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It’s Framing Again

von Markus Langemann //

Selten hat ein nur angekündigter Dialog mit einem Staatsmann so viel Aufsehen und bereits Diskreditierung des Interviewers im Vorfeld erfahren wie die Ankündigung des amerikanischen Journalisten Tucker Carlson, den Präsidenten der Russischen Föderation Wladimir Putin interviewen zu wollen. Das ist deswegen bemerkenswert, weil sich noch niemand ein Urteil über das noch nicht geführte oder veröffentlichte Interview erlauben kann.

Uns ist es ein großes Anliegen, Ihnen medienanalytische Werkzeuge an die Hand zu geben, um Sie in Ihrem Vertrauen und Mut zu bestärken, selbst über die in Medienplattformen verbreiteten Inhalte zu urteilen und nicht leichtfertig die Einordnung von Aktivisten im Gewand von Journalisten zu übernehmen. Dieses Ansinnen war die initiale Idee zum CdkW.

Von Zeit zu Zeit zeige ich Ihnen somit bis heute einige Fälle von offensichtlicher Steuerung oder von Versuchen, Ihre Gedanken und Bewertungen subtil zu lenken.

Ein Lehrbeispiel in diesem Zusammenhang ist der Vorgang um den sich andeutenden journalistischen Coup von Tucker Carlson. Sollte das von ihm angekündigte Interview mit Wladimir Putin zustande kommen, wird es weltweite Aufmerksamkeit bekommen.

Tucker Carlson hat sich auf seiner Website und auf der Plattform X (vormals Twitter) aus Moskau gemeldet und für die nächsten Stunden bzw. Tage dieses Interview angekündigt.

Sehen Sie diese Ankündigung hier. Wir haben das Ankündigungsstatement mit deutschen Untertiteln mithilfe künstlicher Intelligenz bereitgestellt. Erst wenn Sie die Ankündigung gesehen haben, lesen Sie bitte hier auf dieser Seite weiter.

Sie finden hier einen Artikel von SPIEGEL Online darüber, exemplarisch für diverse fragende Berichte zur Ankündigung:

Der SPIEGEL berichtet in seinem Artikel nicht in einer neutralen Sprache, sondern ordnet dem analytisch nicht geübten Leser das Gespräch wertend.

„Sachlich schreiben bedeutet, nicht die eigene Meinung wiederzugeben, sondern etwas möglichst objektiv und nicht wertend zu beschreiben. Man braucht das sachliche Schreiben zum Beispiel bei dem Verfassen von Berichten.“

So finden Sie die Einordnung des sachlichen Berichtes auf nahezu jeder Schüler-Onlinehilfe-Seite im Netz.

Ich mache Sie hier nun auf einige framende Formulierungen aufmerksam.

SPIEGEL:
„Es wäre Putins erstes Interview mit einem westlichen Moderator seit Beginn des Krieges in der Ukraine. Der rechte Moderator Carlson rechtfertigt das Gespräch bereits.

Warum schreibt der SPIEGEL hier von einem „rechten Moderator“?
Korrekt wäre: „der bekanntermaßen regierungskritische Moderator“.

SPIEGEL:
„In dem vierminütigen Video erklärt Carlson die Beweggründe für das Gespräch – und rechtfertigt sich.“

Eine Rechtfertigung befreit von einem Verdacht und ist eine Bewertung. Die Rechtfertigung ist negativ konnotiert und setzt den Sprecher in ein Licht der notwendigen Rechtfertigung für sein Handeln. Sachlich, distanziert korrekt wäre zu schreiben: „Tucker Carlson begründet auch seine Interviewentscheidung in seinem Statement.“

SPIEGEL:
„Carlson erwähnt die beiden festgenommenen US-Kollegen nicht. Stattdessen wirft er den englischsprachigen Medien Korruption vor.“

Inhaltlich ist das eine geschickte Verquickung zweier Sachverhalte. Dass Carlson die beiden festgenommenen Journalisten nicht beim Namen nennt, soll ihm als Versäumnis ausgelegt werden und stellt ihn in ein Zwielicht. Tatsächlich sagte Carlson: „Es gibt natürlich Risiken, ein solches Interview zu führen.“ Somit erwähnt er sehr wohl das Risiko, welches mit einem Interview verbunden sei.

SPIEGEL:
„Die Leser würden belogen, so Carlson. Zudem behauptet er, nicht ein einziges westliches Medium hätte sich um ein Interview mit Putin bemüht. Das ist falsch. So machte etwa der BBC-Journalist Steve Rosenberg nach dem Carlson-Video öffentlich, dass der britische Sender in den vergangenen 18 Monaten immer wieder Interviewanfragen gestellt habe. Die Antwort aus dem Kreml sei stets ein Nein gewesen. Auch andere westliche Journalisten, die sich regelmäßig um Putin-Interviews bemühen, bekommen nach eigenen Angaben nur Absagen. Darunter auch die CNN-Moderatorin Christiane Amanpour.“

Hier liegt der SPIEGEL richtig in seiner Beurteilung.
Kreml-Sprecher Dmitri Peskow kommentierte Carlsons Behauptung, kein einziger westlicher Journalist habe sich die Mühe gemacht, Putin zu interviewen: „Mister Carlson hat nicht recht. In der Tat gibt es keine Möglichkeit, dass er das wissen könnte. Wir erhalten zahlreiche Anfragen für Interviews mit dem Präsidenten […]“

SPIEGEL:
„Carlson wurde im vergangenen Jahr von Fox News gefeuert, ohne dass Gründe für den Rausschmiss genannt wurden.“

„Carlson wurde aus nicht bekannten Gründen von seinem Sender Fox News im vergangenen Jahr entlassen“ wäre die neutrale und sachliche Beschreibung des Faktums.

Interessant ist im Bericht des SPIEGEL das Weglassen relevanter Informationen, die Carlson im Licht der ausgewogenen Arbeit erscheinen ließe. Dass der SPIEGEL unerwähnt lässt, dass sich Carlson – nach eigener Aussage – auch um ein Interview mit Zelensky bemüht hat, aber bisher offenbar noch keine Antwort erhielt, gehört in einen wertneutralen, sauberen journalistischen Bericht über die Ankündigung eines Putin-Interviews. (bzw. fehlerhaftes Handwerk).

Nun, Fachkräftemangel offenbar tatsächlich überall.

Faz.net schreibt ganz ähnlich. Am Ende des Artikels fast wortgleich.
Dort heißt es:

“Carlson wurde im vergangenen Jahr von Fox News gefeuert. Der Talkmaster moderierte dort jahrelang eine quotenstarke Abendsendung. Diese nutzte er dazu, um Verschwörungstheorien und Falschmeldungen zu verbreiten und gegen Minderheiten zu hetzen. Kurz danach startete er eine eigene Show auf X.”

Spiegel schreibt:

Carlson wurde im vergangenen Jahr von Fox News gefeuert, ohne dass Gründe für den Rausschmiss genannt wurden. Er moderierte dort jahrelang eine quotenstarke Abendsendung. Darin verbreitete er Verschwörungstheorien und Falschmeldungen und hetzte gegen Minderheiten. Kurz danach startete er eine eigene Show auf X (vormals Twitter).”

Bei dem SPIEGEL-Artikel handelt es sich um eine Agenturmeldung von Reuters. Faz.net hat den Artikel von der dpa (Deutsche Presse-Agentur) übernommen.

Über die Qualität des Interviews können wir natürlich noch nichts sagen. Über die Vorberichterstattung sehr wohl. Q.e.d.

Man sollte Wikipedia nur mit Vorsicht zitieren. Ich wage es hier:

“Die rund 170 Gesellschafter der dpa sind ausschließlich Medienunternehmen wie Verlage und Rundfunkanstalten. Der dpa wird von Kritikern regelmäßig vorgeworfen, ihre Machtstellung durch ihre Fähigkeit zum Agenda Setting zur Manipulation des Großteils der Bevölkerung zu missbrauchen. Aufgrund dessen wird vereinzelt eine Einschränkung der Macht der Agentur gefordert. Bereits um 1970 wurden der Agentur zu große Regierungsnähe und entsprechende Färbung der Berichterstattung vorgeworfen, so 1969 in der ZEIT und 1971 im Spiegel.”

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3 Antworten

  1. ja, ich Frank, wuerde gerne etwas wissen im Zuge der Hype zu Tuckers Interview mit wladimir. ich bekomme immer mehr den Eindruck, auch auf dem Word Summit in Dubai, dass sich Tucker für sein Interview erklären oder entschuldigen muss. was ist der Hintergrund, dass ein guter Journalist das Objekt, welches er interviewt, erklären muss, oder seine Motivation erklären muss, warum er genau dieses Objekt aussucht. wir alle hier in der Community von Markus Fragen Markus nicht, warum er beispielsweise Daniele Ganser interviewt hat oder warum er den Verschwörer gedreht hat zu einem Zeitpunkt zu dem der MS Daniele als einen Antisemiten brandmarkte. Meine Auffassung ist, dass man als ein Journalist mit ethischen Grundsätzen keine Erklärung geben muss, warum man eine wichtige Person zu einem bestimmten Zeitpunkt in ein Interview verwickelt. Auch der Journalist in Dubai hatte bohrende Fragen an Tucker, die ich mir als neutraler Journalist nicht wünschen würde. Die Fragen, die Tucker an Abu Ali hatte waren viel besser, sie ließen Abu Ali den Raum zur Antwort, den er auch genutzt hat. Keiner der Beobachter hat bisher geschrieben, dass es keine programmierten Fragen und keine programmierten Antworten waren. Abu Ali ( der arabische Name von Vladimir Vladimirowitsch Putin) hat diesen Freiraum genutzt und hat auf jede Frage sehr lange überlegt, wir sie beantwortet. Das zeigt doch, dass es ein fantastisches Interview zu einer Zeit war, in der wir alle dankbar sind, Abu Ali und seine Denkweise zum bestehenden Konflikt kennen zu lernen. was muss man daran erklären ? ich verstehe es nicht und ich möchte hier keine Vermutungen aufbauen, sondern vielleicht die eine oder andere Antwort dazu haben, was andere Menschen dieses Landes damit verbinden, dass ein der Wahrheit verpflichteter Journalist eine wichtige Person der Zeitgeschichte in ein Interview verwickelt. Möchte man vergleichen, wie Frau Miosga den Präsidenten der Ukraine interviewt hat, kann man klare Unterschiede erkennen. Vom Miosga brauchte nicht zu erklären, warum sie genau zu dem Zeitpunkt nach Kiew gefahren ist, um den Herrn Selenski mit all den programmierten Fragen zu Belatschern, die sie dort in dem Interview gestellt hat. Viele der Fragen waren programmiert und viele der Antworten hat sie gleich selber mitgeliefert. Kein ehrliches Interview und im Vergleich zu Tucker und Abu Ali unterirdisch. Ich danke für die eine oder andere Antwort .. Frank

  2. Immer wieder danke für Informationen und Aufklärung, die wir über die “Qualitätsmedien” nicht erhalten, obwohl der “wache” Bürger sehr wohl erkennt, wann und wie er in eine Denkrichtung geschoben werden soll. Da hilft auch keine noch so dreiste und ausgeklügelte Manipulation. Mit Freude stelle ich jedenfalls immer öfter fest, dass Menschen Informationen, die sie bisher nur “häpchenweise und mundgerecht gerecht serviert” bekamen und bekommen, einen immer wacheren Blick dafür entwickeln, was ihnen seitens der Politik und Medien an “Fakenews” serviert wird.

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