Mehr Schönheit. Weniger Epstein.

von Peter Löcke //

Zu geschwärzt, zu ekelerregend und bei über drei Millionen Seiten zu umfangreich.

Das war mein erster Gedanke beim Eintauchen in die Epstein Files [1]. Ekel löste bereits die nicht geschwärzte Mail-Adresse des Protagonisten aus. Vor „@gmail.com“ steht „Jeevacation“. Bei Jeevacation handelt es sich offensichtlich um ein Akronym für „Jeffrey Epstein Vacation“.

Übersetzung? Buchen Sie Urlaub auf der Insel der Perversionen im Reisebüro Epstein! Der Millionär definierte sich als Dienstleister für die Verwirklichung menschlicher Abgründe mit der Zielgruppe High Society. Auf der anderen, der meist geschwärzten Zielgruppenseite findet man Klienten, die sich für die Elite halten und ironischer Weise mit der Buchung bestätigten, dass sie statt Elite das genaue Gegenteil, nämlich menschlichen Abschaum darstellen. Seien Sie sich sicher, dass ich das Wort Abschaum äußerst selten für Menschen verwende. Und damit zunächst genug zu diesem Thema, denn es gibt hässliche Bilder, die ich nicht in meinem Kopf haben möchte. Ich sehne mich nach schönen Bildern. Existiert diese Sehnsucht nicht bei jedem Menschen?

Je schmutziger der Dreck ist, in dem man wühlt, umso größer die Sehnsucht nach schönen Dingen. Lassen Sie uns also gemeinsam nach Schönheit suchen auf der kleinen Ferieninsel Deutschland.

Schöne Menschen! Ich gestehe, dass ich mir gerne schöne Menschen ansehe, Männer wie Frauen. Mit Schönheit verbinde ich weder einen zur Schau gestellten Luxus noch körperliche Perfektion. Auch ein armer Mann mit Narben kann schön sein. Auch eine übergewichtige Frau im gesetzten Alter kann Schönheit ausstrahlen. Nennen Sie es gerne die Aura eines Menschen. Es geht um die Art, sich zu bewegen und zu kleiden, es geht um Manieren und um Würde. Diese würdevolle Schönheit von Menschen, die auch die benutzte Sprache beinhaltet, begegnet mir leider immer weniger.

Schöne Sprache! Kultiviert, elegant, kreativ und einigermaßen fehlerfrei. Ich sehne mich nach der Schönheit der deutschen Sprache. Auch hier geht es nicht vordergründig um sozialen Status oder gar einen Bildungsgrad. Ich kenne Bauern und Bauarbeiter, die diese sprachliche Schönheit noch zu schätzen wissen. Umgedreht begegnen mir Akademiker mit einem gegenderten Sprachmix aus Denglisch & Vulgarisch. Ich vermisse die Schönheit der Sprache. Die Gleichgesinnten sterben aus.

Schöne Orte! Nach welchem Kriterium sucht der durchschnittliche Deutsche sich sein Urlaubsdomizil aus? Er sucht nach einem schönen Ort. Dort angekommen begibt er sich zu den Sehenswürdigkeiten wie etwa die Architektur einer uralten Kathedrale. Schön kann auch die Atmosphäre eines Ortes sein. Als junger Mensch zog es mich oft nach Prag, nur um das einzigartige Flair der Prager Altstadt zu genießen. Wie schön ist die Altstadt des Shitholes Berlin? Wann waren Sie das letzte Mal im Kneipenviertel der nächstgelegenen Stadt, um dort mit Freunden einen schönen Abend zu verbringen? Zur Schönheit gehört übrigens auch, einen Ort als sicher und sauber zu empfinden.

Schöne Scheiße! Das habe ich gerade leise gedacht, als ich mir den Spiegel vorgehalten habe. Drei Tassen Kaffee und drei Zigaretten beim Schreiben einer Kolumne ersetzen nicht Frühstück und Dusche. Der Mensch neigt dazu, sich der Umwelt, in diesem Fall einem hässlichen Thema, anzupassen. Im Foyer eines 5-Sterne Hotels würde kein Gast seinen Müll fallenlassen. Und wenn die gleichen Gäste auschecken und bei der Heimfahrt auf einem völlig verdreckten Rastplatz Halt machen? Dort schon. Wenn im Außen alles dreckig und hässlich erscheint, ist die Gefahr groß, sich dem Dreck anzupassen. Und genau das ist der größte Fehler.

Mehr Schönheit. Wir sollten den Blick wieder auf schöne Dinge lenken und bei uns selbst anfangen. Schönheit kann nämlich hochgradig ansteckend sein. Ich gehe dann mal duschen und rasiere mich. Anschließend ziehe ich mir Sonntagskleidung an, obwohl kein Sonntag ist. Dann frühstücke ich ausgiebig und gehe in die Welt hinaus. Das mache ich ausnahmsweise ohne Smartphone. Den Menschen, auf die ich treffe, begegne ich mit Freundlichkeit. Und vielleicht werden diese Menschen die Freundlichkeit als so ungewohnt schön empfinden, dass sie diese Freundlichkeit weitertragen. Ein naiver Gedanke? Mag sein. Aber es ist ein schöner Gedanke.

Die Welt braucht mehr Schönheit und weniger Epstein. Der Name Epstein ist für mich der Inbegriff des Bösen und Hässlichen. In eine solche Welt gedanklich und bildlich einzutauchen birgt immer die Gefahr, zu dem zu werden, was man eigentlich zutiefst abstoßend findet. Schon Friedrich Nietzsche wusste:

Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, daß er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.

Ich habe mir Nietzsches Weisheit zu Herzen genommen und diese abgrundtief böse Welt voller Ungeheuer und menschlichem Abschaum bereits nach Betrachten der Mail-Adresse wieder verlassen. Ich wollte lieber über Schönheit schreiben.

Zu geschwärzt, zu ekelerregend und bei über drei Millionen Seiten zu umfangreich. Das war mein erster Gedanke.

Epstein, Epstein, alles muss versteckt sein.

Ein fast ähnlich klingendes Kinderspiel war mein zweiter Gedanke.

Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht in jedem Fall die Meinung des Herausgebers wieder.

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6 Antworten

  1. lieber peter löcke,
    einfach gut, was sie geschrieben und wie sie es geschrieben haben, einfach gut.
    noch besser wird es, nach dem dritten oder achten mal lesen.
    herzlichst
    dieter reichel

  2. „es gibt hässliche Bilder, die ich nicht in meinem Kopf haben möchte. Ich sehne mich nach schönen Bildern. Existiert diese Sehnsucht nicht bei jedem Menschen?“
    Bei mir steht die Sonnenblume für Liebe und Schönheit. Ihr Bild habe ich mir eingeprägt und sobald sich mir Gedanken von Unschönem in heutiger Zeit aufdrängen, schiebe ich mein Sonnenblumenbild davor. Zur Zeit brauche ich diese Art von „Erholung“. – Weil ich in der Nachkriegszeit so geprägt wurde? Es gab da noch „Nachwehen“ von innerfamiliären Ungerechtigkeiten, die ich ab meinem zweiten Lebensjahr versucht hatte mit besonderer Zuwendung zu älteren Geschwistern auszugleichen. Viele sagen mir heute, dass man mit zwei Jahren noch nicht diese Fähigkeiten haben kann. Vielleicht doch? Es gibt noch Erinnerungen daran, auch daran, dass ich zum Einkaufen, nur Fleisch und Gemüse, für die Familie 2×1,5km alleine gelaufen war. – Diese Rolle der Ausgleichenden hat mich bis heute immer begleitet. Der Wunsch und Versuch dem Hässlichen Schönes gegenüber zu stellen.

  3. Diese Fragen treiben mich bezüglich der Vergangenheit und zunehmend bezüglich unserer Gegenwart um: Wie haben die das überstanden? Wie konnten sie das ertragen? Wie konnten sie bei allem menschenfreundlich bleiben? Wie kann ich das überleben, was um mich herum gegenwärtig von abscheulichen Menschen gemacht wird? Das große Beispiel ist für mich Max Planck, der so oft in den Abgrund geblickt hat, Ungeheuerliches erleben musste und doch als Mensch überlebt hat, Mensch geblieben ist. Viele wären noch zu nennen: Nelson Mandela, Lion Feuchtwanger, Peter Schreier und nicht zu vergessen meine Eltern Emmy und Kamill Ullrich. Sie alle haben mit Ungeheuern kämpfen müssen und sind nicht zu welchen geworden. Ich habe auch den Eindruck, täglich in den Abgrund zu schauen. Was ist zu tun? Was ist zu unterlassen? Die bestehenden Verhältnisse jetzt verbessern zu wollen, das scheint mir, die Kräfteverhältnisse nicht zu erkennen und keine Verantwortung für das eigene Leben zu haben. Es reicht Menschbleiben.

  4. Auch wenn nicht jedes Lächeln zurückkommt, lohnt es sich, den nächsten Gegenüber anzulächeln.
    Oft habe ich das Gefühl, dass Menschen durch mein Lächeln beglückt sind.
    Als ältere Frau habe ich angefangen, wieder schöne, frauliche Kleidung zu tragen.
    Lange Röcke aus Naturfasern statt Jeans, Baumwoll/Leinen-Blusen statt T-Shirt.
    Es fühlt sich so gut an, wenn man sich selbst gut behandelt. An den Blicken vieler Menschen,
    vor allem männlicher Menschen, kann ich erkennen, dass mein Kleidungsstil positiv auffällt.
    Auch von jüngeren Herren wird mir plötzlich die Tür aufgehalten…
    Viele Menschen schauen nur noch in hr Handy, statt auf sich und den Mitmenschen.
    Jeder sollt bei sich selbst schauen, womit er sich und andere glücklicher machen kann.
    Vielleicht mit einem Lächeln?

  5. Die Aufmerksamkeit ist Voraussetzung für die Wahrnehmung. Uns ist etwas überkommen, seit vielen Jahren, rasant wachsend wie eine Art fließende Teflonbeschichtung, oder schnell wachsende Schicht von Bakterien, die sich von der Oberfläche in alle Ritzen setzt und alles besetzt.
    Es kommt mir so vor, als ob auch die Anzahl der Berichterstatter zunimmt, die ihre Finger zur Raute falten. Nach oben oder nach unten, gibt es unterschiedliche Aussagen der Codes?

    Haltet zusammen, lebt wieder den Buschfunk, die Kommunikation aus den Zeiten, als es noch keine Telefone gab.

  6. Als ich beruflich mit sehr hässlichen Dingen zu tun hatte, hielt ich mich während der Rufbereitschaft gerne im Kurpark auf. Es war ein hilfreiches Gegengewicht zu dem zu Erwartenden, welches dann auch oft eintraf. Aber die Atmosphäre des Parks tat seine Wirkung.

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