// von Markus Langemann
Wie steht es um den Menschen, wenn ihm plötzlich die Landkarte aus der Hand genommen wird?
Da steht er dann an einer Weggabelung, die keine mehr ist, weil die Wege verschwimmen. Der Kompaß zittert, die vertrauten Markierungen sind unlesbar geworden, die alten Wegweiser zeigen in Richtungen, die nicht mehr existieren. Eben noch glaubte man zu wissen, wo Norden liegt, wo der sichere Pfad verläuft, wo eine Umkehr möglich wäre. Nun aber ist nicht nur der Weg unsicher geworden. Unsicher geworden ist die Annahme, daß es überhaupt noch eine Karte gibt, auf der diese Landschaft verzeichnet wäre.
Vielleicht beschreibt dieses Bild mehr von unserer Gegenwart, als uns lieb sein kann. Denn die Krise ist nicht mehr ein Ausnahmezustand, der den gewohnten Gang der Dinge unterbricht, um danach wieder in die vertraute Ordnung einzumünden. Sie ist zum Grundrauschen geworden. Energie, Krieg, Wirtschaft, Institutionen, Vertrauen, Gesellschaft, Innerlichkeit, ach und das elende Klima. Der Begriff hat sich ausgebreitet wie ein feuchter Nebel, der alles berührt und nichts mehr deutlich konturiert.
Doch gerade darin liegt eine Gefahr. Wo alles Krise heißt, verliert die Krise ihren Ernst. Der Begriff wird zur sprachlichen Großwetterlage. Er benennt dann nicht mehr das Außergewöhnliche, sondern das Unangenehme. Nicht mehr den Bruch, sondern die Verstimmung. Nicht mehr das radikal Andere, das in unsere Entwicklung einbricht, sondern jeden Widerstand, der sich dem reibungslosen Fortgang unserer Wünsche entgegenstellt.
Eine wirkliche Krise ist mehr. Sie ist nicht bloß Veränderung. Sie ist auch nicht bloß Belastung. Sie ist der Einbruch eines Fremden in eine Ordnung, die bis dahin trug. Sie stellt nicht nur einzelne Antworten in Frage, sondern die Art, in der wir bisher fragten. Sie ist der Moment, in dem Routinen versagen. Der Augenblick, in dem die alten Mittel nicht mehr reichen, weil das, was geschieht, in der alten Welt keinen Platz mehr findet.
Das macht ihren Schrecken aus.
Der moderne Mensch, besonders der westliche, hatte sich über Jahrzehnte in einer fast linearen Vorstellung von Fortschritt eingerichtet. Nicht naiv vielleicht, aber doch mit einer tiefen Gewöhnung an Wachstum, Sicherheit, Wohlstand, Planbarkeit. Es wurde mehr. Mehr Möglichkeiten, mehr Konsum, mehr Mobilität, mehr Schutz, mehr Rechte, mehr Versicherung gegen das Unversicherbare. Selbst dort, wo man kritisch blieb, lebte man doch meist in der unbefragten Annahme, daß die große Ordnung im Kern halte.
Diese Gewißheit ist beschädigt. Nicht vollständig zerstört, aber beschädigt genug, um nicht mehr als stiller Boden unter unseren Füßen zu dienen. Der bequeme Sessel, in dem man sich eingerichtet hatte, ist nicht einfach verrückt worden. Man ist aus ihm gestoßen worden.
Man könnte nun sagen: So ist das Leben. Und es wäre nicht falsch. Menschsein bedeutet nie, eine Garantie auf störungsfreie Entwicklung zu besitzen. Der Wunsch, wer sich bemühe, wer anständig handle, wer seine Pflicht tue, werde am Ende mit einem guten Verlauf belohnt, ist verständlich. Aber er ist kein Gesetz. Er ist eher eine bürgerliche Beruhigungsformel, ein moralisch getönter Vertrag mit einer Welt, die diesen Vertrag nie unterschrieben hat.
Das Leben verläuft nicht nach unserer Bedürfnislage. Es stellt Fragen.
Und an dieser Stelle beginnt der Ernst der Krise. Sie fragt nicht nur: Was geschieht da draußen? Sie fragt: Wer bist du, wenn das da draußen nicht mehr deinen Erwartungen entspricht? Wer bist du, wenn Sicherheit nicht geliefert wird? Wer bist du, wenn Institutionen nicht mehr leisten, was du ihnen zugedacht hast? Wer bist du, wenn die große Ordnung, an die du Aufgaben delegiert hast, selbst taumelt?
Die Krise ist deshalb nicht nur ein äußeres Ereignis. Sie ist eine Prüfung der Innerlichkeit. Das ist kein Rückzug ins Private und kein Psychologisieren der Weltlage. Es ist die nüchterne Feststellung, daß kein Mensch einer Krise nur als Beobachter begegnet. Er begegnet ihr mit seiner Geschichte, mit seinen Ängsten, mit seinen unerlösten Erfahrungen, mit seinen Gewohnheiten, mit seinem Bild von sich selbst und von der Welt.
Darum bedeutet dieselbe Krise nicht für alle dasselbe. Was den einen in Aktionismus treibt, lähmt den anderen. Was den einen zornig macht, macht den anderen stumm. Was der eine als Freiheitsfrage erlebt, erlebt der andere als Sicherheitsfrage. In der Krise spricht die Welt nicht nur zu uns. Sie bringt auch in uns etwas zum Klingen, das schon vorher da war.
Der Mensch neigt in solchen Lagen zu zwei Ausweichbewegungen. Die eine heißt Leugnung. Es ist nicht so schlimm. Es wird schon wieder. Alles Übertreibung. Die andere heißt Aktionismus. Man rennt, plant, ordnet, erklärt, beschließt und simuliert Kontrolle, wo zunächst einmal Erschütterung auszuhalten wäre. Beide Bewegungen können entlasten. Sie sind Schutzprogramme. Sie bewahren vor Überforderung. Aber sie lösen nichts, wenn sie dauerhaft an die Stelle der Wirklichkeit treten.
Denn Wirklichkeit verlangt Anerkennung.
Der erste Schritt im Umgang mit der Krise ist daher nicht der große Entwurf, nicht der Appell, nicht die Parole. Es ist das Wahrnehmen. Was ist wirklich? Was geschieht? Was ist nicht mehr so, wie es war? Was an meiner bisherigen Deutung trägt nicht mehr?
Wahrnehmen klingt klein, beinahe passiv. In Wahrheit ist es eine anspruchsvolle Leistung. Denn es setzt Verlangsamung voraus. Und Verlangsamung ist in einer erregten Zeit bereits ein Akt der Selbstführung.
Der zweite Schritt ist das Geltenlassen. Nicht sofort wegerklären. Nicht sofort beruhigen. Nicht sofort die Welt mit Trostsätzen tapezieren. Angst darf als Angst erscheinen. Ohnmacht darf als Ohnmacht benannt werden. Trauer darf Trauer sein. Die Krise wird nicht bewältigt, indem man ihr emotionales Gewicht unterschlägt. Wer sich zu früh tröstet, betrügt sich oft nur eleganter.
Der dritte Schritt ist das Annehmen. Das bedeutet nicht Zustimmung. Es bedeutet nicht, das Geschehen gutzuheißen. Es bedeutet, den Widerstand gegen die Tatsache aufzugeben, daß es nun so ist, wie es ist. Solange der Mensch innerlich nur dagegen kämpft, daß die Wirklichkeit überhaupt Wirklichkeit sein darf, bleibt er an sie gefesselt. Erst wenn er anerkennt, daß die Lage besteht, entsteht ein Raum für Antwort.
Und dann erst kommt der vierte Schritt: gestalten.
Gestalten ist nicht Machertum. Es ist nicht die Hybris, der Mensch könne sich an jedem Abgrund selbst am Schopf herausziehen. Es ist auch kein naiver Optimismus, der aus jeder Zerstörung pflichtschuldig eine Chance destilliert. Es ist nüchterner und ernster. Gestalten heißt: Was ist mir noch möglich? Welche Antwort kann ich geben? Wo beginnt mein Feld, so klein es auch sein mag? Welche Entscheidung ist meine, auch wenn nicht alle Umstände in meiner Macht liegen?
Hier liegt der Unterschied zwischen Ohnmacht und Selbstwirksamkeit. Nicht jeder kann das Große bewegen. Vielleicht können das die wenigsten. Aber fast jeder kann im Kleinen eine andere Qualität in die Welt setzen. Der Blick, der nicht ausweicht. Das Wort, das nicht vergiftet. Die Freundlichkeit, die nicht als Sentimentalität, sondern als Disziplin verstanden wird. Die Bereitschaft, den anderen nicht sofort zum Gegner zu machen. Die Fähigkeit, sich nicht vollständig von der großen Erregung enteignen zu lassen.
Das Kleine ist nicht lächerlich. Es ist oft der einzige Ort, an dem das Große wieder beginnen kann.
Natürlich reicht das nicht als politisches Programm. Aber es reicht als Anfang menschlicher Handlungsfähigkeit. Und ohne diesen Anfang werden auch Programme hohl. Eine Gesellschaft, die nur noch auf Systeme starrt, verliert den Sinn für die Person. Sie erwartet Rettung von Apparaten, die selbst längst unter Komplexität ächzen. Sie delegiert Verantwortung an Politik, Recht, Verwaltung, Medien, Institutionen — und ist dann empört, wenn diese Instanzen die Totalversicherung des Lebens nicht liefern.
Das heißt nicht, diese Instanzen aus der Verantwortung zu entlassen. Es heißt nur, ihre Grenzen zu erkennen. Wer von ihnen Erlösung erwartet, wird Enttäuschung ernten. Wer aber die Krise nur privatisiert, verkennt wiederum ihre objektive Gestalt. Beides ist falsch. Die Krise hat ein Außen und ein Innen. Sie ist Ereignis und Erfahrung. Sie ist Weltlage und Selbstbegegnung.
Vielleicht ist dies der zentrale Punkt: Der Mensch ist nicht bloß betroffen. Er ist gefragt.
Er muß antworten. Nicht immer souverän. Nicht immer schnell. Nicht immer erfolgreich. Es kann Krisen geben, an denen Menschen zerbrechen. Das muß man aussprechen, wenn man seriös bleiben will. Nicht jede Krise adelt. Nicht jede Not macht tiefer. Nicht jede Erschütterung öffnet eine Tür. Manches zerstört. Manches überfordert. Manches bleibt Wunde.
Aber selbst dann bleibt die Frage bestehen, ob der Mensch sich vollständig aufgibt oder ob er, auch im Dunkel, einen Rest von Antwortfähigkeit bewahrt. Zuversicht ist in diesem Sinne kein freundlicher Blick auf die Dinge. Sie ist keine Behauptung, daß alles gut werde. Sie ist die ernsthafte Weigerung, sich selbst preiszugeben, bevor die letzte Antwort gegeben ist.
Das unterscheidet Zuversicht von Optimismus. Optimismus sagt: Es wird schon. Zuversicht sagt: Ich stehe noch. Optimismus rechnet mit günstigem Ausgang. Zuversicht rechnet mit der eigenen Möglichkeit, auch im Ungünstigen nicht innerlich zu kapitulieren.
Darin liegt eine Freiheit, die keine äußere Freiheit ersetzt, aber ohne die äußere Freiheit nicht bestehen kann. Denn Freiheit ist nicht nur die Abwesenheit von Zwang. Sie ist die Fähigkeit, eine Antwort zu geben, die nicht bloß Reflex ist. Wer nur reagiert, ist getrieben. Wer antwortet, tritt in Beziehung zur Wirklichkeit.
Der Mensch lebt nicht nur. Er existiert. Das heißt: Er muß sein Leben führen. Er muß wählen, auch wenn er nicht alle Bedingungen gewählt hat. Er muß Sinn nicht als Dekoration verstehen, sondern als Richtung. Nicht als großen Spruch über der Tür, sondern als konkrete Frage: Kann ich bejahen, was ich tue? Kann ich verantworten, wie ich lebe? Kann ich in dieser Lage eine Antwort geben, die mir entspricht und der Situation gerecht wird?
Das ist kein bequemer Gedanke. Aber ein befreiender.
Denn wenn die Krise nur ein Ungeheuer ist, das über uns kommt, bleiben wir Spielbälle. Wenn sie aber eine radikale Begegnung ist, dann bleibt wenigstens eines offen: unsere Antwort.
Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem die verlorene Landkarte ihre Macht verliert. Der Mensch entdeckt, daß er nicht nur Reisender auf einer vorgezeichneten Route ist. Er muß nicht darauf warten, daß jemand die alten Wege wieder freischneidet. Er muß nicht an einem Wegweiser stehen bleiben, dessen Schrift längst verwittert ist. Er muß nicht darauf vertrauen, daß eine fremde Hand ihm die Landschaft noch einmal so ordnet, wie sie gestern war.
Hier berührt sich die Krise mit einer alten biblischen Erfahrung: Der Mensch wird nicht selten aus der vertrauten Ordnung herausgerufen, bevor er den neuen Weg erkennt. Der Auszug geschieht vor der Ankunft. Die Wüste kommt vor dem gelobten Land. Nicht als romantische Landschaft, sondern als Ort der Entbehrung, der Prüfung, der Klärung. Dort gibt es keine bequeme Landkarte, keine Garantie, keinen sichtbaren Vorrat an Sicherheit. Es gibt nur den nächsten Schritt, die tägliche Prüfung des Vertrauens und die Frage, ob der Mensch sich führen läßt, ohne sich selbst aufzugeben.
Das ist keine Vertröstung. Es ist eine Zumutung. Die biblische Idee hebt die Krise nicht auf. Sie verschweigt weder Angst noch Mangel, weder Zweifel noch Erschöpfung. Aber sie widerspricht der Vorstellung, daß der Mensch im Ungewissen notwendig verlassen sei. Vielleicht liegt genau darin ihr Ernst: Nicht jede Wüste ist Ende. Manche ist Übergang. Nicht jede verlorene Ordnung ist Vernichtung. Manche ist der schmerzhafte Beginn einer Läuterung.
Er kann aufbrechen.
Nicht triumphierend. Nicht unverwundet. Nicht mit der Gewißheit, daß alles gelingt.
Aber mit der Würde dessen, der begriffen hat: Die Krise ist nicht das Ende der Freiheit. Sie ist ihr härtester Prüfstand.
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