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Geschichtsunterricht

von Peter Löcke //

Warum gibt es das Schulfach Geschichte? Müsste es nicht korrekterweise „Faktenunterricht der Vergangenheit“ heißen? Schließlich werden im Geschichtsunterricht keine Geschichten erzählt sondern Zahlen, Daten, Tatsachen vermittelt, die anschließend in Klausuren abgefragt werden. Wann begann und wann endete Weltkrieg Nummer zwei? Wer waren die Siegermächte, wer die Achsenmächte, wer die Guten, wer die Bösen? Welches Ereignis löste den ersten Weltkrieg aus und wodurch endete er? Ein guter Schüler lernt die Antworten auswendig und bekommt eine Eins.  

Nine-eleven, der elfte September 2001. Der Anschlag auf die Zwillingstürme in New York, der über 3000 Menschen das Leben kostete und mittelbar Millionen Tote durch sich anschließende Kriege zur Folge hatte. „Flugzeug, Flugzeug, Turm, Turm.“ Auf diese vier Worte komprimiert der Historiker Daniele Ganser in seinen Vorträgen die offizielle Geschichte, die in den Köpfen der Menschen fest verankert ist. Auch ich habe diese Geschichte lange geglaubt. Nun nicht mehr. Was ist überhaupt wahr an den vielen Geschichten, die ich geglaubt und verinnerlicht habe? Es müssen ja nicht immer Kriegsgeschichten sein.

„Schiff, Eisberg, Zusammenprall, Untergang.“ Das sind in Stichworten die Eckpfeiler der offiziellen Geschichte des Untergangs der Titanic im Jahr 1912. So habe ich es einst in der Schule gelesen, gelernt und auf der Leinwand bestätigt bekommen. Und dann sah ich 2022 den faszinierenden Vortrag des Militärhistorikers Ivo Mechtel, der eine faktenbasierte andere Geschichte um Mythos und Wahrheit der Titanic erzählte. Der Vortrag löste neben Faszination ein zweites  Gefühl in mir aus. Wut. Es war eine Wut auf mich selbst, die offizielle Version der Geschichte nie hinterfragt zu haben.

Wie oft also handelt es sich um knallharte, historische Fakten und wie oft ist es einfach nur eine Erzählung, ein Narrativ, eine Geschichte, die mir verkauft wurde? Interessant ist die Antwort des WEF-Philosophen Yuval Noah Harari auf diese meine Frage. Um Menschen zu erreichen und sie für sich zu gewinnen, müsse man ihnen eine Geschichte erzählen. So Harari. Sein berühmtestes, millionenfach verkauftes Buch heißt „Eine kurze Geschichte der Menschheit“. Fast genauso bekannt ist sein Buch „Homo Deus – Eine Geschichte von Morgen“. Laut Etikett handelt es sich um Sachbücher. Schließlich ist Harari Historiker. Seltsam. Seine leicht zu lesenden Bücher gibt es immer auch in einer Comic-Version. Geschichte als Comic?  

Geschichtsunterricht, Nine-eleven, Titanic, Harari – all diese Assoziationen haben mich überflutet, nachdem ich mir das Carlson-Interview ein zweites Mal angeschaut habe. Warum? Zwar enthält das Interview auch kritische Passagen, in welchen sich der russische Präsident rechtfertigen muss. Exemplarisch sei die Personalie Evan Gershkovich genannt. Das ist der US-amerikanische Reporter, der seit März 2023 in Russland wegen Spionageverdacht unter Arrest steht. Und doch wirkt der zweistündige Dialog beim zweiten Anschauen eher wie ein Kamingespräch zweier geschichtsinteressierter Menschen. 

Bei diesem Geschichtsunterricht wirkt Wladimir Putin wie ein Lehrer und Tucker Carlson wie ein faszinierter neugieriger Schüler. Nur wenige wissen: Carlson ist nicht nur Journalist und Ein-Mann-Medienunternehmer. Er hat auch einen Abschluss in Geschichte. So wie ich als geschichtsinteressierter Mensch fasziniert bin von einem Vortrag des Historikers Ivo Mechtel, war Tucker Carlson fasziniert, den russischen Blick auf die Geschichte kennenzulernen.

Dabei geht es nicht um wahr und falsch, gut und böse, sondern nur um einen anderen Blickwinkel. Im Gegensatz zu westlichen Geschichtserklärungen ist der russische Blick differenziert, kompliziert und vor allem enthält dieser Blick die politische Botschaft „Jede Geschichte hat eine Vorgeschichte“. Das kann man als relativierend kritisieren. Putin relativiert in der Tat. Nur bedeutet Relativieren nicht Verharmlosen. Relativieren heißt die Dinge und die Geschichte in einen Zusammenhang zu setzen. Ist das absurd?

„Eine völlig absurde Geschichte“. Das war die erste Reaktion des deutschen Bundeskanzlers aus den USA zu den im Interview getätigten Aussagen Putins. Scholz hält an der Zeitenwenden-Geschichte fest. Nach dieser Geschichte überfiel eines schönen Tages im Februar 2022 Russland die Ukraine, um aus imperialem Interesse einen Angriffskrieg zu starten. Das wiederum halte ich für absurd.

Nun bin ich – Gott sei gedankt – kein Geschichtslehrer, der Noten verteilt. Wäre ich einer, würde ich nur dem Schüler eine Eins geben, der beide Geschichten hinterfragt. Drei, drei, drei, bei Issos Keilerei! Das kann jeder erlernen. Wieso? Weshalb? Warum? Das Sesamstraßenmotto wird heute vielen Schülern abtrainiert.

Warum heißt das Schulfach Geschichte? Es heißt leider zu Recht so. 

Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht in jedem Fall die Meinung des Herausgebers wieder.

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2 Antworten

  1. Ich kann keinen Medienschaffenden ernst nehmen, der sich weigert 9/11 zumindest zu diskutieren. Keine taz, keinen Tagesspiegel, keinen Freitag, keine FAZ, keine Zeit. Ich meine ergebnisoffen diskutieren, warum gibt es diese Diskussion nicht? Immerhin wurden daraufhin Waffengänge initiiert, die in den letzten 22 Jahren Millionen Menschenleben gekostet haben und einen riesigen Flüchtlingsstrom u.a. nach Europa ausgelöst haben. Nebenbei wurde die Überwachung eines jeden um Größenordnungen verstärkt. Immer mit der Begründung einer potentiellen Terrorgefahr. Wäre es nicht folgerichtig, diese inzwischen höchst umstrittenen Sachverhalte unvoreingenommen zu beleuchten – sozusagen Wahrheitssuche zu betreiben? Würde mich freuen, wenn ein Jakob Augstein oder ein Giovanni Di Lorenzo endlich mal den Arsch in der Hose hätten, einfach mal ihre ihre Arbeit zu tun. Beide hätten die Begabung – ohne Zweifel. Ergebnisoffen, damit endlich Klarheit herrscht, so oder so. Scholl Latour meinte, man werde die Täter nie finden… .

  2. Ganz Ihrer Meinung.. Geschichten um Fakten herum erzählt, ausgeschmückt, ausgerichtet.. seit ich denken kann, habe ich sie gehört, erst in Siebenbürgen, dann Dänemark, jetzt hier.. nur äußern darf ich mich nicht mehr dazu, rät mir die EU und Nancy F…

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