ClubDerKlarenWorte

Wann stirbt die Seele eines Volkes?

Im geschäftigen Getriebe unserer Tage, im Ringen um Deutungshoheiten über RKI-Zahlen oder die  die nackte Existenz, im Trompeten von Symbolpolitik und bewerfen mit Verbalinjurien zwischen Rechten, Linken und Kopflosen, werden kulturschaffende leider leicht übersehen.

Die gesellschaftliche Krise setzt den Kulturschaffenden in besonderem Maße zu. Den freien, kleinen oder großen Theatern, Bühnen, Konzertveranstaltern, Konzerthallen, den Künstlern von E- und U-Musik und jenen beyond. Den Sprech- und Musiktheatern den kleinen und großen Bühnen und den vielen Kreativen die im Umfeld von Künstler*innen und Kulturbetrieben tätig sind.

Kultur ist der Nektar, aus dem eine Gesellschaft nicht nur Gemeinsinn, sondern auch Labsal zieht.

Wenn die Kultur im öffentlichen Raum keinen Raum mehr bekommt, zum Stillstehen verordnet wird, stirbt die Seele eines Volkes. Leise. Auch wenn manche Menschen Ihre Dosis an Kultur eher im Joghurt suchen, braucht die darstellende Kunst  die bildende Kunst, Musik und Literatur das Publikum. Sie.

Kultur gehört nach der Einordnung des Bundesministerium für Arbeit und Soziales nicht auf die Liste der systemrelevanten Bereiche. 

Die Kultur ist wie ein Schlüssel. Sie wird Dir nicht geklaut, Du verlierst sie aus Unachtsamkeit und Gleichgültigkeit. Weil uns Kunst nicht gleichgültig sein darf, gebe ich hier, stellvertretend einem Künstler für die vielen im Land, eine Stimme zum Zeitgeschehen.

Lesen Sie bitte das Essay, als Gastbeitrag von Jens Fischer Rodrian.

Sie können das Essay auch gerne als .pdf downloaden und mit freundlicher Quellenangabe weiterverbreiten.

Ihr

Markus Langemann

 

 
Gastbeitrag

Essay von Jens Fischer Rodrian

Es gab viele Gründe, am 29.8.20 nicht auf die Demo zu gehen.
Der Veranstalter Michael Ballweg (bei allem Respekt davor so eine Veranstaltung zu stemmen und vor einer in großen Teilen gelungenen Auswahl an Redner_innen), lädt Putin und Trump zu einer Friedensdemo ein, zwei patriarchale Weltenzündler und Kriegsverbrecher.
Ein Beitrag zum Weltfrieden, zur Versöhnung?
Aus meiner Sicht eher ein Zeichen dafür, wie nah Wahn und Sinn beieinander liegen können.

Dazu kommt der nicht zu ertragende Aufruf der NPD, AfD und anderer rechter Gruppierungen an der Demo teilzunehmen, der natürlich dazu geführt hat, daß mehr Reichsfahnen zu sehen waren als noch am 1.8.20, auch wenn sie nach wie vor in der Minderzahl geblieben sind.

Jeder, der da Bedenken hatte und nicht teilnehmen wollte, hatte offensichtliche Gründe dafür, völlig verständlich. Da wir im Moment aber weder eine um Objektivität bemühte Presse noch eine kritische Opposition im Bundestag haben, hatte ich mich zusammen mit einigen Bekannten und Freund_innen dazu entschlossen, an der Kundgebung vor der Hauptbühne teilzunehmen. Wir waren da, weil wir zum einen die Aussetzung der Grundrechte, die Maßnahmen der Bundesregierung und dem daraus resultierenden Zerfall der Kulturszene kritisieren, zum anderen, weil wir sehen wollten, ob sich unsere Beobachtung mit der Berichterstattung der Mainstream Medien deckt.

Sie tut es nicht. Schlimmer noch, die meisten Journalisten scheinen nicht mehr an einer Balance der Bilder interessiert zu sein. Die Anliegen der Teilnehmer_innen bleiben weitgehend unerwähnt. Alle werden pauschal in die Schmuddelecke der Spinner und gewaltbereiten Irren gesteckt.

An der Stelle drei Korrekturen und Anmerkungen zum 29.8.20.

– Die Behauptung der Medien, die Demonstration wurde aufgelöst, ist nicht richtig. Die Reden liefen bis zum Ende der Veranstaltung um 20:30 Uhr ohne Zwischenfälle durch.

– Man hört in den Leitmedien keine Auszüge der Reden von Anwalt Rainer Füllmich (Stiftung Corona Ausschuß), von dem grünen Politiker Claudio David Siber aus Flensburg, von den zwei Kindern, die über Ihre Erfahrung an Schulen sprechen, von Robert Kennedy jr., von den drei Vertreterinnen der “Childrens Health Defense”, von dem Polizisten, der suspendiert wurde, nachdem er Kritik an der jetzigen Situation geäußert hat oder von Basketballprofi Saibu, der aus seinem Team geflogen ist, weil er an einer Demo teilgenommen hat.

– Einige Tageszeitungen berichten über die „Demo der Angst“. Die Teilnehmer_innen um den Kundgebungsort der Siegessäule herum waren friedlich. Die Abstandsregeln wurden eigehalten und das wesentlich konsequenter als bei allen anderen Demos in den letzten Monaten, obwohl 10 bis 20 mal so viele Menschen anwesend waren, das haben Polizei und die Luftaufnahmen bestätigt. Da war die Demo, nicht am Reichstag! Das war eine ganz andere Veranstaltung. Das man das gern vermischt kennen wir ja schon vom 1.8.20. Die Polizisten wurden damals in Neukölln, auf einer völlig anderen Veranstaltung verletzt, nicht auf der Demo auf der Straße des 17. Juni.

Die Sorgen der überwältigenden Mehrheit der friedlichen Teilnehmer_innen sollen anscheinend nicht gehört werden. Das ist nichts Neues, denn genau so geht es den vielen kritischen Stimmen aus der Wissenschaft, wie z.Bsp. dem Nobelpreisträger Michael Levitt.

Ausgewogene Berichterstattung sieht anders aus. Man muß nicht mit allem einverstanden sein, aber man muß darüber berichten, das sollte die Hauptaufgabe eines jeden Journalisten sein. Medien, die tendenziös berichten, bedienen Propaganda- und Sensationsjournalismus und leisten so ihren Beitrag zur Spaltung der Gesellschaft, nicht anders, wie das die Rechten durch ihre unerträglichen Parolen und Plakate tun.

Die deutsche Regierung, die pauschal alle Bürger, die auf die Straße gehen als “Covidioten” und „Mitläufer der Rechten” diffamiert, trägt im selben Maße zur Entfremdung bei.

Eine Frau, die ich fragte, ob ich Ihr Schild fotografieren darf, bat mich, ihr Gesicht nicht zu zeigen, da sie sonst ihren Job verlieren könnte. Einige meiner Freunde, mit denen ich da war, wollen ebenfalls unerwähnt bleiben, da ihnen sonst das selbe blühen würde. So weit ist es gekommen.

(Jens Fischer Rodrian, www.wahnundsinn.com)

Jens Fischer Rodrian ist Musiker, Komponist, Produzent, Lyriker, freier Autor und Kreativ Direktor der Blue Man Group. Nach vier instrumentalen Soloalben erschien 2017 sein erster Gedichtband „Sich kurz fassen – ach“, 2019 folgte das Spoken Word Album „Wahn & Sinn“. Viele der Kurzfilme, für die er die Musik schrieb, haben auf Festivals zahlreiche internationale Auszeichnungen erhalten. Er selbst bekam für den Kurzfilm „Stiller Löwe“ den Hauptpreis für die beste Musik auf dem renommierten Festival International du Film D’Aubagne Von 2011 bis 2019 war er live mit Konstantin Wecker zu hören, für den er die letzten zwei Live Alben produzierte. Seit 2017 tourt er mit seiner Konzertlesung durch den deutschsprachigen Raum. Seine Konzertreihe „FOURatONNCE“ wird 2020 zum dritten mal statt finden. 2021 erscheint sein neues Buch „Alles nur geliehen“, das neben seinen Gedichten auch Kurzgeschichten und Essay beinhalten wird. Jens Fischer Rodrian lebt in Berlin.

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11 Antworten

  1. Wunderbar, dass sie die klaren und mutigen Worte meines Mannes in ihren Club aufgenommen haben ;-)! Danke an der Stelle auch für ihre klaren und fundierten Worte und vor allem für ihre Ausdauer und auch ihren Mut!
    Liebe Grüsse und auf ein vielleicht baldiges Kennenlernen in München. Herzlich Alexa Rodrian

  2. Vielen Dank fuer die Bestaetigung meines Eindrucks von der Demo. Ich war zwar nicht anwesend, aber ich habe mir einige Stunden Video-Material von der Demo auf youtube angesehen. Auch ich bin dabei zu dem Schluss gekommen, dass diese Demo friedlich ablief. Und nach ansehen des ungeschnittenen Videos vom Reichstag konnte man nicht nur klar erkennen, dass das dort keine Demo der „Querdenker“ war, sondern ausserdem, dass es nie die Intention der dort, fast moechte man sagen „aufgehetzten“, Demonstranten war, das Gebaeude zu stuermen. Vielmehr hatten die von Anfang an nichts anderes vor, als sich auf die Stufen des Reichstags zu begeben (was auch irgendwie eine eher dusselige Idee war, aber es war weit davon entfernt, was die Medien zusammen mit unseren Politikern behauptet hatten: es waere versucht worden, in das Gebaeude einzudringen, und nur die geballte Kraft der 3 mutigen Polizisten haetten die hunderte Demonstranten davon abhalten koennen …
    Ich bedauere es sehr, dass man sich bzgl. dieses Themenkomplexes nicht mehr auf die „Mainstreammedien“ verlassen kann. Oder eigentlich doch; man muss nur ansehen/anhoeren, was die Mainstreammedien berichten und vom Gegenteil ausgehen. Die Wahrscheinlichkit damit richtig zu liegen ist in diesen ‚Zeiten ausgesprochen gross …

  3. Der Autor hätte sich auch noch mit dem Umfeld der Demo und der Ausrüstung der Polizeitruppen beschäftigen können. Es waren riesige hochmoderne Wasserwerfer da, gepanzerte Fahrzeuge und gewaltbereite Schläger unter den Polizisten. Jeder friedliche Demonstrant, der von der Polizei zur“Feststellung der Personalien“ festgehalten wurde, wurde wie ein Schwerverbrecher zu Boden (oft geprügelt) gezungen.
    Der Bericht ist eine Verharmlosung und ein Wegschauen vom Neubeginn des Staatsfaschismus in Deutschland.
    Die Farbe der Uniformen stimmen bereits wieder mit der Waffen SS überein.
    Jeder der jetzt nich glaubt, es gehe um eine Infektionskrankheit steckt in der gleichen Illusion wie Bürger im letzten Jahrhundert, welche nach Hitlers Machtübernahme gesagt hatten“so schlimm wird es schon nicht werden“

  4. Ich hoffe, es ist erlaubt, hier auch andere Meinungen zu vertreten.
    Sie bezeichnen die AFD als Rechte. Erstens bin ich da anderer Meinung. Viele Punkte, die von der AFD angesprochen werden, sind Positionen,
    die die CDU viele Jahre lang vertreten hat. Dann muss man auch der CDU nachsagen, daß sie eine „Rechte Vergangenheit“ hat. Daß es einige Wirrköpfe in der AFD gibt, denke ich auch. Aber das gilt meiner Meinung nach für jede Partei.
    Zweitens bin ich ich der Meinung, daß auch Rechte (egal wie veraltet ihre Ansichten sein mögen), das Recht haben zu demonstrieren. Solange sie friedlich bleiben und auf der Demo keine ihrer albernen Parolen grölen.
    Drittens und hier wird es meiner Meinung nach haarig. Sie bezeichnen Trump als Kriegsverbrecher. Welchen Krieg hat Trump denn geführt? Und was hat er getan, was ihm die Bezeichnung „Kriegsverbrecher“ einbringt? Ich glaube, hier schenken sie den Öffentlich-Rechtlichen Medien zuviel Glauben. Man muss Trump nicht sympathisch finden. Ich denke, das ist auch zuviel verlangt, aber fair bleiben sollte man schon. Ich will nicht ausufern, deswegen höre ich hier auf. Leider kann ich dem Essay nicht wirklich zustimmen. Schade!

    1. sehr richtig alles ! danke für den kommentar !
      vielleicht können wir dem musiker/ poet zugute halten, dass er, wie wir alle wohl
      sein ganzes leben lang von diesen staats- medien gebrainwashed wurde…
      ja auch ein herr wecker sollte sich diese fragen bald mal stellen…

    2. Genau das ist es, was auf einer Plattform wie dieser erlaubt sein muß und somit unterstreiche ich den Kommentar in den Punkten 1 und 2 von Bea.
      Besonders möchte ich auf Punkt drei eingehen: für eine fundierte Meinungsbildung ist es elementar, nicht nur die „gleichgeschaltete Negativberichterstattung der BRD-Medien über Trump und Putin zu konsumieren, sondern darauf zu achten, dass die Meinungsbildung aus einer „Holschuld“ verschiedener Quellen erfolgt. Nichts ist falscher als Mr. Trump einen Kriegsverbrecher zu nennen, gerade derjenige, der während seiner gesamten Amtszeit nicht nur keinen einzigen Krieg begonnen hat, sondern verschiedene „Friedensangebote“ ausgesprochen hat und zum Abschluss bringen konnte. Hören wir davon etwas in deutschen Medien? Da ist nichts zu interpretieren, das sind reine Fakten und als solche zu berücksichtigen. Mag Mr. Trump nicht jedem sympatisch sein, doch er hat sein Land während seiner Amtszeit den normalen Bürgern wieder nähergebracht. Ihn als Kriegsverbrecher zu diffamieren zeigt, dass Hr. Jens Fischer Rodrian lieber über Musik schreiben und nicht dem Mainstream nachplappern sollte.
      Dem Essay kann auch ich nicht zustimmen, wohl aber dem Kommentar von Bea.

  5. Wir leben in einem System in welchem -noch- Meinungsfreiheit gilt (die AfD möchte das ja abschaffen), deswegen dürfen Sie, Bea, hier Ihre Meinung äussern und ich auch.
    Sie schreiben in Ihrem ersten Absatz, die AfD wäre Ihrer Meinung nach keine rechte Partei. In Ihrem zweiten Absatz behaupten Sie dann indirekt das Gegenteil. Sowas nennt man wohl eine „wohlabgewogene“ Meinung zu haben. Ich nenne das eher einen „netten Versuch“. Davon abgesehen gibt es natürlich bei/in den Unionsparteien Mitglieder, die so weit rechts stehen dass sie in einem Kreis den Linken auf die Füße treten würden.

    Zu Ihren Trump-Äusserungen – da haben Sie recht, Trump ist kein Kriegsverbrecher. So gut ist er nicht. Er ist ein ganz stinknormaler Verbrecher, und die Liste seiner Vergehen ist derart lang dass es wohl Jahrzehnte dauern wird, bis sie aufgearbeitet sein wird.

  6. Ich möchte noch ergänzend sagen, dass Dr. Schiffmann, einer der Mitorganisatoren von querdenken711 – einer unbegrenzten Zuwanderung von afrikanischen Menschen „das Wort redet“. Er sagt, dass in Deutschland Platz für alle sei, die kommen wollen.
    Leider sprach er nicht davon, wer deren Versorgung bezahlen soll. Und – Herr Schiffmann hat die Ambition, in die Politik zu gehen.
    Nun, was ist jetzt mit der „Farbenlehre“? War das eine linke Demo? Oder ging es um Grundrechte?
    Und – was ist mit der Eidesformel „Schaden vom deutschen Volk abwenden“?

    1. Nein, Dr. Schiffmann ist kein Organisator von Querdenken 711. Er sagt auch nichts von einer unbegrenzten Zuwanderung. Er bezog sich gegen die Behauptung der angeblichen Überbevölkerung der Erde auf ein Statistikwerk, was aufzeigt, dass ganz Afrika in einem kleinen Teil Deutschlands Platz hätte.

  7. Es ist schön, dass Sie sich die Mühe gemacht haben, fair über die Demo zu berichten. Allerdings fällt mir auf, dass auch Sie sich nicht dem Framing (oder schlicht: Propaganda) der Medien entziehen können, sobald das Thema ein bißchen vom Fokus (der Demo) abschweift.

    Zu den Einladungen von Michael Ballweg:
    Für mich haben sich diese Einladungen wie eine Mischung aus beabsichtigter Satire und Hybris angehört.
    Fakt ist, dass Obama beispielsweise mehrere Kriege begonnen hat und den völlig menschenrechtwidrigen Drohnenkrieg begonnen hat.
    Donald Trump ist der erste amerikanische Präsident seit Jahrzehnten, der keinen Krieg begonnen hat. Selbst ausgeweitet hat er wohl keinen.
    Hier Trump als Kriegsverbrecher zu bezeichnen erweckt den Eindruck, als wäre das nicht für amerikanische Präsidenten die Norm.
    Das Abgrenzen von Andersdenkenden scheint inzwischen so in uns drin zu sein, dass sich keiner mehr entziehen kann. Natürlich schließe ich mich da selbst nicht aus.

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