by Peter Löcke//
Tabu-Fragen der Kriminalstatistik
Dort sitzen sie auf dem Podium und stellen die jährliche Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) vor [1]. Sie, das sind der Präsident des Bundeskriminalamtes Holger Münch, Bremens Senator für Inneres Ulrich Mäurer sowie im Mittelpunkt stehend und sitzend Deutschlands geschäftsführende Innenministerin Nancy Faeser. Kurz vor der eigentlichen Pressekonferenz bauten sich die Protagonisten noch schnell vor den Hauptstadtfotografen auf, präsentierten lachend die 69-seitige Statistik, die wie jede behördliche Veröffentlichung gleichzeitig einer Imagebroschüre ähnelt. Verständlich. Schließlich möchte man der eigenen Arbeit ein gutes Zeugnis ausstellen. Viele Beobachter haben das als Laschet-Moment empfunden. Mich eingeschlossen. Das Lachen wirkte angesichts des Themas deplatziert.
Nicht Zahlen sind entscheidend. Entscheidend ist, wie man Zahlen interpretiert. Das gilt für jede Statistik, das gilt insbesondere für die PKS, weil sie sich auch mit dem heiklen Thema Ausländerkriminalität beschäftigt und damit indirekt das brisante Thema Migration in den Vordergrund rückt. Über die Ausgangslage der anschließend verlässlich stattfindenden gesellschaftlichen Diskussionen herrscht erstaunlicherweise Einigkeit, unabhängig davon, ob sich der interessierte Bürger oder Journalist politisch links oder rechts verortet. Der Startpunkt der Diskussion sieht so aus: In Deutschland leben offiziell 13,9 Prozent Ausländer [2]. Der prozentuale Anteil an Straftaten in dieser Bevölkerungsgruppe ist drei Mal so hoch. Dieser überproportionale Anteil liegt laut neuester PKS bei exakt 41,8 Prozent (Seite 14). Woran liegt das? Darüber wird seit Jahren diskutiert, so auch nach der jüngsten Präsentation. Die offiziellen Erklärungsversuche (Flüchtlinge sind durch Krieg und Flucht traumatisiert, sie werden zu wenig in die Gesellschaft integriert, sie leben in prekären Verhältnissen) ähneln sich seit Jahren. Als neue Argumente in der Ursachenforschung sind aus Faeser-Perspektive und ÖRR-Soziologensicht nun Corona und vor allem „toxische Männlichkeit“ hinzugekommen. Der Tenor? Nicht der Migrant ist das Problem. Das Problem ist der männliche (!) Migrant. Statt tiefer in diesen Themenkomplex einzusteigen, möchte ich die Ausgangslage, die Basis der seit Jahren geführten Diskussion infrage stellen. Ich wundere mich, dass kaum jemand das tut.
13,9 Prozent, in anderen Statistiken auch 15 Prozent! So viele Ausländer leben offiziell in Deutschland. Weniger als ein Sechstel also? Das wundert mich, denn das entspricht ganz und gar nicht meiner Lebenswirklichkeit. Das entspricht nicht meiner Wahrnehmung, wenn ich in NRW durch Fußgängerzonen gehe oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln reise. In meiner Einschätzung ist der Anteil weitaus höher als „nur“ 13,9 Prozent. Er liegt bei etwa 30 bis 50 Prozent, manchmal sogar bei 80 Prozent, je nachdem, wo ich mich bewege. Spinne ich? Handelt es sich um eine anekdotische Evidenz? Nein. Ich halte mich für einen guten Beobachter. Aber vielleicht habe ich ja eine falsche, eine antiquierte und – Gott bewahre – eine rechtsextreme Definition von Deutsch-Sein? Ich hoffe doch nicht. Wer einigermaßen unfallfrei Deutsch spricht und sich, nun ja, soziokulturell wie ein Deutscher benimmt, Schwächen inklusive, den nehme ich als „deutsch“ wahr. Wer gebrochen oder gar nicht Deutsch spricht und kulturell für mich fremde Eigenschaften zeigt, Stärken inklusive, den nehme ich als nichtdeutsch wahr. Ohne Abwertung.
Wie definieren Sie als Leser Deutsch-Sein? Was nehmen Sie als typisch deutsch wahr? Wie sieht ihre Beobachtung der Lebenswirklichkeit aus? Das interessiert mich brennend. Ich durfte feststellen, dass allein diese Fragen in manchen linken Milieus zu einem empörten Naserümpfen führen. Es sind Tabufragen, auf die man selten eine eindeutige Antwort bekommt. Eindeutig ist, wie das BKA meine Frage Deutsch oder Nicht-Deutsch beantwortet. Man findet die Definition auf Seite 8 der PKS.
Die PKS differenziert zwischen deutschen und nichtdeutschen Tatverdächtigen (TV). Kriterium ist die Staatsangehörigkeit. Ein eventueller Migrationshintergrund wird nicht berücksichtigt, da aufgrund der Freiwilligkeit einer entsprechenden Angabe eine durchgängige Erfassung nicht gewährleistet ist.
Mit anderen Worten? Deutscher Pass gleich deutscher Täter. Bei den 58,2 Prozent offiziell deutschen Tätern handelt es sich um „Passdeutsche“. Wie groß der Anteil derer ist, die eine Migrationsgeschichte zu erzählen haben oder eben erst eingebürgert wurden, weiß niemand. Oder möchte das niemand wissen? Es verwundert zumindest, dass man bei Straftätern und Tatverdächtigungen auf Freiwilligkeit der Angabe setzt, während es an anderer Stelle genügend Statistiken gibt, die sehr wohl exakt Auskunft geben. In Deutschland lebten im Jahr 2023 24,9 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund, das entspricht 29,7 % der Gesamtbevölkerung. Das erfahre ich bei der Bundeszentrale für politische Bildung. Bei sozialen Erhebungen scheinen Differenzierungen möglich, nicht aber beim Thema Kriminalität. Man kann sich dem Thema leider nur indirekt nähern.
Wie schwer ist es, in Deutschland eingebürgert zu werden? Wie viele Menschen nahmen und nehmen das in Anspruch? Die Fragen liegen auf der Hand, wenn man mehr darüber wissen möchte, wie sich die Gruppe der 58,2 Prozent „Passdeutschen“ zusammensetzt.
Schnellere Einbürgerungen unter strengeren Voraussetzungen! [4]
So bewarb die Ampel-Koalition das seit dem 27. Juni geltende neue Staatsangehörigkeitsrecht. Das klingt spontan etwas widersprüchlich. Ziel der Modernisierung des Gesetzes war und ist es, dass mehr in Deutschland lebende Ausländer schneller den deutschen Pass erhalten. Zitat:
„So haben 168.545 Menschen im Jahr 2022 den deutschen Pass beantragt. Das sind gerade einmal 3,1 Prozent der ausländischen Staatsbürgerinnen und Staatsbürger, die seit mindestens zehn Jahren hier leben. Die Einbürgerungsrate in Deutschland liegt mit 1,1 Prozent unterhalb der Einbürgerungsrate in der EU mit 2,0 Prozent. Das ändert sich mit dem Gesetz zur Modernisierung des Staatsangehörigkeitsrechtsrechts.“
Deutschland möchte mehr einbürgern. Die Logik dahinter ist folgende: Deutscher Pass gleich mehr Integration, weil mehr Identifikation! Und selbstverständlich bedeutet das in offizieller Lesart mehr Fachkräfte! Um dem gesellschaftlichen Vorurteil zu entgegnen, dass mittlerweile der deutsche Pass jedem Menschen wie auf einem Basar hinterhergeworfen wird, gelten zumindest in der Theorie strenge Regeln der Einbürgerung.
Und in der Tat ist in offiziellen Aufklärungsbroschüren [5] von „10 Voraussetzungen für die Einbürgerung“ die Rede. So seien gute Deutschkenntnisse ebenso Bedingung wie die Fähigkeit, selbst für sich und seine Familie zu sorgen. Außerdem müsse man sich zur freiheitlich demokratischen Grundordnung bekennen und sich von jedem politischen wie religiösen Extremismus distanzieren. Und so weiter. Der deutsche Pass als Ramschware? Das scheint wirklich nur ein Vorurteil, denn die Hürden zur Einbürgerung scheinen hoch zu sein. Nur sind Zweifel angebracht, ob es sich in der Realität wirklich so verhält.
Denn fest steht: Die Zahl der Einbürgerungen steigt laut Statistischem Bundesamt im Sinne von Faeser rasant an. Im Jahr 2023 waren es 200.100 dank schnellerer Verfahren und trotz vermeintlich höherer Hürden. Die Kernaussagen einer Pressemitteilung [6] von Destatis lauten:
- Größte Zahl an Einbürgerungen seit der Jahrtausendwende
- Mehr als ein Drittel aller Eingebürgerten kommen aus Syrien
- Eingebürgerte im Durchschnitt überwiegend jung und männlich
Was hat das alles mit der Polizeilichen Kriminalstatistik zu tun?
Vielleicht wenig, vielleicht viel. Es sollte kein Tabu sein, auf Tatsachen hinzuweisen und Fragen zu stellen. Tatsache ist, dass der Anteil von Nichtdeutschen unter tatverdächtigen Straftätern drei Mal so hoch ist wie ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung. Tatsache ist außerdem, dass der Anteil an Neubürgern rasant steigt und diese dann per Definition als „deutsche Täter“ gelten. Eine weitere Tatsache ist, dass das BKA bei deutschen Tätern mit potenzieller Migrationsgeschichte entweder nicht differenzieren kann oder möchte, obwohl das bei soziologischen Studien möglich ist. Eine weiterer Tatsache ist bemerkenswert: Überwiegend jung und männlich! So beschreibt Nancy Faeser das typische Täterprofil. Überwiegend jung und männlich! So beschreibt Destatis die eingebürgerten Neudeutschen, die wiederum überwiegend aus Syrien stammen.
Nicht Zahlen sind entscheidend. Entscheidend ist, wie man Zahlen interpretiert. Nicht Deutsch- oder Nichtdeutsch-Sein ist entscheidend. Entscheidend ist, wie man Deutsch-Sein für sich definiert. Das gilt auch für andere Nationen wie das Syrisch-Sein. Ich habe gerade in meinem Stammlokal einen tollen jungen Mann kennengelernt. Eine neue Bedienung aus Syrien. Basisch männlich, freundlich, intelligent. Entscheidend ist vor allem, dass man nie vergisst, zu differenzieren.

2 Responses
Ich bin der Meinung, das wir über MENSCHEN sprechen sollten.
Wir sind alle gleich…. Alles Menschen.
Immer wieder diese Differenzierungen. Die machen müde.
Durch den Hass, der in sozialen Medien verbreitet wird, gibt es immer mehr Menschen, die sich dadurch legitimiert fühlen Gewalt auszuüben.
Beispielsweise wird kaum über Rechts motivierte Gewalt berichtet… da frage ich mich schon, warum nicht?
Ist das nicht polarisierend genug? ARD und ZDF berichten darüber nur in Fußnoten… traurig
Eine Kriminalitätsstatistik, in welcher Taten nach Gewaltdelikten und Täter nach Religionszugehörigkeit separiert wären, würde unverstellten Einblick über die Ursache der Zustände in Deutschland ermöglichen.
Der Islam lehnt säkulare Nationalstaaten und deren Gesetze ab. In Syrien wurde unlängst eine Regierung, unter der alle Religionen und Ethnien friedlich zusammenleben konnten, von Terroristen mit Unterstützung durch USA, Türkei und Israel vertrieben und durch eine radikalislamische Herrschaft ersetzt. Vertreter*innen des Wertewestens werten dies als Fortschritt. Noch Fragen?