von Peter Löcke //
Wissen Sie noch, was Marginalien sind? Ich hatte das Wort fast aus meinem Gedächtnis und Wortschatz gestrichen. Bei Marginalien handelt es sich um Randnotizen. Marginalien sind Bemerkungen in Form von Kommentaren oder Korrekturen am Rand eines Buches oder eines Manuskripts. Zu analogen Zeiten waren Marginalien üblich. Für den Fall, dass man ein Buch nicht nur las, sondern darin arbeitete, war das gebundene Produkt anschließend nicht mehr zum Weiterverschenken geeignet. Meine Bücher sahen oft aus wie eine schlecht gezeichnete Schatzkarte – voller Unterstreichungen und Pfeilen innerhalb des Textes, voller Marginalien am leeren Textrand. Nicht nur fremde Texte, auch die eigenen wirkten optisch chaotisch. Schließlich entwickeln sich Gedanken erst durch den Schreibvorgang. Das alles hat sich im Zuge der Digitalisierung geändert.
Tastatur statt Tinte, Schreibprogramm statt Papier. Benutzt man heute das falsche Wort, löscht man es einfach. Soll der Satz oder Absatz umformuliert werden, überschreibt man ihn halt. Zwischendurch speichert man die vorgenommenen Korrekturen, damit sie nicht verlorengehen. Randnotizen, digitale Marginalien, sind unnötig geworden, es sei denn, man arbeitet mit mehreren Menschen an einem gemeinsamen Dokument. Alternativ kann man auch verschiedene Textversionen anfertigen. Alles kein Problem anno 2025! Das ist bequem, das ist effizient, es hat aber einen entscheidenden Nachteil. Der Erkenntnisprozess geht verloren. Vielleicht war der gelöschte und nun für immer verloren gegangene Absatz ja doch nicht so schlecht wie spontan gedacht?
Margo gleich Rand! Vermutlich würde das Wort Marginalien auf dem Großfriedhof der ausgestorbenen Begriffe liegen, würde es mir heute nicht ständig als Adjektiv begegnen. Politiker benutzen es genauso häufig wie Journalisten und vor allem Soziologen. Sie verwenden es mit einem Gesichtsausdruck der Betroffenheit, wenn sie über „marginalisierte Gruppen“ sprechen.
Unsere Gesellschaft besteht aus marginalisierten Gruppen. Personengruppen werden demnach an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Menschen statt Buchstaben, Gesellschaftsrand statt Buchrand? Das klingt nicht gut. Wer genau wird denn marginalisiert?
Am Rand der Gesellschaft steht mindestens die Hälfte der Gesellschaft, nämlich Frauen. Die Frau als solche wird immer noch marginalisiert. Das liegt, so darf ich verlässlich lesen, an Geschlechterstereotypen und traditionellen Rollenbildern. Wenn also Frauen wie Baerbock, Bas oder Brosius-Gersdorf kritisiert werden, liegt das zumindest auch am Patriarchat. Sachargumente werden als Grund der Kritik ausgeschlossen, so dass der Inhalt der Kritik erst gar nicht beantwortet werden muss. Frauen werden marginalisiert wegen toxischer Männlichkeit. Persönliche Randnotiz? Von A wie Hannah Arendt bis Z wie Juli Zeh – Frauen, die ich intellektuell wertschätze und das sind wahrlich viele, begeben sich selten in eine Opferrolle.
Marginalisiert werden auch queere Menschen. Weil diese vermeintlich an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden, muss man sie sichtbarer machen, indem man sie in die Mitte der Gesellschaft rückt. Die mediale Visualisierung erfolgt durch Pride-Tage, Pride-Monate und dadurch, dass aus jedem dritten deutschen Behördenfenster eine Regenbogenflagge hängt. Das Ausmaß der Sichtbarkeit hat, das möchte ich nur am Rande bemerken, ein Niveau von visueller Penetranz erreicht, das kaum noch auszuhalten ist. Und wer wird noch marginalisiert?
Eigentlich fast jeder. Den Rest der marginalisierten Gruppen möchte ich daher im Schnelldurchlauf präsentieren. Marginalisiert werden behinderte Menschen und Menschen mit Migrationshintergrund, außerdem Personengruppen, die aus sogenannten prekären Verhältnissen stammen. Marginalisiert werden außerdem kranke Menschen sowie Vulnerable. Bei Vulnerablen handelt es sich im Wortsinn um besonders verwundbare, verletzliche Menschen wie etwa Kinder oder alte Menschen. Persönliche Randnotiz? Die Vulnerablen, die angeblich während Corona besonders geschützt werden sollten, sind jene, die besonders unter den staatlichen Corona-Maßnahmen gelitten haben und bis heute leiden.
Apropos Corona? Ungeimpfte Menschen bilden eine Ausnahme unter den Ausgegrenzten. Sie waren zwar laut der preisgekrönten Komikerin Sarah Bosetti der herauszuschneidende Blinddarm der Gesellschaft. Sie waren laut des saarländischen Ministerpräsidenten Tobias Hans raus aus dem gesellschaftlichen Leben. Doch am Rand der Gesellschaft befanden sich Ungeimpfte nie. Zumindest durfte ich nie lesen, dass es sich bei Ungeimpften um eine marginalisierte Gruppe handelt, die man nun endlich schützen müsse. Diese Randnotiz sollte sich jeder Mensch für die digitalen und analogen Geschichtsbücher abspeichern.
Und nun ein Geständnis: Die Rohform dieser Kolumne entstand analog. Das Ergebnis liegt hier vor mir und besteht aus einem bekritzelten Papier voller loser Gedanken inklusive Marginalien, die ich nun in eine geordnete Textform zu gießen versuche. Ich saß nämlich mit Stift und Zettel bewaffnet als Beobachter am Rand einer Kneipengesellschaft. Keine Sorge! Das habe ich gerne und freiwillig gemacht. Niemand hatte mich ausgegrenzt. Die Essenz meines voyeuristischen Abends war folgende: Streng genommen konnte ich jedes Individuum, das ich beobachtete, einer Gruppe zuordnen, die offiziell als marginalisiert gilt. Diese Erkenntnis führt zu spannenden Fragen.
Wenn nahezu jeder Mensch zu einer ausgegrenzten Randgruppe gehört – welche Menschen befinden sich dann in der ausgrenzenden Hauptgruppe? Führt das nicht zu einem gesellschaftlichen Gefühl von Ohnmacht und Fatalismus, wenn sich Menschen als Teil einer Opfergruppe definieren? Wer hat Interesse daran, überall marginalisierte Gruppen zu suchen, zu sehen, diese zu benennen, um sie anschließend vermeintlich besonders schützen zu wollen?
Vielleicht handelt es sich um wichtige Fragen, vielleicht auch nur um Nebensächlichkeiten. Im übertragenen Sinne versteht der Volksmund unter Marginalien auch Nebensächlichkeiten. Das finde ich zwar komplett falsch, aber, am Rande bemerkt, auch faszinierend.
Und nun halte ich meinen Rand.
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2 Antworten
Ich sollte noch hinzufügen: Alles was ich schrieb, trifft besonders auf die obere Mittelschicht mit kanonisierter Bildung zu. Insbesondere Handwerker und Angestellte, also „das gemeine Volk“, haben genügend Begegnungen mit der Realität, um zu verstehen, um was es geht. Das erinnert an den Karl Valentin zugeschriebenen Spruch „Das Volk weiß nichts, versteht aber alles!“ Wegen der Realität.
Das „Liken“ ersetzt weitgehend das Denken und Handeln bei der Generation -45. Denken in historischen Bezügen können sie nicht mehr, weil ihnen dazu die Kompetenz fehlt. Sie haben nie richtigen Geschichtsunterricht genossen, haben keine geschichtliche Bildung die über BILD – Zeitungsniveau hinaus geht. Hinzu kommt, die Massenmediale-Einlullung war noch nie so perfekt wie heutzutage, von der Wiege bis zur Bahre, 7/24 hören sie nur Meinungen. Sie selbst haben auch eine, jedoch eine ohne Kenntnisse, von den Massenmedien übernommene. Die Generation ihrer Eltern hat es längst aufgegeben, mit ihnen diskutieren zu wollen. Wie kann man mit jemandem ohne Kenntnisse diskutieren? So werden alle wichtigen Themen ausgespart. Natürlich reicht der Verstand schon noch zur Erkenntnis das da etwas gewaltig schief läuft in Deutschland und Europa, aber in der oberen Mittelschicht denkt jeder, für uns wird’s schon noch reichen. Die Leistungsträger unter Dreißig hingegen, wandern einfach aus, sie sagen: „Lasst mich in Ruhe mit eurem Schei ,,,“ Und der letzte macht das Licht aus, wie ehemals in der DDR. Dieses Land ist dabei „den dritten Weltkrieg“ auch noch zu verlieren! Die nackte Kathastrophe.