Insolvenz & Dekadenz

von Peter Löcke //

Knapp 17.500 Insolvenzen im letzten Jahr, darunter 500 Unternehmen mit einem Umsatz von mehr als 10 Milliarden Euro. Für das laufende Jahr werden 20.000 Insolvenzen in Deutschland erwartet. The trend is not our friend!

Das sind nur einige der nackten Zahlen, die der Vermögensverwalter und renommierte Ökonom Dr. Markus Zschaber im Interview mit Markus Langemann präsentierte. [1] Zahlen erzeugen nur selten Anteilnahme. Es sei denn, man führt sich vor Auge, was sich hinter den Zahlen verbirgt.

Vor 17 Jahren war ich selbst von einer solchen Insolvenz betroffen. Die kleine Druckerei, in der ich arbeitete, war eines Tages pleite. Sie war zahlungsunfähig, obwohl wir – bei nur wenigen Mitarbeitern fühlt man ein „Wir“ – noch ein halbes Jahr zuvor schwarze Zahlen schrieben. Das eigene Leid hielt sich in Grenzen. Ich war noch relativ jung und das ausgebliebene Gehalt der letzten Monate ersetzte im Nachgang das Arbeitsamt durch Insolvenzgeld. Wie war das damals?

Eins kam zum anderen. Zwei Großkunden brachen weg, die Auftragslage war schlecht und bei den Banken saß das Geld hinsichtlich Kredite nicht gerade locker. Stichwort Weltfinanzkrise gegen Ende der 2000er Jahre. Im Gedächtnis geblieben sind mir die Schicksale meiner früheren Kollegen. Da waren etwa mein im Büro arbeitender Chef und seine in der Druckvorstufe tätige Frau, die verzweifelt versuchen, ihr „Baby“ zu retten. Parallel durchstöberten sie Annoncen auf der Suche nach einer günstigen Mietwohnung. Das eigene schicke Häuschen wäre bei einer Insolvenz nicht mehr zu halten gewesen. Da war mein knorriger Kollege, der in der Weiterverarbeitung an der Druckmaschine stand. Er war Mitte fünfzig. Er weinte, als er mir gestand, dass seine Frau immer noch nichts von der finanziellen Schieflage der Firma sowie der drohenden Insolvenz wusste. Die Tränen vor mir waren ihm sichtlich peinlich. Er war ein stolzer Mann. Derselbe Stolz verhinderte es, dass er seiner Frau reinen Wein einschenkt. Wer würde ihn denn in seinem Alter noch ohne erhebliche Abstriche beim Gehalt einstellen? Zu jung für die Rente, zu alt, um sich beruflich neu zu orientieren.

17.500 oder auch 20.000 Insolvenzen? Man vergisst so schnell, wie viel Leid und menschliche Schicksale hinter diesen Zahlen stehen. Es ist eben nicht nur die Wirtschaft, der es schlecht geht. Schlecht geht es den Menschen.

Solvere gleich zahlen, insolvent gleich zahlungsunfähig. Den messerscharfen ökonomischen Verstand eines Markus Zschaber besitze ich nicht, auch wenn ich der Meinung bin, das Wort Insolvenz besser definieren zu können als ein ehemaliger Wirtschaftsminister. Als sprachverliebter Mensch weiß ich jedoch, dass „solvere“ auch lösen heißt. Wie kommt Deutschland aus der Insolvenzwelle heraus? Was ist die Lösung?

Ehrlichkeit. Eine ehrliche Bestandsaufnahme ist immer der erste Schritt. Und genau daran mangelt es in Deutschland an allen Ecken und Kanten. Deutschlands größte Unfähigkeit ist nicht die Zahlungsunfähigkeit, sondern die Unfähigkeit, sich den eigenen Verfall einzugestehen. Schlimmer noch.

Insolvenz und Dekadenz gehen Hand in Hand.

Schlaraffia! Dieses Wort benutze Markus Zschaber im Gespräch mit Markus Langemann. Deutschland wähnt sich immer noch in einem Schlaraffenland, obwohl der Putz von jeder Hauswand bröckelt. Die Scheren zwischen Anspruch und Wirklichkeit gehen bemerkenswert weit auseinander.

Je größer der moralische Verfall, umso größer die Hybris, andere Länder moralisch belehren zu wollen. Je kleiner die internationale Bedeutung, umso größer der Anspruch, eine globale Führungsrolle zu übernehmen. Je weniger Geld im eigenen Land, umso mehr Geld wird in die gesamte Welt geblasen. Je blinder die Energiepolitik, umso fanatischer die Überzeugung, beim Rest der Welt handele es sich um energiepolitischen Geisterfahrer. Je niedriger die Bildung, umso größer die Einbildung. Die Liste ließe sich fortführen.

Zusammengefasst? Je insolventer, umso dekadenter. Spätgermanische Dekadenz im Endstadium. Unehrlichkeit auf allen Ebenen.

Mein Chef und seine Frau machten sich irgendwann ehrlich. Das Schwierigste für die beiden war, sich selbst einzugestehen, dass der Betrieb nicht mehr zu retten war. Mein früherer Kollege, der hartgesottene, stolze Drucker suchte irgendwann das Gespräch mit seiner Frau. Sie alle machten eine ehrliche Bestandsaufnahme. Das war für sie ein heilsamer Anfang. Danach ging es ihnen besser.

Eine ehrliche Bestandsaufnahme wäre noch keine Lösung für Deutschland. Sie wäre aber die dringend notwendige Basis. Wer kein Problem sieht, sucht auch nicht nach einer Lösung. Der bleibt weiter im Tiefschlaf im Traumland Schlaraffia.

Wacht auf! Diesen Appell richtete Markus Zschaber an die Zuhörer des Interviews. Was bleibt, ist die Hoffnung, dass der Appell auch jene erreicht, die sich für woke halten.

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3 Antworten

  1. Im persönlichen Bereich ist noch zu beobachten, dass die Kritikfähigkeit und der Wille zur Selbstkritik extrem abgenommen haben. Schon die Generation der in den Achtzigern Geborenen, hält Kritik und Selbstkritik für unangebracht. Sie ist aus deren Verhaltensrepertoire komplett getilgt. Alles wird schön geredet und durch eine rosarote Brille betrachtet. Dazu passt dann die Sprache und Körperhaltung, defensiv und fröhlich. Missstände werden stoisch ertragen oder einfach ausgeblendet. Leben im Lala-Land.

  2. Sich ehrlich machen, das schaffen nur die Wenigsten. Politiker schon garnicht, denn wenn sie ehrlich sind, sind sie draußen. So funktioniert das System. Wir alle machen uns gern was vor. Und halten an der Erzählung solange fest, wie es nur geht. Weil sie Teil der Identität ist. Das gilt auch für Völker und Staaten. Erst das Scheitern zwingt zur Umkehr. So ist es nun mal.

  3. Herr Löcke, danke für die ehrliche Beschreibung von Insolvenzen und ihren Auswirkungen auf die Gesamtbevölkerung.
    Sie selbst hatten es noch gut, weil „Ich war noch relativ jung und das ausgebliebene Gehalt der letzten Monate ersetzte im Nachgang das Arbeitsamt durch Insolvenzgeld.“ sie noch nachträglich versorgt wurden.
    In einem anderen Fall hier bei uns zierte sich das Arbeitsamt die letzten drei ausstehenden Monatsgehälter zu ersetzen. Ein Sozialgericht wurde nicht eingeschaltet, weil der von Arbeit und Lohn Ausgeschlossene ziemlich schnell eine neue Stelle hatte. Neubeginn und Gerichtsprozess ließen sich für ihn nicht gleichzeitig stemmen. Hatte man darauf gebaut?
    Aber nicht nur Insolvenzen setzten Arbeitskräfte frei. Auch die vielen Einsparungen, Fusionen mit anderen Firmen hatten viele um die Jahrtausendwende gebeutelt. – Wenn es nur um den Arbeitenden selbst ging, der Mieten und laufende Kosten weiter zu begleichen hatte, war es schon schlimm aber noch viel schlimmer wurde es, wenn noch eine Familie mit Kindern zu versorgen war. Ich hatte beim Arbeitsamt einen erwachsenen Mann weinen sehen; die Familie hatte nichts mehr zu Essen und die Frau war nach der Entbindung mit dem Neugeborenen nach Hause gekommen. Sie waren fremd und hatten keine Freunde auch nur zur vorübergehenden Hilfe hier.
    Ich kenne noch solche Erzählungen von den Eltern aus der Nachkriegszeit, als es dann darum ging aus „Nichts“ etwas zu erschaffen.

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