Die Kunst des Streitens

von Markus Langemann //

In einer Zeit, in der die Kommunikation zunehmend durch hitzige Debatten, reflexartige Anschuldigungen und entwürdigende Angriffe auf sozialen Plattformen wie z.B. „X“ geprägt ist, wird überdeutlich das die Fähigkeit würdevoll zu streiten, uns zunehmend verloren zu gehen scheint. Stattdessen dominieren impulsive Reflexe und abwertende Urteile, die keine Verständigung fördern, sondern vielmehr gesellschaftliche Gräben vertiefen.

So dünkt es mich, gibt es wenig, das schwieriger und zugleich notwendiger wäre, als den Streit zu kultivieren. Ist es nicht wahrlich ein Paradoxon, dass ausgerechnet in der Spannung, in der Reibung, in der Differenz eine solche Schönheit ruhen kann? Jean Cocteau hatte dies erkannt, als er sagte, Picassos Malerei sei gemalter Ehekrach. Doch wie selten gelingt uns eine solch künstlerische Transformation der Konflikte, die uns umtreiben.

Vom Streiten, Kommunizieren und dem Schmerz des Menschseins

Es gehört zur Würde des Menschen, dass er nicht nur denkt, sondern dass er sich mitteilt. Und doch ist dieses Mitteilen ein zerbrechliches Geschäft: immer schwingt darin die Gefahr des Missverstehens mit, immer auch jene merkwürdige Sehnsucht, über den eigenen Horizont hinauszugreifen und das Gegenüber nicht nur zu erreichen, sondern im besten Falle zu berühren. Kommunikation – wir verwenden dieses Wort oft achtlos – ist nicht bloß Austausch von Lauten und Zeichen, sondern ein zartes Gewebe, das sich zwischen Einsamkeiten spannt.

Wer je geliebt hat, weiß, dass ein Kuss ein Text sein kann, vollendet in Syntax und Semantik, dass eine Berührung die Eindeutigkeit einer These besitzt. Und wer je gestritten hat, erkennt, dass das Streiten – das gute Streiten – ein Kunstwerk ist: ein Balanceakt zwischen Angriff und Annäherung, ein Versuch, den Abgrund der Differenz zu überbrücken, nicht zu vertiefen.

Wie armselig wäre unsere Zivilisation ohne diesen kreativen Widerspruch! Doch: Wie oft verwechseln wir Streit mit bloßem Ressentiment, wie oft sinkt die Auseinandersetzung ins Triviale, ins Abwertende, ins bloße Geräusch. Die Gegenwart – und das muss man nüchtern feststellen – ist eine Ära des mühelosen Richtens. Blogs, Kommentare, Shitstorms: Hier wird verurteilt ohne Anschauung, deklassiert ohne Verstehen. Man betrachtet mit gerunzelter Stirn, was einem fremd bleibt, und verwechselt den eigenen Reflex mit Urteilskraft.

Der französische Philosoph Roger Caillois erzählt die Geschichte jenes blinden Mannes auf der Brücke, dessen schlichtes Schild „Ich bin blind“ niemanden rührte – bis ein Fremder den Satz umschrieb zu: „Der Frühling wird kommen, aber ich werde ihn nicht sehen.“ Erst diese Wendung – von der bloßen Information zur gelebten, empfundenen Wahrheit – ließ die Passanten verweilen, ließ sie Teil haben am Schicksal des Mannes. Ein kleines Wunder: Wo das bloße Sagen versagt, vermag das Bild, das Gleichnis, der poetische Blick jene Resonanz zu erzeugen, die alle große Kommunikation auszeichnet.

Und hier liegt vielleicht ein Schlüssel für unsere Gegenwart: Dort, wo die Sprache ins Uneigentliche flüchtet, wo Ironie und Abgeklärtheit jede Form von Haltung unterspülen, dort wächst die Sehnsucht nach Worten, die Gewicht haben, die gelten, die nicht zurückgenommen werden können. Es sind jene Sätze, die – um einen Gedanken Hebbels zu paraphrasieren – „schmerzen wie ein wunder Finger“ und uns dadurch erst unsere eigene Lebendigkeit spüren lassen.

Roger Willemsen sagte einmal sinngemäß, dass der Akt des Mitteilens immer auch ein Akt der Selbstpreisgabe ist. Nur wer bereit ist, sich angreifbar zu machen, kann wirklich kommunizieren. Es gilt, den Mut aufzubringen, den „liebenden Blick“ zu bewahren, den Blick, der nicht trivialisiert, nicht ironisiert, sondern sich dem Gegenüber in ganzer Wahrhaftigkeit stellt.

Was bleibt uns zu tun? Vielleicht dies: die lauten Stimmen ein wenig zu dämpfen, die schnellen Urteile zu verzögern, dem Gedanken Raum zu geben, ehe er sich ins Wort stürzt. Und zu begreifen, dass jede echte Auseinandersetzung – sei es in der Presse, in der Kunst, im Privaten – immer auch ein stiller Versuch ist, jene Einsamkeit zu lindern, die jeden von uns durchzieht.

Denn am Ende, das wusste schon Bertolt Brecht, ist selbst die erbittertste Feindschaft nur der schmerzhafte Ausdruck eines tieferen Verlangens nach Nähe.

25 Antworten

  1. Wohltuend. Hin zur Kommunikation. Der neue, alte Weg: Aufrichtig sprechen und zuhören. Im Hinterkopf den umfassenden Begriff von Daniele Ganser: Menschheitsfamilie Und wer soll anfangen, wenn nicht ich selber? Danke Ihnen.

  2. Danke für Ihre so anspeechend formulierte Sonntags-Betrachtung 😉

    Mein ‚Werktags-Problem‘ ist in machen Fällen, dass meine **Bitte** an ein Gegenüber, ihr/ihm bisher nicht bekannte Information (nur 😉 zur Kenntnis zu nehmen, abgelehnt wird, weil die Quelle, von der ich diese Information habe, nicht bekannt ist oder als (im besten Fall) ‚umstritten‘ eingeordnet wurde.

    Haben Sie für diese Situation eine Empfehlung?

  3. Hallo Herr Langemann !
    Ich bin leider auch kein Mensch der Klaren Worte, drücke mich oft , für andere undeutlich, aus .
    Und kann deren Reaktionen garnicht nachvollziehen.
    Was Sie diesmal vollbracht haben, ist einfach wunderbar geschrieben!
    Meinen grossen Dank und Respekt dafür.
    Was ich heute Morgen dabei gelernt hab!!!! Bei jedem Wort, jedem Satz sind auch Emotionen drin , welche richtig verstanden werden wollen .
    In diesem Sinne , danke und weiter so

  4. „Nur wer bereit ist, sich angreifbar zu machen, kann wirklich kommunizieren.“ Das ist ein interessanter Standpunkt und zeigt mir, wie unsere Regierungsparteien eigentlich drauf sind.

  5. Streiten will gelernt sein.
    Nicht Streiten, nur um sich nicht auseinandersetzen zu müssen, hinterlässt ein schales Gefühl – ist für mich unbefriedigend.

    Ein Streit ist nur ein (kurzer) momentaner Gefühlsausbruch, der auch sehr gut tun kann (z.B. eine Ungerechtigkeit musste einmal genannt sein). Es ist raus. Eine (kurze) Unterbrechung der Kommunikation tut jetzt beiden Streitenden gut, damit jeder erst einmal wieder zu sich selbst kommen kann.

    Wurden durch die Heftigkeit des Gefühlsausbruchs die Gefühle anderer verletzt, kommt das wichtigste – das Einlenken und das Wertschätzen des Anderen ins Spiel. Dass es eine Überreaktion war, könnte sich entschuldigend eingewendet werden und das Beste, eine(r) kocht ein besonderes Essen für Alle. Das ist für mich die schönste Streitauflösung. Ein Streit ins Positive.

  6. Ein Streit lässt manchmal tief blicken, wie ich finde.

    Parameter wie Besonnenheit und das Hinterfragen eigener Motive, aber auch der Wert des (Streit-)Objektes und die Fähigkeit, die eigenen Affekte zu beherrschen, können künftige Kooperationen begünstigen oder nicht.

    Gewaltsame Durchsetzung eigener Interessen erzielt nur scheinbaren Sieg und lässt Merkmale missen, die den Menschen vom Tier abheben.

  7. „Wer je geliebt hat, weiß, dass ein Kuss ein Text sein kann,…“ Lieber Herr Langemann, darf „man“ Sie zitieren, natürlich mit entsprechendem Quellverweis?!

  8. Lieber Markus Langemann,

    Sie sind mir 2020 sehr kritisch begegnet. Ungefähr so: wenn es mal den Corona-Ausschuss nicht mehr gibt, ob ich dann abstürze. Mein inneres Geschrei war erst groß, aber das war ein wunderbarer Anlass, mich selbstkritisch und auch den CA zu hinterfragen. Ich habe dann ganz bewusst meine Einstellung weder zum einen noch zum anderen verändert, ja, ich stand noch stärker dazu – ohne abzustürzen.

    Meine letzte Beziehung ging zu Brüche, weil ich kein Kontra bekam, aber anschließend: „immer müssen wir das tun, was du sagst…“. Heul doch!

    Es ist eine Herausforderung, das Aufwallen des Blutes unter Kontrolle zu halten, erst mal einen Schritt zurück zu tun – aber nur so können wir wachsen.

  9. hallo herr langemann,
    ich bewunder immer wieder, was sie schreiben. stilvoll, gehaltvoll und immer wieder neues berühren. so wie ich sie darum beneide, so gerne lese ich sie.
    als gelernter schriftsetzer lese ich automatisch auch alle fehler mit. deshalb mein hinweis;
    in zeile verbessere ich wie folgt: . . . überdeutlich, dass die . . .
    herzlichst und noch einen schönen sonntag
    dieter

  10. Chapeau, lieber Herr Langemann!
    Nicht nur – wie immer – ein sprachlicher Hochgenuss. Und nicht nur ein trostspendender, ja befriedender Moment meiner Verzweiflung über den Zustand der Menschheit, während ich ihn lese; dieser berührende Text hat die Kapazität, Brücken zu bauen.
    Ich hätte große Lust ihn laut in die Welt zu rufen.

  11. Vielen Dank für diesen wundervollen Beitrag!
    Ihre Eloquenz ist beeindruckend und das von Ihnen gewählte Thema berührt und inspiriert mich sehr…

    Es ist schwer, wahrhaftig in der Kommunikation zu sein, solange man sich seiner eigenen inneren Verletzungen nicht bewusst ist. Um sich derer mehr und mehr bewusst zu werden, bedarf es an Mut, innerer Stärke, Geduld und Nachsicht sich selbst gegenüber. Ich glaube, erst wenn man bereit ist, sich selbst wahrhaftig gegenüberzutreten, kann man Schritt für Schritt lernen, sich auch dem Gegenüber mit Mut, mit innerer Stärke, mit Geduld und mehr Nachsicht wahrhaftig zu zeigen…

  12. Ihre Sprache, das kunstvolle verweben der Worte, die Poesie und Klarheit in ihren Texten zeigt mir in erfreulicher Weise das es sie noch gibt, „die hohe Kunst des formulierens“. DANKE dafür.

  13. Lieber Herr Langemann,

    vielen Dank für diesen sehr berührenden und bereichernden Beitrag!
    Ich fühle mich inspiriert.
    Für mich persönlich einer Ihrer schönsten Beiträge.

    1. Claudia: Sie sprechen mir aus der Seele. Mich hat dieser Artikel ebenfalls tief be- und angerührt und ja, er ist einer der besten bisher und macht Lust auf mehr….

  14. Sehr geehrter Herr Langemann,

    ich liebe die Art, wie Sie Schreiben und Formulieren. Genau dass ist es, was fehlt im unbedeutenden Allerweltsgequatsche der derzeitigen Journallie…. Deutsch, die Sprache der Dicher und Denker…. DANKE

  15. Was für wundervolle Gedanken zu Beginn des Sonntags-
    Wie immer mehr als lesenswert!
    Vielen Dank für Ihre fortlaufende publizistische Arbeit Herr Langemann.
    Sonntägliche Grüße
    Thomas Oechtering

  16. Herzlichen Dank für Ihr Gedanken…

    Beim Lesen sind mir 2 Dinge dazu in den Sinn gekommen :

    1. Ein Gedicht, ich schrieb es 2000

    Anders

    Die Art wie ich
    mit der Wahrheit
    des Andern umgehe,

    zeigt den Grad
    meiner
    persönlichen Reife.

    2. in einem Ehestreit mit meinem damaligen Mann sagte ich mal zu ihm…
    „Wenn ich nicht mehr streite
    (weil mir eine Auseinandersetzung und Einigung mit Dir wichtig ist),
    ist es vorbei….“
    (verstummt-Rückzug-Entfremdung)

    Ihnen einen schönen Sonntag
    Karin

  17. Die Kunst des feinsinnigen Formulierens kommt hier wunderbar zum Ausdruck. Lange nicht habe ich einen solchen sprachlichen Genuss erlebt, vom inhaltlichen Tiefgang ganz zu schweigen. Vielen Dank dafür!

  18. Wenn Sprache blind unsere Lippen verlässt, wären wir vielleicht besser stumm. Wir würden mit der Mimik sprechen. Am Gesichtsausdruck des anderen erkennen, ob er uns gut gewillt ist oder böse gesinnt. Wenn wir nicht sprechen könnten, würden wir mehr Nähe suchen, um uns zu berühren. Die Hand auflegen, vielleicht mit einem Lächeln im Gesicht. Jemanden zurückhalten und den Kopf heftig schütteln, um ihn vor etwas abzuhalten, zu bewahren? Und wir würden kämpfen, wenn uns andere in die Enge trieben. Die Fäuste erheben. Zuschlagen, Gegenstände ergreifen … Wenn ich so darüber philosophiere, wäre es nicht anders als jetzt. So ganz ohne Worte, würden wir Menschen genau dasselbe tun wie mit Worten. Es würde sich nichts ändern in der Menschenzeit. Wir sollten unserer Art bewusst, dass wir sprechen, berühren und Mimik schaffen können, diese Tribute für uns klug einsetzen, und nicht sinnlos versprühen wie ein explodierendes Pulverfass. Aber wer wird denn gleich in die Luft gehen – wusste schon das HB-Männchen sich zu helfen. Doch man muss nicht gleich zum Glimmstängel greifen, dafür gibt es bestimmt Billionen andere Lösungen. Eine kluge genügt schon. Oder? Ich gehe jetzt in die Luft – an die frische … Ihnen und allen anderen einen gediegenen Sonntag.

  19. Ganz wundervolle Gedanken, nur leider werden sie den Schreier nicht erreichen: Instinktiv ist ihm bewusst, dass er ohne das verbale Niederknüppeln des Gegenüber argumentativ und intellektuell entblößt ist, die Lautstärke ist seine einzige Waffe. Der feinfühlige Mensch wendet sich angesichts der Sinnlosigkeit jeglicher Streitkultur ab, überlässt tragischerweise damit aber dem lauttönenden Vandalen das Feld. Schwierig, ein tatsächliches Problem.

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