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Rüdiger, Reichelt & other bad fingers

by Peter Löcke //

Der Fall „Rüdiger gegen Reichelt“ erhitzt die Gemüter. Was war geschehen? Der Fußball-Nationalspieler Antonio Rüdiger postete auf Instagram ein Selfie. Auf dem Foto posiert er als gläubiger Moslem im weißen Gewand mit erhobenem Zeigefinger. Das tat der Antonio wegen des beginnenden Ramadan. Das machte er nur, um auf Social Media seinen Gott Allah zu ehren. Das machte er nicht zur Befriedigung seiner Follower und schon gar nicht aus Gründen der Eitelkeit und Selbstinszenierung. 

Auftritt Julian Reichelt. Rambo Reichelt ist laut eigener Aussage der härteste Gegner von Scheinheiligkeit, Heuchelei und Propaganda. Aus diesem Grund hat der Julian noch einen Karton Refugees-Welcome-Aufkleber, vielleicht auch noch andere Leichen im Keller. Reichelt ist empört, sieht im sogenannten Tauhid-Finger einen islamistischen Gruß. Religiöse Geste oder Extremisten-Gruß? Da streiten sich die Islamforscher. Als ausgewiesener Nicht-Islamexperte enthalte ich mich eines Urteils. Der Modeexperte in mir findet, dass Rüdiger weit ausgeschnittener weißer Leinenstoff besser steht als ein enganliegendes rosapinkfarbenes Fußballtrikot. 

Die Schlammschlacht Rüdiger gegen Reichelt ähnelt der Beobachtung eines Tennismatches. Mein Kopf wandert von links nach rechts und wieder zurück bis aus der anfänglichen Beobachtung ein Kopfschütteln entsteht. Es sind verbale Kanonenkugeln und keine Filzbälle, die sich die verfeindeten Parteien um die Ohren hauen. „Extremist & Terrorist“ schreien die einen, „Islamophober Rassist“ brüllen die anderen. Wie das Tennismatch ausgeht, wird vor Gericht entschieden. Dort treten beide Parteien mit erhobenem moralischen Zeigefinger an. Apropos moralischer Zeigefinger. 

„Möge die gesamte Republik mit dem Finger auf sie zeigen!“ Gemeint waren alle ungeimpften Menschen. Geschrieben wurde dieser Satz von Nikolaus Blome, dem Ressortleiter Politik und Gesellschaft von RTL, außerdem Spiegel-Kolumnist. In den Top 10 der widerwärtigsten Pandemie-Zitate wird diese Äußerung auf ewig einen Stammplatz haben. Wer so etwas sagt, ist ein ganz schlimmer Finger. So hätte sich vermutlich mein Großvater zu Nikolaus Blome geäußert. Lieber Herr Blome, dafür verdienen Sie den ausgestreckten Mittelfinger, den Effenberg. Selbstverständlich nur metaphorisch. Alles andere würde mich bis zu 4000 Euro kosten.

Moralischer Zeigefinger und Stinkefinger? Zum Glück verfügt die menschliche Hand noch über unverdächtige Extremitäten wie den Ringfinger. Den Ringfinger ziert wertvoller Schmuck, in der Regel ein Ehering. Mit Ehe und Familie assoziiere ich etwas Schönes. Nur gehöre ich da einer Minderheit an. Kennen Sie Emilia Roig? Die Dame ist Politikwissenschaftlerin und Autorin des Buches „Das Ende der Ehe“. Die Ehe sei ein historisches Zeichen von patriarchaler Unterdrückung. Oha! Für diese These kenne ich zu viele Ehen, in welchen eindeutig die Frau die Hosen anhat. Eine medial herumgereichte Emilia Roig ist nicht das Problem. Ihr sei die Botschaft gegönnt. Das Problem liegt darin, dass es mittlerweile tausende Emilia Roigs gibt, die unter jedem Stein toxische Männlichkeit vermuten. Das ist meines Erachtens ein untrügliches Zeichen für ein Zeitalter der toxischen Weiblichkeit. Wenn ich einer Frau die Tür aufhalte, bin ich frauenfeindlich, weil ich in alten Mustern denke. Wenn ich es nicht tue, bin ich es ebenfalls, weil ich unhöflich bin. Es ist zum Verzweifeln. 

Nicht aufregen, nur nicht aufregen! Ich sollte zur Ruhe kommen und das lange Osterwochenende genießen. Osterruhe? Da war doch was. Es ist drei Jahre her, als Angela Merkel die große Osterruhe plante. Par ordre du mufti! Das heißt übersetzt „durch Anordnung von Mutti“. Nur war die angeordnete Osterruhe dermaßen irrsinnig, dass selbst die größten Lockdown-Befürworter und Merkelfans die Hände über den Kopf zusammenschlugen. Es kam zur großen Entschuldigung, die aus einer 5-minütiger Stellungnahme bestand. In dieser Stellungnahme wickelte Merkel ganz Deutschland um ihren kleinen linken Finger. Sie allein habe das entschieden. Sie allein habe die gescheiterte Schnapsidee der Osterruhe zu verantworten. Anschließend lagen ihr alle Journalisten und fast der gesamte Bundestag zu Füßen für diese Selbstkritik. Das muss man erst mal hinkriegen, so viele Menschen um den kleinen Finger zu wickeln. Da trifft eine Bundeskanzlerin eine absurde Entscheidung als autokratische Sonnenkönigin. Die absurde Entscheidung wird aufgrund öffentlichen Drucks zurückgenommen und dafür wird die Sonnenkönigin gefeiert. Chapeau. Dass die große Entschuldigung aus einer Minute Entschuldigung und vier Minuten Selbstlob bestand, sei nur am Rande erwähnt. Merkel ist ein ganz schlimmer linker Finger. Das hätte mein Großvater gesagt, nicht ich. Nun aber wirklich zur Osterruhe, zu einer selbstbestimmten und nicht angeordneten Ruhe. 

Ich wünsche allen treuen Lesern des Clubs der klaren Worte, auch im Namen des Herausgebers Markus Langemann, ein schönes langes Wochenende und frohe Osterfeiertage. Trinken Sie einen Eierlikör zu viel. Nehmen Sie das Leben nicht zu ernst und lassen Sie alle fünf Finger gerade sein in diesen Zeiten. Für Ihr Hiersein und Ihre Unterstützung möchten wir uns bedanken.

Daumen hoch!

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3 Responses

  1. Lieber Herr Löcke, wie die Woche enden wird, weiß ich noch nicht. Aber gestartet ist sie dank Ihres höchst gelungenen Textes und all seiner Spitzen ganz hervorragend – denn ich habe mich köstlich amüsiert! Das fiel mir aber auch leicht, weil in Ihnen so sehr nachempfand, nachdem ich ein wenig hier und da nach den beiden schlimmen Fingern, um mitreden zu können. Am mir war das nämlich dank totaler Abstinenz Mainstream-medial ganz vorbei gegangen, aber im praktischen Dasein leider doch nicht so ganz. Nach dem Nachsehen dachte ich dann nur: Was wollen denn bloß alle? Die kloppen sich und spielen Foul, entsprechend durchsichtig, fade und uninspiriert ist das Match. Da lobe ich mir Löckes Finger-Assoziationen: ein tiefsinniger Lacher jagt den nächsten, großes Verbaltheater!

  2. Schon mal „Nathan, der Weisen“ wahrgenommen? Lessing benutze einen weisen, alten Juden, um quasi die Gleichwertigkeit von Juden, Christen und Muslimen darzustellen. Aktueller denn je, wie mir scheint. Es wäre allerdings schön, wenn das alle verstanden hätten, nicht nur wir Christen, sondern auch die Anderen. Die negativen Auswüchse, die wir in der Migration sehen, haben m.E. wenig mit echter Religiösität zu tun. Ich glaube, da wird Religion missbraucht, Die christliche Kirche, protestantisch wie katholisch, hat sich in der Vergangeheit nicht besser benommen, dennoch hoffe ich für die Zukunft auf eine Weiterentwicklung. Ich werde demnächst eine Kopftuch tragende Afghanin für ein zweiwöchiges Praktikum in meiner Praxis einladen und danach mit den anderen Mitarbeiterinnen zusammen entscheiden, ob wir sie einstellen werden. Ich habe den größten Respekt für die Menschen, die als Flüchtlinge kommen und sich nicht in die Hängematte unseres Sozialstaates legen. Nichts destotrotz hoffe ich darauf, dass bzgl. der Migration, eigentlich ein treffender Begriff, heißt nichts Anderes als Völkerwanderung light, eine Lösung gefunden wird, die dauerhaft alle betroffenen Interessen berücksichtigt. Alles sollte nach den geltenden Rechtsnormen behandelt werden. Denn, wenn wir das Recht nicht achten, kommen wir zum vermutlich oligarchischen Feudalstaat, d.h. wir verlieren unseren Status als Souverän in einer funktionierenden Demokratie. Das kann nicht in unserem Interesse sein.

    1. Ein schöner Hinweis! Die Aufklärung war mit Menschen wie Lessing schon mal sehr weit voran geschritten. In dieser Hinsicht nimmt mein persönliches (Er-)Leben in seiner zweiten Hälfte mehrheitlich Rückschritt wahr. Und Religion wurde wohl schon immer im Ringen um Macht missbraucht. Doch das gilt ebenso für das Recht, dieser Widerspruch sei erlaubt. Soweit ich es verstehe, dient Recht nicht der Gerechtigkeit, sondern dem Frieden. Darum ist Verhältnismäßigkeit als eines der juristischen Grundprinzipien so wichtig. Und darum zeigen die letzten vier Jahre in aller Deutlichkeit den Niedergang nicht nur der vierten, sondern auch der dritten Gewalt, denn in beiden wie „mit zweierlei Maß“ gemessen – das exakte Gegenteil von Verhältnismäßigkeit und letztlich höherwertigen Prinzipien, die wohl alle Religionen kennen und vor allem auch jeder Mensch als Kind im tiefsten Innern trägt, bevor beim Erwachsenwerden manchem sehr verschütt gehen. Und noch ein Widerspruch: „unseren Status als Souverän in einer funktionierenden Demokratie“ ist doch schon längst verloren, er kann nur zurückerobert werden! Das wollen wir mal alle hoffen. Zuvor muss allerdings der heilige Geist den Weg in die Mehrheit der Köpfe hierzulande gelangen.

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