Was weiß Wissenschaft?

by Peter Löcke //

„Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ 

Der griechische Philosoph Sokrates soll das gesagt haben. Um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, braucht es viel Weisheit. Aber wer weiß? Vielleicht handelt es sich nur um ein über die Jahrtausende überliefertes falsches Zitat, welches so nie gefallen ist. Irgendwann werden ARD-Faktenchecker herausfinden, dass das Bonmot eigentlich vom Brasilianer Sócrates stammt. Der galt als Fußball-Philosoph, als Genie im Umgang mit dem runden Leder und war außerdem Kinderarzt, ein Wissenschaftler also. Ich zitiere aus einer Hommage: „Er rauchte wie ein Schlot, soff wie ein Loch und spielte Fußball wie ein Gott.“ [1] Amen. Sokrates & Sócrates sind tot. Buyx lebt.

Ich weiß, dass ich alles weiß. 

Diesen Anschein erweckte Professorin Doktorin Alena Buyx bei ihrer Corona-Tournee durch Talkshows und Tageszeitungen. Dabei kann man sich schon mal sprachlich verdribbeln im Bällebad der eigenen Eitelkeit. Eine ihrer medizinischen Falschaussagen flog der Ethikerin nun in der Enquete Kommission zur Aufarbeitung der Corona-Pandemie um die Ohren. Anders als bei einem Philosophen, der 399 vor Christus gestorben ist, kann man Zitate anno 2025 immer noch nachweisen. Das liegt an eleganten Verfahren wie Ton- und Filmaufnahmen. Lügen zerfallen nicht einfach nach zwei Wochen oder zwei Jahren. Die sind nicht einfach weg. Lügen werden ebenso wenig abgebaut wie mRNA-Impfstoffe im menschlichen Körper. Nun gut. Mit dem Wissen von heute weiß Alena Buyx, dass es sich bei ihrem damaligen Wissen lediglich um eine persönliche Einschätzung handelte. Vielen Dank.

 „Ich weiß. Ja.“

Das denken Sie gerade als gut informierter Leser. Sie werden selbstverständlich von der Befragung von Professor Homburg gelesen haben, die auch die Sitzungsleitung der Aufarbeitungsverhinderungskommission nicht verhindern konnte. Doch „Ich weiß. Ja.“ sagte noch jemand anderes. Als Alena Buyx bei Markus Lanz ihren Nonsens um den vermeintlich sofortigen Abbau von mRNA, besser gesagt modRNA, in deutsche Wohnzimmer verbreitete, pflichtete eine Stimme aus dem Off ihr eifrig zu. Es war die Stimme von Professor Harald Lesch. Bei den Aussagen von Deutschlands Universal-Experten für Wissenschaft handelt es sich in der Regel um persönliche Einschätzungen. Das ist meine persönliche Einschätzung. Sein Problem?

Lesch glaubt, alles zu wissen.

Weniger sarkastisch ausgedrückt führt das zu einer Erkenntnis. Eine Lüge wird wahr, wenn man sie sich gegenseitig im Dialog bestätigt. DIE Wissenschaft tritt gerne im Rudel auf. Sie tritt als die EINE Wissenschaft auf. Denke selbst? Ganz im Gegenteil. Das Motto lautet „Glaube zusammen“. Sprachanalytisch ist das recht einfach zu belegen. Neben Solidaritätsbekundungen, neben der Formulierung „Wir als Wissenschaft“ fällt eines auf. Das Wort „Wissenschaft“ taucht in jedem zweiten Satz auf. Zwar fehlen valide wissenschaftliche Argumente, doch das Wort „Wissenschaft“ fehlt nie. Machen wir es konkret durch eine Äußerung einer ebenfalls in den Corona-Ausschuss geladenen Sachverständigen.

"Ich möchte Frau Professor Buyx von Wissenschaftlerin zu Wissenschaftlerin meine Solidarität bekunden!“

Anika Klafki ist Rechtswissenschaftlerin und Hochschullehrerin, außerdem Richterin am Thüringer Verfassungsgerichtshof. Sie ist selbstverständlich Professorin & Doktorin, SPD-Mitglied und fiel während Corona als Befürworterin härtester grundrechtseinschränkender Maßnahmen auf wie etwa in diesem ARD-Interview vom 15. November 2021 [2]. Auch Anika Klafki betont gerne ihren Status als Wissenschaftlerin, sie solidarisiert sich ohne Argumente mit Alena Buyx, spricht gerne als Wissenschaft in der „Wir“-Form. Exemplarisch?

„Was wollen wir eigentlich an Freiheit gewähren?“ 

Das müsse man sich bei der nächsten Pandemie vorher fragen. Klafki möchte nicht zurückschauen, sondern nach vorne. Wen genau die Expertin mit „wir“ meint, kann ich nicht beantworten. Vermeintlich sprach Anika Klafki für die Wissenschaft als Ganzes, für die Sie als Ich im Wir Auskunft gibt. Die medizinischen Argumente lieferte die Nicht-Medizinerin Klafki dementsprechend gleich mit [3].

„Ich glaube, in der nächsten Pandemie werden wir uns auch nicht mehr darauf berufen können, dass das alles furchtbar unvorhersehbar ist. Wir wissen jetzt, Pandemien können kommen. Wir wissen, in jeder Pandemie, egal wie die Krankheit aussieht, Social Distancing ist ne wirkungsvolle Maßnahme. Deswegen gab‘s das sogar schon im Mittelalter. Selbst Masken gab‘s da, diese Pestschnäbel. Sie kennen’s vielleicht von Halloween.“

Was weiß Wissenschaft?

Nichts. Die Wissenschaft weiß gar nichts. Nur sind sich anders als Sokrates Buyx, Lesch, Klafki & Co ihres Unwissens nicht bewusst. Manchmal beschleicht mich ein Gefühl. Es handelt sich bei diesem Gefühl nur um eine persönliche Einschätzung. Je größer das Unwissen, umso größer die Hybris, das eigene Unwissen als unumstößliche Wahrheit zu verkaufen.

Das kann ich auch. An arroganten Tagen sehe ich mich fast auf einem Niveau mit Sócrates. Ich meine den exzentrischen brasilianischen Fußball-Philosophen, den sein Vater nach dem griechischen Philosophen benannte. Ich muss nur noch lernen, Fußball spielen zu können wie ein Gott. 

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9 Responses

  1. Warum kommentieren hier eigentlich „nur“ Männer? Wobei es aus dem ersten Kommentar ja nicht hervorgeht, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt. Ich meine „nur“ nicht abwertend, denn ich, als Frau, mag Männer sehr, aber erlaube mir doch zu bemerken, dass ich einige Kommentare hier wie ein geistiges Kräftemessen unter dem anderen Geschlecht empfinde. Für mich als Frau der Boomergeneration nicht ansprechend. Wer von uns kann denn wirklich mit Fug und Recht behaupten zu wissen, was wer wann gesagt hat…, ob in der Bibel oder im alten Griechenland oder ganz woanders. Schließlich war niemand von uns dabei oder? – Wenn wir sonst keine Probleme in diesem Land und auf der Welt haben, die nach Lösungen schreien…:)). Herzliche Grüße an alle hier!

  2. Früher hielt der Glaube an Gott, oder die Götter, die Gesellschaft zusammen, heute, nachdem Gott tot ist (Nitzsche, „Gott ist tot. Wir haben ihn gerötet.“), soll das „die Wissenschaft“ tun. Marxisten, Kommunisten und Sozialisten berufen sich alle auf „die Wissenschaft“, die es so garnicht gibt, jedenfalls nicht als Bekenntnissystem sondern als Erkenntnissystem. Was diese linken Ideologien im Namen der Wissenschaft angerichtet haben, muss nicht im Detail ausgebreitet werden, jeder weiß es. Die wahre Wissenschaft formuliert Gesetzmäßigkeiten, die solange gelten bis sie widerlegt sind. Alle Schwäne sind weiß, gilt solange bis der erste schwarze Schwan auftaucht. (Karl Popper) Dann muss Wissenschaft sich neu Gedanken machen, das heißt neue Hypothesen formulieren und sie überprüfen, um zu neuen Gesetzmäßigkeiten zu kommen. In der Wissenschaft gilt also: Die wissenschaftliche Erkenntnis von heute ist der Irrtum von morgen. Der beste Witz ist, dass Jura eine Wissenschaft sei! Juristen, die das behaupten, haben von Wissenschaft keine Ahnung. Sie denken, wer an einer Hochschule unterrichtet, sei automatisch Wissenschaftler. Was für ein Irrtum! Juristen haben gelernt Paragrafen auf Sachverhalte anzuwenden. Nicht mehr und nicht weniger. Wenn sie das ideologisch tun, sind sie Ideologen und keine Juristen. Aber nie sind sie Wissenschaftler. Diese Gesellschaft zeichnet sich tatsächlich dadurch aus, dass ihre Eliten nichts wissen. Im Gegensatz zu Sokrates wissen sie es aber nicht.

  3. Wie hieß das früher? Drei Dinge braucht der Mann…
    Erstens…Sokrates soll einmal die Pythia, das Orakel von Delphi, gefragt haben, wer der weiseste Mann von Athen sei. Worauf Pythia geantwortet haben soll, das sei er, Sokrates.
    Seine Weisheit bestand nun darin, zu wissen, dass er nicht (alles) wissen konnte (und nicht „nichts“).
    Zweitens…Frau Buyx und Fußball. Das perfide am Abseits ist, dass man selten merkt, dass man darin steht. Frau Buyx gelingt dies sogar beim Eigentor. Ganz ohne Sokrates…
    Und drittens…eine kluge Frau (also nicht Frau B.) soll mal gesagt haben: „Es wird einem nur geboten, was man sich bieten lässt“. Diese weisen (sic!) Worte würden den Widmungsspruch am Deutschen Reichstag ideal ergänzen. Würde Sokrates wissen…

    1. Nicht Sokrates hat das Orakel von Delphi befragt, sondern sein Freund Chairephon. Sokrates war darüber so erstaunt, dass es keinen weiseren geben solle als ihn, er versuchte herauszufinden, was an dem Orakelspruch daran sei. Er sah sich bestätigt, dass er von vielem keine Ahnung habe, andere aber in der Überzeugung leben, zu wissen. So sollte bitte, gemäß der Quellen erzählt werden. Danke.

  4. „Lieber Michael Röhrig, ich bin der Meinung, „du“ hast dich selbst entlarvt. Von dem Begriff „Wahrheit“ hast du, wie deine Kommentar erkennen läßt, keine Ahnung. Würde dir einmal eine tiefere Auseinandersetzung mit diesem Begriff empfehlen! Vielleicht über diesen Weg: https://www.youtube.com/watch?v=ks_41ZiAIY0
    „Die Wahrheit wird euch frei machen“, hat Jesus gesagt. Mit dieser Wahrheit, die frei macht (von was wohl?), bist du offensichtlich nicht vertraut. „Ich bin der Weg, die Wahrheit, und das Leben“, diese Aussage Jesus begreifst du nicht, da du ganz offensichtlich ein reiner Materialist bist. Mitn Stephanus kann ich nur sagen: „Herr vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun (reden, sagen oder denken).“
    Harald Lesch will ich nicht beurteilen. „Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet, denn mit dem Maß mit dem ihr messt, wir euch gemessen werden.“ Lesch, hält sich vielleicht für intelligent und schlau, aber, dass er die Weisheit vertritt, „die von oben kommt“, bezweifle ich.

    1. Moin Herr Schäfer!

      Den Link, den sie mir geschickt haben, bedient solche Allgemeinplätze, dass ich ihn mir nicht bis zum Ende angehört habe. Mein erster Eindruck: Willkommen in der Welt der KI.

      Sie scheinen auch den Satz von Maimonides nicht in Gänze verstanden zu haben.
      Sie haben auch meinen Kommentar wohl eher überflogen als gelesen und verstanden.
      Was soll ich zu ihrem Zitaten aus dem NT sagen.
      Ja, richte nicht, damit Du nicht gerichtet werdest. Vollkommen richtig.
      Was Sie Stephanus zuschreiben, ist ein Satz aus Lukas 23,34 und wurde von Jesus vor seinem Tod am Kreuz ausgesprochen.

      Woher nehmen Sie eigentlich die Chuzpe mir reinen Materialismus zu unterstellen? Ich muss doch sehr bitten. Danke.

      Und nur am Rande: Mir geht es sowieso eher um die Liebe zur Weisheit, dem eigentlichen Gehalt der Philosophie, als um Wahrheit.

      Ich habe Johannes 8 gelesen und frage mich, was wohl Jesus zu Ihnen sagt. Kleiner Scherz…

      „Wir stehen selbst enttäuscht und sehen betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“ Bertolt Brecht

  5. Herr Löcke, Sie haben sich mal wieder selbst übertroffen! Meine Anerkennung zur sehr treffenden Einschätzung.
    Der letzte Absatz gefällt mir am besten… 🙂

  6. Soweit ich weiß, wird Albert Einstein die zum Kommentar passende Formel zugeschrieben:

    Ego = 1 / Erkenntnis

    Mit bestem Dank für Ihre Kolumne

  7. Entschuldigung, Sie scheinen Prof. Dr. Harald Lesch nicht zugehört zu haben, er betont immer wieder an ganz unterschiedlichen Stellen, dass er dies und das nicht wisse.
    Er ist wegen des Zustandes der Gesellschaft in Sorge, glauben Sie, dies sei nur ein Lippenbekenntnis?

    Einem Menschen, gleichgültig ob Wissenschaftler oder nicht, zu unterstellen, er wisse GAR NICHTS, ist nicht einmal den Begriff der Polemik wert.

    Ich schätze das, was mit Sokrates zu verbinden ist sehr, und mir ist vollkommen gleichgültig, ob er diesen Satz so gesagt hat, den der Kern dieses Satzes ist eine permanente Grenzerfahrung, immer wieder die Meinung und die Aufforderung diese infrage zu stellen.
    Ihre Worte, die ich gelesen habe, nicht alle, weil Sie von moralischer Überlegenheit nur so strotzen, sind genau das, was Sie anprangern.

    Auch der von Ihnen genutzte Begriff der PANDEMIE ist heute so nicht mehr haltbar, er ist schließlich nur die Rahmung eines Phänomens, das COVIT genannt wird.

    Sie haben sich selbst entlarvt.
    Dies ist meine Meinung, treten Sie in schriftlichen Kontakt zu mir und wir werden sehen, was Ihre und was meine Wahrheit ist, ganz im sokratischen Sinne plus einer Verbindung zu dem Ausspruch Maimonides‘: Höre die Wahrheit, wer sie auch spricht. Vielleicht hat auch er diesen Satz so nie gesagt, der Kern jedoch weiß zu strahlen. Auszustrahlen.

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