von Peter Löcke //
Der Mensch ist ein Tier. Zumindest verhält er sich in Extremsituationen wie ein Raubtier in freier Wildbahn. Unter größtem Stress kommen seine animalischen Instinkte zum Vorschein. Gut so! Die Natur wird sich etwas dabei gedacht haben. Bei Gefahr um Leib und Leben bleibt keine Zeit für ein langes Durchspielen von Optionen, auf dessen Basis man irgendwann eine wohldurchdachte Entscheidung trifft. Bei akuter Lebensgefahr heißt es „Friss oder stirb“, dann heißt es Kampf oder Flucht. In einer solchen Gefahrenlage handelt der Mensch instinktiv wie ein Raubtier im Dschungel, um einfach nur zu überleben. Instinkte retten Leben. Gilt das immer noch?
Etwa 40 Tote, über 50 Schwerverletzte, viele davon schweben noch in Lebensgefahr. Das ist die traurige Bilanz der Brandkatastrophe zu Silvester in einer Bar im schweizerischen Crans-Montana. Als Mitmensch nimmt man Anteil. Die Macht der Bilder steigert diese Anteilnahme. Das war schon immer so. Doch eines hat sich geändert. Im Smartphone-Zeitalter braucht es keine Paparazzi und dpa-Fotografen mehr. Etliche Handyaufnahmen zeigen Videoschnipsel der Tragödie. Was dort auf immer mehr Aufnahmen zu sehen ist, macht nicht nur betroffen. Es macht fassungslos.
Tanzende junge Leute in einem brennenden Nachtclub. Sie filmen sich selbst, sie filmen sich gegenseitig. Sie filmen die in Flammen stehende Decke der Bar. Kampf oder Flucht? Nein. Niemand der feiernden Gäste erkennt die Gefahr. Das Bemühen, das Feuer zu löschen, hält sich in Grenzen. Es ergreift auch niemand die Flucht. Die natürlichen Instinkte bei Lebensgefahr scheinen verlorengegangen.
Vielleicht haben die Teenager und Twens im Feier- und Alkoholrausch die Situation falsch eingeschätzt. Diese Erklärung mag ein Stück weit stimmen. Dennoch bleibe ich bei der These, dass vor allem in der jungen Generation der Bezug zur Realität, selbst bei tödlicher Gefahr, verlorengegangen ist. Die reale Welt als virtuelles Computerspiel – in einem solchen Spiel gibt es zur Not mehrere Leben. In der virtuellen Welt braucht es keine Instinkte. Dort greift man einfach zum nächsten Leben oder startet das Spiel neu.
Den Verlust der menschlichen Instinkte, einhergehend mit der Verschmelzung von virtueller und tatsächlicher Welt, halte ich für brandgefährlich. Bei der Tragödie von Crans-Montana ist das im tödlichen Wortsinne zu verstehen. Instinkte gleichen einem erster Impuls menschlichen Handelns. Jeder kennt Situationen, die die jenen von Crans-Montana zumindest psychologisch ähneln. Ich spreche von Momenten drohender Gefahr unter allergrößtem Stress. Ein Fallbeispiel: Sie sitzen mit ihren Lieben im Abteil eines Zuges und dort kommt es zu einem Handgemenge, das sich immer aggressiver ausbreitet. Wie alle anderen Unbeteiligten haben sie dann zwei Möglichkeiten, auf diese Gewalt und Gefahr zu reagieren. Kampf oder Flucht! Das heißt konkret: Sie greifen aktiv helfend ein, suchen nach Mitstreitern, stellen sich mutig den Tätern. Dann sind sie ein Kämpfer. Oder sie schützen sich und ihre Lieben, indem sie das Weite suchen. Dann fliehen Sie. Das sind – besser gesagt – das wären, die gesunden natürlichen Instinkte.
Heute greifen viele Menschen in einem ersten Impuls zum Handy. Nicht die Situation soll gemeistert werden. Das Gefühl in der Situation soll konserviert und für die Ewigkeit festgehalten werden. Das Phänomen zeigt sich auch in vergleichsweise harmlosen Lebenssituationen.
Die eigene Mannschaft schießt ein Tor? Schon beim ersten Jubelschrei wird das Handy gezückt, damit das eigene Glücksgefühl abgespeichert wird. Nur kann man sich nicht freuen und gleichzeitig die Freude fotografieren. Dann wird es unecht.
Eine Frau leidet unter Liebeskummer und bricht deswegen in Tränen aus? Sofort werden Trauer wie Tränen durch ein Selfie archiviert und das Selfie in den WhatsApp gestellt, damit die Umwelt teilhaben kann. Auch das ist unecht.
Gefühle werden nicht mehr gefühlt. Immer mehr Menschen versuchen instinktiv ihre Gefühle zu filmen. Nur funktioniert das nicht. Man kann nicht die Musik eines Konzerts genießen, wenn man parallel damit beschäftigt ist, die Gefühle zu filmen, die die Musik auslöst.
Eines der wohl stärksten Gefühle lautet Todesangst. Dann handelt der Mensch eigentlich instinktiv, um einfach nur zu überleben. Selbst dieses Gefühl soll mittlerweile filmisch festgehalten werden.
Wie sähe der Untergang der Titanic im Jahr 2026 aus?
Eisberg voraus! Die Smartphones werden gezückt, um selbigen zu filmen. Aufprall? Wie krass ist das denn! Die Bilder sind etwas verwackelt, werden dennoch millionenfach geteilt. Denn Gott sei Dank ist das Netz stabil und der Akku noch voll genug. Gut, dass man das Handy kurz zuvor geladen hatte. Dort drüben bei der Band tanzen die Menschen und filmen sich beim Sinken des Schiffes. Welch ein Event! Schließlich ist die Titanic wirklich gesunken. Man treibt auf dem Meer. Das Wasser ist kalt. Bitterkalt.
Doch anders als Leonardo DiCaprio mache ich instinktiv ein Selfie mit Knutschmund, während ich ertrinke.
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7 Antworten
Ist es nicht bezeichnend, dass heute unsere Jugend keinen Respekt vor allem hat. Wenn was passiert wird’s ja Papas Rechtsanwalt schon richten.
Als einer der Ende der 40er Jahre geboren wurde, hatten wir Respekt und Achtung vor älteren Menschen, vor Polizei und sonstigen einflußreichen Mitmenschen. Uns war bei jedem Streich und über die Stränge hauen bewusst, dass ein Entdecken uns zumindest heiße Ohren bringen wird. Wir waren zeitweise auch frech, aber immer mit dem Risiko, dass uns der Gegenüber kennt und einen Draht zu unseren Eltern hat und uns bei denen verpetzen wird, was zum Teil viele strenge familiäre Konsequenzen nach sich zog. Und heute, alles kein Problem. Man darf ja gegen unsere heutige Jugend keine körperliche Züchtigung androhen, selbst dies wird ja sanktioniert.
Wie soll eine Jugend noch lernen, dass alles risikobehaftet sein könnte. Wie soll sie lernen Gefahren abzuschätzen, wenn alle aus dem Weg geräumt werden. Selbst Sachbeschädigungen müssen erduldet werden und Konsequenzen sind oft nicht durchführbar.
Wie soll eine Generation noch Gefahren einschätzen , wenn sie einfache Verhaltensregeln nicht mehr beachten muss?
Auch wenn die „Generation Smartphone“ zunehmend den Bezug zur Wirklichkeit verliert, was nicht nur schädliche, sondern auch gefährliche Auswirkungen hat, würde ich das Geschehen im konkreten Fall „Crans Montana“ nicht dem handysüchtigen Verhalten der minderjährigen Kinder zuschreiben. Das würde weder dem Geschehen, noch den Opfern gerecht werden.
Selbst Erwachsene haben offensichtlich zu spät realisiert, dass die dargebotene Feuerfunken- Show im Keller nicht mehr zum Geburtstags- oder Silvesterfeuerwerk gehörte, sondern ein sich rasend schnell ausbreitender Brand mit extremer Hitze- und giftiger Rauchentwicklung war, dem zu entfliehen, sowohl unten, als auch oben, rein technisch ( fehlender Feueralarm, fehlender Feuerlöscher, fehlender Notausgang, Musik lief weiter, keine Fenster unten, Plexiglas oben, giftiger Schaumstoff an der Decke, Kamineffekt, da im Keller ) gar nicht mehr möglich war.
Die Zeit zwischen dem Realisieren, dass es sich nicht nur um eine Show oder um einen „einfachen Brand“ handelt, der noch gelöscht werden kann oder dem man noch entfliehen kann, sondern um eine „Falle“, war zu kurz.
Die Foto´s im Keller und das Alter der Opfer zeigen in der Hauptsache Minderjährige. Auch solche, die nicht gefilmt haben. Die mit Feuer und Brandschutzmaßnahmen null Erfahrung haben und sich zu Recht darauf verlassen, dass sie sich nicht in einem „Brandofen“, in einer Falle, sondern in Sicherheit befinden. Dazu kommt die Silvesterstimmung und der Alkohol.
Ich weiß nicht, ob ich innerhalb 59 Sekunden, erst das Feuer im Keller, dann das Ausmaß der Gefahr und dann die „Falle“ durch die Räumlichkeiten, realisiert hätte und wenn ja, noch so schnell genug, um nicht von der Hitze oder von der Rauchgasentwicklung auf der Treppe nach oben, erwischt zu werden, es dann noch zum Ausgang zu schaffen und nicht im Panikgedränge erdrückt, vergiftet, erstickt oder verbrannt zu werden. Die lange Kette an grober Fahrlässigkeiten im Fall Crans Montana ist extrem auffällig, im Verhältnis zur rasenden Geschwindigkeit zwischen Realisieren und Katastrophe.
Eine ähnliche Brandkatastrophe wie in Crans-Montana ereignete sich im US-amerikanischen West Warwick im Nachtclub „The Station“ am 20. Februar 2003.Dieser Brand kostete 100 Menschen (noch nicht handysüchtigen Erwachsenen) das Leben und gilt als Referenzfall für die Analyse von Brandkatastrophen in Nachtclubs. Die Ursache lag in Sprühfontänen bei einer Bühnenshow, die die lärmdämmenden Schaumstoffplatten an der Decke entzündeten. Und dies geschah nicht einmal in einem Keller mit Minderjährigen zu Silvester !
Die ganze Welt ist ein Zirkus und wir sind die Akteure. Oder wie Shakespeare in „Wie es Euch gefällt“ sagt: ‚All the world’s a stage, and all the men and women merely players‘. Den Satz haben alle Menschen der westlichen Zivilisation verinnerlicht. Real ist nur noch was virtuell ist. Und da hat man mehrere Leben. Darüberhinaus hat die heutige Jugend das Band zwischen den Generationen zerrissen, das dafür sorgt, dass kulturelle und soziale Techniken und Erkenntnisse weitergegeben werden. Den Hiatus, wie es Sloterdijk nennt. Nichts ist heutzutage weniger smart, als den Alten zuzuhören. Beides zusammen führt dazu, dass die Jugend in einem Feuer erst mal weiter feiert. Wird schon ein Avatar kommen, der es löscht. Mal ganz davon abgesehen, dass eine solche Bauweise nie hätte genehmigt werden dürfen. Und, dass das Etablisment fünf Jahre nicht kontrolliert wurde. Auf der faktischen Ebene muss man mit solchem Systemversagen immer rechnen. Nur ist die heutige Jugend wegen der genannten Gründe nicht mehr in der Lage, ihm adäquat zu begegnen.
Gut beobachtet, vielen Dank.
Dieser Gedanke würde auch viele der plötzlichen unnatürlichen und verfrühten Todesfälle unter Influencern und YouTubern erklären.
Vielleicht brauchen wir für „Instinkte“ auch Vorbilder?
Eltern, Lehrer, ua, die selbst zeigen wie man sich in einer Notsituation „angemessen“ verhalten kann.
Im Sinne von hilfreichen Handlungsweisen in einem Notfall. Oder auch angelernte Vorbereitungen für brenzlige Situationen. Das Wissen um Gefährlichkeit und der dazu nötige Respekt davor.
Vor etwa 30-40 Jahren kam in unseren Kindergarten die Feuerwehr, um den Kleinen zu zeigen, was sie in einem Notfall selbst, für sich und andere rettend, tun können. – Unsere Kinder wendeten ab da ihr Wissen an und konnten auch uns Eltern da auf den neusten Wissensstand bringen.
Gelassenheit ist schon eine gute Voraussetzung, um eine Krise zu bewältigen, Sorglosigkeit dagegen eher weniger.
Ein Beispiel von nicht sofort erkannter sehr großer Gefahr: In unserer Nachbarschaft gab es vor 30 Jahren mitten in der Nacht seltsame Geräusche, erst ein Klopfen, dann ein undefinierbares Rauschen. Zufälligerweise war ich wach und suchte nach der Ursache, konnte aber nichts erkennen und weckte meinen Partner, der noch im Halbschlaf glaubte ein Reisigfeuer zu erkennen. Aber nichts war in den umliegenden Gärten zu sehen, bis ich aus dem Treppenhausfenster in der 3. Etage doch wenige Flammen an einem Gartenrand erkennen konnte. Noch hätte ich mir ein Selbstlöschen mit den Mitbewohnern und mittels Wassereimern vorstellen können… Hatte dann aber auf Anraten meines Partners doch die nahe Feuerwehr gerufen, die 5 Minuten später am Brandherd löschen konnte. – Innerhalb dieser kurzen Zeit hatten die anfangs wenigen Flammen schon einen großen Baum abgebrannt, obwohl noch alles vom Regen nass war. Neben dem Baum gab es Büsche, die bis zum Wald reichten und es gab in unmittelbarer Nähe einen Stromverteilerkasten, der von den Flammen noch verschont geblieben war. Nur wenige Nachbarn waren durch die Löscharbeiten geweckt worden, die meisten hatten von dieser Gefahr nichts mitbekommen und weiter geschlafen. – Es war ein Brandanschlag mit Benzin; der Kanister hatte das von mir wahrgenommene Klopfen an einem Geländer erzeugt. – In diesem Beispiel brauchte es nicht nur Instinkte, sondern auch Wissen, bzw Erfahrungen, um daraus richtiges Handeln abzuleiten. – Es reicht also nicht, immer Gefahren aus dem Weg zu gehen; wir sollten lernen sie zu erkennen, damit angemessen umzugehen und auch mal probeweise einen Feuerlöscher bei einem Feuer zu benutzen. Bei der Feuerwehr mal nachfragen; sie geben Anleitung und suchen auch Freiwillige.
Wahrscheinlich schafft es dieser Kommentar nicht über die Moderation hinaus, denn bei dieser Überschrift fällt mir spontan eine Stadt im Nahen Osten ein. Alles weitere schreibe ich lieber in einem persönlichen Brief an den Betreiber dieses Forums, Stichwort Löschvorbehalt…
moin,
das ist eine sehr interessante Beobachtung das Fehlen der Instinkte. Hierzu habe ich mir auch sehr viele Gedanken gemacht. unser Urinstinkt das olfaktorische System wird völlig unterbewertet bzw überdeckt von immer lauteren Düften und künstlichen Aromen. Wir werden geruchsblind für das Wesentliche. Für das zutiefst instinktive und lebenserhaltende. Gehen oder bleiben, Feind oder Freund?
Mehr darüber in meinem Buch:
Ich habe die Nase voll – wir leben in einer Wolke von Duftmanipulation.