von Peter Löcke //
Der weiße Neger Wumbaba! Kleines Handbuch des Verhörens. [1]
So heißt eines der erfolgreichsten Bücher des Journalisten und Schriftstellers Axel Hacke aus dem Jahr 2004. Ich habe dieses Buch geliebt und liebe es immer noch. Lassen Sie sich nicht vom Untertitel verwirren. Thematisiert werden keine Verhörmethoden von Geheimdiensten oder anderen dunklen Kräften. Das Buch handelt vielmehr vom menschlichen Verhören. So wie es Versprecher gibt, so gibt es auch Verhörer. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Sie können psychologischer Natur sein. Menschen neigen dazu, das zu hören, was sie hören wollen statt dem wirklich Gesagten und Gemeinten. Außerdem klingen Begriffe mit unterschiedlichster Bedeutung oft ähnlich oder sogar gleich. In diesem Fall spricht man von Homophonen wie etwa Kälte & Kelte. Langer Vortrag, kurzer Sinn? Der weiße Neger Wumbaba existiert nicht, „der weiße Nebel wunderbar“ hingegen schon. Letzteres ist ein Vers aus dem berühmten Abendlied „Der Mond ist aufgegangen“ von Matthias Claudius.
Geliebt habe ich Axel Hacke nicht nur für seinen humoristischen Sammelband an missverstandenen Lied- und anderen Texten. Auch seine Glossen als einer der Autoren des Streiflichts, der täglichen Kolumne in der Süddeutschen, waren stets ein literarisches Festessen. Damals war die Süddeutsche noch eine Zeitung. Ältere werden sich erinnern. Hinzu kam eine – nun ja – infantile Freude und Eitelkeit. Hacke & Löcke? Das klingt fast ähnlich. Wie schmeichelhaft für mich. Da kann man sich schon mal verhören. Wie sähe wohl ein phonetischer Namens-Kompromiss aus Hacke und Löcke aus? Vielleicht Höcke? Ach du Scheiße – das halte ich aus Vermarktungsgründen für eine schlechte Idee. Schneller Themenwechsel.
Es gibt einen konkreten Anlass, warum ich nach über zwanzig Jahren wieder an Hackes Buch denken musste. Vielleicht haben Sie von dem Fall gelesen. Während eines Livestreams soll ein junger Youtuber die verbotene Parole „Sieg Heil“ verbreitet haben. Das zumindest behauptet die Staatsanwaltschaft Braunschweig und verlangt dafür 16.000 Euro Bußgeld. Das entsprechende Video ist im Artikel von Apollo [2] eingebettet. Bilden Sie sich Ihre eigene Meinung an der Quelle. Meine Analyse lautet: Es handelt sich um einen klassischen Wumbaba. Selbstverständlich verbreitet dort niemand verbotenes, rechtsextremes Gedankengut. Der eigentliche Witz liegt meines Erachtens woanders. In der offiziellen Erklärung heißt es, dass eine Beamtin der Polizei Braunschweig die verbotene Grußformel herausgehört haben will. Für viel wahrscheinlicher halte ich meine Deutung.
Die Kunst des Verhörens sowie die Kunst der Verhörmethoden haben eine neue Stufe erreicht. Behörden durchforsten proaktiv und mittels künstlicher Intelligenz Plattformen, um mit Orwellscher Phantasie verbotene Botschaften erkennen zu wollen. Ich glaube nicht, dass es sich dabei um eine Verschwörungstheorie handelt. Zur Veranschaulichung erzähle ich eine Geschichte, die meiner spontanen kolumnistischen Phantasie entsprungen ist, aber durchaus realistisch erscheint. Hacke wäre stolz auf mich.
Stellen Sie sich zwei befreundete Männer vor, die sich an einem Freitag zum gemeinsamen Angeln am Samstag verabreden. Da beide Kerle, ich nenne sie Matthias und Claudius, toxisch männlich sind, reden sie gerne über ihre neusten weiblichen Eroberungen. Das war jetzt teilweise geflunkert. Männer reden wenig, Angler noch viel weniger. Wie dem auch sei – am frühen Samstag, „Die Sonne ist aufgegangen“, kommt es in meiner erfundenen Geschichte zu einem folgenschweren Begrüßungsdialog, der in doppelter Hinsicht justiziabel ist.
Matthias: Petri Heil!
Claudius: Petri Dank!
Matthias: Ist Sie geil?
Claudius: Ja Gott sei Dank!
Macht in der Summe 32.000 Euro Strafe aufgrund zweier Vergehen gemäß Paragraf 86a des Strafgesetzbuchs für den Fall, dass Matthias und Claudius ihre Smartphones bei sich trugen und dieser Dialog aufgezeichnet wurde. Die erste Straftat ist schnell ersichtlich. Bei „Petry Heil“ respektive „Heil Petry“ handelt es sich um eine verbotene Parole für die ehemalige AfD-Vorsitzende Frauke Petry. Die gründet gerade eine neue Partei. Wehret den Anfängen! Die zweite Missetat ist in Vers drei des Morgenliedes von Matthias und Claudius versteckt. In der chauvinistischen Formulierung „Sie geil“ würden künstliche Intelligenz und Braunschweiger Polizeibeamte eine verbotene Grußformel für einen vor neunzig Jahren in Deutschland wütenden Diktator erkennen. Sprechen Sie es laut und schnell aus und Sie verstehen, was ich meine.
Nichts erscheint im Deutschland des Jahres 2025 absurd genug, dass es nicht schon morgen Realität sein könnte. Um mich und diese Plattform zu schützen, distanziere ich mich selbstverständlich von allen in dieser Kolumne verwendeten umstrittenen Formeln, Begriffen und Menschen, einschließlich des wunderbaren Axel Hacke. Ich gehe davon aus, dass das Handbuch des Verhörens entweder bereits verboten wurde oder in einer Neuauflage unter einem anderen Titel erscheint.
Das weiße N-Wort nicht mehr da! Großes Handbuch des Verhörens.
Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht in jedem Fall die Meinung des Herausgebers wieder.

2 Antworten
Es spricht mir aus der Seele, das Lachen bleibt einem im Hals stecken. Ich habe seit 2 Jahren ein Verfahren am Hals hängen, 1. Instanz Freispruch (Verteidigung Beate Bahner) 2. Instanz nach Berufung der Staatsanwaltschaft 3600 € von ursprünglich 10800 € Strafe, jetzt von mir Revision (Strafverteidiger Dirk Sattelmeier). Grund: FB-Post im Zusammenhang mit den französischen Streiks wg Rentenerhöhung, habe ich den Satz – tatsächlich unwissend – benutzt, Deutschland erwachet – es wird Zeit, dass auch wir früher auf die Straße gehen … Urteilesbegründung: Inzwischen Zugeständnis, dass ich unwissend war, aber nach der Aussage bei der Polizei nicht sofort den Post gelöscht/abgeändert hatte, erst nachdem ich Kenntnis über die Höhe des Strafmaßes 6 Wochen später bekam und auch dann erst, nachdem ich Akteneinsicht durch meine Anwältin erhalten hatte. Bisherige Kosten knapp 9.000 €. Seit 7 Monaten keine Entscheidung über die Revision.
Die Anzeige erfolgte anonym. (Name ist mir bekannt)
ist dieser Löckesche Text, danke für das erbauliche Lesevergnügen, auch an Markus Langemann, der ihn empfohlen hat — passend zu Pfingsten, da ja allerhand Geist unser Gemüt erleuchten soll, was leider nur(mehr?) selten geschieht. Zumindest und also nicht über die Lektüre der SZ und ähnlicher Feuilletons eines Blätterwaldes, der nur noch still steht und schweiget — doch nicht poetisch inspirierend, sondern dumpf, blatt- und nadellos. Möge er im toxischen Wind der über (oder unter?) ihm rotierenden Strommühlen gänzlich verdorren — es gehen neue Wälder auf unter Sonne und Mond, die wir durchstreifen dürfen und tunlichst auch mit eigenen Geistern beseelen sollten. Herzlichen Dank also für eure forstenden Initiativen!
Lucas G. aus W. in Ö.