von Peter Löcke //
Wie war das nochmal damals? Geschichte entsteht, indem wir uns an sie erinnern und davon erzählen. So wird Geschichte lebendig. Die eigene Lebensgeschichte kennt niemand besser als man selbst. Autobiografien sind wahrhaftig. Ist man ehrlich zu sich selbst, kommt es zu keinen Verfälschungen des eigenen Lebens. Bei geschichtsträchtigen Ereignissen verhält es sich anders, denn da ist der Blick nach außen gerichtet. Dann kommt es in der großen weiten politischen Welt neben tatsächlichen Kriegen auch zu Meinungskriegen. Und es kommt bei der Suche nach der Wahrheit zu allerlei Geschichtsklitterungen.
Wie war das nochmal – damals – in der Ukraine? Um diese Frage zu beantworten, muss zunächst jeder für sich entscheiden, in welchem Jahr die Geschichte beginnen soll. Eines schönen Tages im Februar 2022 startete Diktator Putin einen imperialen Angriffskrieg gegen die Ukraine und dieser Krieg bedroht nun ganz Europa. Für diese Geschichtsschreibung erhalten Sie in jeder Talkshow und an jedem Tresen die Schulnote eins. Als Andersdenkender riskieren sie nicht nur die Note ungenügend. Mittlerweile droht ein Schulverweis aus dem ach so liberalen europäischen EU-Lehrerzimmer. Damit spiele ich auf den Fall Jaques Baud an, den meine Kollegin Diana-Maria Stocker hier [1] lesenswert aufbereitet. Eine NATO-kritische Sichtweise sowie das Totschlagargument „prorussische Propaganda“ reichen mittlerweile aus, um auf der Sanktionsliste der EU zu landen. Wo soll das enden und wen darf diese Plattform noch zitieren, um nicht ebenfalls wegen Kontaktschuld sanktioniert zu werden? Ich gehe das Risiko ein.
Wer behauptet, dass der Krieg in der Ukraine im Jahr 2022 begann, betreibt Geschichtsklitterung. Er begann auch nicht auf dem Maidan im Jahr 2014. Der Prolog und Anfang der Geschichtsschreibung ist im Jahr 1990 zu suchen. Stichwort NATO-Osterweiterung. Um mich und diese Plattform abzusichern, zitiere ich ein Medium namens Tagesschau. In der Ausgabe vom 3. Februar 1990 sagte der nicht als Verschwörungstheoretiker geltende ehemalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher im Beisein seines amerikanischen Kollegen James Baker folgenden Satz in die Mikrophone [2]:
„Wir waren uns einig, dass nicht die Absicht besteht, das NATO Verteidigungsgebiet auszudehnen nach Osten. Das gilt übrigens nicht nur in Bezug auf die DDR, die wir uns nicht einverleiben wollen, sondern das gilt generell.“
Genschers Worte fielen acht Monate vor der deutschen Wiedervereinigung. Über 35 Jahre Zeitunterschied scheinen das Phänomen Geschichtsvergessenheit zu fördern. Geschichtsklitterungen funktionieren aber auch innerhalb kürzester Zeit.
Wie war das nochmal – damals – bei Corona? All das ist ja gefühlt vorgestern passiert. Schützen Sie sich und andere! Durch Abstand, durch Masken und selbstverständlich durch die Impfung. Warum?
„Denn eine Impfung schützt – uns selbst und andere.“
Das waren Spahns eigene Worte am 14. Mai 2021 [3]. Die Impfung schütze auch andere. Fremdschutz war DAS Argument der Coronazeit, mit welchem all die sogenannten Maßnahmen begründet wurden. Die angebliche Verweigerungshaltung der Ungeimpften, ihre Mitmenschen nicht schützen zu wollen, diente als Vorwand, eine Treibjagd auf Millionen Menschen zu eröffnen. Und dann sitzt der ehemalige Gesundheitsminister in der Enquete-Kommission und behauptet mit einer fast schon beeindruckenden Kaltschnäuzigkeit, dass es niemals um Fremdschutz gegangen sei. [4]
„Es war nie Ziel, auch der WHO nicht, dass es bei der Impfstoffentwicklung – dass es zu Infektionsschutz gegenüber Dritten kommt.“
Lapidar setzt Jens Spahn noch einen drauf, indem er sagt, dass der angeblich am besten getestete Impfstoff der Geschichte „bis heute im Markt gewissermaßen getestet“ werde. Geschichtsklitterung? Schlimmer. Geschichtsfälschung? Das trifft es auch nicht. Hier wird Geschichte auf den Kopf gestellt. Die spannende Frage lautet, warum Spahn meint, damit durchzukommen. Darüber könnte man Romane schreiben. Ich mache es an zwei Dingen fest.
Vor Jens Spahn steht ein Aufsteller mit seinem Namen. Darunter steht nicht „Zeuge“ oder gar „Angeklagter“. Darunter steht „Sachverständiger“. Allein dieses eine Wort ist ein Zeichen von Geschichtsklitterung und obendrein ein Schlag ins Gesicht für jeden, der sich nach wirklicher Aufarbeitung sehnt. Nun durfte ich lesen, dass auch großen Medien endlich kritisch berichten. Das tun sie selbstverständlich nicht. Selbst die in der Coronazeit durchaus kritisch schreibende Britta Spiekermann vom ZDF thematisiert ausschließlich den „Masken-Skandal“, also Spahns Verschwendung von Steuergeld [5]. Das ist in etwa so, als ob Al Capone vor Gericht steht und die Öffentlichkeit nur etwas von Steuerhinterziehung liest, nicht aber von seinen begangenen Mafiaverbrechen.
Migräne! Es gab Zeiten, als ich angesichts solcher Ungerechtigkeiten schwere Kopfschmerzen bekam. Nach großem Stress litt ich in meiner Jugend unter Migräneanfällen. Das fing bei mir als Teenager im Alter von fünfzehn Jahren an und hörte urplötzlich zehn Jahre später wieder auf. Sieh an! Mich verbindet also doch etwas mit Heidi Reichinnek. Anders als die Vorsitzende der Linken erwähne ich das nicht, um Mitleid zu erregen. Vielmehr möchte ich auf ein menschliches Phänomen hinweisen. Bei den letzten Zeilen handelte es sich um eine Geschichtsklitterung meines eigenen Lebens. Die obige Erzählung ist so nicht korrekt. Es handelt sich um eine falsche Erinnerung, die lange zu meiner erzählten Wahrheit wurde, bis ich mit der Wirklichkeit konfrontiert wurde.
Wie war das nochmal – damals – bei meiner Migräne? Als in einem Gespräch mit meiner Mutter zufällig das Thema angeschnitten wurde, konnte sie sich an den Grund meiner ersten schweren Kopfschmerzattacke erinnern. Nur war ich da laut ihrer Aussage acht Jahre alt und nicht wie in meiner Erinnerung fünfzehn.
Man sollte immer zu den Quellen gehen und alles hinterfragen. Auch sich selbst. Auch dort kommt es zu Geschichtsklitterungen.
Quellen
[1] https://clubderklarenworte.de/im-fadenkreuz-der-fall-jacques-baud/
[2) Tagesschau vom 3. Februar 1990, Beitrag ab Minute 4,4 Sekunden: https://www.tagesschau.de/video/video-ts-49440.html
[3] https://x.com/jensspahn/status/1393222867760947200?s=20
[5] https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/spahn-corona-masken-enquete-kommission-100.html
Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht in jedem Fall die Meinung des Herausgebers wieder.

8 Antworten
Ich bin nicht enttäuscht von der Politik, sie tut das, was sie immer getan hat. Die Ereignisse von 2020 stachen ein wenig heraus, da sie erkennbar ein direkter Angriff waren. Insbesondere Kinder und Jugendliche haben gelitten. Nelson Mandela sagte mal, dass der Umgang mit den eigenen Kindern alles über den kulturellen Zustand einer Gesellschaft aussagt. Wir sind gemeint, wir sind Teil dieser Gesellschaft. Werden wir es in Zukunft besser machen, oder stehen wir nur am Rand und empören uns? Es wird entscheidend sein, ins Tun zu kommen, nicht, abgesehen von einer klaren Notwehrsituation, sinnlosen Widerstand zu leisten. Wir selbst haben die Aufgabe, neue Wege zu gehen und gerade die jungen Menschen mitzunehmen. Neue Trends setzen, die Menschen aus der Angst befreien, eine kulturelle Rückbesinnung bzw. Weiterentwicklung ermöglichen, das ist aus meiner Sicht ein gangbarer Weg.
Nun, man muss sich nicht erinnern, man kann politische Ereignisse einfach nachlesen, sogar deren unterschiedliche Auslegungen. Im Internet kein Problem. Zu dem Genscher / Baker – Moment gibt es zahllose Auslegungen. Alles ist relativ, oder die Wahrheit ist eine Schimäre. Es kommt darauf an historisch-politische Bildung genossen zu haben, damit sich jeder selber ein Urteil bilden kann. Allein, das findet ja nicht statt. Unser Bildungswesen ist ebenfalls eine Schimäre. Geschichte, ist die Geschichte der Sieger. Medien sind die Verstärker der „Regierungsamtlichen Wahrheit“ im Auftrag der Herrschenden. Und wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd. Nicht erst seit Galilei. Spahn ist ein Zyniker der Macht, der genau weiß, dass ihm aktuell nichts passieren kann. Leute wie er, oder die Schwester im Geiste Angela M., sie neigen in bestimmten Momenten dazu die Wahrheit zu offenbaren. Kein Fremdschutz, Minsk 2, um die Ukraine zu stärken. Menschen wie Sie, Herr Löcke auf deren Stirn die Worte „Wahrheit“ und „Gerechtigkeit“ stehen, bekommen davon Migräne. Vielleicht hilft es über Weihnachten Seneca zu lesen. Zum Beispiel das Traktat „Von der Seelenruhe“ oder „Vom glücklichen Leben“. Auch um zu erkennen, dass alles schon immer so war. Und, dass man im Angesicht von Lug und Trug nicht verzweifeln muss. Das Rechte tun und die Folgen stoisch ertragen, das reicht. Ihnen und Ihren Lieben, fröhliche Weihnacht.
Auch lesenswert: Seneca, Briefe an Lucilius. Hier ist man Ad fontes.
Ja, das stimmt! Es ist beruhigend zu lesen, dass Politik vor 2000 Jahren mit denselben Mitteln betrieben wurde. Und, dass die Vernunft immer nur bei Wenigen ist. Es hilft nur stoisch den Lauf der Zeiten und das laute Geschrei des Marktes zu ertragen. Was ja nicht heißt kein politischer Mensch zu sein, oder sich nicht zu engagieren. Man muss nur aufpassen, dass man sich nicht darin verliert. Frohes Fest.
Zwei Fragen eines lesenden Arbeiters: Wenn „Geschichte … die Geschichte der Sieger“ ist, passt dann der reiche und damit mächtige Seneca nicht hervorragend zu jenen, diese Geschichte schrieben, die historisch-politsch Gebildete für die Wahrheit jener Zeit halten? Und stünde zweitens eine gewisse Mühe bei der Interpunktion nicht denen gut zu Gesicht, die unser Bildungswesen laut kritisieren? Nichts für ungut! Frohes Fest ebenso.
Aber selbstverständlich ist Jens Spahn ein Sachverständiger. Er ist eine über Deutschlands Grenzen hinaus bekannte Koryphäe auf einem Spezialgebiet der Immunologie. Bis jetzt konnte ihm noch niemand das Wasser reichen. Zusammen mit Brot, versteht sich.
Am besten lebenslang.
So ist es. Und zwar nicht allein:
„Spieglein, Spieglein an der Wand,
wer lügt am schönsten im ganzen Land?“
„Prinz Spahn, ihr seid der schönste Lügner hier,
aber der Lauterbach lügt tausendmal schöner als ihr.“
Quelle: https://x.com/WinnieTheOnly/status/2001345269586370957