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Garden Party!

von Antje Maly-Samiralow //

Ganze vier Wochen war ich weg. Jetzt bin ich zurück, und der Garten steht in voller Blüte. Die Ramblerrosen, die auf den irritierenden Namen Madame Alfred Charrière hören und die wir vor drei Jahren gesetzt haben, sind weit übers Spalier hinausgewachsen und bedecken beinahe die ganze Wand. Wenn ich in aller Herrgottsfrühe mit der ersten Tasse Kaffee am Fenster stehe und die Morgensonne die Rosen küsst, weiß ich, dass mir ein guter Tag ins Haus steht.

Natürlich macht so ein Garten viel Arbeit. In den zurückliegenden vier Wochen sind nicht nur die Rosen erwacht. Das Unkraut hatte exakt die gleiche Zeit zum Sprießen, Grünen und Blühen. Der Regen des Frühlings und die mäßigen Sonnenstunden ließen alles wachsen und gedeihen, was in der Erde ruhte, bis seine Zeit gekommen war. Die Disteln reichen mir schon wieder bis zum Knie. Der Löwenzahn wuchert dreist inmitten der Schmucklilie, die ich im letzten Jahr mühsam vorgezogen und behutsam ausgesetzt habe, auf dass sie in diesem Sommer violette Blüten treibt. 

Auch Disteln blühen violett. Aber dazu wird es nicht kommen. Das werde ich zu vereiteln wissen. „Es gibt kein Unkraut“, hört man dieser Tage ja aufdringlich oft. „Es gibt nur Beikraut, und auch das will leben“, hat ein Bekannter unlängst versucht, mich zu bekehren. Allein, ich liebe meinen Garten so, wie ich ihn angelegt habe. Ich erfreue mich an den Rhododendren, die in Schichten blühen von April bis in den Juni hinein. Einen alten, völlig verkümmerten und ungünstig platzierten Busch hat mir der Gärtner letztes Frühjahr versetzt. Der Cunninghams White revanchiert sich seither für den Standortwechsel mit üppiger Blütenpracht. Und er hat auch schon ordentlich zugelegt. Man sieht ihm an, dass er sich in der frischen Erde wohl fühlt, und die Beschattung der umstehenden Bäume bieten ihm Schutz vor der sengenden Sonne, die ihm wie unsereins nur mäßig bekommt. 

Doch zurück zu den Disteln. Ließe ich sie wachsen, wie sie wollten, stünden sie bald in Konkurrenz zu den Rosenbäumchen, von denen eines gestern seine erste Blüte entfaltet hat. Ich könnte das satte rosa Bouquet nicht vom Violett der Disteln unterscheiden, wo sich die Akeleien doch ohnehin schon anschicken, den Rosen die Show zu stehlen. Das vergrämt die stolzen Schönheiten. Rosen sind von kapriziösem Naturell. Sie gebärden sich zuweilen divenhaft, sind schnell verschnupft und äußerst anfällig für allerlei Wehwehchen. Wer sie ungebührlich behandelt, den stechen sie und schlagen üble Wunden. Bei guter Pflege hingegen und Sortentypischer Ansprache machen sie die Welt staunen und zeigen, was in ihnen steckt. Man muss sie nur zu nehmen wissen. Ich für meinen Teil habe vollstes Verständnis für diese frivole Launenhaftigkeit. Sollte ich je als Pflanze wiederkehren müssen, werde ich Rose sein oder nichts. Als Distel bräuchte ich erst gar nicht antreten. Bei meinem Karma wäre das eine äußerst kurzlebige Wiederkunft. 

Aber in meinem Garten tummelt sich auch allerlei wildes Gewächs. Ein alter Taxus begrenzt die Nordwestflanke. Dahinter herrscht Wild West. Dort darf alles wuchern, was die Vögel so von sich geben und der Wind an Samen je angeweht hat. Von Acker-Schmalwand bis Vogelmiren und Zackenschötchen ist alles vertreten. Wenn sie es gar zu bunt treiben und die an der Wand aufsteigenden Ramblerrosen zu ersticken drohen, weise ich sie in ihre Schranken. Das geht dann eine Weile gut, bis sie abermals Raum greifen. Und das tun sie am liebsten während meiner Abwesenheit. Jedenfalls scheint es mir so.

Wenn mir ein Wildwuchs gefällt, grabe ich ihn aus und setze ihn ins Beet, wo halt noch Platz ist. So habe ich es vor drei Jahren mit einem Fingerhut gemacht, von dem ich ahnte, was aus ihm werden würde und dessen Blütentrauben ich nicht hinter dem Taxus verborgen wissen wollte. Seitdem hat er sich stattlich vermehrt. Wie der Gärtner bei seiner Frühjahrsinspektion die grünen Blattrosetten im Staudenbeet entdeckte, konstatierte er nüchtern: „Ah, ein Digitales purpurea!“ Nachdem ich ihn in meine Ausgrabungsaktivitäten eingeweiht hatte, glaubte er, meinen Enthusiasmus dämpfen zu müssen, indem er mir erklärte: „Der blüht Ihnen aber nur alle zwei Jahre, und das ist nicht gerade attraktiv für ein Blumenbeet…“ Nun, mein Digitales blüht jedes Jahr, zuverlässig! 

Die Hummeln lieben seine Glockenförmigen Blüten, in denen sie ganz und gar aufzugehen scheinen. Und ich liebe es, den Hummeln beim Nektarnaschen zuzuschauen. Das beruhigt mich ganz und gar. Ihr sonores und so gar nicht aufdringliches Summen ist von zutiefst meditativem Charakter und hat mich schon in so manches Nachmittagsschläfchen gewogen. Alles in allem herrscht in meinem Garten friedliche Koexistenz, frei nach dem Motto: „Leben und leben lassen!“

Mit dem Bambus stehe ich allerdings auf Kriegsfuß. Dieser Raubbau betreibende Aggressor unterwandert all mein Bemühen um harmonischen Ausgleich. In seinem Fall geht meine Toleranz gen Minus Null. Allerdings ziehe ich meist den Kürzeren. Seine Wurzeln sind so was von invasiv. Im ersten Jahr bin ich ihm noch mit der Grabegabel aus extra gehärtetem Stahl zu Leibe gerückt. Ich habe mein ganzes Gewicht auf die Gabel verlegt, gehebelt und gestochen und so manches Wurzelungetüm aus dem Boden verbannt. Trophäen gleich habe ich diese archaischen Untergründler aufgereiht und stolz meinem Mann präsentiert, der nicht recht verstehen mochte, warum ich soviel Leibeskraft auf ein paar Wurzeln verschwendete. Dass die paar Wurzeln unterdessen Triebe zu verantworten hatten, die eines Regenwaldes würdig gewesen wären, der sich anschickte, den Rasen in Beschlag zu nehmen, nicht zu reden vom Gehweg, dessen Platten sich aus dem Erdreich erhoben wie Gullideckel und den beständigen Beschwerden des Nachbarn, dessen Gehwegplatten auch ein dramatisches Eigenleben entwickelten, hat ihn nicht irritiert. Mich schon. Nachdem die extragehärteten Zinken der Grabegabel verbogen waren, ich mehr blaue Flecken und Blessuren hingenommen hatte, als es meiner Statur zuträglich war, musste eine Radikallösung her. Der Bagger! Am Ende war es dann doch nur ein kleiner Gartenbagger, mit dem der Gärtner die Kraken zutage befördert und den Garten in ein Schlachtfeld verwandelt hat. Und dabei hat er nicht mal alle Stränge erwischt. Dem Bambus reicht schon ganz wenig Wurzelfleisch, um wiederaufzuerstehen. Der reinste Hohn! Vorgestern habe ich mitten im Kirschlorbeer einen frischen, aber bereits auf gute 2 Meter angewachsenen Trieb entdeckt. Und wie ich den vernichtet hatte, habe ich das Terrain genauer in Augenschein genommen. Was soll ich sagen? Er ist wieder da. Nachdem ich ein paar Turnübungen auf der entstellten Grabegabel vollführt und ein paar dickere Wurzelstränge mit der Astschere entzweit hatte, gab ich mich geschlagen. Ich musste einsehen, dass ich diesen Kampf nicht gewinnen würde, jedenfalls nicht allein. Es bedurfte keiner größeren Überredungskünste, den Nachbarn an Bord zu holen. Schließlich unterwandert der Bambus mittlerweile seinen halben Hof und steuert zielsicher aufs Hauptgebäude zu. Wünschen Sie uns Glück! Das wird ein harter Tag. Und dieses mal gebe ich nicht klein bei. Es heißt ja nicht von ungefähr: „Nur die harten kommen in den Garten!“  

2 Antworten

  1. Mein Mitgefühl!
    Bambus ist egoistisch und aggressiv : sogar die Beton-Abgrenzung kann ihn nicht stoppen (im Botanischen Belvedere-Garten in Wien macht er das unmissverständlich klar)
    Man sollte sich zehn Male überlegen, bevor man ihn ins eigenen Garten holt…

  2. Sicher ist Ihnen der folgende Spruch geläufig: “Ein guter Gärtner hat ein großes Herz und (mindestens) eine scharfe Schere”. Was den Bambus angeht…wie wär’s mit Verlagerung auf kognitive Dissonanz nach Altkanzlerinnenart (Nun isser halt da…). Oder Besinnung auf den deutschdemokratischen Wertekanon vor dem 9. November 1989, vulgo: Betonsperren. Wahlweise friedliche Koexistenz mit dem Nachbarn durch Gründung einer Bambuskooperative mit Vermarktung von Bambussprossen an Asialäden und Chinese Takeaways.

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