhängige Zertifizierung. Aber selbst mit dieser Einschränkung bleibt der Befund erheblich: Künstliche Intelligenz verlässt den Bildschirm. Sie bekommt Hände. Sie bekommt Gelenke. Sie bekommt Reichweite.

Der Mensch trat später noch einmal auf, fast wie ein letzter Zeuge der alten Ordnung. In einem Zehn-Stunden-Wettkampf gegen Figure 03 sortierte der Praktikant Aimé Gérard 12.924 Pakete; der Roboter kam auf 12.732. Der Mensch gewann, aber nur um 192 Pakete. Seine durchschnittliche Zeit lag bei 2,79 Sekunden pro Paket, die Maschine bei 2,83 Sekunden. Das ist kein Triumph mehr. Das ist ein Vorsprung von vier Hundertstelsekunden.

Brett Adcock schrieb danach sinngemäß: „Glückwunsch an Aimé. Er sagte, sein linker Unterarm sei im Grunde gebrochen.“ Und dann der Satz, der wie ein Geschäftsplan klingt und wie ein Epitaph für eine Arbeitswelt: „Das ist das letzte Mal, dass ein Mensch jemals gewinnen wird.“

figure x account

Man kann diesen Satz als Übertreibung lesen, als Silicon-Valley-Rhetorik, als Moment der Inszenierung. Man sollte ihn dennoch nicht vorschnell abtun. Denn die Maschine musste nicht gewinnen, um gefährlich zu werden. Sie musste nur nahe genug herankommen. Der Mensch gewann noch; aber sein Körper zahlte bereits die Differenz. Blasen an den Fingern, schmerzender Unterarm, gesetzlich notwendige Pausen. Auf der anderen Seite: Strom, Software, Ladezyklen, Ersatzgerät. Das alte Duell Mensch gegen Maschine wurde hier nicht durch Geschwindigkeit entschieden, sondern durch Dauer.

Der Screenshot trägt deshalb bereits die Ästhetik einer neuen Epoche. Links unten die Laufzeit: 200:00:00. Rechts unten die Paketmenge. Nicht mehr: Wer arbeitet? Sondern: Wie lange läuft das System? Wie viel schafft es? Wann fällt es aus? Der Mensch erscheint nur noch im Hintergrund, klatschend, staunend, vielleicht auch ein wenig überflüssig. Die alte Fabrik hatte Gesichter. Die neue hat Kennzahlen.

Figure AI ist dabei kein Garagenexperiment. Das Unternehmen meldete im September 2025 eine Series-C-Finanzierung von mehr als einer Milliarde Dollar bei einer Post-Money-Bewertung von 39 Milliarden Dollar; genannt wurden unter anderem Parkway Venture Capital, Brookfield Asset Management, NVIDIA, Intel Capital, LG Technology Ventures, Salesforce, T-Mobile Ventures und Qualcomm Ventures. Dieses Kapital fließt nicht mehr nur in Software, die Texte schreibt oder Bilder erzeugt. Es fließt in Maschinen, die greifen, tragen, sortieren, falten, montieren.

Und doch wäre es falsch, aus diesem Förderband eine fertige Revolution zu machen. Die Aufgabe war eng begrenzt: Paket erkennen, greifen, Barcode nach unten, Förderband. Ein sauberer Versuchsraum ist noch kein chaotisches Logistikzentrum. Business Insider zitierte die Robotikexpertin Ayanna Howard mit dem Hinweis, man sei noch weit entfernt von einem vollständig autonomen humanoiden Roboter im Logistikzentrum; sie verwies auf Genauigkeitsprobleme wie falsch orientierte Pakete oder heruntergestoßene Sendungen.

Aber Geschichte beginnt oft nicht mit Perfektion. Sie beginnt mit Zumutungen, die sich erst wie Spielerei ausnehmen. Ein Förderband. Ein Roboter. Ein Zähler. Ein Publikum. Und plötzlich steht nicht mehr die Frage im Raum, ob Maschinen arbeiten werden, sondern welche Arbeit dem Menschen bleibt, wenn Maschinen nicht mehr nur rechnen, sondern handeln.

Vielleicht wird die Robotik monotone, schmutzige, gefährliche Arbeit tatsächlich aus den Händen nehmen. Vielleicht beginnt damit eine Entlastung. Vielleicht aber beginnt zugleich eine neue Entwertung: nicht, weil der Mensch nutzlos wird, sondern weil sein Nutzen neu berechnet wird. Gegen Müdigkeit, Schmerz, Pause, Krankheit und Lohn steht dann ein System, das nicht beleidigt ist, nicht zweifelt, nicht heimgehen will und dessen Sinnfrage nicht vorgesehen ist.

Auf dem Bild applaudieren die Menschen. Der Roboter nimmt keinen Applaus entgegen. Er sortiert weiter. Genau darin liegt seine Provokation. Der Mensch braucht Anerkennung. Die Maschine braucht Strom, Daten, Wartung und Kapital. Und zwischen diesen beiden Ordnungen, zwischen Unterarmschmerz und 200-Stunden-Zähler, steht die neue soziale Frage:

Was ist menschliche Arbeit wert, wenn Ausdauer kein menschliches Privileg mehr ist?

 
 
 

Bild: Screenshot X-Account Brett Adcock

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3 Responses

  1. Diese Entwicklung wirkt wahrscheinlich unheimlicher, als sie derzeit noch ist, aber man sollte die Sache im Blick behalten. Von Bedeutung ist, an wen die sortierten Pakete adressiert sind. Sollte es sich bei den Empfängern um andere Roboter handeln, die in schicken Bungalows wohnen, wirds kritisch für uns. Dann werden wir uns wohl in die Wälder zurückziehen müssen. Germanen sind dort im Vorteil. Vielleicht gewährt man uns bei Wohlverhalten Artenschutz. Ich würde sagen, Gesangsunterricht empfiehlt sich. Klavier und Violine sind zwecklos.

  2. Ich persönlich mache mir überhaupt keine Illusionen mehr. Aber es hat alles seine Zeit, auch die Roboter finden irgendwann ihr Ende. Bis es soweit ist, wird wieder einmal viel Leid geschehen, weil man m.E. nicht klug mit den neuen Möglichkeiten umgehen wird sondern im Geschäftsrausch alles Menschliche vergisst. Ein allseit bekannter Demagoge brüllte einst zu den Massen, ob sie den „totalen Krieg“ wollten, und die Massen jubelten. Wie es ausging, wissen wir, ob es zu nachhaltigen Erkenntnissen führte, darf bezweifelt werden. Aber auch hier kann die Bibel Trost spenden: »alles Fleisch ist wie Gras und alle seine Herrlichkeit wie des Grases Blume. Das Gras ist verdorrt und die Blume abgefallen; aber des Herrn Wort bleibet in Ewigkeit« Jes 40,6-8.

    PS. Heute wieder ein „Hochzeitskorso“ in der Stadt und die Beobachtung, dass sich jetzt auch kopftuchgeschmückte gebärfähige Personen stolz aus der Seitenscheibe des SUV hervorheben. Das sah nicht nach „Unterdrückung“ aus. Ich vermute, wer demnächst „unterdrückt“ werden wird… Aber auch hier hilft vielleicht Jes 40,6-8.

  3. Wir treten ein in eine neue Welt, die durch die Digitalisierung geschaffen wird, und die wir, wie immer, erst rückwirkend voll verstehen werden. Brachten die Maschinen das Industriezeitalter, so bringt die Digitalisierung den humanoiden Roboter, der vieles besser kann als der Mensch. Es könnte ein Goldenes Zeitalter vor uns liegen, weil die Effektivität von Arbeit um Potenzen steigt und den Arbeiter & Angestellten weitgehend ersetzen wird. Allein, der Kampf der geführt werden wird, und geführt werden muss, geht wie immer, um den Anteil, den „das Kapital“ und „die Arbeit“ an den Früchten der KI haben werden. Was bekommen die freigesetzten Arbeiter & Angestellten, was die KI Funktionsträger, was geht an das Kapital? Also die alte Frage: Was bekommen die Wenigen und was die Vielen? Und was machen die Vielen mit ihrer Freizeit? Erste Hinweise gibt es: Die Vielen bekommen ein Grundeinkommen. Und man möchte hinzufügen genügend Opium fürs Volk in Form von Fußball & Tittitainement, damit sie nicht aufsässig werden. Den großen Reibach machen, wie immer, die Wenigen, und ein paar Funktionsträger. KI stellt gleichzeitig die Überwachungsinstrumente zur Verfügung: Digitale Identität, digitales Geld und Social Credit Points. Fertig ist die „Schöne Neue Welt“. Für die Wenigen. P.S.: Sich dagegen aufzulehnen wird ungleich schwieriger sein als hundert Jahre zuvor, denn du bist ein gläserner Mensch. Völlig beherrschbar.

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