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Lesedauer Schopenhauer

von Peter Löcke //

Piratenkanzler schnürt Pakt & Doppelpack – Mit Doppelwumms.
Ein Untersuchungsausschuss über Faeser – Ohne Faeser.
Die Ukraine in der Offensive – Muss gewinnen.
Das Klima in der Defensive – Wird verlieren.
Die Rückkehr der Maske – Teil 27.
Mehr dazu in unseren +++Livetickern+++ über das Ende der Welt.

Mich stressen solche Überschriften sowie die dazugehörigen Titelbilder. Und doch animieren mich die Headlines zum Anklicken der Artikel. Die Neugier siegt über die Selbstdisziplin. Anschließend lese ich den Fließtext bis zum Ende. Auch für den Fall, dass der Inhalt uninteressant ist. Ich bin so erzogen worden. Ich durfte den Esstisch erst dann verlassen, wenn ich meinen Teller mit Linsensuppe ganz ausgelöffelt hatte. Bei den Buchstabensuppen von Spiegel, Welt und ARD verhält es sich ähnlich. Immer schön aufessen! Was fehlt neben Überschrift, Titelbild und dem eigentlichen Text? Richtig. Der Autor. Der heißt häufig Reuters oder trägt Namenskürzel wie dpa oder AFP. Summa summarum handelt es sich bei der Lektüre im Nachhinein um verschwendete Lebenszeit. Apropos Lebenszeit. Eine Information innerhalb der Kunstform Artikel bringt mich neuerdings besonders zur Weißglut. Es mag eine Kleinigkeit sein, doch diese Kleinigkeit beleidigt meinen Intellekt.

Lesedauer 1 Minute.

Wer hat sich diesen Mumpitz ausgedacht? Handelt es sich um einen Service oder einen Warnhinweis? Gibt es ungeschriebene Gesetze in Deutschlands Redaktionen, dass ab einer Lesedauer von drei Minuten der Text als Audio angeboten wird, weil alles andere den Leser überfordern würde? Ich weiß es nicht. Wie schaut es bei Büchern aus? Ich drehe mich um, greife nach zehn Stichproben aus meinem Bücherregal. Lesedauer 7 Stunden 12 Minuten! Das steht auf keinem einzigen Buchrücken. 

Genug des Nörgelns. In Zeiten der künstlichen Intelligenz lässt sich die Messung der Lese- oder Sprechdauer bestimmt sinnvoll anwenden. Man denke nur an Talkshows. Markus Lanz spricht. Seine Uhr läuft. Lanz stellt eine Frage. Seine Uhr läuft weiter. Der Gast, ich nenne ihn Ulrich Gerrow, holt Luft und versucht zu antworten. Die Lanz-Uhr stoppt, die Uhr von Ulrich Gerrow beginnt zu ticken, doch Markus Lanz grätscht nach einem Halbsatz dazwischen. Also erneuter Uhrenwechsel. Klingt ungerecht. Bestenfalls müsste es wie beim Schach laufen. Die Uhren müssten rückwärts laufen mit einem festen Zeit-Budget für jeden Talkshow-Teilnehmer inklusive Moderator. Das wäre gerecht. Wie auch immer. Ich hege die Hoffnung, dass die Zeit der politischen Talkshows für immer abläuft.

Talkshows im TV keine Minute.

Vom TV-Studio in den Bundestag. Wie lange dauert eine Fragestunde im hohen Berliner Hause? Die naheliegende Antwort lautet eine Stunde. In der Theorie müssen sich während dieser Stunde der Kanzler oder einer seiner Minister einem kritischen Verhör der Opposition unterziehen. Theoretisch. Die Realität sieht anders aus. Die Fragestunde beginnt. Die Schachuhr läuft rückwärts. Der Kanzler hält ein begrüßendes Eröffnungsplädoyer. Minus 10 Minuten. Seine Partei- und Ampelkollegen fragen nach, warum die eigene Arbeit so überragend gut ist. Der Kanzler tut ihnen den Gefallen und antwortet. Minus 30 Minuten. Bleiben 20 Minuten kritischer Fragen von der AfD, manchmal sogar von der CDU und den Linken. Nur wird keine dieser Fragen beantwortet. Stattdessen ein Ausweichen in Form von Textbausteinen und Worthülsen. Es muss doch möglich, das technisch zu entlarven. Bei Fußballstammtischen gibt es schließlich das Phrasenschwein. Warum gibt es im Bundestag nicht die Phrasenuhr? Im Ergebnis stünde nach einer Fragestunde folgendes auf der Phrasenuhr:

Antwortdauer null Sekunden.

Ich komme zum letzten Absatz. Falls Sie diesen nicht lesen, sehe ich das mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Weinend, weil ich ein für Sie uninteressantes Thema ausgewählt oder – noch schlimmer – ein interessantes Thema schlecht umgesetzt habe. Lachend, weil Sie eine Kompetenz besitzen, an die ich mich wieder erinnern möchte. „Die Welt als Wille und Vorstellung“ von Arthur Schopenhauer. So heißt eines der zehn Bücher, die ich gerade ins Regal zurückstelle. Die Lektüre war mir damals zu schwierig, der Inhalt zu depressiv. Die Lektüre fühlte sich unendlich an.

Man muss nicht jede Buchstabensuppe auslöffeln, die einem vorgesetzt wird. 

Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht in jedem Fall die Meinung des Herausgebers wieder.

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2 Antworten

  1. Noch schlimmer als vorgegebene Lesezeiten sind allerdings unerfragte und ständige Einblendungen mit Aufforderungen zum Beziehen von Newslettern. Ärgerlich vor allem, wenn man den Newsletter schon lange abonniert hat.
    Hallo, Herr Langemann!!

  2. Hallo Herr Löcke,
    Änderungen im Leben gerade und insbesondere von liebgewonnen Gewohnheiten bringen die Würze im Leben.
    Spiegel online ab bestellt, Radio eins nur noch im Podcast ohne Nachrichten. Wenn überhaupt, dann Berliner Zeitung, aber nur die wichtigsten Überschriften.
    Sie verschwenden Lebenszeit….. wenn ich das so durchziehen würde wie sie (ähnlich der Buchstabensuppe) ich bekäme das kotzen.
    Ich habe die letzten 10 Monate YouTube für mich erschlossen. Geistreiche Intellektuelle, tolle Dozenten, viel Kultur und wunderbare Kritiker.
    Sie verpassen nichts in den alten Medien. Wenn sie Dr.Nehls, Prof. Meyen, Prof. Mausfeld und vornehmlich Dr.Jonas Tögel “Nudging” hören, dann wissen sie, dass wir einer massiven Gehirnwäsche unterzogen werden. Nur das Abschalten und dem Zuhören gebildeter Menschen z.B Dirk Pohlmann, lässt uns unseren gesunden Menschenverstand retten. Mittlerweile habe ich mehr als 300 Kanäle im Abo. Wie ein Trüffelschwein durchforste ich YouTube nach interessanten Informationen.
    Der Algorithmus lieferte mir heute Podcast Schirach, Zeit ist zwar auch verseucht, aber Schirach zu hören ein Genuss
    https://www.youtube.com/watch?v=ST-QfGYy_rI
    ändern sie ihre Gewohnheiten 😉

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