Trumps neue Weltordnung und Europas Interessen

Trumps Logik – analysiert von Prof. Dr. Werner J. Patzelt

Donald Trump verändert die globale Ordnung nicht rhetorisch, sondern operativ: durch Machtpolitik, ökonomischen Druck und klar definierte Interessen. In seiner Analyse „Trumps neue Weltordnung“ für den Club der klaren Worte legt Werner J. Patzelt die innere Logik dieser Politik offen – und macht sichtbar, welche Dynamiken daraus für Europa entstehen.

Patzelt zählt zu den prägendsten deutschen Politikwissenschaftlern. Seit Jahrzehnten analysiert er politische Systeme mit analytischer Schärfe, Unabhängigkeit und einem klaren Blick für entscheidungsrelevante Zusammenhänge. Er benennt, wo andere ausweichen, und ordnet ein, ohne zu moralisieren.

Diese Analyse bleibt nicht abstrakt.
Werner J. Patzelt wird beim B-Safe26 Summit in Abu Dhabi persönlich vor Ort sein und seine Einschätzungen im direkten Austausch mit den Teilnehmern vertiefen. Der B-Safe26 Summit bringt Entscheider und Interessierte mit internationalen Speakern zusammen – konzentriert, substanziell und jenseits öffentlicher Routinen. Die Veranstaltung richtet sich an jene, die verstehen müssen, welche konkreten Auswirkungen globale Machtpolitik auf Märkte, staatliche Handlungsfähigkeit sowie langfristige Planungs- und Entscheidungssicherheit hat – und daraus eigene strategische Konsequenzen ableiten.

// von Werner J. Patzelt 

Die reden doch nur und tun nichts! 

So klagen viele über ihre Politiker. Auch Donald Trump redet viel. Doch dass er nichts verändern würde, lässt sich nicht ernsthaft behaupten. Erst wieder ein Jahr im Amt, hat er mit seiner Zollpolitik, seinem Umgang mit Russlands Krieg gegen die Ukraine und mit seiner Großmachtpolitik gegenüber dem Iran, Venezuela oder Grönland die weltpolitische Lage sehr verändert. 

Allenfalls auf die innenpolitischen Begleitschäden seiner Regierungsweise kann man als Nicht-Amerikaner aus der bequemen Warte eines bloßen Beobachters blicken. Doch Trumps Außenpolitik betrifft auch uns Europäer und verlangt nach einer Überprüfung gewohnter Denkweisen und Haltungen.

Im präsidial definierten US-amerikanischen Interesse wälzt Trump die ukrainischen Kosten des Kriegs gegen Russland auf die europäischen Länder ab. Bald schon wird sich zeigen, dass dies deren Haushaltsprobleme vervielfacht. Von denen aber wird bereits jetzt, keineswegs nur in Frankreich, die innenpolitische Stabilität dieser Staaten bedroht. Also wankt der erste Pfeiler, auf den Europa sein weltpolitisches Auftreten zu gründen pflegte: jene Finanz- und Wirtschaftskraft, mit der sich weltweiter Einfluss erzeugen lässt. Doch auch der zweite Pfeiler wankt, nämlich die Verlässlichkeit einer auf Regeln gegründeten internationalen Ordnung. Sie wurde einst nach europäisch-westlichen Leitgedanken ausgeformt und verdankte ihre Geltungskraft zunächst europäischer, seit 1945 im Wesentlichen US-amerikanischer Militärmacht. Die will Präsident Trump aber nicht länger als „Weltpolizist“ einsetzen, sondern vor allem entlang nationaler Interessen der USA.

Den europäischen Beobachtern bringt das ein Ja-Aber auf die Lippen. Ja, es ist gut, wenn Diktatoren wie Saddam Hussein oder Nicolás Maduro gestürzt und vor Gericht gestellt werden. Aber hat es wirklich gute Folgen, wenn man dafür ein ganzes Land erobert oder einen Staatschef einfach entführt? Ja, es ist gut, wenn Regierungen tatkräftig Probleme lösen und nicht ihre Energie ins Erklären jener Gründe stecken, warum sie das Wünschenswerte eben doch nicht tun können. Aber wie glaubwürdig bleibt die Rede von einer regel- oder gar wertgebundenen Weltordnung, wenn sich US-Präsidenten ein amtliches Recht zusprechen, im Dienst nationaler Interessen politische Gegner durch militärische Kommandoaktionen zu verhaften oder zu töten, Zölle in Erpressungsabsicht zu erhöhen oder die Abtretung von Ländern zu verlangen, die einem anderen, gar verbündeten Staat gehören? Und ja, es ist gut, wenn es räumliche Zuständigkeiten für die Bewahrung einer internationalen Friedensordnung gibt. Aber mit wem gemeinsam wird Europa seine eigene Friedensordnung aufrechterhalten, wenn die USA nur für die Amerikas, China für den Fernen Osten, Russland für den Rest Eurasiens zuständig sein sollen – und wer auch immer für die Krisenzone zwischen den arabisch-islamischen Ländern und Südafrika? Auf welche neuen Bündnissysteme sollte dann wer ausgehen, und unter Inkaufnahme welcher Risiken?

Uns Europäern wird jedenfalls mehr und mehr die eigene Machtlosigkeit vor Augen geführt. Nachgerade demütig nahm die EU das US-amerikanische Zolldiktat hin. Höchst artig saßen Europas Staats- und Regierungschefs vor dem Schreibtisch des amerikanischen Präsidenten. Wie Untertanen harren sie weiterhin jener Absprachen, die Trump und Putin am Telefon treffen oder auch nicht treffen. Wie Westdeutschland nach dem Zweiten Weltkrieg fühlt sich Europa schutzlos ohne US-Macht. Nicht anders, als ein in Finanznot geratener Unternehmer beim Fälligwerden seiner Kredite bangt, fürchten sich Europas Führungskreise vor jener Zeit, zu der China die Chipproduktion Taiwans kontrollieren oder Trump Europa vor die Wahl stellen wird, entweder selbstverzwergend Grönland aufzugeben oder sich den USA auf die NATO zerstörende Weise zu widersetzen. Und natürlich nennen europäische Spitzenpolitiker das Vorgehen der USA in Venezuela nur deshalb nicht ebenso einen Völkerrechtsbruch wie das Vorgehen Russlands gegen die Ukraine, weil man es sich aus machtpolitischer Angst mit dem derzeitigen US-Präsidenten nicht verderben will. Vom russischen Präsidenten hofft man derweil, irgendwann werde er von der weltpolitischen Bühne verschwinden wie Kaiser Wilhelm nach Deutschlands kriegsbedingter Revolution von 1918.

Wie es mit Venezuela weitergehen wird, bleibt abzuwarten. Im einfachsten Fall stellt sich mit den USA ein Verhältnis ein wie einst zwischen England und jenen Besitzungen, die durch loyale Eliten regiert wurden. Den Kolumbianern und Kubanern wird das kommende Schicksal Venezuelas gerade dann eine Lehre sein, wenn es sich zum Vorteil sowohl dieses Landes als auch der USA entwickeln sollte. Die „Donroe-Doktrin“ wird sich jedenfalls zu einer geopolitischen Tatsache entwickeln und daran hindern, dass innerhalb des BRICS-Handlungsverbunds von Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika fortan auch nicht-europäische Mächte größeren Einfluss in Lateinamerika gewinnen. Das kann uns Europäern sogar gefallen. Zugleich überlässt Amerika es der EU, im Westteil Eurasiens mit Russland zurechtzukommen, und den Japanern, Chinas Expansion so lange im Weg zu stehen, bis dessen Kräfte womöglich wieder durch innenpolitische Probleme gebunden werden. Derweil erkunden die USA wirtschaftliche Profitmöglichkeiten mit Indien, arabischen Staaten und im südsaharischen Afrika.

Und Europa? Seine Weltgeltung, ohnehin erst seit dem späten 16. Jh. schrittweise errungen und vor dem Ersten Weltkrieg auf ihrem Höhepunkt, schwand militärisch mit dem Zweiten Weltkrieg und wirtschaftlich ein halbes Jahrhundert später. Als geopolitisch wichtige und auch wertgeschätzte Gefolgschaft der USA im Ost/West-Konflikt konnte man sich noch jahrzehntelang der Überzeugung hingeben, Europas gewohnte Stellung werde an der Spitze einer vom „Westen“ dominierten Weltordnung fortbestehen. So hätte es womöglich auch kommen können. Doch der gemeinsam mit den USA errungene Sieg im Ost/West-Konflikt machte Europas Staaten erst selbstzufrieden und dann übermütig bei der Sicherheits-, Wirtschafts-, Sozial- und Umweltpolitik. Die real – nicht bloß rhetorisch – verfolgten Ziele haben sich jedenfalls entfernt von der Sicherung wissenschaftlicher Exzellenz, wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit und kultureller Identität. Trotzdem sind nun viele davon überrascht, dass es nicht nur mit Europas Selbstverteidigungsfähigkeit materiell und seelisch im Argen liegt, sondern dass man auch noch bei Arzneimitteln und Computertechnik von anderen Ländern abhängig ist. Auch merken viele erst allmählich, dass es unter den für eine gute Zukunft notwendigen jungen Leuten bloß an solchen nicht mangelt, die Schwierigkeiten damit haben, sich als Teil der europäischen Kultur zu verstehen und zu verhalten.

Kein Wunder, dass da umso lauter der Ruf ertönt, man müsse „Europa stärken“. Gemeint ist damit regelmäßig das Institutionengefüge der EU. Ihm müssten mehr Kompetenzen übertragen und zusätzliche Finanzierungsquellen erschlossen werden. Doch zugleich wächst der Widerstand gegen das Aufkommen einer „europäischen Regierung“ in Brüssel. Das Vereinigte Königreich hat die EU deshalb bereits verlassen, und osteuropäische Staaten wie Polen, die Slowakei oder Ungarn arbeiten klar auf einen integrationspolitischen Kurswechsel hin. Obendrein werden die wohl kommenden Beitrittsverhandlungen mit der Ukraine zu einem noch einschneidenderen europapolitischen Erwartungswechsel führen, als ihn einst die im Sand verlaufenen Beitrittsverhandlungen mit der Türkei bewirkten. Schon gar nicht ist abzusehen, welche weitreichenden Folgen das aufziehende Grönland-Problem für die im „europäisierten“ Ukraine-Konflikt ohnehin herausgeforderte Verteidigungsidentität Europas haben wird.

Wie also weiter beim Versuch, Europa zu stärken? Es wäre ratsam, die nun eingeleitete Wandlung der amerikanischen geopolitischen Rolle nicht für eine zu halten, die mit der Präsidentschaft Donald Trumps enden wird. Deshalb wird man nicht weiterhin auf eine Partnerschaft mit den USA zählen sollen, von der Europa als Trittbrettfahrer profitiert. Ferner ist zu bedenken, dass die EU nicht länger zur zentralen strategischen Interessenzone der USA gehört. Das ändert die Rolle des Nordatlantiks als Europas „Hinterhof“. Es liegt nun einmal die EU halbinselartig im Westen Eurasiens, auf dem Russland als riesige, nach-koloniale Landmasse trotz eines Ausgreifens Chinas nicht verschwinden wird. Doch weder lässt sich das fortbestehende Russland in den politischen und kulturellen Ordnungsrahmen der EU eingliedern, noch wäre es hinnehmbar, dass sich die EU imperialen Ansprüchen Russlands unterordnet. Obendrein gibt es weder die geographische Möglichkeit noch den politischen Willen, zwischen der EU und Russland ein Sicherheitssystem aufzubauen, das auf eine strategisch-nukleare Abschreckungslogik gegründet ist, wie sie zwischen den USA und Russland funktioniert. Also müssen die europäisch-russischen Sicherheitsbeziehungen anders ausgestaltet werden.

Die Vorstellung, gemeinsam mit China könne man Russland so in die Zange nehmen, wie das nach dem Ersten Weltkrieg Frankreich gemeinsam mit Polen gegenüber Deutschland versuchte, wird in der Praxis zu keinen besseren Ergebnissen führen als damals, nämlich zu allseitigem Misstrauen samt Instabilität mit Kriegsgefahr. Deshalb bestünde der nächste Schritt zu einer für die EU günstigen weltpolitischen Lage darin, im jetzigen, an der Seite der Ukraine geführten Krieg mit Russland solche politischen Ziele zu definieren, aus deren Verfolgung ein verlässlicher Interessenausgleich zwischen der EU und Russland hervorgehen kann. Nur der wird nämlich zu einer Friedensordnung führen, die drei gute Zustände zu erreichen erlaubt: dass die EU anders als derzeit nicht mehr von den USA an den Rand geschoben werden kann; dass Russland nicht dauerhaft an die Seite Chinas gezwungen wird; und dass die EU gemeinsam mit Russland von jenen Ressourcen profitieren kann, die – gerade in einem wärmeren Erdzeitalter – Eurasien für seine beiden europäischen Machtpole bereithält.       J. 

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14 Antworten

  1. Das verbindende Element für Europa, Russland und die USA ist das Christentum. Es hat sich von Europa sowohl nach Osten als auch nach Westen augebreitet. Ohne Rückbesinnung auf das christliche Menschenbild, die christlichen Werte wie „leben für andere“ und eine gemeinsame Erwartung (Eschatologie) i.e eine Menschheitsfamilie mit Gott als Zetrum werden wir die Konflikte nicht nachhaltig beilegen können. Da müssen sich alle gleichermassen neu- und rückbesinnen und ggfls ihren Kurs korrigieren

    1. In Europa und Russland mag das Christentum noch (!) eine identitätsstiftende Funktion haben. Die USA hingegen werden im Hintergrund dominiert von einer mächtigen Allianz aus Freimaurern, Zionisten und der Achse Israel, allesamt Antichristen. Für Freimaurer ist Jesus das größte Übel dieser Welt. Die Evangelikalen laufen blind den Zionisten hinterher, vielleicht in der Hoffnung, sich irgendwann im postapokalyptischen Zeitalter einmal wiederzufinden.

      Das Christentum ist derzeit die weltweit am meisten verfolgte Religion, wenn man von den blutigen innerislamischen Konflikten absieht. Der Vatikan hat mit Christentum leider nicht allzu viel zu tun. Der charismatische Papst Franziskus war in meinen Augen ein Antichrist, da er der Islamisierung Europas durch die millionenfache Migration junger Muslime mindestens offen gegenüber stand. Die demografischen Weichen sind gestellt, es gibt kein Zurück mehr. Das weiß man auch im Vatikan. Der Islam könnte in Deutschland in einem halben Jahrhundert dafür sorgen, dass vom Christentum bestenfalls eine religiöse Randerscheinung übrigbleibt.

  2. Strategie ist wichtiger als Macht

    Wie für ein Unternehmen, so gilt auch für die Geopolitik: Strategie ist wichtiger als Macht. Macht resultiert aus der Kontrolle von Ressourcen. Kapital und Energie sind Ressourcen – wichtig, aber nicht entscheidend, wenn man durch geschicktes Taktieren extreme Knappheit verhindern kann.

    Die Strategie Europas kann meiner Meinung nach nur das Ziel haben: Die die eigene Unabhängigkeit. Und das bedeutet kurzfristig: Die Abhängigkeit von Amerika zu reduzieren, ohne die Abhängigkeit von Russland und China zu erhöhen.

    Bei allen Schwächen der EU hat sie innerhalb der Gemeinschaft dafür gesorgt, dass zwischen den Mitgliedern Krieg immer unwahrscheinlicher wird. Das gilt es zu bewahren.

    Doch die ganze Architektur der EU ist nicht vorbereitet auf die Herausforderungen von außen. China, Russland und die USA können jederzeit wichtige Entscheidungen der EU torpedieren, indem sie einzelne Länder unter Druck setzen oder bestechen.
    Der Versuch der engeren verteidigungspolitischen Zusammenarbeit zwischen Frankreich, England und Deutschland ist gut. Doch was passiert, wenn Frankreich demnächst vom Rassemblement National und Großbritannien von UKIP geführt werden?

    Innenpolitik: Hier wird deutlich, dass es jede Menge innenpolitische Probleme gibt, die einer gemeinsamen Position Europas geopolitisch im Wege stehen. Wenn Merz sich zu sehr auf Geopolitik konzentriert, dann kann die AFD die wachsende Unzufriedenheit schüren und uns dann vor ähnliche Probleme stellen wie Frankreich und UK. Die wachsende Unzufriedenheit der Bevölkerung hat reale Gründe. Die Zuwendung zu populistischen Parteien mag irrational sein, die Unzufriedenheit hat reale Ursachen, die angegangen werden müssen, auch aus geopolitischer Perspektive.

    Außenpolitik: Wie kann sichergestellt werden, dass die geopolitische Unabhängigkeit Europas auch dann weiter gestärkt werden kann, wenn einzelne Länder sich (vorübergehend) einem solchen Ziel nicht mehr verpflichtet fühlen? Wie kann man Strukturen schaffen, die einem solchen Stress-Test standhalten?

    Schäuble hatte mit seinem „Europa der zwei Geschwindigkeiten“ eine Antwort auf dieses Problem angedacht. Der jetzige Versuch, für unterschiedliche Probleme jeweils eine „Koalition der Willigen“ zu schmieden, scheint mir ein pragmatischer Weg, voranzukommen. Aber auch an einer weiteren Einschränkung des Einstimmigkeitsprinzips führt kein Weg vorbei.

    Die innenpolitischen und geopolitischen Probleme können nur durch Innovation gelöst werden. Innovation ist wichtiger als Kapital und Energie, weil sie Kapital schafft und neue Energiequellen entdecken und nutzen kann. Und vermutlich sind soziale Innovationen noch wichtiger als technische Innovationen. Und die werden vermutlich nicht in Amerika oder China entwickelt werden, sondern hoffentlich bei uns.

  3. In den Kommentaren war wiederholt von „Tragfähigkeit“ die Rede. Ja, es fehlt an Tragfähigkeit im spirituellen Sinn. Europa hat den Glauben an Gott und Gott selbst abgeschafft, die mächtigen religiösen Fundamente waren einst tragfähig und nahezu grenzenlos belastbar. Die einst fruchtbare europäische Rebe hat sich zum Winzer ernannt und sich hybristisch von der Rebe getrennt.
    „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen. 
    Wer nicht in mir bleibt, wird wie die Rebe weggeworfen und er verdorrt. Man sammelt die Reben, wirft sie ins Feuer und sie verbrennen.
    Wenn ihr in mir bleibt und wenn meine Worte in euch bleiben, dann bittet um alles, was ihr wollt: Ihr werdet es erhalten.“ Joh 15:5-7.
    So einfach ist das!

  4. Also ich bin definitiv nicht traurig, wenn sich die heutige EU in die Geschichte verabschiedet.
    Ich brauche eine solche EU in keinem Fall, und das Requiem dazu klingt grauenhaft.

  5. Geopolitik ohne Tragfähigkeitsprüfung

    Es ist faszinierend zu beobachten, wie selbstverständlich heute über Geopolitik gesprochen wird – ohne zuvor zu prüfen, ob man sich diese überhaupt leisten kann.
    Europa diskutiert Macht, Abschreckung und Bündnisse, als handle es sich um Fragen des politischen Willens. Als müsse man sich nur endlich entscheiden, entschlossener auftreten, klarer kommunizieren. Dabei wird übersehen, dass Macht keine Haltung ist, sondern eine Last. Und jede Last verlangt nach Tragfähigkeitsprüfung.

    In den Reaktionen auf die Analyse von Werner J. Patzelt zeigt sich dieses Defizit exemplarisch. Die einen fordern militärische Stärke und Abschreckung gegenüber Russland, weil nur Macht respektiert werde. Die anderen erklären Europas Schwäche mit amerikanischer Einflussnahme und strategischer Zersetzung. Beide Positionen unterscheiden sich im Gegnerbild, nicht im Denkrahmen. Beide setzen stillschweigend voraus, dass Europa dieses Spiel spielen kann.

    Genau das ist die unbequeme Frage, die kaum gestellt wird.
    Europa verfügt weder über nennenswerte eigene Rohstoffe noch über energiepolitische Souveränität. Es verfügt über wenig Risikokapital, aber über viel langfristig gebundenes Kapital, das Stabilität voraussetzt. Es hat seine Testfunktion an den Staat ausgelagert und damit Risiko politisiert, Verluste verdeckt und Bonitätsprüfung ersetzt. Was nicht geprüft wird, verschwindet nicht – es wird unsichtbar. Und Unsichtbares macht erpressbar.

    Geopolitische Ambitionen ohne geprüfte Tragfähigkeit sind kein Ausdruck von Stärke, sondern von Selbsttäuschung. Abschreckung lässt sich behaupten, aber nicht herbeireden. Sie entsteht dort, wo Systeme auch unter Stress funktionieren: energetisch, finanziell, infrastrukturell. Wo sie das nicht tun, wird aus Souveränität Abhängigkeit – unabhängig davon, auf welcher Seite man sich moralisch verortet.

    Auffällig ist zudem der Glaube, man könne strukturelle Schwächen durch Digitalisierung und Komplexität kompensieren. Effizienz gilt als Resilienz, Automatisierung als Sicherheit. Dabei zeigt sich im Ernstfall stets das Gegenteil: Digitale Systeme optimieren, solange alles funktioniert. Wenn es ausfällt, tragen analoge Strukturen. Der mechanische Hebel, der Energiezufuhr unterbricht, braucht keinen Diskurs und keinen Strom. Er wirkt. Deshalb wird er nicht verschwinden.

    Europa steht weniger vor einer geopolitischen als vor einer architektonischen Entscheidung. Nicht die Frage, gegen wen man sich positioniert, ist entscheidend, sondern was man dauerhaft tragen kann. Wer Strategien entwirft, ohne ihre Statik zu kennen, spielt mit geliehenem Gewicht.
    Vielleicht wäre es an der Zeit, den Hebel umzulegen – nicht als Rückzug aus der Welt, sondern als Wechsel der Perspektive. Zuerst verstehen, dann handeln. Zuerst prüfen, was trägt, bevor man entscheidet, was man will. Alles andere ist keine Geopolitik, sondern ein kostspieliges Missverständnis.

  6. Geopolitik ohne Kapital ist Rhetorik
    Anmerkungen zu Werner J. Patzelts Analyse der europäischen Lage
    Werner J. Patzelt beschreibt präzise, in welcher Lage Europa angekommen ist. Oder genauer: wo es nicht mehr steht. Die transatlantische Selbstverständlichkeit ist verschwunden. Die USA agieren nicht länger als ordnungsstiftende Macht, sondern als Interessenakteur. Regeln gelten, solange sie nützen. Bündnisse sind Mittel, keine Verpflichtungen.
    Das ist kein Ausrutscher der Geschichte, sondern ein struktureller Wandel. Wer ihn noch immer als Episode liest, verwechselt politische Hoffnung mit Analyse. In diesem Punkt ist Patzelts Text nüchtern – und wohltuend frei von Illusionen.
    Und doch bleibt er an einer Stelle stehen, an der die eigentliche Frage beginnt.
    Systeme scheitern nicht an Zielen, sondern an Lastannahmen
    Geopolitik ist kein Akt des Willens.
    Sie ist ein Tragfähigkeitsproblem.
    Militärische Fähigkeiten, Energieinfrastruktur, industrielle Resilienz, Rohstoffsicherung, technologische Autonomie – all das existiert nicht, weil es politisch gewollt ist, sondern weil es finanziell getragen wird. Über lange Zeit. Unter wechselnden Bedingungen. Auch dann, wenn es unbequem wird.
    Ohne Kapital gibt es keine Durchhaltefähigkeit.
    Ohne Durchhaltefähigkeit keine Strategie.
    Und ohne Strategie bleibt Geopolitik eine Erzählung.
    Man kann diese Erzählung für notwendig halten.
    Man kann sie sogar für richtig halten.
    Aber man sollte sie nicht mit Stabilität verwechseln.
    Energie ist keine Variable, sondern eine Grundbedingung
    Energie ist nicht ein Faktor unter vielen.
    Energie ist die statische Grundlast geopolitischer Macht.
    Wer sie kontrolliert, kann handeln.
    Wer sie importiert, muss reagieren.
    Europa importiert. Seit Jahrzehnten. Aus wechselnden Richtungen, zu wechselnden Bedingungen, mit wachsender politischer Kontingenz. Das ist kein moralisches Versagen und kein politisches Fehlurteil. Es ist eine strukturelle Tatsache.
    Und Strukturen lassen sich nicht wegargumentieren.
    Man kann sie ignorieren.
    Man kann sie rhetorisch überhöhen.
    Aber sie verschwinden dadurch nicht.
    Ein Spiel mit klaren Grenzen
    Die gegenwärtige Weltordnung ist kein offenes Spielfeld. Sie ist ein Machtspiel mit klaren Einsatzregeln. Solche Spiele sind nicht beliebig skalierbar. Sie tragen zwei dominante Akteure. Nicht fünf. Nicht sieben.
    Der dritte Akteur ist kein Spieler.
    Er wird Teil des Spielfelds.
    Er wird Markt, Raum, Durchgangszone, Absicherungsmasse.
    Oder, nüchterner gesagt: Material.
    Europa bewegt sich genau in diesem Zwischenraum. Zu groß, um ignoriert zu werden. Zu abhängig, um selbst zu setzen. Das ist kein politisches Urteil, sondern eine Systembeschreibung.
    Wer keine Energiehoheit besitzt und keine Eskalationsautonomie hat, kann Geopolitik nicht gestalten. Er kann sie kommentieren, moderieren oder erdulden.
    Die stille Voraussetzung bei Patzelt
    Patzelt denkt Geopolitik aus der Logik von Räumen, Mächten und Interessen. Das ist konsequent – aber unvollständig. Denn diese Logik setzt voraus, dass ein System die Lasten tragen kann, die aus strategischen Entscheidungen entstehen.
    Genau hier beginnt Europas Problem.
    Europa verfügt weder über dominante Ressourcen noch über eine politische Architektur, die schnelle, irreversible Machtentscheidungen langfristig absichern könnte. Was Europa besitzt, ist etwas anderes – und historisch nicht weniger wirksam: Recht, institutionelle Verlässlichkeit, Berechenbarkeit.
    Vertrauen.
    Und Vertrauen ist kein Wert.
    Es ist eine Systemleistung.
    Kapital folgt nicht Zielen, sondern Bedingungen
    Ein zentraler Denkfehler vieler geopolitischer Debatten liegt darin, Kapital als Werkzeug zu behandeln. Als etwas, das sich mobilisieren lässt, wenn der politische Ernstfall eintritt.
    Kapital funktioniert anders.
    Kapital ist kein Hebel.
    Kapital ist ein Akteur.
    Es reagiert nicht auf Absichten, sondern auf Rahmenbedingungen. Nicht auf Narrative, sondern auf Strukturen. Rechtssicherheit. Eigentumsschutz. Regelbindung. Vorhersehbarkeit.
    Kapital fragt nicht, ob eine geopolitische Strategie verständlich ist.
    Es fragt, ob sie das System verändert, in dem Eigentum bisher sicher war.
    Der Preis wird nicht politisch bezahlt
    Je stärker Europa versucht, geopolitisch zu handeln, desto stärker geraten jene Strukturen unter Druck, die seine Attraktivität ausgemacht haben. Eigentum wird politischer. Recht wird situativer. Verfahren werden ereignisgetrieben.
    Das führt nicht zu Panik.
    Nicht zu Kapitalflucht.
    Nicht zu Zusammenbrüchen.
    Es führt zu etwas Langsamerem – und Dauerhafterem: zu einem Vertrauensabschlag.
    Laufzeiten verkürzen sich.
    Risiken werden höher bepreist.
    Kapital wird vorsichtiger.
    Europa verliert nicht abrupt Substanz.
    Es verliert schrittweise Selbstverständlichkeit.
    Und Systeme, die ihre Selbstverständlichkeit verlieren, merken das meist erst, wenn sie fehlt.
    Die Versuchung, es trotzdem zu tun
    Ein geopolitischer Ausgleich, gleich in welche Richtung, mag strategisch verlockend sein. Für Kapital ist er nur dann tragfähig, wenn er die Unverfügbarkeit von Recht und Eigentum nicht berührt.
    Genau hier liegt die Spannung:
    Geopolitik verlangt Flexibilität.
    Vertrauen verlangt Invarianz.
    Beides gleichzeitig ist möglich – aber nicht unbegrenzt.
    Europa kann diesen Preis zahlen.
    Aber es sollte ihn kennen.
    Europas eigentliche Stärke war nie Macht
    Europa war nie stark, weil es das Machtspiel beherrschte. Es war stark, weil es sich ihm entzogen hat. Nicht aus Naivität, sondern aus Einsicht.
    Es war kein Imperium. Kein Rohstoffgigant. Keine militärische Zwangsmacht. Es war ein Raum, in dem Ordnung galt, wenn anderswo Macht entschied. Ein Raum, in dem Kapital blieb, weil es nicht Teil politischer Dramaturgie wurde.
    Das war keine moralische Überlegenheit.
    Das war funktionale Klugheit.
    Die eigentliche Entscheidung
    Europa steht nicht vor der Frage, wie es geopolitisch mitspielen kann.
    Es steht vor der Frage, ob es ein Spiel spielen sollte, dessen Lasten es strukturell nicht trägt.
    Denn:
    Strategien scheitern nicht an fehlendem Willen.
    Sie scheitern an falschen Annahmen über Tragfähigkeit.
    Europa muss kein Spieler werden.
    Aber es sollte vermeiden, selbst zur Figur zu werden.
    Schluss
    Geopolitik lässt sich erklären.
    Systeme lassen sich belasten.
    Ohne Kapital bleibt Macht leer.
    Ohne Vertrauen bleibt Kapital mobil.
    Und wer beides gleichzeitig überdehnt,
    verwechselt Handlung mit Haltbarkeit.

    1. Die Betonung des Kapitals in Verbindung mit Macht würde Ihnen jeder ernstzunehmende Diplomat kurzerhand widerlegen. Sogar schlüssig.

  7. Einen verlässlichen Interessenausgleich mit Russland, das nicht nur die USA sondern auch Europa als Gegber betrachtet, wird nur dann eine Grundlage haben, wenn das imperiale Streben Russlands nachhaltig gestoppt wird.

    Dazu ist erforderlich, dass deren hegemonialen Pläne in der Ukraine klar scheitern, russisches Militär weitestgehend aus der Ukraine entfern wird und Russland eine Niederlage wahrnimmt.

    Wenn Europa keine Position der Macht und der Abschreckung aufbauen kann, wird Russland es nie als Partner akzeptieren. Dann bleibt Eurupa ein Vasalle. Heute als Vasalle der USA, Morgen nach russischem Wilken als einer Russlands.

    1. Ein Blick in folgende Bücher kann nicht schaden:
      The Grand Cheesboard
      Heartland Theorie
      Der Western im Niedergang.

      Dann würden sich einige Kommentare erübrigen, anders ausnehmen.

    2. Sorry, Sie glauben doch wohl nicht wirklich, dass Russland in der Ukraine eine Niederlage erleben wird! Wo tritt denn das imperiale Streben Russlands auf? Liefern Sie bitte Beispiele. Oder hatten Sie sich bei dem Land vertan und meinten die USA? Machen Sie sich erst einmal schlau, warum es in der Ukraine zu den Kampfhandlungen gekommen ist und dann überdenken Sie Ihr Statement.

  8. Eigentlich, vor allem, wenn man auf die Taten und nicht auf die Worte schaut, ist es ganz offensichtlich. Dennoch meinen Dank für die glasklare und fundierte Kommentierung der aktuellen Entwicklungen. Die USA werden nicht ruhen, bevor nicht die EU in ihrer heutigen Form untergegangen sein wird. Die recht bald nach dem EU Beitritt von Polen, Tschechien und Ungarn begonnene Initiative der Visegrad Staaten läuft nun schon seit drei Jahrzehnten. Ein wichtiges Projekt der Amerikaner, um die Einheit der Europäer zu stören. Die aktuelle Führung der EU scheint sich als Statthalter der alten USA vor Trump zu sehen, auch das könnte ein Indiz für eine schon lange bestehende unausgesprochene Auseinandersetzung um die Interessen von Kontinentaleuropa und denen der USA sein.

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