Gegen die Leitkultur des Likens – Plädoyer für das tätige Engagement

Essay von Markus Langemann //

Es gibt in unserer Zeit einen seltsamen Widerspruch: Die Welt ist voller Stimmen, voller Meinungen, voller Gesten des vermeintlichen Mitredens – und zugleich arm an echter Beteiligung.

Wir sind Zeugen einer Epoche, in der das Engagement im großen wie im kleinen Maßstab – das Handeln für etwas, das über den eigenen Horizont hinausweist – nicht mehr Kür ist, sondern Überlebenspflicht. Ein Must-have in der Werkzeugkiste des wachen Bürgers, wenn er noch zu den Lebendigen zählen will.

Wer heute denkt, denkt oft in der Defensive. Er ahnt, dass er mit jedem klar formulierten Satz in eine Welt spricht, die den entschiedenen Ton nicht mehr gewohnt ist. Die lieber filtert, liked, teilt – und damit das eigene Urteil im schaumigen Meer des Algorithmus ertränkt.

Wir haben eine Leitkultur des Likens entwickelt, diese neue Währung der Zugehörigkeit, die vorgaukelt, man hätte sich etwas zu eigen gemacht. In Wahrheit ist der Like oft nur das automatisierte Nicken, das stumme Mitschwimmen im warmen Becken der Bestätigung.

Ich erinnere mich an einen Abend, an dem ein Bekannter stolz verkündete, er habe „sich jetzt engagiert“. Was war geschehen? Er hatte ein Bild geteilt, versehen mit einem empörten Satz – zwei Minuten Aufwand, null Risiko. Die Welt blieb, wie sie war.

Das ist die Haltung vieler: die Empörung als Pose, nicht als Handlung. Man liked nicht, um zu verstehen. Man liked, um gesehen zu werden. Ein Klick – und schon glaubt man, Anteil genommen zu haben, dabei hat man nur eine digitale Spur hinterlassen, die belegt: Ich war hier, ich stimme zu.

Doch Zustimmung ist noch keine Haltung. Haltung entsteht erst, wenn man riskiert, nicht zu gefallen. Wenn man bereit ist, den Beifall nicht nur zu verlieren, sondern in die Stille zu sprechen.

Echtes Engagement beginnt dort, wo man sich nicht mehr mit der bequemen Replik zufriedengibt. Wo man Fragen stellt, die keine Likes einbringen. Wo man sich nicht in der Pose des Betroffen-Seins ausruht, sondern den eigenen Fuß in die Tür des Geschehens setzt – und stehen bleibt.

Engagement ist nicht die Dekoration einer Meinung, es ist ihr Muskel.

Das kann klein beginnen: Jemand widerspricht am Stammtisch, nicht laut, aber klar. Jemand meldet sich bei einer Bürgerversammlung zu Wort, obwohl er weiß, dass der Saal gegen ihn ist. Jemand hilft einer Person, die gesellschaftlich längst abgeschrieben scheint – nicht, weil es ihm Sympathiepunkte bringt, sondern weil es schlicht richtig ist.

Die großen und kleinen Formen des Handelns – vom offenen Wort am Esstisch bis zur beharrlichen Tat im öffentlichen Raum – sind die letzten Bastionen derer, die noch selbst denken. Wer sie aufgibt, überlässt die Bühne denen, die laut sind, nicht denen, die recht haben.

Die Portale der öffentlichen Pose – Facebook, Instagram, X – sind in dieser Logik weniger Marktplätze der Ideen als Kultstätten der Affirmation. Man applaudiert dem, was man ohnehin denkt, oder denkt, dass man es denkt. Und verwechselt das Gefühl der Zustimmung mit der Anstrengung des Verstehens.

Das ist kein Gespräch, das ist das digitale Äquivalent des Spiegelblicks: Man betrachtet sich – und lächelt.

Manchmal stelle ich mir vor, wie ein Besucher aus einer anderen Zeit auf diese Kultur des ständigen Selbstabbildens blicken würde. Ein Zeitreisender aus dem Jahr 1850 etwa, der sieht, wie Millionen Menschen täglich ihre Gesichter fotografieren, sie in die Öffentlichkeit stellen und warten, dass andere „zustimmen“. Er würde vielleicht fragen: Und das verändert eure Welt?

Und wir müssten beschämt zugeben: Nein.

Doch Engagement ist nicht narzisstisch. Engagement ist unbequeme Empathie. Es zwingt dazu, über den eigenen Standpunkt hinauszugehen, sich in fremdes Terrain zu begeben, ohne zu wissen, ob man dort willkommen ist.

Es verlangt, sich in Menschen, Situationen, Geschichten hineinzudenken, die nicht automatisch zur eigenen Biografie passen.

Das heißt auch: sich Zeit zu nehmen. Die Logik der sozialen Medien ist Beschleunigung – der nächste Impuls wartet schon. Echte Beteiligung ist das Gegenteil: verlangsamen, tiefer gehen, aushalten. Ein Problem nicht nur „ansprechen“, sondern daran arbeiten.

Wir brauchen eine Renaissance dieser Haltung – jetzt, nicht später. Denn die lebendigen Geister, die noch widerstehen, die noch zweifeln, die noch imstande sind, einen Gedanken ohne Rückversicherung zu Ende zu denken – sie stehen unter Druck.

Wer sie schützt, schützt nicht nur Personen, sondern das Klima einer Gesellschaft, in der Widerspruch nicht als Störung, sondern als Sauerstoff verstanden wird.

Engagement ist der Akt, bei dem wir aufhören, uns beschallen zu lassen, und beginnen, selbst zu sprechen. Nicht im endlosen Monolog über uns selbst, sondern im Dialog mit einer Wirklichkeit, die mehr verlangt als unser Einverständnis.

Es ist Zeit, wieder zu handeln. Nicht zu liken. Nicht zu posen. Nicht zu warten.

Denn die Zeit, in der man glaubte, Haltung könne man delegieren, ist vorbei.

Beitrag teilen:

Eine Antwort

  1. Es wäre schön, wenn Sie Weiterleitung Ihrer Artikel auch über WhatsApp ermöglichen würden. Ich bin weder auf X, noch auf Facebook oder Instagram
    Mit freundlichen Grüßen
    Dr.Willi Hornung

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Herzlich Willkommen auf dieser Plattform des kultivierten Austauschs von Argumenten.

Wir haben verlernt Widerspruch aushalten zu können. Hier darf auch widersprochen werden. Ich möchte Sie bitten, dabei wertschätzend und höflich zu bleiben. Beleidigungen und Hasskommentare werden künftig ebenso entfernt, wie Wahlaufrufe zu Parteien. Ich behalte mir vor, beleidigende oder herabsetzende Kommentare zu löschen. Dieses öffentliche Forum und die ihm innewohnende Möglichkeit Argumente und Meinungen auszutauschen, ist der Versuch die Meinungsfreiheit – auch die der anderen Meinung – hoch zu halten. Ich möchte hier die altmodische Tugend des Respektes gepflegt wissen.

„Kontroversen sind kein lästiges Übel, sondern notwendige Voraussetzung für das Gelingen von Demokratie.“ Bundespräsident Dr. h.c. Joachim Gauck a.D., vor nur 5 Jahren in seiner Rede zum Tag des Grundgesetzes.

de_DEGerman