Ein Loblied auf Steffen Seibert

von Peter Löcke //

Immobilienmakler, Versicherungsvertreter, Autoverkäufer – mein Verhältnis zu diesen Berufen ist ambivalent. Ich verspüre eine gewisse Abneigung, weil es sich um Personen handelt, die anderen Menschen etwas andrehen wollen und bei denen ich Altruismus nicht als Antriebsfeder vermute. Andererseits gestehe ich Anerkennung und Neid ein, weil es diverse Verkaufstalente braucht, die ich nicht besitze. Auch ein Steffen Seibert verkauft. Nur verkauft er keine überteuerte Immobilie, keine unnötige Versicherung und keine auf Hochglanz polierte Nobelkarosse. Er verkauft die Arbeit der Regierung. Das macht er gut und dafür Chapeau. Die oben genannten Branchen gehen wie Großteile der deutschen Wirtschaft den Bach herunter, während die Nische Regierungs-PR einen Wachstumsmarkt darstellt. Daher möchte ich diese boomende Verkaufsbranche und das Phänomen Seibert näher beleuchten. Vielleicht sind Sie ja Verkäufer und müssen beruflich umsatteln.

Das Offensichtliche sei in aller Kürze behandelt. Sie müssen den wenigen heiklen Fragen wortreich ausweichen können, müssen anstelle einer Antwort zu geben die frohe Botschaft der Regierung verkünden. Bei einer etwaigen Nachfrage verweisen Sie in ihrer zweiten Antwort auf ihre erste Nichtantwort. Den Satz „Dem ist nichts hinzuzufügen.“ sollten Sie in mindestens fünf Variationen beherrschen. Verweisen ist das A und O. Sie verweisen auf das RKI, auf eine vergangene PK, auf eine Studie, auf Experten, auf die Wissenschaft. Exemplarisch: Die Frage zielte darauf, dass eine regierungskritische Studie besagt, dass sowohl die Summe als auch das Produkt von zwei und zwei vier sei. Solche kruden Studien kommentieren Sie generell nicht. Stattdessen verweisen auf die eigenen Studien der Regierungsexperten, die zu einem anderen Ergebnis kommen und bleiben dabei möglichst allgemein. Als Notausgang bietet sich immer das Versprechen an, die Antwort nachzureichen. 

Falls ich mögliche Interessenten abgeschreckt habe, möchte ich diese umgehend beruhigen. 95 Prozent der Fragesteller vor und unter Ihnen sind auf Ihrer Seite. Seien Sie sich dessen bewusst. Sie gehören Ihrem Berufsstand an und könnten schon morgen neben Ihnen sitzen. Gefährlich wird es nur bei einem wackeren Boris und bei Journalisten mit russischem Migrationshintergrund. Behandeln Sie diese vermeintlich freundlich, aber subtil herablassend – wie ein genervter Lehrer einen begriffsstutzigen Schüler. Einen Teil der Ihnen wohlgesonnenen Journalisten können Sie für sich nutzen. Diese behandeln Sie bevorzugt. Beispiel: Sie verkünden, ganz Deutschland unter Hausarrest stellen zu müssen. Natürlich ungern, schweren Herzens, aber aus pandemischen Gründen alternativlos. Lassen Sie nicht mehr ganz so junge, aber naive Journalisten nachbohren, ob diese Maßnahme alleine ausreiche oder es nicht besser wäre, die Menschen zusätzlich bei Wasser und Brot zu halten und den Schlüssel nach dem Downlocken aus dem Fenster zu schmeißen. Dagegen verwahren Sie sich. Sie merken: Alles ist relativ. So wirkt der Hausarrest noch vergleichsweise edel.

Nun zum spannenden und unterschätzten Teil. Der eigentliche Kunde sitzt nicht im Saal, der sitzt meist abgelenkt vorm Bildschirm. Das ist der Bürger, das ist in der Summe die öffentliche Meinung. Und die gewinnen Sie vor allem nonverbal. Bilder sagen mehr als Worte. Die ganze Pandemie ist eine nicht enden wollende steigende Kurve. Erinnern Sie daran und malen Sie dabei mit ihrer flachen Hand eine solche steigende Kurve in die Luft. Wiederholen Sie diese gemalte Handgraphik und lassen auch ihre Kollegen auf dem Podium dieses Ritual wiederholen. Repetitio, die ständige Wiederholung gehört zum Einmaleins der Propaganda. Sagte ich Propaganda? Was Sie machen, ist selbstverständlich Kommunikationsstrategie und Öffentlichkeitsarbeit. Propaganda gibt es nur in Nordkorea. Zur rhetorischen Grundausrüstung gehören ein Kugelschreiber und 20 Blatt DIN A4. 80 Gramm. Beobachten Sie und lernen Sie von Steffen Seibert. Bei einer unangenehmen Frage sortieren Sie diese Zettel. Schnell, aber nicht hektisch. Machen Sie sich vermeintlich Notizen. Das können Kreise, Kringel und Kreuze sein, erwecken Sie aber den Anschein, Sie würden gerade eine umgedrehte Kurvendiskussion vierten Grades lösen. Das verleiht Ihnen Kompetenz, vor allem erkaufen Sie sich damit Zeit. Um Ihre Macht zu demonstrieren, nehmen Sie diesen Zettelhaufen in beide Hände und stoßen ihn auf. Ohne Hinschauen. Ihr Blick wandert dabei ruhig durch den ganzen Saal. Das Aufstoßen des Papierstapels dient auch als äußeres Zeichen, um eine Pressekonferenz zu beenden. Dieses Ritual vollführte Steffen Seibert einst auch im „heute journal“. Nur gab es dort zusätzlich eine musikalische Untermalung. Bei allem ist wichtig, stets souverän zu bleiben bei gestreckter Körperhaltung. Neben Ihnen schlägt gerade eine verbale Bombe ein? Genau damit haben Sie gerechnet. Nicht die Bombe ist entscheidend, sondern wie Sie auf den Bombeneinschlag reagieren.

Wenn Sie all das beherrschen, können Sie sich auf einen sicheren Arbeitsplatz in einer hohen Besoldungsstufe freuen, der krisenfest ist. Je größer die Krise, umso fester der Arbeitsplatz. Wenn es Ihnen dann noch gelingt, abends und morgens in den Spiegel schauen zu können, steht einer beruflichen Umorientierung nichts im Wege.

Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht in jedem Fall die Meinung des Herausgebers wieder.

Beitrag teilen:

Share on facebook
Share on twitter
Share on email
Share on print

21 Antworten

  1. Einfach grandios dieses Video!!!
    Das beste Mittel, den Blutdruck nach dem Verfolgen einer BPK (oder Auszügen davon) wieder zu senken! Der Tag ist gerettet! Es gab mehrere davon…
    Inzwischen erspare ich mir das! Ich meine BPK – nicht das Video. Das läuft immer wieder mal – einfach so, weil so genial!
    ( Wie hält das Boris nur aus? )

  2. Prima Beschreibung, aber leider erst heute gelesen.
    Zwei Seibert-Eigenarten fehlen aber noch: Erstens sein arroganter Augenaufschlag mit anschließendem treudoofen Hundeblick. Und Zweitens der Griff zur Flasche und Trinkglas, wenn er Zeit gewinnen will. Ich frage mich nur, ob darin „Russian Standard“ abgefüllt ist. Oder eher „Jim Beam“?

  3. Großartiger Artikel
    Ein Steffen Seibert sagt doch nur das was im von ganz oben vorgegeben und diktiert wird und von dieser oberen Stelle werden wir nur belogen, also, wen wunderst
    Ich frage mich nur wie solche Leute morgen noch in den Spiegel schauen können ohne schlechtes Gewissen, wieder den ganzen Tag ein ganzes Volk belügen zu müssen, oder ist es Naivität?

  4. Wunderbar auf den Punkt gebracht. So sehr ich Boris Reitschuster auch mag und bewundere, die Videos der BPK erspare ich mir, das inhaltlose Geschwätz der “ Obensitzenden“ widert mich an und macht mich nur wütend, da übe ich mediale Diät. Ganz erstaunlich finde ich die Tatsache, daß die Journalisten die eigentlichen Veranstalter und die Hausherren in eigenen Räumlichkeiten sind und sich derart gängeln lassen, die Dauer und die Anzahl der Fragen wird ihnen vorgegeben, sie sind die Maskenträger und Bittsteller, eigentlich müssten diese Politik- und Wissenschaftsdarsteller vor ihnen aufstehen und ins Verhör genommen werden!

  5. Löcke? Bisher in der Gilde der wahrhaftigen Schreiber bei Tichy, Achgut, Wenigergut noch nicht gefunden.
    Genau meine Sichtweise und meisterhaft seziert! Danke!

  6. Ein Regierungssprecher, der unfähig (oder unwillig) ist, auf die Frage, wie viele Todesfälle in Verbindung mit der Impfkampagne stehen, eine sachlich fundierte Antwort zu geben, ist unfähig und keinen einzigen, der ihm bezahlten Euros, wert. Darüber kann auch kein noch so ausgefeiltes schauspielerisches bzw. verkaufstechnisches Talent hinwegtäuschen.

  7. Hallo Herr Löcke,
    wunderbarer Sarkasmus…es gibt Menschen, die können ein Wildschwein als Dressurpferd verkaufen…
    Wer noch nicht bemerkt hat, daß jede noch so sachlich-fundierte Information medial kaltgestellt wird, die nicht ins inszenierte Bild und die eingeschlagene Richtung passt und der Bürger also (fast) keine Wahl hat, sich ein wirklich differenziertes Bild zu machen, leidet eher nicht unter Schlafstörungen…

  8. Die Charakterisierung des Steffen Seibert ist dem Verfasser des Artikels bis ins kleinste Detail gelungen. Ich habe mir diese BPR Qualen, im Stile eines Masochisten, schon des öfteren angetan und muss sagen, dass mittlerweile alle Regierungssprecher diese Techniken beherrschen. Was ich persönlich absolut abstoßend finde ist die unverhohlene Missachtung bestimmter Fragesteller und die fast zur Schau getragenen Arroganz der Akteure auf dem Podium. Und was mich ärgert sind die exorbitanten Gehälter die dem Steuerzahler abverlangt- für nichts.

  9. Das Dumme ist nur, bei allem Wahren, was hier beschrieben wird, dass die „Bevölkerung“ es so nicht wahrnimmt und der „Aufschrei“ der selbigen ausbleiben wird…

    Die Wirklichkeit ist eine andere, jüngstes Beispiel war eine Nordic-Walking Gruppe mit Coach und FFP2-Masken…

    1. Das war schon immer so, dass nur eine Minderheit die von Madame Evolution mitgegebenen kognitiven Fähigkeiten nutzt, kritisch ist und einen eigenen Standpunkt generiert. Dass wir uns im Jahr 2021 befinden, ändert nichts daran, auch wenn die Evolution ihr Spielchen weiter treibt – vielleicht wird die Minderheit der Sehenden und Denkenden kleiner?

  10. Vere Magnus es!
    …Sprache in aller feinstem Pinselstrich, Herr Löcke.
    Würde ich mir Ihre Kolumne als Leibgericht vorstellen, wäre wirklich jede GeschmacksRichtung dabei.

  11. Ich kann dem ganzen nur Beipflichten für mich ist diese BPK was ja tatsächlich nur ein deutungsloser VEREIN ist so Nutzlos wie es nur irgend geht, das Einzuge was von diesen Seibert&Co Rednern brauchbar erscheint ist der Tatbestand der der „Leeren Worte“ denn substantielle Antworten erhält man zu 99% nicht …
    Gratulation zu Ihren Beitrag der wurde vorzüglich interpretiert 🙂

  12. Klasse Herr Loecke, es ist 6.50 Uhr in der Frueh und mit Ihnen beginnt der Tag heiter! Bitte mehr davon, intelligenter kann „man“ mit diesem Kasperltheater BPK nicht umgehen!

  13. Sehr gut beschrieben diesen Zirkus, in dem Seibert meistens der Hauptartist ist.
    Würden die nicht mehr ganz so jungen, aber naiven Menschen, die sich als Journalisten tarnen, auf der anderes Seite sein Spiel nicht mitspielen, wäre der Job nicht mehr ganz so angenehm.

    Dann hieße die Veranstaltung in Anlehnung an eine Fernsehsendung „Grill den Seibert“.
    Genau dies würde ich in einem demokratischen Land erwarten, wird jedoch zu null Prozent erfüllt.
    Da schaue ich mir lieber die Augsburger Puppenkiste an, die ist selbst für Erwachsene gehaltvoller als dieser verlogene Zinnober.

  14. Ich frage mich nur, ist dieses Talent Seibert einfach eine Naturbegabung, für die man nichts kann, so wie man Schönheit und/oder Intelligenz einfach mitbekommt und daran keinen Verdienst hat, oder kann man Seibert lernen. Und ich frage mich immer, was diese Menschen am Ende des Tages ihren Liebsten erzählen…Und wie sehen sie aus, wenn keiner mehr zuschaut und keiner mehr hinhört?

  15. Zu viel Heuchelei um ein Gebrauchtwagen verkaufen zu können . Selbst der meist einfache Kunde sieht der Mangel an Substanz ,wenn er selbst seine Börse ziehen muss . E sieht mehr aus nach den Rattenfanger von Hameln .

  16. Großartig, Herr Löcke! Treffender kann man eine BPK mit Seibert & Co. nicht beschreiben!
    Viele Grüße,
    Beatrice van Eisern

  17. Schön Herr Löcke :-).
    Ihr spitzer Ton gefällt mir sehr gut. Richtig amüsant, so am ausklingenden Tag. Danke!
    Sie sollten sich in der BPK neben Boris setzen. Ich denke, Sie beide würden sich auf Anhieb gut verstehen ;-).

  18. Lieber Herr Löcke!
    Großartige Beschreibung dieser Inszenierung in der BPK!
    Und ich frage mich bei vielen Mit(menschen)bürgern
    wie sich der Blick in den Spiegel anfühlt.
    Dankeschön und herzliche Grüße
    Susalie
    #teammensch

Schreibe einen Kommentar zu Dany Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Herzlich Willkommen auf dieser Plattform des kultivierten Austauschs von Argumenten.

Wir haben verlernt Widerspruch aushalten zu können. Hier darf auch widersprochen werden. Ich möchte Sie bitten, dabei wertschätzend und höflich zu bleiben. Beleidigungen und Hasskommentare werden künftig ebenso entfernt, wie Wahlaufrufe zu Parteien. Ich behalte mir vor, beleidigende oder herabsetzende Kommentare zu löschen. Dieses öffentliche Forum und die ihm innewohnende Möglichkeit Argumente und Meinungen auszutauschen, ist der Versuch die Meinungsfreiheit - auch die der anderen Meinung - hoch zu halten. Ich möchte hier die altmodische Tugend des Respektes gepflegt wissen.

„Kontroversen sind kein lästiges Übel, sondern notwendige Voraussetzung für das Gelingen von Demokratie." Bundespräsident Dr. h.c. Joachim Gauck a.D., vor nur 5 Jahren in seiner Rede zum Tag des Grundgesetzes.