En el principio era la palabra, Digga.

by Diana-Maria Stocker //

Sprache ist das Geheimnis des Menschen. Sie erhebt ihn über alle Kreatur und macht ihn fähig, nicht nur zu benennen, sondern auch zu denken, zu dichten, zu debattieren. Während die Evolutionstheorie die Sprache als mühsam errungenes Produkt von Lautnachahmung und zufälliger Gehirnentwicklung beschreibt, erzählt die Bibel eine andere Geschichte – eine, die erstaunlich präzise mit den Tatsachen übereinstimmt.

Schon in den ersten Kapiteln der Genesis begegnet uns Adam als ein vollkommen sprachfähiger Mensch. Er versteht Gottes Worte (Gen 2,16–17), er spricht selbst in poetischem Gestus, als er Eva erstmals erblickt (Gen 2,23). Er erfindet neue Wörter, indem er den Tieren Namen gibt (Gen 2,19–20). Hier erscheint Sprache nicht als stammelnder Versuch, sondern als schöpferisches Geschenk – komplex, ausdrucksstark, poetisch.

Noch deutlicher wird dies im Bericht vom Turmbau zu Babel (Gen 11,1–9). Eine einheitliche Ursprache wird durch göttliches Eingreifen in viele Sprachen zersplittert. Vielfalt ist hier kein zufälliges Ergebnis, sondern bewusste Setzung, eine Grenze gegen den menschlichen Größenwahn. Babel erklärt, warum es keine eine Ursprache gibt, aus der sich alles entwickelt hätte, sondern viele, die gleichberechtigt nebeneinanderstehen. An Pfingsten schließlich zeigt sich das Gegenbild: Die Jünger sprechen in fremden Sprachen, und doch verstehen sie alle. Sprache, von Gott geschenkt, trennt und eint, verwirrt und klärt – je nach Ziel des Geistes.

Die Sprachgeschichte bestätigt dieses biblische Bild. Die ältesten dokumentierten Sprachen – Sanskrit, Sumerisch, Altägyptisch, Altgriechisch – sind hochkomplexe Systeme, reich an Formen, fein differenziert in Ausdruck und Grammatik. Die neueren Sprachen hingegen zeigen Vereinfachung, Abschliff, Verlust. Es ist kein Aufstieg, sondern ein Prozess des Zerfalls, genau wie Paulus im Römerbrief schreibt: „Die Schöpfung ist der Vergänglichkeit unterworfen“ (Röm 8,20).

Und dieser Zerfall zeigt sich heute auf frappierende Weise. Was früher als elementar galt – in ganzen Sätzen zu sprechen, zu grüßen, Gedanken differenziert auszudrücken – scheint in breiten Teilen der Gesellschaft entbehrlich geworden zu sein. „Maulfaul“ nennt man das in einigen österreichischen Regionen. Es ist Bequemlichkeit, Überheblichkeit oder schlicht Faulheit. Ein junger Marokkaner erzählte mir, dass seine klare, artikulierte Sprache bei anderen Befremden auslöst. Man wundert sich, wenn jemand ordentlich spricht – ein sicheres Zeichen für den kulturellen Tiefstand.

Ein Symptom dieser Entwicklung ist auch der Umstand, dass Ulf Poschardt sein jüngstes Buch Das Shitbürgertum zusätzlich in „einfacher Sprache“ herausgegeben hat. Ein Format, das ursprünglich für Menschen mit kognitiven Einschränkungen oder für Lernende des Deutschen gedacht war, findet nun seinen Weg in den allgemeinen Buchmarkt. Fraglich, ob hier tatsächlich Inklusion beabsichtigt ist – oder ob stillschweigend davon ausgegangen wird, dass große Teile des Publikums ein gepflegtes, differenziertes Deutsch nicht mehr zu bewältigen vermögen.

Ein Blick auf die Straßen- und Jugendsprache zeigt den Trend. Artikel und Präpositionen verschwinden: „Isch geh Kino“ ersetzt „Ich gehe ins Kino“, „Meine Mutter ihr Auto“ verdrängt „Das Auto meiner Mutter“. Der Satzbau folgt fremdsprachigen Mustern: „Kommst du Bahnhof?“ anstelle von „Kommst du mit zum Bahnhof?“ Feste Wendungen mutieren zu Codes: „Machst du Auge“ für Neid, „Machst du Film“ für Übertreibung. Und wo einst „Das ist wirklich gut“ genügte, tönt es nun „Krass korrekt“.

Hinzu tritt ein Arsenal anglophoner und netzgetriebener Modewörter: cringe für Peinlichkeit, smash für sexuelles Interesse, lowkey für unterschwellig, aura für Ausstrahlung, tuff für beeindruckend. Wörter, die nicht mehr aufbauen, sondern nur noch markieren, abkürzen, andeuten.

So bewährt sich die Bibel auch im Spiegel der Wissenschaft. Sie beschreibt den Menschen nicht als zufälligen Affen, der mühsam zu reden lernte, sondern als Geschöpf, das von Anfang an Sprache empfing – als Teil seiner Ebenbildlichkeit zu Gott, der selbst „das Wort“ ist (Joh 1,1). Darin liegt die eigentliche Würde des Menschen: Er ist ein Wesen des Wortes, geschaffen, um zu verstehen und verstanden zu werden.

Doch eine gottlose Gesellschaft entlarvt sich in ihrer Sprache. Wo das Wort nicht mehr geachtet wird, wo Sprachkunst verkümmert, wo Verständigung auf Fetzen zusammenschrumpft, da wird sichtbar, dass nicht nur die Sprache zerfällt, sondern die Kultur selbst. Die Spracharmut wird zum Gleichnis des geistigen und moralischen Niedergangs

Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort ist Gott. Und am Ende? „Digga.“

Anmerkung: inspiriert durch Roger Liebi: https://www.youtube.com/watch?v=F7y9wRBFfE4

 

5 respuestas

  1. Sehr schöner Artikel Frau Stocker.
    Ja, ich habe eine (Luther-) Bibel im Bücherregal und habe Ihre Quellen gesichtet.
    Ich war schockiert, als ich dort unter Gen 2,23 das Wort „Männin“ las. Für Adam ist es die weibliche Form von Mann, weil sie ja aus seinem Fleisch und Bein geschaffen wurde.
    Sollte das „gendern“ doch einen tieferen Ursprung haben?
    Ich mache natürlich einen Scherz.

  2. Wunderbar beobachtet, fundiert und eingeordnet in biblische Zusammenhänge – tröstlich, aufmunternd und beruhigend, dass es noch Menschen mit klaren Gedanken und so differenzierter Ausdrucksfähigkeit gibt… DANKE und seien Sie herzlich gegrüßt, liebe Diana-Maria Stocker

  3. Das Wort -Aura- wird von Walter Benjamin in seiner Begrifflichkeit ausführlich verdeutlicht .
    Eine Reduktion auf -Wahrnehmung- wäre hier nicht erkennbar .

  4. Danke, Frau Stocker, für diesen aktuell kongenialen Weckruf, wie er uns vergleichbar in einem über zwei Jahrhunderte alten Aufschrei von Novalis überliefert ist, welcher der Hoffnung das Wort redet, das „ganze verkehrte Wesen“ – ich denke an unsere zu Fetzen geronnene Sprache (und auch an den Verschlüsselungswahn) – flöge fort „vor EINEM geheimen Wort“. – Also auf in die Zukunft mit offenen Armen und Ohren !

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