// von Markus Langemann
Samstagabend, kurz vor zweiundzwanzig Uhr, ich war im Begriff, in Morpheus‘ Arme zu sinken, ein „Ping“ auf dem Smartphone. Ein hochgeschätzter Jurist aus Wien, out of the blue mit einer Nchricht in dieser grünen Sprechblase des Alltags, zwei Sätze nur:
„Anmerkung meiner vierzehnjährigen Tochter zum Eurovision Song Contest: Die Männer quietschen wie Hamster und die Frauen hüpfen in ihren Unterhosen herum.“
Selten hat eine Vierzehnjährige eine Großveranstaltung präziser zusammengefasst, und mein schlaf war friedlich. Ich erwähne dies nicht aus Sentimentalität, sondern aus Pflicht zur Offenlegung: Den Eurovision Song Contest, der einst als europäisches Versöhnungsprojekt angetreten war, habe ich vor gut zwanzig Jahren aus meinem intellektuellen und kulturellen Haushalt entlassen – nicht aus Verdruss, sondern aus Hygiene.
Seither beobachte ich ihn, wenn überhaupt, mit jenem distanzierten Wohlwollen, das man einem entfernten Verwandten entgegenbringt, der einmal im Jahr betrunken zur Hochzeit erscheint und behauptet, er sei nüchtern.
In diesem Jahr nun, am 16. Mai 2026, hat sich dieser Verwandte in der Wiener Stadthalle eingefunden, und was sich dort ereignete, ist von einer Wahrhaftigkeit, die nur die unfreiwillige Komödie hervorbringt – und die offenbar nur Vierzehnjährige noch unverstellt aussprechen.
Beginnen wir mit der Kulisse. Fünf Länder – Spanien, die Niederlande, Irland, Island, Slowenien – bleiben dem Wettbewerb fern, weil Israel teilnehmen darf. Über elfhundert Künstler, unter ihnen Peter Gabriel und Roger Waters, unterschreiben einen Boykottaufruf. Die Europäische Rundfunkunion hält dennoch fest, der ORF kündigt an, weder Buhrufe noch Palästinafahnen zu zensieren, und draußen vor der Halle führen Polizisten propalästinensische Aktivisten ab. Der Slogan des Abends lautet, wie jedes Jahr, „United by Music“. Man muss diesen Satz nicht widerlegen; er widerlegt sich selbst.
Innen, auf der Bühne, beginnt das Eigentliche. Die Moderation übernehmen Victoria Swarovski, deren Körper an diesem Abend kolportierte 4,5 Millionen Euro in Kristall trägt, vielleicht sind es auch Millarden oder Billionen, und der Kabarettist Michael Ostrowski.
Sie eröffnen, indem sie den Vorjahressieger covern und fast keinen Ton treffen. Das Netz nennt es ein „Intro aus der Hölle“. Norwegens Vertreter performt in einer glitzernden Fischer-Wathose, der österreichische Beitrag wird von Tänzern in silbernen Tiermasken begleitet, Belgien schickt eine Sängerin in Corsage und einem einzelnen Stiefel ins Rennen, und Großbritannien, einst Heimat der Beatles, holt mit einem Song namens „Eins, Zwei, Drei“ exakt einen Punkt. Einen.
Der britische „Musiker“ stampfte in einem knallpinken Overall über die Bühne und sang davon, seinen Bürojob zu kündigen, um nach Deutschland zu gehen und bis drei zu zählen.
Die Hamster quietschen, die Frauen hüpfen in ihren Unterhosen – die Tochter des Juristen hat recht behalten.
Gewonnen aber hat Bulgarien. Mit „Bangaranga“. Ein Kritiker beschreibt das Stück als „drei Banger, die sich in einer Clubtoilette prügeln“ – und dieser Satz ist, ich gestehe es, der präziseste musikkritische Befund, der mir in diesem Jahrzehnt untergekommen ist. Auf Platz zwei landet, gegen alle Boykott-Logik, Israel; auf Platz drei Rumänien mit einem Lied, das schlicht „Choke me“ heißt. Der Schweizer Sender SRF meldet in der Eile, die bulgarische Siegerin sei „Nina Chuba“ – eine deutsche Rapperin, die mit dem Wettbewerb nichts zu tun hat. Und während die Jurys noch zählen, lässt der ESC-Direktor öffentlich verlauten, eine künftige Rückkehr Russlands sei „grundsätzlich diskutierbar“. Drei Stunden vor dem Finale. Wenige hundert Kilometer von Charkiw entfernt.
Dies, meine Damen und Herren, ist das Spiegelkabinett. Nicht weil die Inszenierung schiefginge – sie geht erschreckend gerade. Sondern weil sich in jedem ihrer Splitter ein Stück europäischer Selbstverkennung zeigt. Die Halle, die zugleich Toleranz predigt und Aktivisten abführen lässt. Der Wettbewerb, der „unpolitisch“ sein will und sich am Vorabend der eigenen Aufführung über die Rückkehr eines Ausgegrenzeten verständigt. Die Moderatorin, deren Schmuck mehr kostet als das Jahresbudget mancher mitwirkender Sender. Der Sieg eines Liedes, dessen Text – „Bangaranga“ – nichts bedeutet und gerade deshalb alles ausdrückt: die heitere Bereitschaft eines Kontinents, sich auf das Sinnfreie zu einigen, weil das Sinnvolle zu strittig geworden ist.
Man wird mir entgegenhalten, ich nähme den ESC zu ernst. Im Gegenteil: Ich nehme ihn ernst genug, um zu erkennen, dass er sich selbst nicht mehr ernst nehmen kann. Ein Format, das einmal angetreten ist, Nachkriegseuropa eine gemeinsame Bühne zu geben, ist zu einem Karnevalswagen geworden, dessen kakistokratische Insassen mit Konfetti die europäische Kakophonie feiern.
Die Tiermasken sind die ehrlichste Botschaft des Abends. Sie zeigen, was die Anzüge der Funktionäre verbergen.
Bleibt die Frage, was uns das angeht. Sehr viel, fürchte ich. Denn die Stadthalle ist kein Sonderfall, sondern ein Modell. Was sich dort in einer Nacht verdichtet – die Mischung aus Lautstärke und Leere, aus moralischem Anspruch und intellektuellem Versagen, aus inszenierter Vielfalt und tatsächlicher Beliebigkeit –, ist nicht weniger als der Aggregatzustand eines Kontinents, der seine Maßstäbe gegen Pyrotechnik eingetauscht hat. Wir haben uns daran gewöhnt, dass Substanz peinlich wirkt und Pose seriös. Wir nennen das Fortschritt.
Ich werde den ESC also auch im einundzwanzigsten Jahr nicht wieder einschalten. Aber ich werde, einmal im Jahr, am Morgen danach die Medien lesen. Nicht wegen der Musik. Sondern weil mir an keinem anderen Tag des Jahres so klar wird, wo wir stehen. Und weil mir, ganz nebenbei, eine vierzehnjährige Wienerin gezeigt hat, dass die schärfste Diagnose unserer Zeit in zwei Sätzen passt – wenn man bereit ist, sie auszusprechen.
