Die Zeiten haben sich geändert. Nicht im gemessenen Rhythmus der Jahrhunderte, sondern im jähen Takt des Digitalen. Einst war Kritik die Ziselierung am Werk der Vernunft, das feine Meißeln an Gedanken, um sie klarer hervortreten zu lassen. Heute aber gleicht sie oft einer Keule: grob, hastig, geführt mit der Kraft des Ressentiments. Wir erleben die Verschiebung einer Kultur. Aus dem Gespräch, das wie ein Bach die Steine umspülte, ist ein Strom geworden, der mit reißender Gewalt alles mitreißt, was sich ihm in den Weg stellt, manches als ungewollten Beifang hinwegspült. Kritik als Schule der Aufklärung – diese Tradition, die von Kant über die Salons der Aufklärung bis hin zu Habermas reichte – verliert ihre Kontur. An ihre Stelle tritt ein Gestus der moralischen Überheblichkeit, der keine Läuterung sucht, sondern Deklassierung.
Die sozialen Medien sind die neuen Arenen. Wie im alten Rom verlangt das Publikum nach Spektakel, nach Blut und Staub, nicht nach Maß und Mitte. Ein Klick wird zum Daumenzeig, ein Kommentar zur Wurfkeule. Die Algorithmen – unsichtbare Regisseure dieses Theaters – befeuern, was laut, nicht was wahr ist. Sie fördern den Tumult, nicht den Gedanken. Anonymität verstärkt diesen Prozess. Hinter Masken und Profilbildern tritt das Ressentiment leichtfüßig auf, frei von Konsequenzen, ohne Rückbindung an jene Verantwortung, die klassische Kritik stets verlangte. Nietzsche beschrieb das Ressentiment als das Gift der Ohnmächtigen – im Digitalen aber hat es Macht gewonnen. Es verwandelt sich von der heimlichen Regung zur dominanten Rhetorik. So wird Kritik, einst Instrument des Fortschritts, zur Waffe der Spaltung. Früher sezierte sie Argumente, legte Schwächen frei, um zur Stärkung beizutragen. Heute reicht ein Reflex, ein Impuls ohne Tiefe. Ein Kommentar ersetzt den Diskurs, ein »Gefällt mir« das Argument. Geschwindigkeit triumphiert über Genauigkeit. Die Folgen sind sichtbar. Gesellschaften, die in Ressentiments verfallen, verlieren die Fähigkeit zur Verständigung. Der öffentliche Raum, einst Agora, wird zum Schlachtfeld. Es geht nicht mehr um Wahrheit, sondern um Siege. Sprache, die einst Brücken schlug, wird zur Munition. Der politische Diskurs unseres Landes zeugt davon: aggressiv, entleert, erfüllt von Abwertung. Doch diese Entwicklung ist nicht ohne Vorläufer. Schon die Pamphlete der Französischen Revolution entfalteten eine zerstörerische Kraft, wenn sie nur noch diffamierten, statt erklärten. Schon die Kampfschriften des 20. Jahrhunderts trugen zum Klima der Polarisierung bei, das schließlich in Gewalt mündete.
Das Digitale ist nur die beschleunigte Neuauflage einer alten Versuchung: die Lust am Urteil ohne die Mühe des Verstehens. Der Ausweg liegt in einem Umdenken, das an alte Tugenden erinnert. Bildung und Haltung – zwei Begriffe, die fast aus der Zeit gefallen wirken, und doch aktueller sind denn je. Medienkompetenz als Schutz vor Manipulation, Empathie als Gegengift zum Ressentiment. Und Plattformen, die Verantwortung übernehmen, nicht nur den Tumult zu verstärken, sondern das Maß wiederzufinden. Vor allem aber: Kritik muss zurückverwandelt werden in das, was sie einmal war – ein Angebot. Kein Schlag, sondern eine Handreichung. Kein Triumph über den anderen, sondern der gemeinsame Versuch, Wahrheit zu ergründen. Vielleicht ist genau dies der Anfang. Und vielleicht führt er zurück zu jener Kultur der Kritik, ohne die eine Gesellschaft nicht gedeiht, sondern an ihrem eigenen Groll erstickt.
Aus: „Ich bin konservativ. Was sonst.“ Markus Langemann FiftyFifty/WestendVerlag 2025

Eine Antwort
Hier keimt ein ganz wichtiger Gedanke. Wir reden mit Klimaklebern, mit den neuen Grünen, mit Kriegstreibern, mit den Verfechtern der Migration, den deutschen Antideutschen, mit Verschwörungsleugnern.. Schön. Werden sie mit uns reden? Manche glauben, sie werden mit Gewalt antworten, ich glaube, wir sollten es versuchen. Wenn wir nur Geisterfahrer sehen, ist es vielleicht gut, kurz innezuhalten und auf die eigene Richtung zu schauen. Die Bundesrepublik war einst eine Konsensgesellschaft, das war nicht immer gut, aber viel besser als eine gespaltene Gesellschaft.