por Peter Löcke //
Selbst bei der Volksverdummung gibt sich die ARD keine Mühe mehr. [1]
Äußerst treffend analysierte und kommentierte Sophie-Marie Schulz von der Berliner Zeitung die letzte Auflage der TV-Show „Die 100 – was Deutschland bewegt“. Dem vernichtenden Urteil schließe ich mich an und doch ist das nur die halbe Wahrheit. Dazu später mehr. Was das Moderatoren-Trio Ingo Zamperoni, Anna Planken und Till Nassif am 8.12.2025 unter der Fragestellung „Werden wir gut regiert?“ [2] eine Stunde lang ablieferte, war in der Tat an infantiler Propaganda nicht zu überbieten. Die Versuchung ist groß, in den Chor der Empörung und Belustigung mit einzustimmen. Ich gehe einen anderen, einen analytischen Weg und möchte den Blick auf zwei Aspekte lenken, die auf das Konzept der Sendung zielen. Betrachten wir zunächst den Titel „Die 100“. Wofür stehen diese hundert geladenen Bürger?
Sie stehen repräsentativ für das Volk. Sie stehen pars pro toto für hundert Prozent der Bevölkerung, die zu unterschiedlichen Themen ihre unterschiedliche Meinung kundtun und mit ihren Füßen über eine konkrete Fragestellung abstimmen. Das ist die Idee der Sendung. Nun zum zweiten Teil der Wahrheit, den der lesenswerte Kommentar der BZ nicht berücksichtigte. Das in der Show präsentierte Stellvertreter-Volk verhielt sich wirklich dumm. Woran mache ich das fest?
Auftritt Anna Planken, die zu einem Loblied auf Deutschland und Kanzler Merz anstimmte. „Oh wie ist das schön“-Gesänge, Fanutensilien in Schwarz-Rot-Gold, dazu die La-Ola-Welle mit Unterstützung von Maskottchen „Schlandi“. Die ARD präsentierte Planken als primitive Ballermann-Animateurin und hundert Vorzeige-Bürger machten mit. Auftritt Till Nassif, der im Konzept der Sendung den Gegenpart zu Planken übernahm. In ebenso peinlicher Weise argumentierte Nassif, dass Deutschland schlecht regiert werde. Auch der zweite Moderator fungierte als Vorturner des repräsentativen Volkes. Er forderte die „100“ auf, die Perücken, Hüte und anderen Deutschland-Utensilien in bereitgestellten Mülltonnen zu entsorgen. Auch hier – die hundert Vorzeige-Bürger machten folgsam mit. Was hätte ich mir unabhängig der politischen Meinung gewünscht?
Gewünscht hätte ich mir eine einzige Person, die nicht auf Zuruf von Anna Planken im Deutschlandchor mitjubelt und den Mut aufbringt, die Welle zu unterbrechen. Gewünscht hätte ich mir eine einzige Person, die der Aufforderung des Till Nassif trotzt und weiterhin mit Deutschland-Boa durch das Studio läuft. Zu seinen Überzeugungen zu stehen und danach zu handeln statt auf die Anweisung einer Autorität zu warten – genau das macht einen mündigen Bürger aus. Sophie-Marie Schulz von der BZ hatte Recht, als sie die ARD-Volksverdummung kritisierte. Zur traurigen Wahrheit gehört leider auch, dass sich das Volk für dumm verkaufen lässt. Zumindest das selbstverständlich nicht repräsentativ ausgesuchte Statistenvolk der ARD tat das.
Kommen wir zum zweiten Aspekt des ARD-Konzepts. Das Bühnenbild, die Optik, das Setting der TV-Show „Die 100 – was Deutschland bewegt“ erinnert an eine alte Quizsendung für Kinder.
1, 2 oder 3? Du musst dich entscheiden, drei Felder sind frei.
Als Kind der 1980er erinnert man sich gern an die legendäre Show mit Michael Schanze. Zu meinem Erstaunen durfte ich feststellen, dass ich bis heute die einprägsamen Texte mitsingen und Melodien mitsummen kann. Auch bei „1, 2 oder 3“ durften Kinder bei Fragen mit den Füßen abstimmen und auf eines von drei möglichen Lösungsfeldern springen, bis Michel Schanze feststellte:
Ob ihr wirklich richtig steht, seht ihr, wenn das Licht angeht!
Ein paar Unterschiede gibt es schon. Bei der Show „Die 100“ existieren sieben statt nur drei Felder, auf die sich die Beteiligten positionieren können. Gefragt wird nach Meinung statt nach Wissen. Und Zielgruppe sind Erwachsene statt Kinder. Stimmt dieser letzte Punkt?
„Nein“ lautet die offensichtliche Antwort, wenn die ARD Erwachsene wie Kinder behandelt. Und das macht Millionen Kamerakinder namens Gebührenzahler wütend. Die Bürger stellen sich nicht nur die politische Frage „Werden wir gut regiert?“. Die mediale Frage lautet „Werden wir gut informiert?“. Schon aus Selbsterhaltungstrieb werden Ingo Zamperoni, Anna Planken und Till Nassif diese Frage niemals stellen, geschweige denn ehrlich beantworten. Dann übernehme ich das in den leicht abgewandelten Worten von Michael Schanze. Wohin also führt der Weg des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, wenn man sich selbst bei der Volksverdummung keine Mühe mehr gibt?
Plopp? Plopp, das heißt Stopp. Nur noch einen Hopp, dann ist es vorbei!
Nur eines noch. Zur Vorbereitung dieser Kolumne habe ich mir alte Quizshows angeschaut. Ich spreche von im Netz zu findenden „1, 2 oder 3“-Sendungen mit Michael Schanze. Das Format halte ich für anspruchsvoller und nicht ganz so infantil wie „Die 100“ von Ingo Zamperoni. Dabei durfte ich feststellen, dass es ein menschliches Phänomen gibt. Manche Fragen im Leben sind schwierig. Dann hoppsen alle Kinder unsicher durch die Gegend und schauen aus den Augenwinkeln auf das vermeintliche Alphatier. Dieses eine Kind springt auf das falsche Lösungsfeld und alle Kinder springen hinterher. Das Problem wird größer, je älter man wird. Nur die Autoritäten andern sich.
1, 2 oder 3? Letzte Chance. Vorbei.
Fuentes
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4 respuestas
Lieber Peter Löcke, warum schauen Sie sich ARD an? Machen Sie es doch so wie der größte Teil der Bevölkerung, zumindest der Menschen, die ich kenne: Zwangsbeitrag zahlen jedoch nicht dieses Zeug anschauen. Meine Lebenserwartung lässt es nicht mehr zu ARD und ZDF zu schauen.
Er macht es vermutlich aus journalistischer Verantwortung, um Menschen wie Sie und mich darüber zu informieren, wie weit die geistige Degeneration eines übergroßen Teils der Gesellschaft bereits gediehen ist. Dafür verdient er doch höchste Anerkennung, oder?
Das Tragische daran ist, dass viele Menschen, die natürlich wissen, wie blöd und verlogen das Ganze ist, weiter mitmachen, weil sie zu tief drin stecken. Den Zeitpunkt auszusteigen haben sie verpasst und können jetzt nur noch neidisch sein auf die Wenigen, die ihre gesicherte materielle Existenz ihrem journalistischen Ethos geopfert haben.
Vielen Dank für diesen sachlichen Bericht zu einem Phänomen, dass immer mehr um sich greift… Ich habe das Gefühl, dass den Menschen bereits in der Schule das selbständige Denken aber zogen wird. Das war zum Teil auch schon zu meiner Zeit (1970 – 1982) so, scheint mir aber noch zugenommen zu haben – alternativ könnte es natürlich auch so sein, dass die Schüler heute empfänglicher dafür sind. In jedem Fall eine bedenkliche Entwicklung!