Hofreiter oder Nietzsche?

von Peter Löcke //

Sind wir nicht alle Gerechtigkeitsfanatiker? Wollen wir nicht alle gut sein? Ich schon. Ich möchte ein gerechter und guter Mensch sein. Nur bin ich das immer und ist das überhaupt erstrebenswert? Vielleicht hatte ein gewisser Nietzsche Recht, als er forderte „Jenseits von Gut und Böse“ zu sein. Und vielleicht verbirgt sich in der Aussage eines Anton Hofreiter „Wir sind die Guten“ eine gefährliche Hybris. Ich versuche mich dem Thema anzunähern. Mache ich das gerecht? Vermutlich nicht. 

Es gibt Gender- und Sprachbeauftragte, es gibt Gleichstellungs- und Inklusionsbeauftragte. Es gibt mittlerweile für alles Beauftragte. Es gibt zusätzlich Dutzende von  Ethik-Räten und Moral-Kommissionen. Das sind Menschen, die dafür bezahlt werden, jeden Stein umzudrehen, um Ungerechtigkeiten zu finden und für mehr Gerechtigkeit zu sorgen. All diese Menschen sind im Auftrag des Guten unterwegs. Auch große Teile der Medien sind im Selbst-Auftrag des Guten unterwegs. Wenn etwa ein Georg Restle auf der Suche nach Rechtsradikalität ist und mit der Lupe in der Hand über eine grüne Wiese kriecht, wird er zielsicher die braunen Grashalme finden. Da können Sie sicher sein. Er macht in seinen Augen etwas Gutes. Das glaube ich ihm. Nur ist man beim Kriechen über eine grüne Wiese noch in der Lage, den braunen Wald zu sehen, in dem sich die Wiese befindet? Warum nur fühlt sich die Welt für mich und viele andere Menschen von Tag zu Tag ungerechter an, wo doch immer mehr Gerechtigkeits-Beauftragte unterwegs sind? Die Frage finde ich spannend.

Wieder finde ich erste Antworten im banalen Fußball. Dort gibt es seit einigen Jahren den Videobeweis. Es gibt den VAR, den Video Assistant Referee, den Gerechtigkeitsbeauftragten beim runden Leder. In der Tat sind ein paar Ungerechtigkeiten abgeschafft worden. Kalibrierte Linien zeigen nun, dass der Spieler 7,4 Zentimeter im Abseits stand, so dass ein unkorrekt erzieltes Tor zurückgenommen werden kann. Hurra. Die Fußballwelt ist dadurch gerechter geworden. Allerdings kommt der Videobeweis in schöner Regelmäßigkeit bei absolut identischen Foulspielen ein Mal zur Anwendung, ein anderes Mal nicht. Dieser Umstand ist selbstverständlich ungerecht. Woran liegt das konkret? Der Videoschiedsrichter soll in der Theorie nur bei eindeutigen Fehlentscheidungen eingreifen. Nur – was ist „eindeutig falsch“ und was „noch diskutabel“? Das liegt im subjektiven Auge des Betrachters. Der Begriff „eindeutig“ könnte uneindeutiger nicht sein. Also gibt es Woche für Woche wutschnaubende Montags-Diskussionen „Warum hat der VAR hier eingegriffen und dort nicht?“. Der Videobeweis hat also Ungerechtigkeiten ausgemerzt, dafür aber neue Ungerechtigkeiten erschaffen. Dazu kommt: Während sich die Menschen früher spontan geärgert oder gefreut haben bei einem Tor, warten sie nun ab, ob die Gerechtigkeitspolizei im DFB-Keller eingreift oder nicht und falls ja, was bei dieser fünften Debattier-Unterbrechung während eines Spiels am Ende herauskommt. Schöner ist das Betrachten von Fußball dadurch nicht geworden. Zumindest gerechter? Das ist Ansichtssache. Ich behaupte nein. Nietzsche würde sagen „Jedes Sehen ist perspektivisches Sehen“. 

Also zurück zu Nietzsche, Hofreiter und Beauftragte. Man gebe mir einen Job als Beauftragter im Sinne einer guten Sache. Ab morgen bin ich Hygienebeauftragter in meiner Familie. Das ist doch sicher etwas Gutes oder nicht? Mein Auftrag ist es, rund um die Uhr nach Schmutz und Dreck in der Wohnung zu suchen, das Problem umgehend im Familienkreis zu besprechen und den Verursacher zu bestrafen. Ich werde sicher fündig, wenn ich durchgehend danach suche. Wie sieht meine Welt und die meiner Familie in einer Woche aus? Vielleicht hier und dort etwas sauberer, aber vor allem wird Unfrieden herrschen. Was sich nämlich geändert hat, ist mein Blick, meine Wahrnehmung, weil alles in mir auf Schmutz fixiert war. Nicht viel anders verhält es sich bei den Beauftragten rund um Geschlechtergerechtigkeit, bei den Sprachpolizisten und den Rassismus-Suchern. Sie suchen danach und werden fündig. In gesellschaftlichen Strukturen, in der Alltagssprache, in der Literatur, in der Kunst, bei Straßennamen, in der Kleidung, überall. Es ist schließlich Ihre Aufgabe, fündig zu werden. Dafür werden sie bezahlt. Sind die Probleme größer geworden? Nein. Nur die bisweilen sehr kreative Wahrnehmung ist größer geworden, was nicht alles als ungerecht, als ausländerfeindlich oder frauenverachtend interpretiert werden kann. Das klappt übrigens bei vielen Themen und ist ein menschliches Phänomen. Ich behaupte folgendes: Wenn ich jemanden ab heute ein Jahr dafür bezahle, nach Alkoholismus in seiner Stadt zu forschen und zu suchen, wird derjenige in 12 Monaten das Gefühl haben, in seiner Stadt sei jede dritte Person ein Alkoholiker.

Menschlich ist ein zweites Phänomen. „Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“ Ja, das sagte der olle Nietzsche. Wie viel Hass, wie viel Böses, wie viel Intoleranz tragen die edlen Ritter des Guten in sich selbst? Wie betriebsblind sind sie geworden? Der Wunsch nach Gerechtigkeit, den ich den meisten Menschen abkaufe, wird nämlich schnell zur Selbstgerechtigkeit. Ich gestehe mir ein, dass mir das leider im Leben mehr als einmal passiert ist. Und ich gestehe, wie schwierig es für mich war, Fehler einzugestehen, den Fehler überhaupt in mir selbst zu suchen.

Was sagt der olle Hofreiter: „Wir sind die Guten. Keine Toleranz der Intoleranz.“ Das liest sich schön. Doch was steht im Subtext einer solchen Aussage? Im Subtext steht die Abwertung des Andersdenkenden. Im Subtext steht „Da ich gut bin, definiere ich, was als böse zu gelten hat. Ich definiere, was im Namen der Toleranz nicht zu tolerieren ist.“ Das halte ich für gefährlich. Ein Inquisitor war auch ein Beauftragter, der im Kampf gegen das Böse antrat und für sich selbst den Anspruch hatte, das Gute zu vertreten. Ich würde es als gut und gerecht empfinden, wenn so manch ein Beauftragter die Weisheit besäße, seinen eigenen Arbeitsplatz abzuschaffen. 

Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht in jedem Fall die Meinung des Herausgebers wieder.

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17 Antworten

  1. „Wir sind die Guten“ – das kennen wir von denen, die die „Achse des Bösen“ erfunden haben. Wer von sich behauptet, „die Guten“ zu sein, setzt sich mit seinen Gegnern nicht auseinander. Er hat vorab entschieden: Sein Standpunkt ist der einzig richtige für alle Menschen. Seine Gegner verdienen kein Gehör, keine Auseinandersetzung, kein relatives Recht. „Wir sind die Guten“ – so reden Menschen, die für eine Auseinandersetzung mit andersdenkenden Mitmenschen nur Diffamierung und Gewalt kennen. Peter Löcke schreibt zu Recht: „Im Subtext steht die Abwertung des Andersdenkenden. Im Subtext steht ‚Da ich gut bin, definiere ich, was als böse zu gelten hat. Ich definiere, was im Namen der Toleranz nicht zu tolerieren ist.'“ Aber es ist leider mehr als nur Subtext. Es ist eine offene Kampfansage von maximaler geistiger Brutalität. Nietzsche und Hegel haben das gesehen. Hegel, Grundlinien der Philosophie des Rechts, § 140: „deswegen bloß das Gute wollen und bei einer Handlung eine gute Absicht haben, dies ist so vielmehr das Böse, insofern das Gute nur in dieser Abstraktion gewollt und damit die Bestimmung desselben der Willkür des Subjekts vorbehalten wird.“ Wenn solche „Guten“ an der Macht sind – Gnade ihren Gegnern.

  2. Mehr Humanismus wäre schön, gern auch ohne Beauftragten. Lernen wir es irgendwann noch, uns einfach als Menschen zu begegnen? Oder ist es einfacher, für die vielen „Betroffenen-Gruppen“ immer jeweils neue Beauftragte zu ernennen, die in ihren 40-Stunden-Wochen die Missstände benennen mit den immer gleichen Schlussfolgerungen: mehr Bürokratie, mehr Erregung in den Medien, und mehr Spaltung, das ist besonders wichtig, immer schön segmentieren, fragmentieren, parzellieren, individualisieren und – auch sehr wichtig – entsolidarisieren.

    1. 1945 hatten offensichtlich einige verstanden, worum es im Art. 1 GG geht: Der Mensch und seine Würde sind stets wichtiger als Ideologien.

      Dank dem Wirken einiger staats- und demokratiezersetzenden Parteien unter regen Mithilfe der Medien sowie diverser NGOs dreht sich diese Reihenfolge auch bzw. gerade in unserem Land aktuell wieder um.

      Die Menschheit ist offensichtlich unfähig, über mehrere Generationen hinweg aus der Geschichte zu lernen.

  3. Haben wir eigentlich nicht genug Probleme in unserem Gemeinwesen, Corona mal ganz beiseite gelassen. Demokratie Defizite, Korruption, Pressefreiheit, Bildungskrise, Umweltprobleme, Klimawandel, ganz egal, ob CO2 getrieben oder nicht, Neokolonialismus, Migration?
    Da brauchen wir keine Beauftragten, das sind nämlich die gewählten Amtsträger selbst. Vom Wähler beauftragt. Wenn sich unsere Politprominenz ihren Aufgaben nicht gewachsen fühlt, sollte sie sich zurückziehen und Menschen, die den Aufgaben gerecht werden können, eine Kandidatur ermöglichen.
    Hofreiter kann dann demonstrieren, wie gut er in seiner Aufgabe ist, nicht wie gut im Moralisieren bzw. In der Ausgrenzung. Mal schauen, ob er mehr kann als Anna-L. Luftpumpe.

    1. Die Grünen wollen doch gar niemanden ausgrenzen. Auf einem Wahlplakat steht jedenfalls: Rassismus wird ausgegrenzt, sonst Niemand.

      …oder hab ich da was falsch verstanden…?

      😉

  4. Wie heißt es so schön in der Bibel: Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge?

    Soll keiner sagen, dass dort keine Weisheit zu finden ist.

  5. Nötig ist eine öko-konservative Politik. Eine christlich-konservative Haltung ist zu befürworten; aber ein bibeltreuer christlicher Fundamentalismus ist abzulehnen. Mehr dazu auf meiner Internetseite (bitte auf meinen Nick-Namen klicken).

  6. Menschen, die Wissen und Sachverstand durch (ihren) Glauben ersetzen, waren schon seit jeher gefährlich und unberechenbar.

    Da machen die Baerbocks, Hofreiters, Habecks, Bedford-Strohms, Lauterbachs, Restles, Walter-Borjans oder gar die garstigen Künasts, Roths, Eskens & Co ganz sicher keine Ausnahme.

  7. ,,wir fürchten am meisten, was bereits passiert ist,, (R.Williams)

    Ich glaube das macht uns unfrei.
    Was wäre, könnten wir uns von allem befreien, immer wieder neu auf die Welt schauen wollen und können?
    Emotionale Intelligenz und gesunder Menschenverstand in einem guten Maße, fehlt in vielem heutzutage.
    Manchem widerspricht man, einfach weil einem die Tonart nicht gefällt. (sinngemäß von Nietzsche höchstselbst)

    Alles ein Gedanke wert…
    Danke, für Ihre wertvollen Gedanken, Herr Löcke.
    Immer wieder ein Genuss…

  8. Erst heute morgen hatte ich mit meinem Mann ein Gespräch darüber, dass in der Art und Weise, wie wir Gut und Böse; Wahrheit und Fake News oder Verschwörungstheorien definieren, sich sehr von Wahrhaftigkeit entfernt hat. Es geht uns um Recht haben, nicht um Wahrhaftigkeit. Offen zu bleiben für die Farben dieser Welt und sich selbst auch immer wieder zu hinterfragen ist eine Kunst, an die es sich zu erinnern lohnt.
    Vielen Dank für’s erinnern.

    1. Schön das es noch solche Gespräche gibt. Mein Mann und ich, wir nehmen uns diese Zeit auch und können immer wieder feststellen, wie nah wie uns dadurch kommen. Danke fürs teil haben lassen, liebe Frau Werner.

  9. Vielleicht beide oder keiner von beiden?
    Die Menschlichkeit ist nicht von Haus aus gut und zu jeder Leistung fähig, sie ist von Haus aus gut u n d schlecht und zu allen Leistungen u n d zu
    jedem Versagen fähig. Wer diese Facette ausblendet, hat nicht über den Menschen an sich verstanden.

  10. Das ist sicher ein grundlegendes Übel geworden. Ein Untier das sich schon lange eingeschlichen und einem weiteren verbündet hat: dem Bürokra- tier.

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