Merz, Kleist und Scheibenkleister

von Peter Löcke //

Heinrich von Kleist war ein Sprachskeptiker. Kleist bezweifelte, dass Worte ein geeignetes Mittel sind, um Gedanken, Gefühle und menschliche Erfahrungen angemessen darzustellen.

Das hat mir meine alte Deutschlehrerin vor Jahrzehnten zu vermitteln versucht. Ich habe es nicht wirklich verstanden.

Wie jetzt? Das ist doch seine große Stärke. Warum kritisierte von Kleist das eigene Sprachtalent, das Gott ihm in die Wiege gelegt hat. Der gute Mann kann doch als Dramatiker, Lyriker und Erzähler virtuos mit Worten umgehen. Auch das dahinterstehende Phänomen habe ich nicht wirklich begriffen. Warum wendete sich das Schachgenie Bobby Fischer irgendwann angewidert vom Schach ab? Warum gibt es Maler, die eines Tages erschöpft den Pinsel zur Seite legen und ihn danach nie wieder anfassen? Warum zerstören Musiker frustriert ihr Lieblingsinstrument? Warum nur?

Mit reichlich Verspätung glaube ich zu verstehen. Es hat etwas mit menschlicher Erkenntnis zu tun. Es hat etwas mit dem Verstehen der eigenen Unzulänglichkeit zu tun. Wie schwach bin ich nur, wenn selbst das beste mir zur Verfügung stehende Werkzeug stumpf erscheint? Jeder besitzt solch ein Werkzeug, jeder besitzt eine besondere Fähigkeit, die ihn auszeichnet und von anderen Menschen unterscheidet. Auch Sie. Daran glaube ich fest. Doch weg von der Philosophie und hin zur politischen Kolumne.

Meinen traurigen Aha-Moment der Erkenntnis verdanke ich dem deutschen Bundeskanzler Friedrich Merz. Angesichts der Ereignisse der letzten Tage fehlten mir lange die Worte. Mein kleines Talent, mein Werkzeugkasten der Sprache, war fast komplett leer.

Scheibenkleister! Was für ein Scheibenkleister!

Zu mehr in Worte gegossene Gedanken war ich nicht in der Lage. Lieber Heinrich, jetzt fühl ich dich! Und wundere dich nicht über die Formulierung „ich fühl dich“. Das sagt man heute so. Heute sagt man noch ganz andere Dinge. Du würdest dich wundern, welche Dinge Fritz gerade gesagt hat.

„Es gibt keinerlei Reichweitenbeschränkungen mehr für Waffen, die an die Ukraine geliefert worden sind.“

Die Gedanken des Kanzlers fühle ich nicht. Er tätigte die Aussage am Montag des 26. Mai gegenüber dem Leiter des ARD-Hauptstadtstudios Markus Preiß auf der Bühne des WDR Europaforums [1]. Dieses Forum fand im Rahmen der „re:publica25“ in Berlin statt. Später bekräftigt der Kanzler seine Aussage auf der Plattform X. 

Ja endlich! Der Putin versteht doch keine andere Sprache. So sahen die meisten Reaktionen aus. Der Koalitionspartner SPD zeigte sich irritiert, widersprach dem von Merz angekündigten Kurswechsel hinsichtlich Reichweitenbeschränkung. Dem wiederum widersprach Merz. Es sei kein wirklicher Kurswechsel. Mit anderen Worten? Es herrscht Chaos in der deutschen Regierungskoalition der Dialogunwilligen. Es herrscht Einigkeit in der europäischen „Koalition der Willigen“ unter Kriegskanzler Merz.

Ein paar leise mahnende Stimmen gab es schon. Die Aufhebung der Reichweite hat schließlich eine geopolitische Tragweite. Welche? Dafür zitiere ich einen Journalisten, der momentan nicht genannt werden darf, weil er auf der EU-Sanktionsliste steht.

„Das russische Außenministerium hat es klar gesagt. Deutschland ist ein Sonderfall aus der Geschichte. Wenn eine deutsche Taurus bei der Krimbrücke einschlägt, ist das Krieg (…) Dann ist Deutschland im Kriegszustand mit Russland. (…) Wenn es also der Plan ist, die Taurus heimlich zu liefern und mit den Taurus die Krimbrücke wegzuballern, dann werdet ihr davon erfahren, wenn’s passiert ist und die Russen vielleicht mit irgend‘ner Haselnuss die Rheinmetallwerke wegsprengen.“

Scheibenkleister! Was für ein Scheibenkleister! Mir fehlen die Worte. Erinnert sich noch irgendjemand an die Diskussionen aus dem Februar 2022, ob es klug wäre, der Ukraine 5000 Helme zu schicken. Helme nein, Taurus ja?

Der Wahnsinn findet in der Realität statt. Während ich das schreibe, weilt der ukrainische Präsident Selenski zu Besuch in Berlin. Ob es sich hierbei um einen Dialog mit Merz handelt oder nicht doch um Öffentlichkeitsarbeit, möge jeder für sich selbst beantworten.

All das findet in der Realität statt und doch haben die Ereignisse der letzten Tage etwas Unwirkliches, etwas Surreales, etwas fast schon Literarisches. Gut, dass ich nicht die Genialität eines von Kleist besitze. Dann müsste ich über den zerbrochenen Krug der Diplomatie schreiben, anschließend schweigen und vorzeitig mein Leben beenden. All das steht nicht auf meiner to-do-Liste. So sehr ich von Kleist nun fühlen kann – ich möchte mein Gefühl der Unwirklichkeit in Worte kleiden und kehre dafür zum Tatort des Montagskrimis Berlin zurück.

Die jährlich stattfindende „re:publica“ ist eigentlich eine Konferenz zur digitalen Gesellschaft und Netzkultur. Die dort im Plauderton diskutierten Kriegsthemen gehören in Parlamente und diplomatische Hinterzimmer, nicht aber auf die Bühne einer Digitalkonferenz. Die Szenerie war unwirklich. Das Diskussionsformat trug den schnittigen Titel „Kriege, Krisen, Kanzlerschaft“. Welch schöne Alliteration! Sie wird jedoch dem Ernst der Lage nicht gerecht. Surreal waren auch die zur Freude des Publikums von Merz vorgetragenen Anekdoten über Telefonate mit Donald Trump. Hier steht gerade mehr auf dem Spiel als Popularitäts-Pluspunkte für den neuen Kanzler.

Zur Krönung des Bizarren und wenig kritisiert fand ein Bühnenumbau und Formatwechsel statt. Eben noch Merz mit Aussagen über Geopolitik, inklusive eines Reichweitensatzes von nationaler Tragweite, fünf Minuten später ein „Parkbankgespräch“ mit Merz im Jugendstil. Format? Lustige Kennenlern-Spiele für das junge Publikum. Merz meets Menschlichkeit!

Was soll dieser Scheibenkleister? Das ist unwirklich angesichts der wirklichen Gefahr. Was würde von Kleist sagen? Vermutlich nichts.

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4 Antworten

  1. Donald und Waldemar wundern sich: „Merz, wer?“ Das ist die Lage. Er ist geopolitisch eindeutig nicht von Belang. Ob er Deutschland gut regieren will und kann, werden wir sehen. Ich bin gespannt, was von der CDU noch übrig sein wird, wenn er damit fertig ist. Viele glauben, dass er und seine Gefolgsleute es genauso gut machen werden wie Scholz, Faeser, Baerbock, Habeck, Lindner und Buschmann, Ganz zu schweigen von Spahn und Lauterbach. Das sagen uns die Umfragen. Nach den ersten hundert Tagen wissen wir mehr. Mir tut es leid um die Armen und Hilfe Bedürftigen, sie werden einen hohen Preis bezahlen müssen. Darauf sollten wir gefasst sein.

  2. Ach Herr Löcke,
    ich fürchte ich fühle Sie…oder wie Sie? Wie auch immer, mir kam die Idee wenn der Herr Merz Krieg so spannend findet, warum nicht mal gezielt ein Haus in Arnsberg in Schutt und Asche legen. Nicht ohne die Bewohner vorher zu Warnen. Aber dann erschließt sich diesem Möchtegern vielleicht auf was er sich da einlassen will.
    Hätte mir irgendjemand vor 20/25 Jahren prophezeit was sich hier und heute abspielt, ich hätte ihn für bekloppt erklärt.
    Wen ich heute für bekloppt halte schreibe ich, wegen Bademantel, nicht
    Beste Grüße
    Michael Verhoeven

  3. Warum gibt es den Link „Beitrag teilen über…“, wenn ich doch auf Urheberrecht hingewiesen werde und eben nicht teilen kann/darf????

  4. Ja, lieber Herr Löcke, mir sträuben sich auch die Haare. Wenn ich es richtig verstanden habe, äußerte Präsident Selenskyj auch, dass man (BK Merz und er) weitere Gespräche über die Waffensysteme nicht mehr in der Öffentlichkeit besprechen sollte. Genau, was geht es die Öffentlichkeit (also z.B. mich und meine Familie in Wiesbaden, wo sich seit einiger Zeit das Europa Hauptquartier der US-Streitkräfte befindet) auch an, wenn sich D mutmaßlich aktiv an Kriegshandlungen gegen Russland beteiligt? Bei den heutigen, zielgenauen Systemen wird unser Wohngebiet ggf. wohl verschont bleiben, und wir können dann südöstlich die Rauchschwaden entspannt bei einem Glas Wein beobachten… Mein persönlicher Vorschlag in diesem Zusammenhang wäre gewesen: Humanitäre Hilfe ohne Ende und Diplomatie bis zum Umfallen. Sonst nichts.
    So long.

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