von Peter Löcke //
Glauben heißt nicht wissen. Geglaubt wird in der Kirche.
Unzählige Male habe ich diese Sätze in meiner Jugend gehört. Tadelnd ausgesprochen von strengen Lehrern und manchmal sogar meinen Eltern. Immer dann, wenn ich eine falsche oder unsichere Antwort auf eine mir gestellte Frage gab, bekam ich als Retourkutsche diese vernichtende Ansage um die Ohren gehauen. Die Kritik war berechtigt. Schließlich wusste ich die Antwort oft wirklich nicht. Im besten Fall glaubte ich sie nur zu wissen. Sprache kann verräterisch sein.
„Ich glaube, dass ich denke, dass wir hier zum Ergebnis kommen könnten, dass …“
Mein vierzehnjähriges Ich neigte zu diesen einleitenden Stottereien. Anschließend redete ich mich um Kopf und Kragen. Glauben und Wissen stehen sich diametral gegenüber. So viel stand fest. Glauben heißt nicht wissen. Glauben heißt Religion, heißt Kirche, heißt Spiritualität. Wer glaubt, ist einfach nur zu faul zum Denken. Wissen hingegen steht für Wahrheit, für Erkenntnis und der Weg zur Erkenntnis liegt bekanntlich im zweifelnden Nachfragen. Als junger Mensch gehörte ich eindeutig zu Team Wissenschaft. Ja was denn sonst?
Ich glaube an die Wissenschaft.
Diesen Satz höre ich heute ständig. Das Glaubensbekenntnis wird voller Überzeugung ausgesprochen von vielen meiner Mitmenschen und manchmal sogar von Lehrern. Das Mantra der Moderne steht eindeutig im Widerspruch zum kleinen Trauma meiner Kindheit. Außerdem scheint es sich um einen Widerspruch in sich zu handeln, um ein Oxymoron. Ich glaube an die Wissenschaft? Ja was denn nun?
Ist Wissenschaft die neue Religion?
Die Frage drängt sich geradezu auf. Sind all die Experten, die mir rund um die Uhr im journalistischen Bibel-TV präsentiert werden, nur Pfaffen, die mir die unfrohe Botschaft der Regierung verkaufen? Ich gehe der Frage auf den Grund, indem ich Priester und Bischöfe überspringe und mich direkt dem Papst der Wissenschaft widme. Das ist selbstverständlich Christian Drosten. Ja wer denn sonst?
Drosten glaubt schon an Zahlen
„Wir brauchen Abkürzungen bei der Impfstoffzulassung.“ Das verkündete Christian Drosten am 18.03.2020 im auch so betitelten NDR Podcast 16 [1]. Er begründete seine Forderung mit einer taufrischen Modellierung vom Imperial College, die so neu war, dass er sie nur kurz vor der Sendung überfliegen konnte. Er las in der Studie sogar während des Interviews. Ist so. Steht alles im Transkript. Nun weiß man über Modellierungen, dass es sich dabei um Zukunftsprognosen handelt, um einen Blick in die Glaskugel. Glaubt Drosten also daran oder weiß er es? Wie beschlagen sieht eine durchschnittliche Glaskugel aus? Lassen wir Drosten selbst sprechen.
„Aber ich denke, wir müssen jetzt diesen Denkprozess unter Experten in der Wissenschaft starten, auch ungewöhnliche Optionen zu denken, wenn wir an diese Modellierungszahlen glauben. Und ich glaube schon an diese Zahlen.“
Der Punkt wäre geklärt. Drosten glaubt schon an diese modellierten Zahlen. Und die anderen Experten in der Wissenschaft sollen auch glauben. Nun ist es nur fair, neben dem gläubigen Drosten einen skeptischen Wissenschaftler als Gegengewicht zu präsentieren. Audiatur et altera pars! Man sollte immer auch die Gegenseite hören.
Drosten steht Zahlen skeptisch gegenüber
„Also, ich habe immer meine Reserviertheiten gegen solche Modellierungen, weil, wie ich das vorhin schon mal sagte, immer grobe Annahmen getroffen werden. (…) Und man kann da wirklich auch skeptisch sein.“
Die Gegenseite heißt ebenfalls Christian Drosten. Er ist Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Die Aussage fiel übrigens direkt im Anschluss zum ersten Zitat. Da kann man kaum von einem Rückschaufehler reden. Drosten glaubt an modellierte Zahlen, denen er im nächsten Moment generell skeptisch gegenüber steht. So argumentiert kein Wissenschaftler. So predigt auch kein Pfarrer. So spricht ein Scharlatan, ein mit dem weißen Talar Arztkittel verkleideter Wissenschaftsgötze.
Der Glaube an den Götzen Wissenschaft
Drosten ist weitestgehend Geschichte? Das mag sein. Nicht verschwunden ist das Phänomen Drosten. Dutzende andere Wissenschaftsgötzen sprießen wie Unkraut aus dem Boden und predigen ihre okkulten Lehren. Aus Ihren Predigten wiederum erwachsen die Taten ihrer Gläubigen. Das sind in diesem Fall ganze Gesellschaften und nicht mehr nur eine überschaubar große Scientology Sekte. Wer kennt das nicht aus seiner medialen Lebenspraxis?
Man schaltet den Fernseher an und schon predigt ein Experte. Der weiß natürlich mehr als man selbst. Dem hat man zu glauben. Man klickt einen x-beliebigen Artikel an, dessen apokalyptische Botschaft sich auf eine Studie beruft. Selbstverständlich stammt diese Studie von einem renommierten Institut. Der Studie hat man zu glauben. Oder wollen Sie ein Ketzer oder eine Hexe sein respektive Leugner?
Ja. Ich bin ein Ketzer. Ich glaube nicht. Ich weiß um die Gefahr einer solchen Untertänigkeit. Das wussten schon intelligentere Persönlichkeiten wie der großartige Philosoph und Psychoanalytiker Erich Fromm. Der warnte bereits 1975 vor dem Götzen Wissenschaft [2].
Wissenschaftsgläubig ist fast jeder
Erich Fromm wurde nach dem Milgram Experiment gefragt. Jenem Experiment, bei welchem Probanden anderen Menschen auf Anweisung eines Versuchsleiters vermeintlich Elektroschocks zufügten. Fromms fünfzig Jahre alte Antwort nach dem Warum hat an Aktualität nichts verloren. Laut Erich Fromm liegt das an der menschlichen Geneigtheit sich zu fügen, wenn die Anweisungen im Namen höherer Mächte ausgesprochen werden. Welcher Macht konkret?
„Die höchste Macht für den modernen Menschen ist nicht die Religion (…) sondern die Wissenschaft. (…) Wenn also in dem Milgram Experiment diese Psychologen im Namen der Wissenschaft verlangen, dass es nötig ist, diese Quälereien durchzuführen … ja, das ist noch viel wirksamer als wenn Sie das im Namen Gottes verlangen würden, denn wissenschaftsgläubig ist fast jeder heute.“
Warum quälen Menschen andere Menschen? Erich Fromm bringt es auf den Punkt.
„Weil diese Menschen ihr eigenes Gewissen und ihre eigenen Gefühle geopfert haben dem Götzen Wissenschaft.“
Das Wissenschafts-Quiz
Man sollte bei aller Ernsthaftigkeit des Themas nie den Humor verlieren. Daran glaube ich fest. Ob Detektivromane, Kreuzworträtsel oder Ratesendungen – als neugieriger Mensch liebe ich Geheimnisse. Vielleicht geht es Ihnen ähnlich. Also habe ich für die Leser des Clubs der klaren Worte ein Wissenschafts-Quiz vorbereitet. Von wem stammt das nachfolgende Zitat?
„Wir müssen jetzt wirklich, glaube ich, das ist meine persönliche Meinung, das werden viele, auch Wissenschaftler, anders sehen als ich, aber ich muss wirklich sagen, ich habe mich in den letzten Tagen ja sehr intensiv mit diesen Dingen auch befasst, weil ich eben dann auch von Politikern gefragt wurde, Antworten zu geben, die ich mir selber nicht geben kann.“
a) vom vierzehnjährigen Ich des Kolumnisten, der sich mit hochrotem Kopf um Kopf und Kragen redete und dafür von seinen Lehrern gemaßregelt wurde?
b) von Christian Drosten, der damit vor aller Welt durchkam?
Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht in jedem Fall die Meinung des Herausgebers wieder.

6 Antworten
Es ist kompliziert. Ich gestehe, dass ich auch auf das Heilsmittel Corona-Impfung hereingefallen bin (drei mal!), weil ich der Wissenschaft vertraut habe. Ein Fehler, wie ich heute weiß. Ich habe heiß mit Impfgegnern diskutiert – meine Meinung war falsch, wie ich heute weiß. Das führt aber zu einem Dilemma: Wem kann man noch glauben? Natürlich kann ich wochenlang Rede und Gegenrede lesen, aber bekomme ich davon eine gefestigte Meinung? Ich habe mich zumindest bei den Corona-Gegnern für meine damalige Überzeugung entschuldigt. Die aktuellen Probleme in der Politik: Wem kann ich glauben? Es ist immer noch kompliziert.
Scientology ist keine Glaubenslehre
… und damit auch keine Wissenschaft, die man als Mitglied „glauben“ muss. Religionsstifter L. Ron Hubbard hat an zahlreichen Stellen seiner Werke die Bedeutung der Selbstbestimmung durch das Individuum betont, Zitate:
„Ich kenne niemanden, der ein Monopol auf die Weisheit dieses Universums hat.
Sie gehört jenen, die sie benutzen können, um sich selbst und anderen zu helfen.“
„Für Sie ist das wahr, was Sie selbst beobachtet haben. …
Nichts in der Scientology ist für Sie wahr, sofern Sie es nicht beobachtet haben,
und es ist wahr entsprechend Ihrer Beobachtung.“
„Der Mensch ist als selbstbestimmter Organismus gedacht. Das heißt, solange er seine Daten ohne künstliche Zwänge oder Verdrängungen … auswerten kann, vermag er mit maximaler Leistungsfähigkeit zu arbeiten.“
Aus: Dianetik, Der Leitfaden für den menschlichen Verstand
„Sei dein eigener Ratgeber, bilde dir deine eigene Meinung und triff deine eigenen Entscheidungen.“
L. Ron Hubbard, aus dem Ehrenkodex 1954
Vor diesem Hintergrund haben Sie vollkommen recht, wenn Sie dafür eintreten, dass Leute nicht einfach irgendetwas glauben sollen, was ihnen als „Wissenschaft“ verkauft wird, sondern sie sollen selber denken, selber forschen, selber hinschauen und sich selbst ein Bild machen. In dieser Richtung können wir Ihnen nur zustimmen.
E.Altendorfer
Scientology Kirche Deutschland e.V.
Und das Verrückteste ist natürlich, dass das alles passieren konnte rund um Corona, nachdem sich die moderne Medizin als neues Diktum, das die Scharlatanerie verhindern sollte, die Evidenzbasierung gegeben hatte. KI sagt, „ Evidenzbasierte Medizin (EbM) ist ein Ansatz in der Medizin, bei dem medizinische Entscheidungen auf der Grundlage der besten verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse getroffen werden, anstatt sich ausschließlich auf Tradition, Erfahrung oder Intuition zu verlassen. EbM integriert klinische Expertise, Patientenvorlieben und die Ergebnisse systematischer Forschung.“. Und was macht mein Schreibprogramm daraus? Es schreibt oben „verfeinern“ statt „verhindern“! Da sage noch einer die Digitalisierung wüsste nicht worum es geht. Hah, sie liefert sogar den Freudschen Versprecher! „Verfeinerung der Scharlatanerie auf der Basis von Datensalat und daraus gefilterten Meinungen!“ Man kann also heutzutage Wissenschaftler sein und ganz ohne Evidenz auskommen. Und warum ist das so? Weil sich der moderne Massenmensch an die tägliche Lüge gewöhnt hat, ja sie selber aktiv betreibt, um sein nacktes Überleben zu sichern. Wenn alle lügen, ist Lüge Wahrheit und Wahrheit Lüge.
Der neue Götze „Wissenschaft“, an den die meisten Menschen als neue Religion glauben, kann nur bestehen weil sie keine Ahnung haben, was Wissenschaft ist. Unsere Schulen und Universitäten versagen ja auf ganzer Linie, ihren Schülern auch nur eine Ahnung davon zu vermitteln, gerade davon, dass Wissenschaft nichts mit Glauben zu tun hat. 90 % der an Universitäten Lehrenden sind überhaupt keine Wissenschaftler im strengen Sinn, sie sind nur Wiederkäuer wissenschaftlicher Lehrmeinungen. Der wissenschaftliche Fortschritt wird von den restlichen 10 % vorangetrieben, immer eingedenk dessen, dass jede Theorie nur eine Hypothese ist, die jederzeit widerlegt werden kann. Was da entsteht im stetigen Wechsel von These, Antithese und Synthese, nennt man wissenschaftlichen Fortschritt. Das heißt, jede Theorie ist nur solange gültig, bis sie widerlegt wird. Danach wird sie Aberglaube. Da Massenmedien nicht an Wahrheit und Objektivität interessiert sind, sondern ihr Geld mit Skandalisierung machen, fallen sie als erste auf die Scharlatane herein, die es immer wieder in der Wissenschaft gegeben hat. Nun sind Virologen die „Traumtänzer“ der Medizin, sie forschen meist ohne direkte Verbindung zum klinischen Alltag über etwas, das man mit bloßem Auge nicht sehen kann, manche sagen, das es garnicht gibt. Dass ein Drosten seine widerspruchsvollen Sätze den Journalisten andrehen konnte, geschenkt, dass jedoch die Mehrzahl der Mediziner in der sog. Pandemie bereit war, „Tote an und mit Corona“, den „Maskenzirkus“ und ganz generell „Erkrankte ohne Symptome“ zu akzeptieren, zeigt auf wie brüchigem Fundament Wissenschaft ganz generell steht, wenn sie mit der Macht kollidiert.
Ja, auch ich stamme aus dem letzten Jahrtausend. Kann mich so deutlich erinnern, als sei es gestern gewesen. …All meine Gedanken und Fragen, die nie ausreichend beantwortet wurden. Immer ausweichen und Themenwechsel. Oder offensichtlich 2-erlei Maß für verschiedene Menschen- was dann abgestritten (=geleugnet!) wurde….
Ich bin also Zeitzeuge, und während diese „Spezies“, wenn es um Holo… geht, hofiert wird, werde ich mit „Schlagworten“(= schlagende, verletzende Zuschreibungen) wie Babyboomer (= Masse statt Klasse) als Umweltsau ( Zitat!) und Verschwender, unsolidarisch mit der „zahlenden, jungen Generation“ beschimpft.
Ich soll scheinbar vor lauter schlechtem Gewissen und Scham am besten vom Erdboden verschwinden. Bevor ich noch mit meinen Argumenten, aus Erinnerung gespeist, Einfluss nehmen kann!
Es war nie wichtiger, zu widersprechen, mutig für die Wahrheit einzustehen. Aber das bedarf eines inneren Kompasses, einer innewohnenden Orientierung an meinen eigenen Werten.
Und diese waren immer sehr streng, oft nicht kompatibel mit geltenden Moral-Vorstellungen meiner Umgebung. Nicht lauwarm, nicht „rechtliche Grauzone“.
„Du sollst nicht lügen!“ Gott/= dein Gewissen, sieht und hört ALLES! Daran habe ich mich gehalten, dafür habe ich konsequent auch Dresche gekriegt- trotzdem habe ich weiterhin die Wahrheit gesagt.
Es wäre für mich nur scheinbar bequemer gewesen, einfach zu lügen- mein schlechtes Gewissen hätte mir keine Ruhe gelassen.
Meinem Enkel dagegen geht heute die Lüge so selbstverständlich von den Lippen, dass ich mich frage, ob er völlig orientierungslos ist, oder ob es daran liegt, dass eine ganze Bevölkerung ihre Seele an den Profitgötzen verscherbelt hat. Dass er nur spiegelt, was in der Welt passiert, was Eltern, Lehrer, Mitschüler vorleben….
Wenn Drosten an der Wahrheit interessiert wäre, hätte er niemals so gesprochen und schon gar nicht so gehandelt, wie wir es erlebt haben und wahrscheinlich weiter beobachten können. Er hat 2 Bundesverdienstkreuze erhalten. Ich nehme an, dass er das dritte bald bekommen wird. Dabei sind bestimmte Äußerungen und Handlungen nicht zu bemängeln. Die sind notwendig.