// Kommentar von Markus Langemann
Vielleicht sind dies die persönlichsten Zeilen, die ich seit Jahren schreibe.
Samstag vor einer Woche reiste ich gemeinsam mit unserer Chefredakteurin Diana-Maria Stocker nach Dubai. Die Vor-Ort-Vorbereitungen für B-Safe26 standen an – ein Projekt, das über Monate hinweg aus Gesprächen, Gedanken und Begegnungen gewachsen war. Man reist in solchen Momenten mit einer Mischung aus Professionalität und stiller Vorfreude. Alles ist vorbereitet, alles scheint geordnet. Die Welt wirkt berechenbar.
6.30 Uhr Ortszeit. Samstagmorgen. Ankunft in Dubai.
Die Stadt liegt im milden Licht des Morgens da, geschniegelt und aufgeräumt wie ein Versprechen der Moderne. Glas, Stahl, Wüste. Eine Architektur der Kontrolle. Eine Stadt, die den Eindruck erweckt, sie habe das Chaos der Welt in Beton gegossen und damit überwunden.
Rund vier Stunden später, am selben Tag um 10.15 Uhr, beginnt eine andere Wirklichkeit. Die ersten amerikanisch-israelischen Luftschläge treffen Ziele in Teheran. Exakt eine Woche später sind wir – nach einer Odyssee – in Rom. Was zwischen diesen beiden Punkten liegt, lässt sich kaum chronologisch erzählen. Vielleicht nur in Notizen. In Momenten. In Gedanken, die sich unter dem Eindruck einer Bedrohung ordnen, die plötzlich nicht mehr abstrakt ist.
Mit der Realisierung der Kampfhandlungen wird rasch klar: Jetzt müssen Entscheidungen getroffen werden. Nur wenige Stunden nach den ersten Angriffen schlägt Iran zurück. Raketen mit dem Ziel Dubai und Abu Dhabi. Amerikanische Einrichtungen, aber wer weiß das schon genau. Die Wahrheit stirbt als Erstes in einem Krieg. Erste Trümmer. Erste Verletzte. Die gerade bezogenen Hotelzimmer im 45. Stock einer amerikanischen Hotelkette erscheinen plötzlich wie eine schlechte Idee. Zu hoch. Zu exponiert.
Zu nahe an allem, was jetzt zum Ziel werden könnte. Es folgen schnelle Gespräche am Frontdesk. Abwicklung, Umbuchung, Organisation. Wir wechseln das Gebäude, verlassen Downtown, ziehen in ein niedrigeres Hotel mit sieben Stockwerken. Weniger spektakulär. Weniger sichtbar. Doch es liegt nur acht Kilometer vom Flughafen entfernt. Immerhin: zwei Untergeschosse. Das wird für die kommenden Tage unsere Operationsbasis. Lagezentrum, Entscheidungsraum, Schutzraum. Eine provisorische Kommandozentrale in einer Welt, die plötzlich ihre Ordnung verloren hat.
Sehr schnell wird klar: Die Veranstaltung in Abu Dhabi mit internationalen Speakern und Gästen ist unmöglich geworden. Safety first. Alles andere wäre verantwortungslos. Eine administrative Kaskade wird folgen – Verträge, Regulationen, Rückabwicklungen. Doch das muss warten. Jetzt zählt nur das Nötigste. Schnelle Kommunikation an Teilnehmer rund um den Globus, Entscheidungen im Minutenrhythmus. Währenddessen beginnt die Suche nach verlässlichen Informationen. Kontakte werden aktiviert, Quellen angezapft, Daten abgeglichen. Meldungen über Beschuss und Abwehr erreichen uns im Zwanzig-Minuten-Takt. Die Menschen sind verunsichert, und doch wirkt die Situation auf seltsame Weise kafkaesk. Denn während auf den offiziellen Kanälen der Ministerien und Nachrichtenagenturen der Vereinigten Arabischen Emirate Kriegsmeldungen inzwischen im Fünf-Minuten-Takt aufpoppen, läuft das Leben am Hotelpool weiter. Menschen schwimmen, Kinder lachen, in der Lobby klirren Gläser. Diese Gleichzeitigkeit von scheinbarer Normalität und rationaler Bedrohung erzeugt eine innere Spannung, die man nicht vergisst. Man spürt sie im Körper, noch heute.
Sehr schnell wird deutlich, welche außergewöhnliche Luftabwehr die Vereinigten Arabischen Emirate installiert haben. Wir hören Detonationen. Gewaltige, dumpfe Schläge, schwer zu lokalisieren, scheinbar aus Richtung Flughafen. Später erfahre ich, dass es abgefangene Kamikazedrohnen sind, die vom Luftabwehrsystem zerstört werden. Der Himmel über Dubai ist in diesen Stunden ein unsichtbares Schlachtfeld, mit aufblitzenden Leuchtbällen, immer dann, wenn das Abfangsystem Kamikatze-Drohnen zerstört.
Kurz vor Mitternacht endet ein langer Tag voller Kommunikation, Recherche und Entscheidungen. Dann schrillt mein Handy. Ein Ton, den ich noch nie gehört habe. Eindringlich, unmissverständlich. Ein Banner legt sich über das gesamte Display: sofort Schutz aufsuchen. Shelter. So landen wir – Hotelgäste aus aller Welt – irritiert und unkoordiniert im Untergeschoss, irgendwo zwischen Parkhaus und Betonstützen. Gegen zwei oder drei Uhr nachts gehen wir eigenverantwortlich wieder in unsere Zimmer. Dort fühlen wir uns wieder sicherer. Sicherheit ist ohnehin oft nur ein Gefühl. Versicherungen wissen das.
Wo liegt griffbereit Kleidung?
In diesen Stunden beginne ich zu begreifen, was meine Großeltern in Kriegszeiten erlebt haben. Sie waren Sudetendeutsche, vertrieben. Sie verloren alles: Land, Haus, Sicherheit, Zuversicht. Bis an ihr Lebensende blieben sie traumatisiert. Meine Mutter betonte noch kurz vor ihrem Tod immer wieder einen Satz, der für sie von großer Bedeutung war: Sie sei nicht geflüchtet. Sie sei vertrieben worden. Ein kleines Mädchen. In dieser Nacht denke ich an sie. Der schrille Handy-Alarm wird in den kommenden Tagen unser Begleiter, eine Woche lang. Liegt das Telefon in Hörweite, wenn ich dusche? Wo liegen griffbereit Kleidung und Schuhe? Niemals den Lift nehmen, immer die Treppe. Wasser mitnehmen, etwas Obst. Kleine Routinen des Ausnahmezustands.
Wir kommen ins Gespräch mit Menschen aus vielen Teilen der Welt. Mit Chinesen, mit Schweizern, mit Gästen und Residents, mit einem wunderbaren Zimmermädchen aus Kamerun, mit Geschäftspartnern aus Indien, aus Deutschland. Mit ihnen stehen wir bis heute in Kontakt. Und plötzlich wird etwas sehr deutlich: Über Ethnien, Weltanschauungen und Kontinente hinweg können Menschen einander respektieren, begegnen sich auf Augenhöhe. In diesen Begegnungen spüre ich etwas, das ich nur als christlichen Geist beschreiben kann – Verbundenheit, Menschlichkeit.
Gleichzeitig beginnen Gedanken zu kreisen. Diese Erlebnisse werden ein Kipppunkt sein, auch für meinen Blick auf Deutschland. Ich denke an Strack-Zimmermann und Kiesewetter. Ich denke an Friedrich Merz und seinen Satz aus dem Jahr 2024: „Frieden gibt es auf jedem Friedhof.“ Und an seine Worte in der Rheinischen Post im September 2025: „Wir sind nicht im Krieg, aber wir sind auch nicht mehr im Frieden.“ How dare you, Merz!
Dann fällt mir Willy Brandt ein: „Ohne Frieden ist alles nichts.“ Und fast grotesk wirkt in diesen Momenten die Erinnerung an eine saturierte junge Generation, die in Deutschland Genderfragen diskutiert, als handele es sich um das zentrale Problem unserer Zeit. Wenn über deinem Kopf Marschflugkörper und Kamikazedrohnen fliegen, verändert sich der Blick auf die Welt.
Transgenerationales Trauma wird plötzlich ein greifbarer Begriff. Und staatlich verordnete Debatten über Geschlechteridentitäten erscheinen in diesem Moment wie die grell beleuchtete Absurdität einer saturierten, dummen Gesellschaft vor dem Untergang. Im Untergeschoß des Hotels denke ich all das. Ich schreibe es hier nieder. Ein weiterer Kipppunkt.
Ein Gedanke kommt mir: Ich wünschte mir einen Klimakleber neben mir in dieser Tiefgarage – festgeklebt am Betonboden. Oder besser noch auf dem Rollfeld von DXB.
Nein, Dubai brennt nicht
Währenddessen melden sich Freunde, Familie, Geschäftspartner. Ich führe vor Ort noch ein Interview. Und in Deutschland beginnt ein mediales Schauspiel. „Dubai brennt.“ Nein. Dubai brannte nicht. Was brennt, ist etwas anderes: Hass, Häme. Die deutsche „Siehste!“-Fraktion arbeitet sich an sogenannten Influencern aus Dubai ab. In sozialen Netzwerken und großen Medienhäusern überschüttet man sie mit Spott. Es ist der Moment in dem mich dieses Land fürchtet, gar ekelt. In diesem Moment löst sich ein weiteres emotionales Band zu Deutschland.
Die Fakten erzählen eine andere Geschichte. Bis zu diesem Zeitpunkt, zu dem diese Zeilen entstehen, wurden 1.668 Drohnen, Cruise Missiles und ballistische Raketen abgefangen. Mindestens drei Menschen sterben durch herabfallende Schrapnelle, es gibt mehrere Dutzend leichte bis mittlere Verletzte durch Trümmerteile in Abu Dhabi und Dubai. Und dennoch läuft das Leben unter diesem spektakulären Schutzschirm erstaunlich normal weiter.
Ein Vergleich drängt sich auf: Silvesternacht 2025 auf 2026 in Berlin. Rund 4.000 Polizisten im Einsatz. 40 bis 50 Schwerverletzte. Zwei Todesfälle deutschlandweit.
Inzwischen sind viele Airline-Websites überlastet. Verbindungen nicht mehr buchbar. Hotlines bleiben unerreichbar – selbst nachts um 3.23 Uhr. Tag zwei oder drei fühlt sich an wie Woche zwei oder drei. Adrenalin hält wach. Bis 1.30 Uhr nachts überprüfe ich Nachrichten: CNN, BBC und arabische Quellen. Dann fallen die Augen zu. Bleiben ist keine Option, warum auch? Herauskommen wird schwierig. Immerhin übernehmen die VAE Hotel- und Verpflegungskosten für jene, die eigentlich längst hätten ausreisen sollen. Für uns nicht. Die Chinesin aus dem Hotel schafft es auf einen „nichts-wie-weg“-Flug nach Malé, die Schweizerin schlägt sich über Land in den Oman durch. Diana bleibt mit ihnen in Kontakt.
Natürlich melden wir uns beim Auswärtigen Amt über die ELEFAND-Liste. Diana-Maria Stocker meldet sich als Österreicherin beim der österreichischen Botschaft in AbuDhabi an und mich dankenswerterweise als deutschen Staatsbürger als Begleitperson. Nach 5 Tagen und Zwischenkorrespondenzen meldet sich mitten in der Nacht die österreichische Botschaft. Sie organisieren einen Flug – für Diana-Maria und für mich. Danke Österreich!
Vom deutschen Auswärtigen Amt erhalte ich bis heute lediglich zwei, drei E-Mails. „Liebe Landsleute…“ Der Inhalt: „Wenn Sie ausreisen möchten, kontaktieren Sie bitte Fluggesellschaften oder Ihren Reiseveranstalter. In Betracht kommen die Flughäfen Dubai, Abu Dhabi oder Sharjah.“ Danke Deutschland für nichts. Ein weiterer Kipppunkt.
Das österreichische Angebot erreichte uns erst, als wir bereits in Muskat im Oman sind – zu spät. Wir haben inzwischen selbst Restplätze nach Rom gefunden. Dankend die Plätze im AbuDhabi-Evakuierungsflug freigegeben.
Die VAE setzen währenddessen die Transaktionsgebühren an Geldautomaten aus. Eine kleine, aber spürbare Hilfe, denn festzusitzen ist teuer. Reservierungen, Mietwagen, Hotelumbuchungen – selbst wenn man sie wieder stornieren kann, werden Beträge zunächst blockiert.
Beim Grenzübertritt in den Oman treffen wir zwei Niederländer. Sie buchten ins selbe Flugzeug wie wir – Muskat nach Rom. Zuvor hatten sie bereits andere Flüge reserviert, nach Singapur, von dort zurück nach Europa. Man nimmt, was für wenige Minuten online verfügbar ist. Die Kreditkarten glühen.
Acht Stunden Flug. Muskat nach Rom. Hinter mir eine französische Familie mit zwei Kleinkindern, vor mir die Flugroute, ein Umweg, um mögliche Raketenbahnen zu vermeiden. Neben uns sichtbar andere Verkehrsmaschinen im engen Luftkorridor. Oman Air serviert einmal ein trauriges Essen, danach nichts mehr. Aber wir landen sicher in Rom. Und seit gestern sind wir wieder in München.
Eine Frage des Respekts
Ich empfinde großen Respekt vor den Vereinigten Arabischen Emiraten, vor ihrer Organisation, ihrer Gastfreundschaft, ihrer Fürsorge und einer Administration, die funktioniert. Ich unterscheide klar zwischen Propaganda und dem realen Anliegen einer Regierung, ihre Bevölkerung zu schützen. In einer Bedrohungslage wünscht man sich genau das: eine staatliche Organisation, die den Menschen zugewandt ist. Ein Scheich der in diesen Stunden regelmäßig bei den Menschen ist und nicht auf dem Tennis-Court.
Montagmorgen. Meine rechte Hand greift nach der Kaffeetasse, etwas ruhiger. Doch das vegetative Nervensystem hat gestern noch kleine Wellen in den Kaffee gezeichnet.
Heute schreibe ich nur diese Zeilen. Vielleicht versuche ich morgen wieder so etwas wie Normalität. Eines ist mir bereits jetzt klar, ganz ohne Dramatik: Gottvertrauen und Führung sind ein Segen. Und mein Verständnis für Menschen, die in Kriegsgebieten leben – unabhängig von ihrer Weltanschauung – ist gewachsen. Auch das Leid der Generation meiner Großeltern und Eltern verstehe ich heute besser.
Strack-Zimmermann und Konsorten: eat this!
Krieg ist keine Option. Krieg war niemals eine Option. Und deshalb nehme ich die Wahlergebnisse von gestern mit einer gewissen Genugtuung zur Kenntnis.
Deutschlands erfolgreichstes Experiment zur Markteinführung politischer Bedeutungslosigkeit: die FDP.
Next in Line: CDU.
Please!
Gottes Segen und Schutz für alle, die vor Ort sind.
Sincerely
Yours
Markus Langemann
