por Markus Langemann//
Es war ein klarer, kühler Morgen, als Dr. Erich Vad die Redaktion betrat. Kein Mann der großen Gesten. Ruhig, kontrolliert, fast leise im Auftreten. Doch in seinen Augen lag eine Schwere, die bleibt, wenn man zu oft in die inneren Maschinenräume der Macht geblickt hat.
Ich habe selten jemanden erlebt, der so präzise zwischen Sorge und Sachverstand balanciert. Einer, der weiß, wie nahe die Welt dem Abgrund manchmal kommt – und der dennoch die Kunst der diplomatischen Sprache beherrscht.
Erich Vad war Brigadegeneral der Bundeswehr, militärischer Berater von Bundeskanzlerin Angela Merkel, Lehrender an der National Defense University und an der Johns Hopkins University. Er kennt die Mechanik der Macht, nicht aus Büchern, sondern aus Sitzungen, in denen kein Wort zu viel gesagt werden darf.
„Wenn wir nicht aufpassen, können wir in einem europäischen Krieg landen.“
Dieser Satz fiel früh im Gespräch, und er blieb hängen. Keine Panikmache, keine Lautstärke – ein nüchternes Lagebild. Deutschland, sagt Vad, sei Aufmarschgebiet und logistische Drehscheibe der NATO. „Wir sind mittendrin.“
Er sprach von strategischen Linien, die überschritten wurden. Vom NATO-Gipfel in Bukarest 2008, als Merkel und der französische Präsident warnten, die Ukraine und Georgien nicht in die NATO aufzunehmen – und niemand auf sie hörte. „Das war ein Fehler. In diesem Punkt hatte sie recht.“
Vad sagt das ohne Pathos. Aber in seiner Stimme liegt etwas, das man als Veteran des Apparats erkennt: den Schmerz darüber, dass man Unheil kommen sah – und nicht gehört wurde.
Zwischen Diplomatie und Desillusion
„Wir haben den heißen Draht nach Moskau verloren.“
Es ist einer dieser Sätze, die klingen, als wären sie beiläufig gesagt – und doch schwer wiegen. Früher, erinnert Vad, habe es trotz aller Konflikte Gesprächskanäle gegeben: „Schröder, Kohl, Merkel – sie alle hatten direkte Kommunikationswege. Heute ist das alles tot.“
Er beschreibt keine Nostalgie, sondern ein Defizit. Ein Vakuum, in dem Missverständnisse wachsen. Und er verweist auf eine Entwicklung, die in seiner Welt gefährlicher ist als jede Rakete: das Ende des Dialogs.
„Wir haben in den letzten vier Jahren die zweite Säule der NATO-Strategie vernachlässigt: den Interessenausgleich.“
Seine Kritik gilt nicht einzelnen Parteien, sondern einer Geisteshaltung. Einer Außenpolitik, die, so Vad, „moralisiert, wo sie strategisch denken müsste.“
Die Eskalation beginne, sagt er, oft in den Köpfen. „Wir haben heute eine hysterische Debatte. Politiker, die nie eine Kaserne von innen gesehen haben, fordern, russische Jets abzuschießen. Das ist Kriegsrhetorik, keine Außenpolitik.“
Er redet langsam, wägt jedes Wort. Es sind keine Thesen, sondern Beobachtungen eines Mannes, der den Ernstfall durchdekliniert hat. Als ich ihn frage, ob er ausschließen könne, dass Deutschland erneut Kriegsschauplatz wird, sagt er nur:
„Nein. Wenn es schiefgeht, findet der Krieg bei uns statt.“
Dann lehnt er sich zurück. Kein Zynismus, kein Fatalismus – eher eine stille Resignation darüber, wie wenig Realpolitik noch übrig ist.
Vad spricht vom „Spannungsfall“, der juristischen Vorstufe des Verteidigungsfalls. „Dann ist man über Nacht in diesem Zustand.“ Seine Beschreibung klingt bürokratisch – und doch ahnt man, was sie bedeutet: Einschränkungen der Freizügigkeit, Aktivierung der Notstandsgesetze, Wehrpflicht bis 65. „Das wäre eine Art sicherheitspolitisch induzierter Lockdown – nur viel härter.“
Im Verlauf des Gesprächs zieht Vad historische Linien: von Eisenhower bis Helmut Schmidt, von der Kuba-Krise bis zur Ostpolitik. Er erinnert an den Mut, der nötig war, nicht zu schießen. „Damals haben wir auf Entspannung gesetzt – heute nur noch auf Waffen. Das ist beunruhigend.“
Ein Mann, der Besonnenheit lebt
Nach der Aufzeichnung sitzen wir noch eine Weile beisammen. Kein Smalltalk, kein Nachglühen. Vad trinkt seinen Kaffee schwarz, spricht über die Bundeswehr, die er „blanker als blank“ nennt. Und über eine Gesellschaft, die ihre Diskursfähigkeit verloren hat.
„Ich bin kein Putin-Freund, aber wer Konflikte lösen will, muss den Gegner verstehen.“
Dieser Satz markiert den Kern seines Denkens: verstehen, ohne zu rechtfertigen. Eine Haltung, die in hitzigen Zeiten schwer auszuhalten ist.
Vad ist keiner, der mit der Faust auf den Tisch schlägt. Er legt die Hand flach darauf, schaut einen ruhig an und sagt: „Wir müssen alles tun, um Krieg zu verhindern. Wenn er kommt, haben wir politisch alles falsch gemacht.“
So bleibt der Eindruck eines Mannes, der um die Zerbrechlichkeit der Ordnung weiß – und dennoch an Vernunft glaubt.
Ein Soldat, der das Kämpfen nicht glorifiziert, sondern für den Frieden argumentiert.
Und ein Bürger, der sagt: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“
Ein Satz von Kant. Und vielleicht der aktuellste des ganzen Gesprächs.
Das komplette Interview sehen Sie hier auf der Plattform in der Mediathek.

3 respuestas
Das Interview wurde von Herrn Langemann sehr überlegt geführt. Zwar hätte man gelegentlich, z.B. in Bezug auf die NATO und die Urheberschaft an den Anschlägen auf die Nordstream-Pipelines, den Bohrer ansetzen können. Damit wäre jedoch unnötig vom Grundtenor des Herrn Dr. Vad abgelenkt worden. Dessen wertvoller Grundtenor liegt hauptsächlich in der Kritik am Mangel der Gesprächsbereitschaft des eigenen Lagers mit dem vermeintlichen Gegner. Würde dieser Mangel behoben, könnten sich viele irrtümliche Vorstellungen in Luft auflösen. Es war klug, Herrn Dr. Vad frei sprechen zu lassen.
Zur verfassungsrechtlichen Grundlage der NATO-Mitgliedschaft Deutschlands nach Art. 24 Abs. 2 GG gäbe es allerdings ein paar wichtige Aspekte. Vielleicht schreibe ich später noch etwas dazu.
Trump sagt, die USA würden durch den Atlantik verteidigt. Die Doktrin „America first“ macht ganz klar, niemand wird Europa bedingungslos in einen Krieg mit wem auch immer folgen. Gut so bis hierhin. Ich bin mir sicher, dass Russland nicht mal eben so Westeuropa erobern könnte, darauf deutet der Verlauf des Ukraine Krieges hin. Andererseits ist ein Sieg der NATO auf russischem Boden, in Weißrussland und in der Ukraine ausgeschlossen. Merz weiß das, seine Fachminister sicher auch, die Ministerialen sowieso. Westeuropa braucht wahrscheinlich keine quantitative Aufrüstung, aber unbedingt eine qualitative. Wir sollten verteidigungsfähig sein, so wie es schon seit Jahrzehnten gefordert wurde, darüberhinaus sollten wir bewahren, was sich zu verteidigen lohnt.
Herr Vad hat ja gerade zusammen mit Klaus von Dohnani das Buch veröffentlicht „Krieg oder Frieden“. Das Interview folgt den darin aufgezeigten Linien. Ich bin froh, dass ein ehemaliger Brigadegeneral, mit ehemals hohen Positionen im System der NATO, derart klar und deutlich Stellung bezieht gegen die Kriegshetze, die momentan von Politiker und Medien hierzulande betrieben wird. Ich bin Jahrgang 1949 und Reserveoffizier der Bundeswehr, weil ich 1967 die Bedrohung durch die Sowjetunion sehr real empfand und helfen wollte, mein Land zu schützen. Und dennoch habe ich die auf Ausgleich bedachte Friedenspolitik von Brandt und Bahr verstanden und unterstützt. Man kann nämlich beides sein: Wehrhaft und auf den Frieden bedacht. Diese Dualität kam auch im NATO Doppelbeschluss von Helmut Schmidt mustergültig zum Ausdruck: Stationierung von Pershing II, wenn die UDSSR die SS20 weiter aufstellt. Die Linken an den Universäten haben das schon damals nicht verstanden. – Die sinnfreie Kriegshetze der heutigen Politikergeneration, ohne der Diplomatie Raum zu geben, und gleichzeitige Verhetzung der russischen Führung, halte ich für äußerst verantwortungslos. Ich denke nicht, dass Russland eine reale Bedrohung für Mitteleuropa darstellt, da die NATO konventionell schon jetzt Russland mindestens im Verhältnis 4:1 überlegen ist. Auf dem Papier. Außerdem, welches Interesse soll Russland an Europa haben, einem Kontinent ohne Bodenschätze und Energie, mit mehr Problemen als man an einer Hand abzählen kann? Nein, diese Politikergeneration will nur von den eigenen Problemen ablenken und die Aufrüstung als neues Wirtschaftswachstum verkaufen. Aber Waffen kann man nicht essen, selbst wenn sie das BIP steigern. Und man darf andere Nationen nicht verteufeln und den Dialog mit ihnen beenden. Hat die Welt etwa 1999 den Dialog mit dem Westen beendet nach dem völkerrechtswidrigen Bombardement von Belgrad? Die Welt wird in Zukunft eh multipolar und eher asiatisch dominiert sein, da helfen keine gefährlichen Scharmützel, die ohne Gesprächskanäle schnell ins atomare Endspiel übergehen können. Jetzt kommen die Schlaumeier und sagen: Man muss Stärke zeigen! Ich sage: Ja, man muss Stärke zeigen, aber auch verhandeln. Gerade wenn man wie Deutschland das zentrale Schlachtfeld wäre.