von Markus Langemann //
Über mechanische Uhren, zerhackte Sekunden und die Frage, wem die Zeit eigentlich gehört
Es gehört zu den stillen Ironien unserer Epoche: Nie zuvor trug der Mensch die Zeit so präzise bei sich wie heute. Die Atomzeit, funksynchronisiert, auf Bruchteile von Sekunden genau, liegt in jeder Hosentasche, leuchtet von jedem Display. Und nie zuvor hatte er so wenig von ihr. Die Zeit ist allgegenwärtig geworden – und zugleich besitzlos. Sie gehört niemandem mehr. Sie läuft nur noch ab.
Wer verstehen will, warum ein vernünftiger Mensch im Jahr 2026 mehrere tausend Euro für ein Gerät ausgibt, das pro Tag ein paar Sekunden nachgeht, sollte nicht mit der Industrie sprechen, nicht mit einer Marke und nicht mit einem Juwelier. Sondern mit einem, der sammelt, weil er nicht anders kann. Oliver Kleimaier ist so einer. Seine erste ernsthafte Uhr kaufte er 2008, zum dreißigsten Geburtstag, eine Rolex Submariner, damals noch schlicht beim Juwelier ans Handgelenk gelegt. „Dann hat es klack gemacht“, erinnert er sich, „dann hat es mich geflasht – bis zum heutigen Tag.“ Man beachte den Nebensatz: beim Juwelier anprobiert, einfach so. Ein Satz aus einer versunkenen Welt.
Denn der Markt hat sich gedreht. Spätestens seit Corona parkt Kapital in allem, was sich anfassen lässt, und so drängten Leute in die Uhrenwelt, denen es, wie Kleimaier trocken sagt, um „Kapitalerhalt, Wertsteigerung, bla bla bla“ ging – nicht um Mechanik, nicht um Leidenschaft. Die Preise gingen durch die Decke, kühlten wieder ab. Geblieben aber ist die Inszenierung des Mangels: Schildchen in den Auslagen („nur zur Ansicht“), Wartelisten, ausgedünnte Händlernetze. Manche Manufakturen kündigten ihren Juwelieren kurzerhand die Verträge und eröffneten eigene Boutiquen, in denen der Interessent – Kleimaier formuliert es mit feiner Bosheit – sich „rechtfertigen darf, warum er denn glaubt, eine bekommen zu dürfen“. Man muss sich diesen Vorgang auf der Zunge zergehen lassen: Der Kunde bewirbt sich beim Produkt. Es ist die Ökonomie des Türstehers. Der Laden ist halb leer, aber hineingelassen wird nur, wer den Ritus beherrscht.
Auch unter den Sammlern selbst hat sich etwas verschoben. Auf die Frage, ob ein Sammler einer sei, der Uhren liebt, oder einer, der die Jagd liebt, hätte Kleimaier früher idealistisch geantwortet. Heute sagt er: „Es gibt tatsächlich auch Sammler, die nur sammeln.“ Zahlen, Daten, Fakten. Was kostet das Stück heute, was bringt es in acht Jahren im Wiederverkauf. Die Geschichten hinter den Uhren interessieren diese Spezies nicht. Es ist dieselbe Bewegung, die man allenthalben beobachten kann: Die Renditelogik frisst sich in die letzten Reservate der Leidenschaft. Erst die Wohnung, dann der Wein, dann die Uhr. Am Ende ist alles Asset.
Und doch lohnt es, genauer hinzusehen – auf das Ding selbst, nicht auf seinen Kurs. Eine Quarzuhr besteht aus dreißig, vierzig Bauteilen und einer Batterie. Eine mechanische Uhr aus zweihundert, dreihundert, bei komplizierten Kalibern vierhundert Einzelteilen, manche davon feiner als ein menschliches Haar, mit bloßem Auge nicht zu erkennen. Jedes einzelne hat sich irgendwann ein Mensch ausgedacht. Ein Mensch hat es gefertigt. Und Jahrzehnte später muss wieder ein Mensch da sein, der diese Mechanik beherrscht und warten kann. Handwerk ist, recht besehen, eine Kette von Menschen durch die Zeit. Ein Chip kennt keine Nachfolger. Nur Nachfolgemodelle.
Den Unterschied erkennt übrigens jeder Laie, sagt Kleimaier, in zehn Sekunden. Man muss nur den Sekundenzeiger betrachten. Der Quarz zuckt – tack, tack, tack –, zerhackte, portionierte, getaktete Zeit. Bei der Mechanik dagegen „schwebt er optisch über dem Zifferblatt, fließt quasi, ohne wirklich anzuhalten“. Es fällt schwer, darin kein Sinnbild zu erkennen. Wir leben längst im Quarz-Modus: zerstückelt in Benachrichtigungen, Zeitfenster, Takte, in sogenannter Echtzeit – ein verräterisches Wort, nebenbei, als wäre die andere, die erlebte Zeit unecht. Die mechanische Uhr hält gegen all das eine alte Wahrheit fest: dass Zeit fließt und nicht springt.
Nirgends zeigt sich das schöner als beim Tourbillon, dem „Wirbelwind“, ersonnen um 1800, als man Taschenuhren gegen die Tücken von Lage und Erdmagnetismus wappnen wollte. Man baute dem Herzen der Uhr einen rotierenden Käfig, damit es ungestört schlagen kann. Heute, räumt Kleimaier ein, wäre das „Handwerkskunst um ihrer selbst willen“ – moderne Werke laufen auch ohne diesen Aufwand präzise genug. Aber vielleicht liegt genau darin die Pointe. Eine Kunst, die keinen Zweck mehr braucht, ist keine Verschwendung. Sie ist ein Bekenntnis. Und wer wollte im Ernst bestreiten, dass wir alle eine solche Vorrichtung gebrauchen könnten: einen Käfig, der das eigene Herz gegen die Störfelder der Gegenwart abschirmt, damit es im Takt bleibt.
Einen Gedanken aus dem Gespräch wird man ohnehin nicht mehr los. Eine Automatikuhr zieht sich durch die Bewegung ihres Trägers auf. „Das heißt philosophisch nichts anderes“, sagt Kleimaier, „als dass Sie und Ihre Bewegung im Alltag die Zeit bewegen. Darüber sollte man mal nachdenken.“ In der Tat. Die Smartwatch will jede Nacht ans Ladekabel, sie hängt am Netz wie wir alle. Die mechanische Uhr lebt vom Menschen, der sie trägt; legt man sie ab, bleibt sie irgendwann stehen. Der Fachmann nennt das Gangreserve. Auch darin ähneln sich Uhr und Träger.
Selbst die Fälscher haben inzwischen aufgerüstet. Wo früher am Strand Plagiate für hundert Mark gehandelt wurden, gibt es heute Repliken für vierstellige Beträge, die mancher Kenner erst in der Hand entlarvt. Und doch, sagt Kleimaier, greift der Liebhaber am Ende zum Original – nicht wegen der anderen, sondern weil er selber weiß, was er am Handgelenk trägt, „und das vergisst er auch nicht“. Ein bemerkenswerter Satz. In der Welt der perfekten Kopie ist Echtheit kein äußeres Merkmal mehr, sondern ein Wissen. Die Fälschung täuscht jeden – nur den nicht, der sie trägt. Authentizität, so betrachtet, ist zuerst ein Verhältnis zu sich selbst.
Um Preise geht es dabei übrigens weniger, als der Zeitgeist unterstellt. Kleimaier besitzt neben den großen Namen auch eine Seiko für zweihundert Euro. Mechanisch, versteht sich. Sein Kriterium für jede Neuerwerbung: Sie muss „eine Geschichte haben oder transportieren können“. Denn Geschichten, sagt er, lösen in uns Emotionen aus, ob wir wollen oder nicht. So tickt der Mensch. Man möchte hinzufügen: So schwingt er.
Uhren speichern nämlich etwas, das kein Backup dieser Welt sichern kann – Biographie. Kleimaier besorgte einst unter erheblichen Mühen seinem damaligen Chef ein begehrtes Modell; über zehn Jahre später trat derselbe Mann an ihn heran und bot ihm ebendiese Uhr zum Kauf an, ehe sie ins Internet ging. Diesmal konnte er sie sich leisten. Das Leben schreibt solche Kreisläufe. Und auf die klassische Frage, welche einzige Uhr er aus dem brennenden Haus retten würde, nennt er nicht das teuerste Stück seiner Sammlung, keine Lange & Söhne im hohen fünfstelligen Bereich. Sondern eine Rolex Datejust aus seinem Geburtsjahr 1979, damals für gut achthundert Mark über den Tresen gegangen, heute mit Kratzern. „Die war auf der Hochzeit dabei.“ Ein Haus kann man nicht mitnehmen, ein Auto nicht in die Tasche stecken. Ein Leben am Handgelenk schon.
Irgendwann im Gespräch zitiert Kleimaier ein Bonmot, dessen Urheber ihm entfallen ist: Die Zeit anzeigen könnten alle Uhren, auch die smarte. „Aber die Zeit verkörpern, das können nur die wenigsten.“ Man darf ergänzen: Die mechanische Uhr ist womöglich das letzte Alltagsgerät, das nichts von uns will. Sie sendet nicht, sie ortet nicht, sie sammelt keine Daten, sie kennt kein Update, kein Abo, kein Benutzerkonto. Sie misst die Zeit, ohne sie uns zu stehlen. Wo jedes Gerät am Handgelenk zugleich Rapport erstattet, ist das beinahe subversiv: ein Stück Privatheit, das tickt. Genauer: das schwingt. An die dreißigtausend Mal in der Stunde schlägt die Unruh, das unruhige Herz der Uhr, das sie ruhig macht.
Wer so etwas trägt, geht vielleicht ein paar Sekunden nach. Aber er geht nach eigener Zeit.

Eine Antwort
Wie man eine Armbanduhr macht / SWR Handwerkskunst / Mai 2026 / Tim Greiner ua
Zitat: „Jochen Benzinger zählt zu den renommiertesten Uhrenmachern Deutschlands. Als einer der wenigen Guillocheure des Landes beherrscht er eine hochspezialisierte Technik der ornamentalen Metallgravur, die er in seiner Werkstatt in Pforzheim ausübt. Sein Mitarbeiter Albrecht Bolz ist Goldschmied…“
https://www.youtube.com/watch?v=fnZu0QoCy6w
Genau diese von Herrn Benzinger berichtete totale Konzentration auf die Arbeit und die damit verbundene Entspannung hatte ich (wie vor mir schon meine Ahnen) immer während meines anderen Berufs verspürt. Deshalb ging ich mit Freuden an meine Arbeit, weil sie, kreativ ausgeführt, mir so viel Spaß machte. – Diese Uhrmacher-Gene wirken bei mir immer noch und diese Art von „Entspannung“ verspüre ich auch beim schöpferischen Malen und Schreiben. – So kann auch eine Uhr zum Kunstwerk werden.