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NS2 und der Hersh-Check

von Dr. Johanna Weber

Die ARD überprüfte kürzlich in ihrem Faktencheck [1] den Artikel von Seymour Hersh, in dem dieser behauptet, die Sprengung von Nordstream 2 sei von Tauchern der US-Navy mit Hilfe des norwegischen Militärs während der NATO-Übung BALTOPS 22 vorbereitet worden [2]. Laut der ARD hielten Details des Berichtes von Hersh einer Überprüfung nicht stand. Aber…ist das so? Was im Verlauf deutlich werden wird: der Faktenchecker verwendet eine nicht journalistisch-neutrale Zwischenüberschrift („…weitere Unstimmigkeiten“) und macht Fehler aufgrund mangelnder Englischkenntnisse. Zudem wird nicht klar kommuniziert, welche Plattform für die Recherche des von der ARD zitierten Analysten genutzt wurde, was es erschwert, den Faktencheck zu überprüfen. Außerdem versucht die ARD gefühlt, eine Art Kontaktschuld in Bezug auf Hersh und Russland herzustellen. Dies wirkt wie ein Versuch, Hersh zu diskreditieren. Dass Inhalte gleich zweier Berichte, die die ARD selbst zum Thema  veröffentlicht hatte (s. u.), der Version von Hersh durchaus nicht widersprechen, erwähnt die ARD allerdings nicht… 

Laut der ARD hatte der russische Außenminister Lawrow behauptet, der Westen würde Informationen bewusst zurückhalten, um die eigene Täterschaft zu vertuschen. Auch würden laut Lawrow die Aussagen von Hersh zu Vorkommnissen an den Leitungen übereinstimmen [1]. Korrekt ist, dass die schwedischen und auch die deutschen Behörden bisher kaum Informationen geliefert haben  [3, 54]. Dies wird nicht nur von Lawrow kritisiert [3]. Dass Weißes Haus, CIA und norwegische Marine sich dahingehend äußern, dass die Vorwürfe von Hersh falsch seien, verwundert nicht, schließlich handelt es sich um eine verdeckte militärische Operation mit genau diesen Beteiligten. Kein Sprecher der erwähnten Stellen hat bisher unter Eid zum Thema ausgesagt [55]. Die USA hätten laut Hersh in diesem Zusammenhang interne Gremien wie Kongress, Senat und Gang of Eight aus dem Prozess herausgehalten, um die Operation möglichst geheim zu halten. Operationen der Navy müssen nicht von Kongress und Senat genehmigt werden, auch nicht von der sogenannten Gang of Eight, die sich aus Mitgliedern dieser beiden Gremien zusammensetzt [2]. So sollte vermieden werden, dass Informationen nach außen dringen. Aus diesem Grund, und auch weil die Navy bereits Erfahrung mit einer ähnlichen Operation (Ivy Bells) hatte, bei der ein russisches Unterseekabel gesprengt wurde, sei sie laut Hersh ideal für die Operation geeignet gewesen [2, 5]. Dies sind natürlich keine Beweise für irgendetwas, Indizien sind es allerdings schon.

Wie bereits erwähnt gibt die ARD nicht an, dass sich Teile des Artikels von Hersh mit ihren eigenen Berichten [6, 7] decken. Die Ergebnisse deutscher Ermittler, welche auch in dem anderen Bericht der ARD dargelegt werden, widerlegen die Aussagen von Hersh nämlich zunächst nicht. Die Röhren wurden nach bisherigen Ergebnissen mit militärischem Sprengstoff von außen gesprengt, der Tauchgang ist aufgrund der großen Wassertiefe von 80 m – und damit über 50 m wie der BND bestätigt – keine Standardoperation; die Schweden haben Informationen zum Hergang, die sie bisher zurückhalten, und auf russischen Militärbasen, von denen aus russische Kräfte den Einsatz hätten durchführen könnten, wurde keine erhöhte Aktivität registriert [7]. All dies deckt sich mit dem Bericht von Hersh. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die ARD, so wirkt es zumindest, versucht, Hersh dadurch zu diskreditieren, dass die Russen Hersh zustimmen würden, obwohl ihr eigener Artikel selbst sagt, dass es bisher keinen Hinweis auf eine russische Beteiligung gibt. Weiterhin rückt die ARD Hersh in die Nähe von Behauptungen westlicher Medien, etwa dass Russland am Abschuss von MH-17 beteiligt gewesen sei, obwohl dies nach wie vor kontrovers gesehen wird; vor Allem aber hat es nichts mit dem Thema zu tun [1, 2, 7]. Ebenso äußert sich Hersh kritisch zum Verhalten von US-Präsident Biden im Ukraine-Konflikt und wirft Selenskyj vor, seine eigenen Leute dadurch zu töten, dass er den Ukrainekrieg nicht beendet [2]. Diese Äußerungen werden von der ARD als haltlos und dem russischen Narrativ entsprechend bezeichnet [1]. Ob sie tatsächlich haltlos sind, müsste erst noch geprüft werden, die ARD sollte dies aber nicht einfach nur ohne Belege behaupten. Auch dass deutsche Haushalte unzufrieden mit der Energiepolitik der Bundesregierung seien, bezeichnet die ARD als haltlos [1, 2]. Umfragen belegen allerdings, dass genau dies der Fall ist, diese Aussage von Hersh lässt sich daher sehr wohl belegen [8].  

Unter anderem zitiert die ARD auch den deutschen Bundeswehrangehörigen Kapitän zur See Giss. Er sagt, die Ostsee sei sehr gut durch die NATO überwacht [9]; dies wird von anderen Quellen bestätigt [6, 10, 36]. Giss stellt in diesem Zusammenhang die These auf, dass es russische Kräfte mit einem Kleinst-U-Boot gewesen sein könnten. Wie das genau abgelaufen sein könnte, wenn die Ostsee so gut überwacht ist, erläutert Giss hierbei nicht. Die Kleinst-U-Boot-These widerlegt ein weiterer von der ARD zitierter Experte dann auch in einem anderen Artikel [6]. Wertet man die Aussagen der Experten insgesamt aus, so ist eine russische Beteiligung also unwahrscheinlich.

Die ARD spricht in ihrem Faktencheck von „weiteren Unstimmigkeiten“, ohne deutlich zu machen, worin überhaupt die initialen Unstimmigkeiten bestanden hätten [1]. Die „weiteren“ jedenfalls bestehen laut einem einzelnen Zivilangestellten der Bundeswehr darin, dass sich in einer laufenden Übung ein einzelnes Schiff nicht so einfach aus dem Flottenverband lösen und verdeckt agieren kann [6]. Sie lassen sich aber leicht erklären, wenn die Operation gut in die Übung integriert ist und alle Beteiligten sie für einen normalen Teil der Übung halten, wie Hersh es mit der Integration einer Forschungsmission der Navy in die Übung [11] und entsprechenden Briefings für Dänemark und Schweden ja auch dargestellt hat [2]. Dies könnte laut Berichten, die sich mit Hershs Version decken, also der Fall gewesen sein [12]. Auch diesen Punkt aus Hershs Artikel hat die ARD demnach nicht widerlegt.

Zwar hat nach offiziellen Angaben der norwegischen Marine kein Schiff der Alta-Klasse am Manöver teilgenommen [1], wohl aber ein Schiff der fast baugleichen Oksøy-Klasse, die M343 KNM Hinnøy. Diese war zumindest in der Nähe (16 km entfernt) der später gesprengten Pipelineabschnitte unterwegs [1, 4, 15]. Dies lässt sich auf der von der ARD als „open source intelligence“ bezeichneten und damit nicht konkret angegebenen Seite marinetraffic.com [15] leicht überprüfen; es ist dieselbe, die auch der von der ARD zitierte Analyst Oliver Alexander benutzt hat. Auf dieser Seite können Schiffsbewegungen nachverfolgt werden. Hier allerdings zeigen sich auch recht schnell die Unstimmigkeiten, aber nicht im Bericht von Hersh, sondern im Faktencheck der ARD.

Laut Wikipedia wurde die KNM Alta vor dem 23.07.2022 verschrottet [13]. Das steht im Widerspruch zu den Angaben des von der ARD zitierten Analysten Oliver Alexander, welcher ein Foto zeigt, auf dem die Alta am 23.07.2022 angeblich noch zu sehen ist [4]. Auch laut marinetraffic.com ist sie noch aktiv, d.h. nicht verschrottet, hat sich allerdings seit mindestens 6. März 22 nicht bewegt, d.h., sie war am 29.06.2022 wohl nicht zusammen mit den Schleppern KNM Sleipner und Mjolner unterwegs, wie Oliver Alexander behauptet. Sie wird am 29.06.2022 im Tracker eindeutig nicht zusammen mit Sleipner angezeigt. Ob die Transponderdaten der M350 KNM Alta zu irgendeinem Zeitpunkt manipuliert worden sind, um die Mitarbeit des Schiffes an der Sprengung von Nordstream 2 zu verschleiern, ist schwer zu sagen. Allerdings wäre es eher unlogisch, eine militärische Geheimoperation durchzuführen, während jeder das Schiff online verfolgen kann. Die Behauptung, das Schiff solle verschrottet werden und liege deswegen schon länger still, während es außen schrottreif aussieht, innen aber alles noch funktioniert, wäre natürlich eine sehr gute Tarnung. Die Schiffe des US-Militärs lassen sich z.B. auf marinetraffc.com nicht verfolgen, vermutlich aus genau solchen Gründen der militärischen Geheimhaltung. Und Berichte über Schiffe mit ausgeschaltetem Transponder hat es gegeben [42]. Warum also nicht auch in diesem Fall?

Ein weiteres Schiff, das zum Zeitpunkt von BALTOPS 22 in der Nähe der gesprengten Abschnitte unterwegs war, ist die estnische M314 Skala. Diese hat zufällig genau die gleiche Kennung wie die am Manöver teilnehmende M314 KNM Hinnøy und ein weiteres Schiff der norwegischen Marine namens Alta, nämlich das außer Dienst gestellte Museumsschiff M314 Alta [16, 17]. Die M314 Skala wurde 2008 von der estnischen Marine in Dienst gestellt, nachdem diese sie von der Royal Navy erworben hatte. Bei der Skala handelt es sich um ein Minenjagdboot [17]. Hersh sagt, die Alta sei „dort“ gewesen, „the ship was there, the Alta was there“ [18].  Ist hier die norwegische M314 KNM Hinnøy aufgrund der gleichen internen militärischen Kennung vielleicht mit der estnischen Skala oder der bereits außer Dienst gestellten M314 KNM Alta verwechselt worden, entweder von Hersh oder von seiner Quelle, welche ja nur im Planungsraum und nicht vor Ort anwesend war? Es wäre nicht abwegig, für eine Geheimoperation ein Schiff auszuwählen, das leicht verwechselt werden kann. Oder war die  M350 KNM Alta doch vor Ort, aber eben mit ausgeschaltetem Transponder? An dieser Stelle muss gesagt werden, dass an BALTOPS 22 viele Boote beteiligt waren, die in irgendeiner Weise mit Minen operieren können [19]. Selbst wenn die M350 KNM Alta oder die M314 KNM Hinnøy nicht wie von Hershs Quelle behauptet beteiligt waren, kämen verschiedene andere Schiffe infrage, die auch am Manöver teilgenommen haben. Selbst wenn die Version von Hersh nicht haargenau stimmt, ist das Manöver BALTOPS 22 zur Tarnung auf jeden Fall sehr gut geeignet. 

Auch wenn die Analysten, die die ARD zitiert, bezweifeln, dass die M314 KNM Hinnøy oder ein anderes Schiff aus der BALTOPS 22-Formation nah genug waren, um unbemerkt das Gebiet der Sabotage zu erreichen oder ein entsprechendes Team abzusetzen [1, 4], muss die Frage gestellt werden, ob man von der M314 Skala, der M314 KNM Hinnøy, oder von welchem in der Nähe befindlichen Schiff aus auch immer, auf anderem Wege zur Detonationsstelle hätte gelangen können, etwa per Hubschrauber. Hubschrauber vom Typ Sikorsky UH-60 Seahawk hatte die US-Marine zum Manöver BALTOPS 22 dabei [14]. Dieser Hubschrauber kann je nach Modell eine Außenlast von 3000 bis 4000 kg und bis zu 14 Passagiere tragen [20, 21, 22, 23]. Dies würde es, eventuell mit etwas Aufwand, ermöglichen, als Außenlast anstatt einem Waffensystem die für die Sprengung laut Experten benötigten rund 1,5 Tonnen Sprengstoff mitzuführen [1]. Hersh spricht in einem Interview [18] zudem von einer für den Tauchgang mitgeführten Dekompressionskammer. Auch die kann man per Helikopter transportieren [24]. Der Seahawk kann zudem Sonarbojen absetzen [20, 21, 22, 23]. Dass laut ARD auf einem Video der nach dem Manöver in Kiel einlaufenden Schiffe keines eine Dekompressionskammer an Deck hat, ist damit kein Beweis dafür, dass beim Manöver keine Kammer genutzt worden ist. Sie kann per Hubschrauber transportiert oder, wie bei der  ebenfalls an BALTOPS 22 beteiligten belgischen M924 Primula, in einem Container an Deck aufgestellt werden [25]. Auch hier wurde Hersh also nicht widerlegt.

Laut Hersh hat das norwegische Aufklärungsflugzeug P-8, das erst kürzlich von Boeing an die norwegische Luftwaffe geliefert wurde, am 26.09. eine Sonarboje in die Ostsee fallen lassen, mit der die Sprengsätze später gezündet wurden. Die norwegische Luftwaffe dementiert dies und behauptet, die P-8 sei bisher nur im inländischen Luftraum unterwegs gewesen [1]. Dies deckt sich zwar mit den Daten, die man über die Luftraumbeobachtungsplattform Radarbox online zu Flügen dieses Flugzeugs abrufen kann:, es gibt jedoch auch Daten, die man nicht abrufen kann: das Flugzeug ist angeblich vom 22. bis 29.09.2022 nicht geflogen, der Status bei Radarbox stand in diesem Zeitraum zeitweise auf N/A, d. h. nicht verfügbar [26]. Auf der Plattform ist es für Regierungen und Militär auf Anfrage möglich, den Status von Luftfahrzeugen nicht offen anzeigen zu lassen [26]. Auch hier muss man anmerken, dass es nicht logisch wäre, im Rahmen einer militärischen Geheimoperation Flugrouten der beteiligten Luftfahrzeuge offen im Internet zu zeigen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass im Rahmen verdeckter Militäroperationen eine Deaktivierung von Transpondern möglich ist. Ob das in diesem Fall so war, ist nicht ohne Weiteres prüfbar. Auch nicht, ob ein Flugzeug oder ein Helikopter von der im September 2022 in der Nähe befindlichen USS Kearsarge stattdessen den besagten Flug unternommen haben könnte [27]. Flugdaten zeigen zudem, dass ein P-8-Aufklärungsflugzeug der US Navy an dem Tag über der Ostsee geflogen ist – allerdings erst mehr als eine Stunde nach dem Zeitpunkt der Explosion [1]. Somit lässt sich dieses Detail in Hershs Bericht nicht beweisen [1], allerdings auch genau wie die bisher besprochenen nicht widerlegen. Ob das US-Flugzeug seinen Transponder deaktiviert hat oder ob vielleicht die norwegische P-8 dies getan hat, ist unklar, ebenso wenig, ob eines der beteiligten Schiffe dies getan hat oder ob von einem Schiff aus mit einem Militärhubschrauber agiert worden ist. Unmöglich ist all das allerdings nicht, und es passt zu einer ähnlichen Quelle, die sich übereinstimmend mit Hersh äußert [12]. Demnach hatte eine bei der Übung teilnehmende Person sich übereinstimmend mit Hersh geäußert, und zwar insofern, dass auf dem Schiff, auf dem sie während BALTOPS 22 anwesend war Spezialtaucher aus den USA das Anbringen von Minen genau am Ort der späteren Sprengung geübt hätten. Diese Taucher waren nur für den Teil der Übung im Bereich der Pipelines an Bord, sie seien später mit dem Hubschrauber abgeholt worden [12].

Die ARD behauptet des Weiteren, es gebe Unklarheiten zu den Details der Detonationen. Hersh wird von der ARD so zitiert, dass die Taucher den plastischen Sprengstoff C4 „in Form von Pflanzen auf den vier Pipelines mit Betonschutzhüllen“ platziert hätten. Die ARD äußert dahingehend Zweifel an der Version von Hersh, da ein pflanzenförmiger Sprengstoff laut einem Experten keinen Sinn machen würde [1] und da schließlich nur drei der vier Röhren zerstört worden wären; eine Röhre von Nord Stream 2 blieb unbeschädigt [1]. Ob Sprengladungen versagten oder ob ein Viertel der Transportkapazität bewusst verschont blieb, ist, Stand heute, unklar. Trotzdem ist es möglich, dass der Sprengstoff zunächst an allen vier Röhren platziert wurde, und Hersh selbst berichtet korrekt, dass nur drei Röhren zerstört worden waren [2]. Die Übersetzung „pflanzenförmig“, die die ARD vorgenommen hat, ist zudem schlicht falsch. In Hershs Artikel ist das Verb to plant gemeint, also das Anbringen des Sprengstoffs, und das Wort shaped lässt sich übersetzen mit ausgeformt oder vielleicht auch bombiert, d.h. gewölbt geformt [28]. Die ARD widerlegt Hersh also wiederum nicht, sondern äußert lediglich weitere Zweifel an seiner Version, die sie auch noch falsch übersetzt und damit nicht einmal komplett verstanden hat.

Auch Hershs Part zu NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg werfe laut der ARD Fragen auf. Hersh schrieb, der ehemalige norwegische Ministerpräsident sei ein Hardliner in Sachen Putin und Russland und habe seit dem Vietnamkrieg mit dem US-amerikanischen Geheimdienst zusammengearbeitet [2]. Dafür sei er im letzten Jahr des Vietnamkrieges laut der ARD aber zu jung gewesen [1]. Fakt ist, dass Stoltenberg schon seit 1979, d.h. kurz nach Ende des Vietnamkriegs, in der Jugendabteilung der Schwedischen Arbeiterpartei politisch aktiv war [29]. Da war er zwar offiziell gegen die NATO, aber ob er dort schon Kontakte zu Geheimdiensten hatte, weiß niemand außer ihm und den Geheimdiensten, und vermutlich auch nicht die ARD. Auch hier hat die ARD also keine Beweise geliefert, die Hersh zweifelsfrei widerlegen würden.

Die ARD thematisiert zudem die Frage, warum Hersh seinen Artikel nicht der New York Times angeboten hatte, für die er lange gearbeitet hat. Hersh hatte hierzu in einem Interview gesagt, dass die New York Times zu Themen, die mit dem Ukrainekrieg zusammenhingen, bereits eine feste Meinung hätte. Es liegt auf der Hand, dass man einen Artikel nicht jemandem anbietet, bei dem die Chancen auf Veröffentlichung ohnehin gering sind. Die Glaubwürdigkeit des Artikels hängt allerdings nicht von der Art der Veröffentlichung ab und widerlegt nicht den Inhalt [30].

Komplett außen vor lässt die ARD die von Hersh dargelegte Motivlage für den Anschlag auf die Pipelines sowie Äußerungen verschiedener Akteure im Vorfeld [1]. Was die Zusammenarbeit mit Norwegen für die USA attraktiv machen würde, ist, dass die USA militärisch bereits in den Bereichen Unterseebote und Luftwaffe kooperieren. In diesem Zusammenhang wurde das Supplementary Defense Cooperation Agreement SDCA in Kraft gesetzt, welches es den USA laut Hersh unter anderem ermöglicht, juristisch gegen norwegische Staatsbürger vorgehen, die verdächtigt oder beschuldigt werden, die militärische Arbeit der USA auf norwegischem Territorium zu behindern [2, 48, 49, 50, 51, 52]. 

Nordstream 2 würde zudem laut Hersh die in Deutschland zur Verfügung stehende Gasmenge annähernd verdoppeln [2]. Das ist für die USA natürlich ungünstig, aber auch für Norwegen und Polen, denn die USA und Norwegen würden laut Medienberichten selbst gern Gas an Deutschland verkaufen, und Polen ist ein wichtiges Transitland für das aus Norwegen gelieferte Gas [31, 37]. Polen hatte fast zeitgleich mit der Sprengung seine Pipeline Baltic Pipe eröffnet [40]. Schon im Vorfeld hatten sich zudem Präsident Biden, Undersecretary of State Nuland, Secretary of State Blinken und NSA Adviser Jake Sullivan negativ zu Nordstream 2 geäußert [2, 32, 33]. Der Sohn von Joe Biden ist laut verschiedenen Quellen zudem über den Gaskonzern Burisma mit dem ukrainischen Energiesektor verflochten, und auch die Ukraine wurde laut Berichten neuerdings in den Kreis der Tatverdächtigen aufgenommen [34, 35, 41, 42]. Nach dem Ausfall von Nordstream 2 wird die Ukraine als Transitland für russisches Gas nach Aussage von Hersh noch wichtiger [2].

Die mit Gazprom verpartnerte schweizerische Nord Stream AG hat laut Hersh als Anteilseigner viele russische Finanziers aus Putins Umfeld. Gazprom hält 51 %; den Rest halten vier europäische Firmen aus Frankreich, den Niederlanden und Deutschland, welche von der Pipeline profitieren [2, 39]. Auch der russische Staat hält Anteile an Gazprom [2, 39]. Wenn Deutschland Gas aus Russland kauft, profitiert, wenn man Hersh glaubt, also Russland, ebenso aber auch Deutschland, denn das Gas ist günstig [36]. Russland hätte daher laut Hersh kein Motiv, die Pipelines zu sprengen [41]. 

Sanktionen wurden jedenfalls gemäß Hersh als eine Möglichkeit betrachtet, die Russland zu langsam und nicht endgültig an Gaslieferungen nach Deutschland hindert [2, 43, 44, 45]. Die Gruppe der mutmaßlichen Täter zog vielleicht deswegen letztlich die  irreversible Aktion vor. Bei einem faktisch vorliegenden Defekt kann auch niemand mehr verhandeln, anders als bei Verträgen und Sanktionen, so sagt Hersh [2]. Dies ist ein Vorteil. Scholz hatte sich für mehr europäische Autonomie ausgesprochen. Deutsche Energieregulatoren hatten die Zustimmung zur Pipeline zunächst verweigert [46]. Eine deutsche Abhängigkeit von russischem Gas hätte Berichten zur Folge dazu geführt, dass Deutschland sich im Ukraine-Konflikt diplomatisch gegenüber Russland hätte positionieren müssen [38]. Daher war Eile geboten, so sagt die Quelle von Hersh [2]. Blinken [47] und Nuland äußerten sich nach dem Anschlag dahingehend, dass die USA davon profitieren würden, weil Russland nun über Gaslieferungen keinen Druck mehr auf Deutschland ausüben könnte [2]. Was Russland übrigens laut einem deutschen Journalisten nicht gemacht hat, trotz aller Sanktionen hat Russland Deutschland weiter mit Gas beliefert [53].

Die Version von Hersh ist also in Teilen korrekt, andere Stellen seines Berichtes lassen sich nicht überprüfen. Einige Fakten können jedoch nach Analyse der Quellen zusammenfassend festgehalten werden. Die Navy hat entsprechende Erfahrungen und kann ohne weitere Kontrollgremien eingesetzt werden, und die USA und Norwegen hätten auf jeden Fall ein Motiv. Derzeit sind von den Behörden noch nicht viele Informationen veröffentlicht worden, sodass sich einige Zusammenhänge kaum prüfen lassen, zumal es sich um eine Militäroperation mit höchstem Geheimhaltungsstatus handelt. Trotzdem stimmt der Artikel von Hersh an vielen Stellen mit den bisherigen offiziellen Untersuchungsergebnissen überein. Ebenso deckt er sich mit weiteren Quellen bezüglich der Teilname einer Gruppe Spezialtaucher am Manöver. In weiten Teilen wird Hersh durch die ARD nicht widerlegt, er wird lediglich angezweifelt oder diskreditiert. Eine russische Beteiligung an der Sprengung ist unwahrscheinlich. Stoltenberg ist antirussisch eingestellt. Die „Trittbrettfahrt“ bei BALTOPS 22 könnte definitiv gut als Tarnung genutzt werden, ebenso das Verwirrspiel um das genutzte Schiff. 

Fakt ist: Solange man den Kreis der Mitwissenden klein hält, indem man das Anbringen der Sprengladungen als Teil des Manövers tarnt und für die eigentliche Durchführung nur eine kleine Gruppe von nicht durch Senat und Kongress kontrollierten Spezialkräften wählt, hätte man alles Mögliche verdeckt durchführen können, und für dieses Vorgehen kommen tatsächlich mehrere Schiffe und Luftfahrzeuge in Frage, die zu den fraglichen Zeitpunkten in der Nähe unterwegs waren. Ob die Version von Hersh also stimmt oder nicht – sie könnte sehr nah dran sein. Der Faktencheck der ARD kann sie keinesfalls widerlegen.

Abb. 1: Sleipner und M350 haben sich laut marinetraffic.org am 29. 06. 2022 nicht gemeinsam bewegt (Quelle: marinetraffic.com)
Abb. 2: Bewegungen der Hinnøy (Quelle: marinetraffic.com)
Abb. 3: Bewegungen der Skala (Quelle: marinetraffic.com)
Abb. 4: Die USS Kearsarge hat ihren Transponder ausgeschaltet und lässt sich nicht tracken (Quelle: marinetraffic.com)
Abb. 5: Die norwegische P8 9583 Viking ist angeblich im fraglichen Zeitraum nicht geflogen bzw. war N/A (Quelle: radarbox.com)
Abb. 6: Viele Schiffe waren beim Manöver in der Nähe unterwegs, hier die A53 (Quelle: marinetraffic.com)
Abb. 7, 8, 9: Position der M350 Alta am 29. Juni 22 (Quellen: marinetraffic.com; marinevesseltraffic.com)

Quellen

[1] https://web.archive.org/web/20230223125045/https://www.tagesschau.de/faktenfinder/nord-stream-explosionen-hersh-101.html

[2] https://seymourhersh.substack.com/p/how-america-took-out-the-nord-stream

[3] https://web.archive.org/web/20230224194401/https://www.tagesschau.de/investigativ/swr/nord-stream1-explosion-101.html. 

[4] https://web.archive.org/web/20230223125021/https://oalexanderdk.substack.com/p/debunking-seymour-hershs-alta-class

[5] https://www.military.com/history/operation-ivy-bells.html

[6] https://web.archive.org/web/20230223125029/https://www.tagesschau.de/faktenfinder/nord-stream-usa-hersh-101.html

[7] https://web.archive.org/web/20230223125018/https://www.tagesschau.de/investigativ/wdr/nord-stream-sabotage-101.html

[8] https://www.spiegel.de/wirtschaft/service/imk-umfrage-fast-zwei-drittel-empfinden-gaskosten-als-schwere-belastung-a-3b688427-a663-44d0-b199-fe8747dd5b1f 

[9] https://www.tagesschau.de/interview-bundeswehr-nordstream-105.html

[10] https://www.anti-spiegel.ru/2023/spuren-fuehren-in-die-ukraine-eine-nord-stream-show-der-us-regierung/

[11] https://www.navy.mil/Press-Office/News-Stories/Article/3060311/baltops-22-a-perfect-opportunity-for-research-and-testing-new-technology/

[12] https://www.anti-spiegel.ru/2023/die-details-werden-bekannt-wie-die-usa-nord-stream-gesprengt-haben/

[13] https://en.wikipedia.org/wiki/Alta-class_minesweeper

[14] https://www.alamy.de/ein-hubschrauber-der-us-navy-mh-60s-seahawk-hebt-wahrend-der-baltops-22-ubung-in-der-ostsee-6-juni-2022-das-flugdeck-der-deutschen-navy-fregatte-gs-sachen-ab-bild-aufgenommen-am-6-juni-2022-reutersstoyan-nenov-image472113255.html

[15] www.marinetraffic.com

[16] https://no.wikipedia.org/wiki/KNM_%C2%ABAlta%C2%BB_(M314)

[17] https://de.wikipedia.org/wiki/Sakala_(M314)

[18] https://www.youtube.com/watch?v=d4BuMaGlKp0

[19] https://www.youtube.com/watch?v=-d3ZUrN3mYc&vl=de

[20] https://de.wikipedia.org/wiki/Sikorsky_UH-60

[21] https://www.flugzeug-lexikon.de/ILA_2010/Helikopter/Sikorsky_MH-60R_Seahawk/sikorsky_mh-60r_seahawk.html

[22] http://www.flugzeuginfo.net/acdata_php/acdata_s70_dt.php

[23] https://en.wikipedia.org/wiki/Sikorsky_SH-60_Seahawk

[24] https://de.wikipedia.org/wiki/Dekompressionskammer

[25] https://de.wikipedia.org/wiki/Tripartite-Klasse

[26] www.radarbox.com

[27] https://www.anti-spiegel.ru/2022/nord-stream-gesprengt-die-wohl-duemmste-propaganda-aller-zeiten/

[28] www.leo.org

[29] https://de.wikipedia.org/wiki/Jens_Stoltenberg

[30] https://web.archive.org/web/20230220183408/https://www.telepolis.de/features/Seymour-Hersh-Interview-Der-Plan-war-ziemlich-genial-7520847.html?seite=all 

[31] https://www.anti-spiegel.ru/2022/nord-stream-sprengung-durch-die-usa-oops-i-did-it-again/?doing_wp_cron=1678304007.8564960956573486328125

[32] https://www.youtube.com/watch?v=OS4O8rGRLf8

[33] https://www.youtube.com/watch?v=ild-PsPD_Uw

[34] https://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/joe-biden-und-die-ukraine-affaere-das-ist-hunter-bidens-gas-connection-a-1288590.html

[35] https://www.nzz.ch/international/republikaner-fuer-parlamentarische-ermittlungen-gegen-hunter-biden-ld.1715561?reduced=true

[36] https://www.anti-spiegel.ru/2022/wenn-der-spiegel-keine-argumente-hat/

[37] https://www.anti-spiegel.ru/2022/der-medienhype-um-die-selbst-verursachte-gaskrise/?doing_wp_cron=1662803382.4825780391693115234375

[38] https://www.anti-spiegel.ru/2022/nord-stream-gesprengt-die-wohl-duemmste-propaganda-aller-zeiten/?doing_wp_cron=1678361097.9360079765319824218750

[39] https://www.nord-stream.com/about-us/

[40] https://web.archive.org/web/20221027105238/https://www.tagesschau.de/ausland/europa/energie-polen-baltic-pipeline-103.html

[41] https://www.anti-spiegel.ru/2023/spuren-fuehren-in-die-ukraine-eine-nord-stream-show-der-us-regierung/

[42] https://www.anti-spiegel.ru/2023/die-usa-beschuldigen-ukraine-die-nord-streams-gesprengt-zu-haben/

[43] https://meinungsfreiheit.rtde.site/international/161100-nord-stream-geschaeftsfuehrer-deutet-an/

[44] https://www.c-span.org/video/?c4939915/user-clip-blinken-nord-stream-2

[45] https://www.reuters.com/business/energy/us-waive-sanctions-firm-ceo-behind-russias-nord-stream-2-pipeline-source-2021-05-19/

[46] https://www.theguardian.com/business/2021/nov/16/germany-suspends-approval-for-nord-stream-2-gas-pipeline

 [47] https://www.state.gov/secretary-antony-j-blinken-and-canadian-foreign-minister-melanie-joly-at-a-joint-press-availability/

[48] https://breakingdefense.com/2021/04/norway-us-bolster-russian-sub-watching-with-new-bases/

[49] https://breakingdefense.com/2020/09/norway-expands-key-arctic-port-for-more-us-nuke-sub-visits/

[50] https://thebarentsobserver.com/en/security/2021/04/us-navy-build-airport-infrastructure-northern-norway-meet-increased-russian

[51] https://www.arctictoday.com/norway-takes-delivery-of-boeing-p-8-submarine-hunter-aircraft/

[52] https://www.highnorthnews.com/en/new-norway-usa-defense-agreement-allows-extensive-us-authority-north

[53] https://www.anti-spiegel.ru/2023/wenn-zdf-frontal-ueber-erdgas-berichtet-ist-desinformation-garantiert/

[54] https://www.anti-spiegel.ru/2022/bundesregierung-will-erkenntnisse-zur-nord-stream-sprengung-geheim-halten/

[55] https://www.anti-spiegel.ru/2023/spuren-fuehren-in-die-ukraine-eine-nord-stream-show-der-us-regierung/

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2 Antworten

  1. Zur Ergänzung und leider Relativierung des Hersh-Artikels sollte dringend dieses Interview des Spieltheoretikers Prof. Christian Rieck mit einem Wehrtechnik-Experten u.A. zur Wahl geeigneter Spreng- und Transportmittel gehört werden.

    “Wehrtechnik-Experte analysiert Drohnen-Bilder der Pipeline-Sprengung”
    https://www.youtube.com/watch?v=kf_IIf2e0Ek

  2. seit Corona wurde die Beweislast umgekehrt. Also bleibt Die US-Regierung schuldig bis sie ihre Unschuld zweifellos bewiesen hat. Was erschwerend hinzukommt, da jene Regierung bereits als notorischer Lügner enttarnt wurde, wird ihr das kaum gelingen.

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