von Peter Löcke //
Köln und Büren, zwei Orte in Nordrhein-Westfalen, sorgten in der vergangenen Woche für großes Aufsehen. Für jene Leser, die sich aus nachvollziehbaren Gründen im Medien-Detox befanden, seien die Geschehnisse in Kürze nacherzählt, beginnend mit der Episode aus der Metropole am Rhein.
Die Kölner Stadtverwaltung möchte die Bezeichnung „Spielplatz“ abschaffen, die entsprechenden 700 Spielplatz-Schilder austauschen und durch ein neues Design ersetzen [1]. „Spiel- und Aktionsfläche“ soll stattdessen künftig auf den Schildern stehen. So der ursprüngliche Plan, auch wenn aufgrund der öffentlichen Entrüstung davon auszugehen ist, dass die Schnapsidee auf Eis gelegt wird. Welch ein Schildbürgerstreich, der sogar außerhalb von Deutschland Wellen schlug.
Sich lächerlich machen? Für Empörung und Belustigung sorgen? Was Köln kann, können wir auch. Das dachte sich fast zeitgleich die Kleinstadt Büren in Ostwestfalen. In der beschaulichen Gemeinde nahe Paderborn wurde mit „Sommer Sonne Sicherheit“ eine eigentlich lobenswerte Kampagne gegen sexuelle Übergriffe in Freibädern gestartet. Auf einem Plakat abgebildet wurde eine hellhäutige, rothaarige Frau, die einen Jungen mit dunkler Hautfarbe und Beinprothese unter Wasser an den Hintern fasst. Kopfschütteln allenthalben auch hier! Man muss nicht politisch rechts stehen, um zu konstatieren, dass das gewählte Motiv nicht die Lebenswirklichkeit deutscher Freibäder widerspiegelt. Ganz im Gegenteil – das gewählte Motiv stellt wie auch die anderen Motive der Bürener Kampagne die Realität auf den Kopf.
Ich widerstehe der Versuchung, mich der allgemeinen Empörung anzuschließen und wähle einen anderen, einen ernsthaften Ansatz. Beispiele wie in Köln und Büren findet man in ganz Deutschland. Das ist dann nicht mehr lustig sondern ein Problem. Betrachtet man die behördlichen Rechtfertigungsversuche für all den Irrsinn, findet man einen gemeinsamen Nenner. Die offizielle Begründung lautet stets Inklusion.
Bund, Länder, Städte und Kommunen verfolgen das Glaubensbekenntnis der Inklusion. Man wolle doch nur „dem erweiterten Inklusionsgedanken (…) Rechnung tragen“. So verteidigte sich die Kölner Stadtverwaltung. Das Wort Inklusion begegnet aufmerksamen Menschen fast so häufig wie das Wort Nachhaltigkeit. Was genau ist eigentlich damit gemeint und was bedeutet Inklusion in der Praxis?
„Inklusion heißt, alle einzubeziehen, im Bildungssystem, im ersten Arbeitsmarkt, aber auch in kulturellen Einrichtungen.“
So heißt es auf dem Internetauftritt der „Bundeszentrale für politische Bildung“ [3]. Das klingt doch erst mal gut. Niemand soll ausgeschlossen, ein jeder Mensch sollen wortwörtlich eingeschlossen werden. Das Wort Inklusion leitet sich vom lateinischen Begriff „includere“ ab und bedeutet „einschließen“. Inklusion ist eine ideologische Steigerungsform von Integration (siehe Grafik der bpb).

Ursprünglich war Inklusion vor allem ein pädagogisches Thema. Schüler mit Migrationshintergrund und Sprachbarrieren, aber auch Kinder mit körperlichen und psychischen Behinderungen sollten generell in den „normalen“ Schulbetrieb integriert werden. Integriert? Nein. Sie sollten inkludiert, also eingeschlossen werden. Für fanatische Inklusionsbefürworter stellt alleine der Begriff „Sonderpädagogik“ eine sprachliche Ausgrenzung dar, weil das Wort insinuiert, dass es Kinder gibt, die eine andere Art von Betreuung, die Sonderpädagogik benötigen. Zu Ende gedacht kommt es bei Inklusion, bei einer „Integration um jeden Preis“ zu vielen Problemen, praktisch wie pädagogisch.
Eine komplette Schule behindertengerecht, Neusprech „barrierefrei“ zu gestalten, ist kostenintensiv und in der Praxis angesichts klammer Kassen nicht umsetzbar. Doch nicht nur finanzielle Realitäten sprechen gegen Inklusion. Es bedarf besonderer pädagogischer Fähigkeiten von Lehrkräften wie etwa beim Umgang mit autistischen Kindern. Tut man also benachteiligten Kindern wirklich etwas Gutes, sie zwanghaft in eine „normale Schule“ integrieren zu wollen? Man stelle sich einen Klassenverband vor, der zur Hälfte aus Schülern mit Migrationshintergrund besteht, die schlecht oder gar nicht Deutsch sprechen, dazu drei verhaltensauffällige Kinder und zwei vermeintlich hochbegabte Genies? Damit ist keinem der Schüler geholfen und dem überforderten Lehrer auch nicht. Es entspricht aber dem edlen Konzept der Inklusion. Und dieses Konzept der Inklusion hat längst das Schulgelände verlassen.
Inklusion gilt überall dort als gesellschaftliche Lösung, wo es tatsächliche und herbeigeredete Benachteiligungen gibt. Frauen werden gegenüber Männern benachteiligt, Farbige gegenüber Weißen, Behinderte gegenüber Gesunden, Menschen mit anderer sexueller Orientierung und Identität gegenüber Heterosexuellen, Neusprech Cis-Menschen. Wie inkludiert man? Durch Gesetze, durch Quoten, durch finanzielle Anreize für Arbeitgeber benachteiligte Menschen bevorzugt einzustellen, durch Gleichstellungs- und Anti-Diskriminierungsbeauftragte und nicht zuletzt – durch Sprache!
Aus genau diesem Grund kam die Kölner Stadtverwaltung auf die Schnapsidee, Spielplätze umzubenennen. Schließlich richtet sich ein Spielplatz zuvorderst an Kinder. Das vermittelt das Wort sprachlich und das wurde zum Ideologieproblem der Inklusionsbefürworter. Jugendliche, Erwachsene, benachteiligte Menschen mit anderem soziokulturellen Hintergrund könnten sich eventuell beim Klang des Wortes Spielplatz ausgegrenzt fühlen. Diese Argumentation mag irre sein, dennoch ist es konsequent, wenn man an Inklusion glaubt. Warum gibt es neuerdings geschlechtsneutrale Phantasiepronomen wie „they, dey oder xier“? Auch das geschieht aus Gründen der Inklusion. Niemand soll ausgeschlossen, alle sollen eingeschlossen werden.
Verstehen Sie mich bitte nicht falsch! Integration ist etwas Sinnvolles und Wunderbares. Wer möchte denn nicht benachteiligte Menschen integrieren? Die Kritik zielt nur dahin, dass es Menschen gibt, die nicht integrationswillig sind. Und Inklusion?
Die Vorstellung, alles und jeden zwangsweise einzuschließen, führt zu zwei großen Problemen. Zum einen geht die Politik davon aus, dass es klar definierte Täter- und Opfergruppen gibt. Übersitzt formuliert? Weiße deutsche heterosexuelle Männer sind a priori privilegiert, dunkelhäutige lesbische Frauen mit Migrationshintergrund hingegen müssen gefördert, geschützt, inkludiert werden. Diese Klischees sind meines Erachtens selbst rassistisch, auch wenn der Grundgedanke das Gegenteil beabsichtigt. Das zweite Problem ist gewichtiger.
Die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung fühlt sich ausgeschlossen beim Konzept alles einzuschließen. Die Idee der Inklusion existiert exklusiv in den Köpfen einiger weniger Menschen. In meinem Stammlokal fiel das Urteil über die letzten Schildbürgerstreiche aus Köln und Büren einhellig und wenig inklusiv aus.
„Die haben langsam nicht mehr alle Latten aufm Zaun.“
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4 Antworten
„Spielplatz“ oder „Spiel- und Aktionsfläche“ ist für mich das Selbe, wobei ersteres geläufig und auch einfach kürzer ist, wenn man dem Rechnung tragen will, dass ja Neubürgern die Sprache doch ein wenig erleichtert werden soll und diese müssten dann ja beide Begriffe lernen.
Hier eine kleine Anekdote:
Es war vor etwa 30 Jahren, die Sommerferien hatten gerade begonnen und ich wollte meine Kinder auf dem nahen Spielplatz zum Mittagessen holen, aber der war leer und es war auch kein Geräusch von Kindern zu hören.
Alle Kinder hatten sich auf eine angrenzende Wiese zurückgezogen, saßen dort zusammen im großen Kreis und stellten sich, immer einer nach dem anderen, gegenseitig Fragen. Die Jüngeren bekamen bewusst leichte Fragen und die pfiffigen Älteren die richtig ultraschweren.
Es gab bei den etwa 25 Kindern im Alter von 3-10 Jahren (im Mittel etwa 8-9 Jahre), die gut ausgeschlafen, satt und befreit vom alltäglichen Schulstress waren, keinen Zank und kein Geschrei.
Ich hielt mich erst einmal im Hintergrund auf und beobachtete in welcher friedvollen Eintracht und mit welchem Respekt die Kinder sich gegenseitig begegneten. Wie sie ermittelten und bestimmten, wie schwer eine Frage für das jeweilige Kind, bzw die Jüngeren oder die Älteren sein durfte.
Diese Harmonie und die fürsorglichen Fähigkeiten der Kinder hatten mich schwer beeindruckt. Das Mittagessen konnte an diesem Tag warten.
Ob wir Erwachsenen uns an den Kindern in Bezug auf eine Inklusion ein Beispiel nehmen können?
Weder als Kind, noch als Jugendlicher, auch nicht als Vater und seit 2 Jahren als Opa habe ich so etwas gesehen. Ich glaube ihre Geschichte nicht. Sie scheinen eine Lehrkraft oder Sozialarbeiterin zu sein, die hier die Inklusion verteidigen will. Ich habe seit meiner Kindheit bis heute nur erlebt, dass man die Sandkastenkinder besonders intensiv beaufsichtigen muss, ja sogar beschützen muss vor älteren Kindern, Jugendlichen und Jungmänner mit Bart, die sich als Kinder bezeichnen.
„… nicht alle Latten am Zaun!“, doch so wahr gesprochen oder geschrieben. Ich denke, es geht um die Verwirrung. Irgendwann ist alles so durcheinander, dass alle schweigend ertragen, was bestimmt wird, aus Angst, irgendjemandem, irgendwo auf den Schlips zu treten. Doch die Frage für mich ist: Wieso sind wir so zu verunsichern? Wieso lassen wir diese Verwirrung zu? Sind wir zu bequem? Zu obrigkeitsgläubig? Ich habe immer noch keine Antwort, die diese unruhige Frage befriedet.
Als ich kürzlich was ich für einen ulkigen Unterhaltungsbeitrag hielt im Radio hörte, dachte ich noch nicht, dass so etwas tatsächlich real in unserem Land passiert sein könnte. Dank Herrn Löcke weiß ich nun, dass ich tatsächlich noch schräger denken lernen muss. Was für eine unglaubliche Geschichte!
Und angesichts dieser unglaublichen Geschichte sehe ich bestätigt:
Die Probleme, denen sich die Menschheit gegenüber sieht, wird mit einer Veränderung im Bewusstsein beginnen.
Doch diese Veränderung findet im Innen statt und nicht in geänderten Hinweisschildern. Das wäre ungefähr so, als wenn man an seinem Spiegelbild herummalen würde, um die eingene Wirklichkeit zu verändern. Es bleibt eben Wunschbild.
Und wenn die Veränderung im Bewusstsein stattfindet, fügt sich im Außen alles in seine ihm gemäße Ordnung. Ganz ohne Eingreifen eines ohnehin begrenzten Verstandes irgendeines begrenzten Politikkörpers.