die talkshowblase

Talkshows und andere Selbstthilfegruppen

von Peter Löcke //

Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott!

Ich hege eine große Sympathie für Menschen, die sich selbst zu helfen wissen. Damit meine ich Bürger, die ihre Dinge selbst regeln, ohne professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Vor allem Heimhandwerker imponieren mir. Das spart Geld. Das tut dem Ego gut. Das macht Sinn.

Sinn machen auch Selbsthilfegruppen. Dort trifft man auf Leidensgenossen. Es gibt ein ganzes Meer an Selbsthilfegruppen für Probleme jeder Art, vor allem im Suchtbereich. Die wohl bekannteste Gruppe heißt „Anonyme Alkoholiker“. Was passiert auf diesen Treffen?

Dort sitzen Betroffene, die sich gegenseitig trösten und Kraft geben. Es wirkt befreiend, anonym und ohne Schamgefühl über seine Suchtproblem reden zu können. Ohne Angst, dafür gesellschaftlich verurteilt zu werden. Schließlich leiden die Zuhörer unter dem gleichen Problem. Umgedreht tut es gut, von ähnlichen Schicksalen zu hören, in welchen man sich wiederfindet. Solche Selbsthilfegruppen sind ein sicherer Ort, ein „Safe Space“, eine in sich geschlossene Blase beziehungsweise Bubble.   

Gilt das auch für journalistische Blasen? Insbesondere Talkshows wirken auf mich wie Stuhlkreise der Betroffenheit. Schalte ich den Fernseher an, so sehe ich bei Lanz, Maischberger & Co Selbsthilfegruppen in einer Selbstbestätigungsblase. Nur nennen sich die Teilnehmer „Renommierte Redakteure“ statt „Anonyme Alkoholiker“.

Dort sitzt also ein gar nicht so moderater Moderator gemeinsam mit Politikern, Journalisten und Experten, um sich mal wütend, mal betroffen, mal gefühlsbesoffen der Lieblings-Spirituose AfD zu widmen. Die Anwesenden sind sich einig. Die AfD stellt ein Problem dar. Die blaue Partei kommt mittlerweile in Umfragen auf Prozentwerte, die fast die Definition Schnaps erfüllen. Wie konnte es soweit kommen? Was hat man falsch gemacht? Uneinig ist sich die journalistische Selbsthilfegruppe lediglich bei der Frage, wie man das Problem lösen soll. Partei verteufeln oder Partei verbieten? Soll man AfD-Politiker erst gar nicht einladen oder soll man sie einladen, um sie kommissarisch zu verhören? Dass die TV-Selbsthilfegruppe selbst das Problem darstellt und das diskutierte Problem für viele Wähler die Lösung ist, wird als ausgesprochener Gedanke erst gar nicht zugelassen.

Der Grund dafür heißt Betriebsblindheit. Die Gefahr einer jeden in sich geschlossenen Meinungs-Bubble heißt Betriebsblindheit. Gleichgesinnte finden, Bestätigung, Sympathie und Anteilnahme erfahren – all das ist schön und gut und fühlt sich auch gut an. Nur erweitert das kaum den Horizont und erlaubt neue Sichtweisen.

Wie sieht es mit der Betriebsblindheit von mir und dieser Seite aus?

Einige Leser des Clubs der klaren Worte waren erbost ob meines kritischen Kommentars, der zur Diskussion stellte, ob man Alice Weidel Doppelmoral vorwerfen kann. Die Reaktion war ein Stück weit einkalkuliert. Selbstverständlich bin ich mir der Tatsache bewusst, dass ein Großteil unserer Stammleser Alice Weidel eher wohlgesonnen gegenüber steht.

Gerade deswegen haben wir uns dennoch für diesen Text entschieden. Wir wollen keine journalistische Selbsthilfegruppe sein, die sich im eigenen Kreis dreht. Wir möchten die eigene Komfortzone verlassen und andere Sichtweisen zulassen. Wir wollen also nicht unter umgekehrten Vorzeichen den gleichen Fehler begehen wie ihn der öffentlich-rechtliche Rundfunk begeht.

Meine Angst eines kleinen Shitstorms erwies sich als unbegründet. Es gab natürlich Kritik, für die ich mich bedanken möchte. Dabei wurden keine Grenzen überschritten, die ich nicht selbst überschreiten würde.

Neben Betriebsblindheit bergen all diese „Safe Spaces“ und journalistischen Talkshow-Blasen eine zweite, vielleicht noch größere Gefahr. Dieser Kehrseite der Medaille „Selbsthilfegruppe“ möchte ich mich humoristisch annähern.

Ich werde mir gleich genussvoll einen Cognac genehmigen. Das ist mein persönliches Ritual nach Fertigstellung eines Textes. Im Anschluss erwartet mich eine Woche voller Wasser & Kaffee. Das weiß ich aus Erfahrung. In dieser Zeit denke ich erst gar nicht an Alkohol, weil ich mit anderen Dingen beschäftigt bin. Anders wäre es, wenn ich jeden Abend ein Treffen der „Anonymen Alkoholiker“ besuchen müsste.

Alkoholiker sprechen über Alkohol, Spieler über ihre Spielsucht, Traumatisierte über ihr Trauma. Betroffene machen zum Thema, was nicht mehr Thema in ihrem Leben sein soll. Sie denken an etwas, woran sie nicht mehr denken wollen. Sie haben ständig genau jene Dämonen vor ihrem inneren Auge, die sie am liebsten auf ewig aus ihrem Blickfeld verbannen wollen. In gewisser Weise gilt dieses Phänomen auch für die Blase der journalistischen Kämpfer gegen die AfD. Sie sehen den politischen Dämon Rechtsextremismus, weil sie rund um die Uhr über ihn reden.

Darauf einen Cognac. Aber zunächst melde ich mich bei der Selbsthilfegruppe „Hilflose Heimhandwerker“ an.

Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht in jedem Fall die Meinung des Herausgebers wieder.

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3 Antworten

  1. Ein offener Diskurs ist möglich. Aber nur zwischen Menschen, die bereit sind, sich umfassend zu informieren, ja das braucht Zeit und Gehirnschmalz, und dem Anderen unvoreingenommen zuzuhören. Wieviele sind das? Zehn Prozent, wenn’s hoch kommt. Der Rest ist Ziel von Propaganda und bastelt sich seine Weltsicht aus den Trümmern der „Nachrichten“, und der als Nachrichten getarnten Meinungen, die ihn im Minutentakt erreichen. Talk Shows sind die Speerspitze der Propaganda. Wer hier nach Aufklärung sucht, und deshalb Foul schreit, liegt krass daneben. – Hier sind erstaunlich Viele aus dem Block der Zehn-Prozent vertreten, das macht den Blog so wertvoll. Was für ein Shit Storm zum Weidel-Artikel? Es kamen doch nur wohlgewogene Argumente. Der Autor hatte meines Erachtens einfach Äpfel mit Birnen verglichen. Kann ja mal vorkommen. Deshalb muss er ja nicht gleich zum Alkoholiker werden…. Smile

  2. Von einer journalistischen Selbsthilfegruppe ist man noch einen Schritt entfernt. Im Moment haben wir es noch mit einer ideologischen Selbstzerstörungstruppe zu tun, die sich zum öffentlichen Komasaufen in Designer-Sesseln trifft.

  3. Hmm, Frau Weidel wohlgesinnt gegenüber stehen?! Nur weil sie in manchen Punkten meine Interessen vertritt? Weil sie in der selben Position der Fundamentalopposition zum Parteienstaat steht wie ich? Sie können Frau Weidel das selbe unterstellen wie Herrn Merz, ich akzeptiere das genau so wie jede andere Meinung. Sie können sie auch kritisieren obwohl sie die Dame vielleicht sympathischer finden als ich. Wenn ihre Meinung zu meiner Aufklärung beiträgt, dann können sie mich auch davon überzeugen das meine Interessen vielleicht doch nicht von der kritisierten Person vertreten werden. Mit ihrer Meinung, wenn sie denn stimming ist, sind sie wichtiger für meine Meinungsbildung als jede Partei die versucht vielleicht einen falschen Eindruck zu vermitteln. Weidel hat eine Funktion in einer Partei. Man sieht weder ihre wahre Persönlichkeit, noch ihren wahren Charackter. Sie vertritt Parteipolitik. Ich hege desshalb keinerlei Sympathien für sie, schon aus dem Grund, weil sie in ihrer Funktion keine Möglichkeit hat zu beweisen, das sie die Fähigkeit besitz sich selbst zu reflektieren. Also mit Wohlwollen hat das alles nichts zu tun. Und ich denke das wird hoffentlich jedem hier so gehen der diese Seite besucht.

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