Ensayo de Markus Langemann //
Zeit für feuilletonistische Reflexion und die innere Einkehr abseits des Rastlosen. Lassen Sie uns den Blick auf den Boden senken.
Der Sneaker, ursprünglich ein reiner Sportschuh, ist heute das Manifest einer kulturgeschichtlichen Verflachung: Er symbolisiert den Verlust von Distinktion, von Eleganz und letztlich von jener subtilen Geschlechterkodierung, die Kleidung einst auszeichnete.
Nennen Sie mich altmodisch, meinetwegen auch snobistisch.
Ein Mann, der die Vierzig überschritten hat und in Vollzeit Sneakers trägt, wirkt wie ein inverser Pubertierender, der glaubt, Coolness sei eine Frage der Dämpfungssysteme in seiner Sohle. Er vertraut mehr auf den Komfort des Moments als auf die Eleganz der Erinnerung. Kommen Sie mir nicht mit „praktisch“ – praktisch ist auch die Jogginghose im Wartezimmer eines Bestattungsunternehmens.
Die ewigen Sneakers sind das demokratische Ende des Stils. Jeder sieht plötzlich aus wie sein eigener Paketbote. Sie sind der Notausgang aus jeder Stilfrage, nur führen sie selten in einen Ballsaal. Wer täglich in weißen Plastikschuhen im Gegenwert von 9,95 Euro die Welt betritt, hat sich mit der Ewigkeit arrangiert, und zwar im Feierabendmodus.
Der heutige Sneakers-Standard ist der Kompromiss einer Generation, die lieber alles abstreift, was irgendwie nach Verpflichtung riecht. Schnürsenkel? Zu kompliziert. Leder? Zu ernst. Ein Schuh, der mehr kann, als nur „praktisch“ sein, würde ja auch etwas fordern. Eine sichtbare Haltung zu eigenen Fundament. Da ist es wieder, das große Egal!
Die Konformität einer Gesellschaft zeigt sich für mich schon am Schuhwerk. Es ist so sonnenklar wie der Gummiglanz der Massenschuhe: Wir leben im Zeitalter des „Sohle-Sozialismus“. Alle gleich, alle gedämpft, alle bereit, jederzeit in einen Sprint um die erste Impfung zu verfallen.
Schuhe waren immer ein Medium der sozialen und geschlechtlichen Differenzierung – von der Form des Absatzes bis zur Wahl der Materialien. Mit der Allgegenwart des Sneakers beginnt eine stille, aber tiefgreifende Entgrenzung: Das Geschlecht wird buchstäblich am Boden nivelliert. Dieser Trend ist mehr als eine Modeerscheinung; er ist ein kulturelles Symptom für die Sehnsucht nach Austauschbarkeit, für eine Gesellschaft, die Unterschiede nicht mehr feiert, sondern glattstreicht. (Mal abgesehen von der kleinen, um Diskurshoheit ringenden radikalen Gruppe der RAF. Der Regenbogen-Aktivisten-Front.)
1985 war es noch ein rebellisches Statement, als Joschka Fischer in Turnschuhen vereidigt wurde. Mit „My Adidas“ besangen Run DMC 1986 den Sneaker. In den 90ern sonnte sich die Münchner Schickeria um Bernd Eichinger im „Schumann’s“, der damals als „Produzent in Turnschuhen“ fast genauso berühmt wie cool war. Und in der New Economy der 2000er trugen die CEOs mehr weiße Sneakers als weiße Westen. Hallo Herr Haffa!
Der Sneaker als Konsummythos
Die Wahrheit über den Sneaker ist entlarvend. Ein Turnschuh, der im Handel für 150 Euro über den Ladentisch geht, kostet in der Produktion selten mehr als die kleine Wagenwäsche an der Tanke.
Auf rund 10 Milliarden Euro schätzte das Institut für Handelsforschung in Köln das Volumen des deutschen Schuhmarkts. Ein großer Teil der verkauften Schuhe sind Sneakers. Das perfekte Symbol einer durchkommerzialisierten Gesellschaft: Wir zahlen für das Logo, die Marketinggeschichte, für den schweißgetränkten Mythos von Street Culture und Jugend. Nicht für Handwerk, nicht für Dauerhaftigkeit, schon gar nicht für Würde. Es ist eine Ökonomie des schnellen Austauschs, nicht der Kontinuität. Ein guter Lederschuh hingegen – rahmengenäht, mit Sorgfalt gefertigt – ist wie ein langjähriger Freund. Er altert würdevoll, er verzeiht Spuren des Lebens. Er ehrt das Handwerk!
Ein guter Schuh kann ein Vierteljahrhundert und länger leben, wenn er nur gut gepflegt wird. Das ist Nachhaltigkeit. Kein großspuriges ESG-Siegel, kein Marketing-Öko-Geschrei – einfach ehrliche Dauerhaftigkeit. Der Schuh lebt, weil man ihm Zeit schenkt.
Die Ästhetik des festen Schrittes
Es ist ein seltsames Paradox: In einer Zeit, die überall nach „Sicherheit“ schreit, läuft man auf weichem Gummi durch die Welt. Wie soll eine Gesellschaft fest und sicher stehen, wenn sie sich nicht einmal traut, ihre Schuhe fest zu schnüren? Sneakers sind der Notausgang aus jeder Stilfrage, aber sie führen nur selten in einen Ballsaal.
Ein gut gewählter Schuh sagte mehr über einen Menschen aus als ein ganzer Lebenslauf. „Ich nehme die Welt ernst.“ Heute sagt er: „Ich nehme mich selbst nicht ernst genug, um mehr als 9,95 Euro in mein Fundament zu investieren.“
Mit dem Schuh auf Du und Du
Das Schuhe putzen ist ein Ritual, fast schon ein meditativer Akt. Ein Restposten der Zivilisation, irgendwo zwischen Pfeifenstopfer und Krawattennadel. Es ist die stille Kunst des Innehaltens: Man bürstet, man poliert, man schiebt den Lappen kreisend über das Leder wie ein Jazzmusiker, der sein Instrument stimmt. Es ist eine intime Zuwendung an das Material, an die Oberfläche, die unsere Schritte trägt. Wer seine Schuhe pflegt, zeigt Respekt. Nicht nur vor dem Schuh, sondern vor sich selbst.
Eben auch ein Stück Selbstachtung, denn Schuhe putzen ist keine Pflichtübung. Es ist ein Moment, in dem der Mensch und sein Schuh sich begegnen – Leder, Wachs, Bürste, Stille. Wer einmal erlebt hat, wie ein Paar altgedienter Budapester nach einer halben Stunde Pflege wieder aufglänzt, der weiß, dass Stil nicht im Kaufhausregal liegt, sondern in der Haltung, die man zum eigenen Auftritt einnimmt.
Es geht nicht darum, die Welt mit hochglanzpolierten Oxfords zu erobern. Es geht darum, dass wir wieder etwas fest schnüren, fest stehen – und vielleicht wieder lernen, dass Eleganz nicht das Gegenteil von Freiheit ist, sondern deren schönste Form.
Natürlich gilt das erst recht auch für den Damenschuh.
Versteckt und nur für Kenner erkenntlich gibt es Orte zwischen Venedig, München und darüber hinaus, an denen noch das Handwerk des Schuhmachers kultiviert wird – als Restposten gegen die Plastikgießer aus Guangdong. Feiern wir sie.

6 respuestas
Ich stimme Ihnen, lieber Herr Langemann, weitest gehend zu. Der Konsum, der die Müllberge in sich trägt und die Konsumenten durch schlechte Qualität beraubt, ist an sich unklug und schädlich. Andererseits gibt es aus guten Materialien handwerklich gefertigte und dauerhaft brauchbare Sneaker, gegen die ich nichts einzuwenden habe. Für mich ist ein gesunder barer Fuß schön. Über Kilometer in den Wäldern des Wendlands barfuß zu gehen, ist ein mystisches Erlebnis. Wenn wir gelegentlich auf einem Ball oder auf einer feinen Gesellschaft eingeladen sind, genieße ich die schönen Schuhe und alles Andere, was noch dazu gehört. Alles zu seiner Zeit.
Estimado Sr. Langemann,
wundervoll wie Sie dieses Thema aufgegriffen und beleuchtet haben.
Ich bin eine 48 Jahre alte Dame und wenn ich Frauen zu den hübschesten Sommerkleidern Sneakers tragen sehe, dann komme ich auch schwer ins Zweifeln…
Ich meine, es ist ja immerhin schon erbaulich, dass die Frauenwelt auch noch etwas anderes trägt als „praktische“ Hosen, Leggings & Co.
Aber nur selten sehe ich noch hübsche Riemchensandalen, zarte Ballerinas oder ähnlich feminines Schuhwerk – selbst zu den hübschesten, bereits erwähnten Kleidern.
Ich halte es da ja wie meine jugoslawische Großmutter: Sie sagte immer, wir Frauen dürfen uns eingeladen fühlen, die Welt ein wenig ästhetischer und schöner zu machen – nicht NUR mit unserem einzigartigen Wesen, sondern auch mit unserer äußeren Erscheinung.
Und das gestaltet sich oft so viel einfacher, als man (Frau) sich vorstellen kann.
Ich genieße es, mich „schön“ zu machen – dazu gehören für mich weder grelles Make-up, nach Aufmerksamkeit schreiende Kleidung noch Designer-Taschen.
Schuhe und Kleidung dürfen meiner Meinung nach die Persönlichkeit des Menschen unterstreichen, der sie trägt, und sagen bereits beim ersten Blick einiges über die Person aus.
Schön, dass auf solche Dinge noch Wert gelegt wird. Männer mit geschmackvollen Schuhen sind zwar weitaus seltener geworden als noch zu anderen Zeiten, stechen aber umso positiver aus der Masse heraus.
Lieben Dank für diesen schönen Beitrag!
Voller Begeisterung habe ich den Artikel gelesen. Echt toll geschrieben. Danke dafür.
Herr Langeman, danke für einen sehr guten Artikel. Ich liebe Schuhe…gute und elegante Schuhe! Heute gehe ich durch Schuh Geschäfte und muss suchen. Eine Unsitte wirklich so gut wie überall Menchen in „Turnschuhen“ zu begegnen. Anzug und Turnschuh widerspricht sich. Für diese extremen Kosten eines Turnschuh`s habe ich früher einen wunderschönen Lederschuh gekauft…Sie haben auf eine echte Unsitte hin gewiesen! Danke dafür!
Atentamente
Felizitas Dankwarth
Estimado Sr. Langemann,
herzlichen Dank für diesen Artikel – ich stimme Ihnen zu hundert Prozent zu.
Ich finde es schade, daß es mir als Mutter nicht gelungen ist, das Bewußtsein der Eleganz meinem Sohn entsprechend zu vermitteln.
Ich meine, es betrifft nicht nur die Schuhe, sondern die gesamte Kleidungsauswahl, wobei auch ich der Wahl der Schuhe eine große Bedeutng beimesse.
Nochmals danke für Ihren Artikel.
Atentamente,
Heike Stammler
Guten Tag Herr Langemann. Bisher fand ich Ihre Themenauswahl sehr gelungen. Und die inhaltliche Auseinandersetzung in Form und Schrift sehr angemessen und stilvoll. Doch Schuh-Thema bildet m.E. leider eine Ausnahme. Man kann auch wirklich zu viel in äußeres Erscheinungsbild oder das passende Schuhwerk hineininterpretieren. Man kann auch vortrefflich darüber streiten, was ein guter, was ein schlechter Geschmack ist. Man kann aber auch kaum nur vom gepflegten Äußeren auf ein gepflegtes Inneres schließen. Es gibt genügend Beispiele, wo ein gepflegtes Äußeres im krassen Widerspruch zur inneren Haltung steht, nehmen wir mal die Politiker, die Banker, die Vertriebler etc. Und auf der anderen Seite ein gepflegtes Casual, inkl. qualitativ hochwertiger Snickers kann mehr hermachen als ausgetretene Lederschuhe und zerknietterte Anzüge. Es spricht ja nichts dagegen, Genuss, Jazz, Vinylplatten, Leder und Füllfederhalter zu feiern. Aber deswegen muss man nicht all diejenigen, die es nicht tun, abqualifizieren oder ihnen einen fehlerhaften Wertekomoass unterstellen. Bequem und stilvoll muss sich nicht ausschließen. Genausowenig wie stilvoll und tugendhaft kausal ist, nur weil es manchmal positiv korreliert. Auch wenn uns durch Modelle und Pauschalen die Welt einfacher erscheint, muss sie das nicht sein. Wenn ein Zwerg sich Stelzen besorgt, bleibt er immer noch ein Zwerg.