Klarnamen?

// von Markus Langemann

Es erscheint mir in diesen Tagen wie eine Zeit, in der eine Gesellschaft die Chance hat, sich selbst im Spiegel ihrer Kommunikation zu erkennen. Nicht im Parlament, nicht im Feuilleton, nicht einmal im Gerichtssaal – sondern in den Kommentarspalten, jenen digitalen Vorhöfen der Öffentlichkeit, in denen sich die Stimmen sammeln, die gehört werden wollen. Der gegenwärtige Streit um Klarnamen im Netz – angefacht durch den vielbeachteten Fall Fernandes gegen Ulmen – ist ein solcher Moment. 
Ich sehe, wie Kommentatoren in alten und neuen Medien versuchen, über juristische Details des Falles Deutungshoheit zu erlangen. Ich sehe, wie KI-Analysten versuchen, Deepfakes ethisch-technisch zu diskutieren. Der Fall ist ein anthropologischer: eine Frage danach, wie Menschen miteinander sprechen wollen – und unter welchem Namen.

Denn der Name ist mehr als eine Buchstabenfolge. Der Name ist Verantwortung.
Wer seinen Namen nennt, tritt aus dem Schatten. Er stellt sich in die Reihe derer, die für das Gesagte einstehen. Seit der Antike ist dies die elementare Voraussetzung der Rede im öffentlichen Raum. Sokrates sprach nicht anonym. Cicero unterschrieb seine Reden nicht mit einem Nickname. Die Moderne hat diese Ordnung fortgeführt. Zeitungen tragen Herausgeber, Autoren und Redakteure im Impressum. Bücher haben Verfasser. Der Gedanke ist schlicht: Wer spricht, muss erkennbar sein.

Das Internet hat diese Ordnung aufgelöst.
Plötzlich entstand ein Raum, in dem Menschen unter Pseudonymen, Avataren oder kryptischen Kürzeln auftreten konnten. Ein Raum ohne soziale Sanktion, ohne Gesicht, ohne unmittelbare Konsequenz. Dieser Raum brachte zweierlei hervor: 

Freiheit – und Verrohung.

Freiheit, weil er Stimmen hörbar machte, die in autoritären Systemen niemals unter Klarnamen sprechen könnten. Whistleblower, Dissidenten, Informanten – sie benötigen den Schutz des Schattens. Ohne ihn gäbe es viele Enthüllungen nicht. Doch derselbe Schatten wurde auch zum Schutzraum der Verantwortungslosigkeit. Hass, Hetze und falsche Behauptungen lassen sich leichter verbreiten, wenn der Sprecher unsichtbar bleibt. Der anonyme Raum des Netzes ist deshalb nicht nur ein Ort der Freiheit, sondern auch ein Ventil für Frustration, Unwissen und Aggression.

Hier beginnt das eigentliche Dilemma.
Die einen sagen: Das Problem ist die Anonymität. Ohne Nicknames gäbe es weniger Hass und mehr Verantwortung. Wer seinen Namen nennt, überlegt zweimal, bevor er schreibt. Die anderen erwidern: Das Problem ist nicht die Anonymität, sondern die Macht der Narrative. Große Medienhäuser, politische Apparate und algorithmische Plattformen bestimmen längst den Rahmen dessen, was als akzeptable Meinung gilt. Wer davon abweicht, riskiert gesellschaftliche oder rechtliche Konsequenzen. In dieser Situation wird das Pseudonym zum Schutzschild.

Der Streit um den Klarnamen ist deshalb in Wahrheit ein Streit um Vertrauen. Vertrauen in die Öffentlichkeit. Vertrauen in den Staat. Vertrauen in jene Institutionen, die entscheiden, was Wahrheit und was Falschheit sein soll. Denn eines ist offenkundig: In einer vollkommen freien Gesellschaft braucht niemand ein Pseudonym, um seine Meinung zu äußern. Doch ebenso gilt: In einer vollkommen kontrollierten Gesellschaft sind nur noch Klarnamen erlaubt.

Der Name wird dann zum Instrument der Überwachung.
Die Geschichte kennt solche Systeme. Die DDR lebte von der Identifizierbarkeit des Bürgers. Jede Meinung hatte einen Absender, jede Abweichung ein Protokoll. Die digitale Klarnamenpflicht könnte – zumindest theoretisch – eine ähnliche Struktur erzeugen: eine Öffentlichkeit, in der nur noch jene sprechen, die bereit sind, mögliche Konsequenzen zu tragen.

Das verändert den Diskurs.
Wer unter Klarnamen schreibt, wägt Worte anders. Nicht nur aus Höflichkeit, sondern aus Vorsicht. Der Raum der Sagbarkeit verengt sich. Nicht zwingend durch offene Zensur, sondern durch Selbstdisziplin. Der paradoxe Effekt wäre: Die Oberfläche der Kommunikation wird ruhiger, aber darunter wächst das Schweigen.

Doch auch das Gegenteil ist gefährlich.
Eine Gesellschaft, in der ein großer Teil der Kommunikation anonym stattfindet, verliert das Fundament des Vertrauens. Aussagen lassen sich schwerer einordnen, Glaubwürdigkeit wird zur statistischen Wahrscheinlichkeit. Der digitale Diskurs ähnelt dann einer Dorfgemeinschaft, in der plötzlich Menschen auftauchen, deren Namen niemand kennt.

Man stelle sich ein kleines Dorf vor. Zwanzig Häuser, jeder kennt jeden. Streit gibt es auch dort, aber er bleibt eingebettet in ein soziales Gefüge. Nun betreten fünf Fremde das Dorf – nachts, ohne Namen, ohne Herkunft. Sie trampeln durch die Vorgärten, verbreiten Gerüchte, rufen Parolen. Die Gemeinschaft beginnt zu kippen. Genau dieses Gefühl prägt viele Debatten im Netz.

Deshalb neigen manche – trotz aller Risiken – zum Klarnamen. Nicht aus moralischer Strenge, sondern aus dem Bedürfnis nach Ordnung. Doch diese Ordnung hat ihren Preis. Eine Öffentlichkeit, die nur unter Klarnamen funktioniert, setzt voraus, dass ihre Institutionen Vertrauen verdienen. Dass Kritik nicht bestraft wird. Dass abweichende Meinungen nicht automatisch als Gefahr gelten.

Wo dieses Vertrauen fehlt, entsteht zwangsläufig eine zweite Ebene der Kommunikation: die anonyme. Sie ist kein Zeichen von Freiheit, sondern von Misstrauen. Vielleicht liegt darin die eigentliche Diagnose unserer Zeit. Die Debatte über Klarnamen ist kein technisches Problem. Sie ist ein Symptom. Ein Hinweis darauf, dass der Raum der offenen Rede schmaler geworden ist.

Und so steht die Öffentlichkeit heute zwischen zwei unbefriedigenden Alternativen: einer Welt der Namen, in der viele schweigen – oder einer Welt der Pseudonyme, in der niemand mehr genau weiß, wer spricht. Beides ist auf Dauer keine stabile Ordnung.
Die eigentliche Aufgabe besteht daher nicht darin, Nicknames zu verbieten oder Klarnamen zu erzwingen.

Die eigentliche Aufgabe besteht darin, eine Öffentlichkeit zurückzugewinnen, in der der eigene Name nicht zur Selbstgefährdung wird. Eine Öffentlichkeit, in der der Mut zur offenen Rede selbstverständlich ist – weil eine Gesellschaft, die etwas auf sich hält, stark genug ist, ihn auszuhalten.

Erst dann wird der eigene Name wieder das sein, was er einmal war: kein Risiko, sondern Würde.

Beitrag teilen:

3 Antworten

  1. Nachtrag: Es ist auch verbreitet und nachvollziehbar, dass jemand nicht alle Informationen über sich jedem zur Verfügung stellen will. Beispielsweise will und muss man seinen Tennisclub, den Elternbeirat oder die Kollegen vielleicht nicht zwingend über die Zugehörigkeit zu einem BDSM-Netz informieren wollen. Die Vorstellung, dass alles, was ich mit einer Subgruppe im Internet anonym teilen möchte, für alle zu meiner Person zugeordnet werden können muss, um mir das Recht auf sachliche Meinungsäußerung zuzugestehen, ist nicht naheliegend.

  2. Anonymität ist kein Fehler, der durch fehlende Klarnamenpflicht ausschließlich im Internet auftritt, sondern in einer Massengesellschaft nicht optional. Nur in meinem Dorf, in meiner realen sozialen Gemeinschaft bin ich nicht anonym. In einer anonymen Gesellschaft ist es irrelevant, ob ein Beitrag mit Anja Müller oder Zauberfee gekennzeichnet ist. Der Sprecher ist in beiden Fällen für die überwältigende Mehrheit der Leser unbekannt. Diese anonyme Massengesellschaft fördert vielleicht die Verrohung – oder ist es eher das verrohende Wirken der Medien, das hier die entscheidendere Rolle spielt?
    Das Internet ist keine Ausnahmesituation. Wir tragen auch im öffentlichen Raum keine Namensschilder. Allerdings wird auch hier unser Recht auf Anonymität – sicher nur zufällig – durch den immer weiter um sich greifenden Ausbau von Gesichtserkennung ausgehöhlt. Das Ende unserer Anonymität findet in beiden Fällen nicht gegenüber unseren Mitmenschen, sondern gegenüber den Kontrollorganen statt.
    Namentliche Kennzeichnungen werden im Moment v. a. dazu eingesetzt, die Leute zum kritiklosen Hinnehmen von Unsinn zu ermutigen: Ahh, das hat Professor Drosten gesagt, das ist ein Experte. Der durchschnittliche Internetnutzer soll sich die Meinung der bekannt gemachten „Meinungsführer“ und „Experten“ zu eigen machen, was Peter Maier oder Ursula König dazu sagen, soll ihm sowieso unwichtig sein. Die Forderung nach dem Ende der Anonymität fördert implizit – neben den vielen bekannten negativen Auswirkungen und beabsichtigten Kontroll- und Zensurfunktionen – die Autoritätshörigkeit. Nicht was gesagt wird, sondern wer etwas sagt, soll die Einordnung des Gesagten steuern. Die Klarnamenpflicht hat nichts mit Würde und nichts mit einem angeblich wünschenswerten Ende der Anonymität zu tun.

  3. „Die eigentliche Aufgabe besteht darin, eine Öffentlichkeit zurückzugewinnen, in der der eigene Name nicht zur Selbstgefährdung wird.“ Das ist der Punkt. Ich habe zwanzig Jahre in den Blogs der großen Medien unter Klarnamen geschrieben, heute nicht mehr. Das Internet ohne Klarnamen ist die letzte Bastion in einer immer weiter zum Totalitären umgebauten Gesellschaft. Das Ziel der Mächtigen ist doch mit Händen greifbar und die Digitale Revolution gibt ihnen nun endlich alle Mittel an die Hand, den gläsernen Bürger zu schaffen. Das ist nicht nur für die traditionell autoritären Staaten ein verlockendes Ziel, sondern, wie man an den zu Vogelfreien erklärten Bürgern der EU sieht, auch für diese. Es sind die Vorboten des neuen digitalen Überwachungssystems. Machen wir uns nichts vor: Dieses System wird kommen! Die Klarnamenpflicht, also die Verknüfung von IP und Namen (Wohnort, Arbeitgeber, Versicherung, Bank, digitalem Geld, etc.), ist nur der erste Schritt, alles andere folgt daraus. Und, da die meisten Bürger den alten Spruch glauben, der schon unter Mao und Stalin Konjunktur hatte, „Wer nichts zu verbergen hat, der hat nichts zu befürchten“, wird es keine Chance geben, die bürgerlichen Freiheiten, um die Jahrhunderte gekämpft wurde, auf mittlere Sicht zu bewahren. Wir gehen dunklen Zeiten entgegen und werden das Jahrhundert damit zubringen, unsere Freiheit zurückzugewinnen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Herzlich Willkommen auf dieser Plattform des kultivierten Austauschs von Argumenten.

Wir haben verlernt Widerspruch aushalten zu können. Hier darf auch widersprochen werden. Ich möchte Sie bitten, dabei wertschätzend und höflich zu bleiben. Beleidigungen und Hasskommentare werden künftig ebenso entfernt, wie Wahlaufrufe zu Parteien. Ich behalte mir vor, beleidigende oder herabsetzende Kommentare zu löschen. Dieses öffentliche Forum und die ihm innewohnende Möglichkeit Argumente und Meinungen auszutauschen, ist der Versuch die Meinungsfreiheit – auch die der anderen Meinung – hoch zu halten. Ich möchte hier die altmodische Tugend des Respektes gepflegt wissen.

„Kontroversen sind kein lästiges Übel, sondern notwendige Voraussetzung für das Gelingen von Demokratie.“ Bundespräsident Dr. h.c. Joachim Gauck a.D., vor nur 5 Jahren in seiner Rede zum Tag des Grundgesetzes.

de_DEGerman